Stolpersteine Markgraf-Albrecht-Str. 14

Link zu: Hauseingang Markgraf-Albrecht-Str. 14, 23.03.11
Hauseingang Markgraf-Albrecht-Str. 14, 23.03.11
Bild: BA CW, Plewa

Der Stolperstein für Gertrud Kaufmann, der von der Hausgemeinschaft gespendet wurde, ist am 17.03.2011 verlegt worden.
Die Stolpersteine für Ernestine und Julius Baer wurden vom Eigentümer Symcha Karolinski gespendet und vor dem Haus Markgraf-Albrecht-Straße 14 am 08.05.2012 verlegt.

Bildvergrößerung: Stolperstein Gertrud Kaufmann
Stolperstein Gertrud Kaufmann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
GERTRUD KAUFMANN
GEB. SELIGMANN
JG. 1887
DEPORTIERT 19.3.1941
THERESIENSTADT
AUSCHWITZ
ERMORDET 4.3.1942

Gertrud Kaufmann, geb. Seligmann, geboren am 21. Oktober 1887 in Berlin, war Krankenhausfürsorgerin und lebte in der Markgraf-Albrecht-Straße 14. Seit vielen Jahren arbeitete sie, zuletzt für 121 Reichsmark Nettoverdienst, im Jüdischen Krankenhaus an der Iranischen Straße 2-4. Es wurde von der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland betrieben. Am 1. Januar 1942, als die Verhältnisse dort immer komplizierter wurden und ihre Arbeitskraft rund um die Uhr gebraucht wurde, bezog sie ein Zimmer im Wirtschaftsgebäude dieses Krankenhauses.

Ihr Sohn aus einer geschiedenen Ehe, Herbert Kaufmann, geboren am 5. April 1915 in Berlin, konnte aus Deutschland entkommen, bevor die Deportationswelle begann. Er lebte in Palästina im Kibuz Hasoreia bei Haifa.
Bevor Getrud Kaufmann am 19. Mai 1943 nach Theresienstadt deportiert wurde, füllte sie eine allen Juden vorgelegte Vermögenserklärung aus. Allerdings tat sie dies absichtlich ungenau. Ihren Bargeldbestand gab sie mit „etwa 10.- RM“ an, außerdem habe sie „einige hundert Mark in bar“ auf einem Konto bei der Deutschen Bank, Zweigstelle Kurfürstendamm 92, dort seien auch „einige tausend Mark“ Wertpapiere verwahrt. Von wem diese Papiere ausgegeben seien, könne sie „nicht auswendig“ beantworten. Als ihren Besitz gab sie außerdem einige Möbelstücke an und eine Nähmaschine. Die Höhe ihres Gesamtvermögens sei „nicht genau festzustellen“, schrieb sie. Als sie schon längst in Theresienstadt war, schätzte ein Obergerichtsvollzieher am 13.7.1943 die hinterlassene Habe von Gertrud Kaufmann auf 150 RM, wovon er 10%, also 15 RM, als Honorar einbehielt.

Im Ghetto Theresienstadt wurde sie, weil ihre Fähigkeiten gebraucht wurden, als Helferin in der Krankenpflegestation eingesetzt. Am 9. Oktober 1944 wurde sie nach Auschwitz weitertransportiert. Dort ist sie ums Leben gebracht worden.

