Stolpersteine Emser Straße 16

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Hausansicht Emser Str. 16
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Der Stolperstein für Johanna Heimann wurde am 20.03.2012 verlegt und von Carol Wyman, Phoenix (USA), gespendet.

Die Stolpersteine für Berta und Betti Abraham und Hugo und Lea Reimann sind Teil der zehn Stolpersteine, die in der Emser Str. 15-17a verlegt wurden und die von Erika Traube (Emser Straße 17) vorbereitet wurden, die auch Spenden hierfür sammelte. Schülerinnen und Schüler der Johann-Peter-Hebel-Grundschule (Emser Straße 50) begleiteten mit Gesang das Gedenken am 29.10.2013.

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Stolperstein Johanna Heimann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Siebold

HIER WOHNTE
JOHANNA HEIMANN
JG. 1891
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Johanna Heimann , geboren am 5. Mai 1891 in Berlin, wohnte in der Emser Straße 16 bis zu ihrem erzwungenen Umzug in die Spichernstraße 19, wo sie bei Arnold Israel Korn zur Untermiete wohnte. Eingezogen war sie hier am 15. August 1942.

Johanna Heimann stammte aus einem „harmonischen familiären Umfeld“, wie ihre Freundin Clara Stern in einem Bericht von 1948 schrieb. Sie hatte eine psychologische Fachausbildung und kümmerte sich mit ihrer ganzen Kraft ihrer Aufgabe, Kindern in der schweren Zeit der Verfolgung zu helfen. In ihrem Bericht über Johanna Heimann beschreibt Clara Stern, eine enge Vertraute der Künstlerin Käthe Kollwitz, die alltägliche Situation der Judenverfolgung als eine andauernde Drangsalierung, die teilweise mit „unverdächtigen“ Mitteln durchgeführt wurde: Die Bekanntgabe von Verordnungen, Verboten, Geboten und ähnlichen amtlichen Verlautbarungen hatte als „Flüsterpropaganda“ zu geschehen, da dem jüdischen Informationsblatt der Abdruck der staatlichen Maßnahmen verboten war. So war einerseits sichergestellt, dass die „nichtjüdische“ Bevölkerung nicht umfassend informiert wurde und andererseits die jüdische Bevölkerung nur bruchstückhaft von den Maßnahmen erfuhr, was der Gestapo wiederum die Möglichkeit eröffnete, Strafmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung einzuleiten.

Johanna Heimann arbeitete mit ihrer ganzen Kraft zum Wohle der ihr anvertrauten Kinder und wurde von Clara Stern und ihrem Bruder, einem rechtskundigen Menschen, in ihrer täglichen Arbeit unterstützt. Diese versorgten sie auch in den Zeiten, als Kleidung und Nahrung für die jüdische Bevölkerung nur über Marken zu erhalten war, mit den Waren des täglichen Bedarfs, die sie ansonsten nicht bekommen hätte – sei es, weil sie die eingeschränkten Einkaufszeiten nicht wahrnehmen konnte, sei es, weil die langen Fußmärsche zu kräftezehrend waren.

Clara Stern fasste das Wesen Johanna Heimanns so zusammen:
„Liebe war der Inhalt ihres Lebens – Liebe zu den Menschen, aus einer tiefen, kraftvollen und dennoch überzarten Seele in einem mehr als gebrechlichen Körper – Menschenliebe, die ihren Reichtum in seiner ganzen Fülle über die Mitmenschen ausgießen musste – und Liebe strömte ihr von den Menschen zurück – wer für seelische Werte einen Sinn hatte und sie näher kennenlernte, der wurde von dieser Persönlichkeit unwiderstehlich angezogen.“

Johanna Heimann wurde Ende Dezember 1942, an einem der kältesten Tage des Jahres, bei minus 20°C aus ihrer letzten Wohnung in der Spichernstraße 19 in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße gebracht. Am 12. Januar 1943 wurde Johanna Heimann gemeinsam mit fast 1200 weiteren Personen – unter ihnen auch Else Ury, der Autorin der „Nesthäkchen“-Bücher – nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Recherche und Text: Frank Siebold

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Stolperstein Berta Abraham
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
BERTA ABRAHAM
JG.1904
DEPORTIERT 26.9.1942
RAASIKU
ERMORDET

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Stolperstein Betti Abraham
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
BETTI ABRAHAM
JG. 1876
DEPORTIERT 5.9.1942
RIGA
ERMORDET 8.9.1942

Betti Abraham wurde als Betti Wilhelmsdörfer am 30. Januar 1876 in Fürth (Bayern) geboren. Dort besuchte sie eine „Mädchen-Schule“ und lebte bis zu Ihrer Eheschließung bei ihrer Mutter in Fürth.

