Stolperstein Bismarckstraße 10

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Verlegstelle Bismarckstr. 10
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Der Stolperstein wurde am 17.4.2012 verlegt und von Angelika Schrobsdorff, Berlin, und Claudia Schrobsdorff, Amsterdam, gespendet.

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Stolperstein Minna Kirschner
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MINNA KIRSCHNER
GEB. COHN
JG. 1863
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 14.12.1942

Minna Kirschner geb. Cohn wurde am 27. März 1863 in Märkisch Friedland (Mirosławiec) im damaligen Landkreis Deutsch Krone in Westpreußen geboren. Ihr Vater Sigmund Cohn war Arzt. Verheiratet war sie mit Daniel Kirschner, dessen Vater Aaron Bäcker an der polnischen Grenze war. Dessen neun Söhne suchten alle in Berlin ihr Glück und bauten sich gutbürgerliche Existenzen auf.

Daniel Kirschner hatte ein Engrosgeschäft für Kleider, Blusen und Morgenröcke und wurde recht begütert. Er starb 1939 an einer Lungenentzündung. Minna Kirschner ging ganz in ihrer Familie auf und fühlte sich in ihr geborgen. Sie war, wie sich die Enkeltochter Angelika erinnerte, „zart und ordentlich“, gab allerdings in der Familie den Ton an. Sie trug stets „schwarze Kleider, aus denen allein die Hände und das Gesicht hervorragten, ein langes, schmales, von Skepsis und Melancholie verdüstertes Gesicht, das sich sofort aufhellte und leuchtete, wenn sie ihre Enkel um sich hatte“. So wurde Minna Kirschner von der Enkelin beschrieben.

Ihre Tochter war Else Kirschner (1893-1949), die als “lebenslustig, selbstbewusst und schön“ beschrieben wird. Deren jüngerer Bruder war Siegfried, der Friedel genannt wurde, 1896 geboren und 1918 an der spanischen Grippe gestorben.

Zunächst war Else mit Fritz Schwiefert verheiratet. Er dichtete, war ruhig und lebte in seiner Bibliothek. Die Mutter aber führte ein vergnügtes, ausschweifendes Leben und hetzte von einer Affäre zur nächsten. In dritter Ehe war sie mit dem wohlhabenden Bauunternehmer Erich Schrobsdorff verheiratet. Auch diese Ehe zerbrach und sie emigrierte 1939 mit zwei Töchtern nach Sofia, wo sie bis 1946 blieb. Die aus der zweiten Ehe stammende Tochter Bettina verliebte sich dort in einen Bulgaren, der Nazi-Sympathisant war, den sie später heiratete. Der Halbbruder Peter Schwiefert, geboren 1917, war nach Nazi-Terminologie „Halbjude“, emigrierte 1938 nach Portugal und ging dann ins Exil nach Athen. Er kam Anfang 1945 als französischer Soldat im Elsass ums Leben.
Angelika Schrobsdorff, geboren am 24. Dezember 1927 in Freiburg, wurde eine berühmte Schriftstellerin, die 14 Bücher veröffentlichte. Sie lebte in Deutschland und in Paris, ging dann nach Jerusalem und schließlich wieder nach Berlin.

Während Mutter Else den dreien das Leben rettete, war die Großmutter Minna in Berlin geblieben. Minna Kirschner, die in der Bismarckstraße 10 wohnte, ist am 17. August 1942 vom Güterbahnhof Moabit nach Theresienstadt deportiert worden. In den Viehwagen dieses Zuges der Reichsbahn mussten sich 1022 Menschen drängen, von denen fast alle älter als 70 Jahre, viele über 80, waren. 981 standen auf den Todeslisten. Minna Kirschner wurde am 14. Dezember 1942 ums Leben gebracht. Zu Lebzeiten hatte sie oft gesagt: „Wie man diese Welt verlässt, ist schlimm, und nicht, dass man sie verlassen muss.“ Als ob sie es geahnt hätte. Sie wäre ein Vierteljahr später 80 geworden.

Text: Helmut Lölhöffel auf Grund von Erinnerungen der Familie Kirschner-Schwiefert-Schrobsdorff. Literatur: Angelika Schrobsdorff: Du bist nicht so wie andere Mütter. Hamburg 1992; Angelika Schrobsdorff: Der Vogel hat keine Flügel mehr. Briefe meines Bruders. München 2012