Link zu: Stolperstein Ernestine Baer, 2013
Stolperstein Ernestine Baer, 2013
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ERNESTINE BAER
GEB. BOTTSTEIN
JG. 1895
DEPORTIERT 3.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Link zu: Stolperstein Julius Baer, 2013
Stolperstein Julius Baer, 2013
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
JULIUS BAER
JG. 1899
DEPORTIERT 3.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Das Ehepaar Julius und Ernestine Baer hat etliche Jahre in der Markgraf-Albrecht-Straße 5 im Gartenhaus parterre rechts gewohnt. Sie hatten zwei Zimmer mit Küche für 60 Reichsmark (RM) im Monat gemietet. Vermieterin war Wanda Schäfer, vermutlich die Frau des Hauseigentümers Friedrich Schäfer, der früher ein Baugeschäft hatte und selbst im Vorderhaus, einem Gründerzeitbau mit Säulenportal, wohnte. Sie war jedenfalls nach den Kategorien der Nazis als „Arierin“ ausgewiesen.
Julius Baer ist am 23. April 1899 Berlin geboren, seine Frau Ernestine Baer, geb. Bottstein, am 15. Juni 1895 (nach anderen Quellen am 15. Mai 1895) ebenfalls in Berlin. Sie waren unauffällige und in bescheidenen Verhältnissen lebende Menschen. Er war Arbeiter bei der Fahrbereitschaft der Stadt Berlin gewesen und hatte dort einen Wochenlohn von 30 RM verdient. Sie war Arbeiterin in der Kartonagenfabrik Walter Keil, Köpenicker Straße 39, wo sie einen Wochenlohn von 23 RM bekam. Zusammen hatten sie etwas mehr als 200 Reichsmark im Monat zur Verfügung, also blieben ihnen abzüglich der Miete rund 150 RM zum Leben – für damalige Verhältnisse nicht viel.
Am 2.3.1943 machte Ernestine Baer in ihrer Vermögenserklärung Angaben zu ihrem Eigentum, die recht dürftig ausfielen. Sie ließ eintragen: Zimmer „komplett“ und Hausrat „verschiedenes“. In der Spalte Damenkleidung gab sie an: „Abwanderungsbedarf“. Die Höhe ihres Gesamtvermögens bezifferte sie auf „10.- RM“.

Einen Tag, bevor die beiden nach Auschwitz deportiert wurden, wies Ernestine Baer schriftlich darauf hin, dass ihr drei Tage Lohn nicht bezahlt worden seien. Selbst diesen geringfügigen Betrag wollte sich der Nazi-Staat von der Kartonagenfabrik Keil nachträglich auszahlen lassen. Die Oberfinanzkasse leitete eine „Vermögensbeschlagnahmesache“ ein, verbuchte aber schließlich am 10.11.1944 weniger als einen Tageslohn, nämlich die lächerliche Summe von 3,27 RM. Ähnliche Umstände machte die Deutsche Bank, die am 15.11.1944 das Konto von Ernestine Baer auflöste und 8 RM an die Oberfinanzkasse überwies. Diese Verfügung war mit drei Unterschriften versehen. Zwei Finanzbeamte bestätigten am folgenden Tag den Eingang der 8 RM.

Mehrere Monate, nachdem die beiden deportiert waren, schickte der Obergerichtsvollzieher H. Schlassuns, Langensteiner Weg 4, zwei Schätzer in die Wohnung, die das Mobiliar und den Hausrat auf 345 RM taxierten, wovon sie 34,50 RM für ihre Dienste abzogen. Nach amtlichen Angaben wurde die Wohnung am 21.10.43 geräumt, nach Darstellung der Wirtin jedoch erst im Februar 1944, seitdem sei sie „von Bombengeschädigten bewohnt“. Daran hatte sie ein Interesse, denn am 10.1.1944 mahnte sie rückständige Miete für März bis Dezember in Höhe von 600 RM an. Ein halbes Jahr später wurden 469,80 RM überwiesen.
In diesem Fall hat sich also der NS-Staat nicht am Hab und Gut der Ermordeten bereichern können, sondern eher ein Minus gemacht.
In einem der umfangreichsten Transporte vom Bahnhof Berlin-Grunewald überhaupt ist das Ehepaar Baer am 3. März 1943 mit 1726 Menschen nach Auschwitz deportiert worden, von denen 1033 sofort in den Gaskammern von Birkenau getötet wurden. Zum Gedenken an Julius und Ernestine Baer, die damals 43 und 47 Jahre alt waren, sind auf Wunsch von Eigentümer und Bewohnern zwei Stolpersteine schräg gegenüber ihrem Wohnhaus vor der Markgraf-Albrecht-Straße 14 verlegt worden.

Recherchen und Texte: Helmut Lölhöffel
Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam; Bundesarchiv: Gedenkbuch für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung und Register der Volkszählung vom 17.5.1939; Rivka Elkin: Das Jüdische Krankenhaus in Berlin zwischen 1938 und 1945. Berlin 1993; Gottwald/Schulle: Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005.