Am 3. Juni 1903 heiratete sie den Bankkaufmann Ludwig (Louis) Abraham, der am 5. Juni 1865 in Schlawe (Pommern) geboren wurde. Sein beruflicher Werdegang war erfolgreich: er wurde Bankdirektor bei der Nationalbank für Deutschland.

Das Ehepaar hatte zwei Töchter. Am 6. April 1904 kam Berta, genannt Bertel, in Berlin-Charlottenburg zur Welt und am 25. Februar 1907 die Tochter Edith in Berlin-Wilmersdorf. Zu dieser Zeit wohnte die Familie am Nürnberger Platz in Wilmersdorf.
Ludwig Abraham starb am 23. November 1923. Betti Abraham und ihre Töchter konnten aufgrund einer Witwenpension und von Vermögenswerten weiterhin in gesicherten finanziellen Verhältnissen leben. Bis 1932 lebten sie in der Wohnung am Nürnberger Platz. Berta Abraham erlernte keinen Beruf, Edith Abraham wurde Schneiderin und Modezeichnerin.

1932 oder 1933 verließ Edith Abraham Deutschland und ließ sich in Bordeaux nieder. Nach der Besetzung Frankreichs durch Deutschland gelang ihr die Flucht in die USA. Sie lebte dort in Yonkers, im Staat New York. Am 24. Dezember 1945 hat sie geheiratet; ihr Ehename wurde Leroy.

Berta Abraham, die ledig und kinderlos war, blieb in Berlin und lebte weiterhin mit ihrer Mutter zusammen. 1932 bezogen Mutter und Tochter eine Wohnung in der Björnsonstraße in Steglitz. Diese Wohnung wurde ihnen wahrscheinlich 1939 aufgrund des „Gesetzes über Mietverhältnisse mit Juden“ (30. 4. 1939) gekündigt.

Von da an konnten sie nur noch zur Untermiete in verschiedenen Wohnungen leben. Inzwischen war auch die Witwenpension von Betti Abraham gekürzt und das verbliebene Vermögen sukzessive auf der Basis verschiedener judenfeindlicher Verordnungen vom Deutschen Reich eingezogen worden. 1939 kamen Betti und Berta Abraham bei der Familie Wolff in der Emser Straße 16 unter. Doch mussten sie die Wohnung bald wieder verlassen, wahrscheinlich weil die Wolffs keine Juden waren. Danach wohnten sie in der Fregestraße 59. Ihre letzte Adresse vor der Deportation war die Rosenheimer Straße 33 in Schöneberg.

Betti Abraham wurde zusammen mit ihrer Tochter Berta Abraham am 26. September 1942 vom Güterbahnhof Berlin-Moabit nach Raasiku in der Nähe von Tallinn (Reval) deportiert. Das ursprüngliche Deportationsziel war Riga gewesen, doch da das Ghetto schon überfüllt war, wurden die „arbeitsunfähigen“ Menschen „selektiert“. Betti Abraham und Berta Abraham wurden in Raasiku erschossen.

Edith Leroy bekam 1960 vom Amtsgericht Schöneberg eine Entschädigung von 6 450 DM zugesprochen – eine Summe, die Vergleich zu den Leiden der Muttern und der Schwester lächerlich wirkt.

Recherche und Text: Erika Traube

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Stolperstein Hugo Reimann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HUGO REIMANN
JG. 1870
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
20.8.1942

Hugo Reimann wurde am 2. April 1870 in Schwarzenau in der Nähe von Posen geboren. Er heiratete 1900 Lea Fürth, die ebenfalls aus Schwarzenau stammte und am 31. März 1877 geboren worden war. Die Ehe blieb kinderlos.

Hugo Reimann betrieb mit dem Bruder seiner Frau, Arnold Fürth (geboren am 4. Januar 1879), die Firma Poper&Fürth, einen „Engros Handel mit Knöpfen und Besatzartikeln“. Die Firma, die 1905 gegründet worden war, war ein florierendes mittelständisches Unternehmen, das am Hausvogteiplatz 12 in Berlin ansässig war und beiden Familien eine gehobene Lebensführung ermöglichte. 1934 bezog das Ehepaar Reimann eine 3 ½ -Zimmer-Wohnung in der Emser Straße 16 in Wilmersdorf. Vorher hatten sie in der Uhlandstraße in Charlottenburg gewohnt.

Die Firma „Poper&Fürth“ musste 1938 im Zuge der „Zwangsarisierung“ weit unter Wert verkauft werden. 1939 wurde das Unternehmen liquidiert. Nach dieser Enteignung emigrierte Arnold Fürth, der Bruder Lea Reimanns, am 16.3.1939 in die Niederlande, wo sein ältester Sohn, Heinz-Joachim Fürth (geboren am 14. August 1911), seit 1935 eine Niederlassung der Firma leitete.

Hugo und Lea Reimann hatten schon seit 1933 Auswanderungspläne. 1939 erlangten sie eine Ausreisegenehmigung und Visa für England, wo der jüngere Sohn von Arnold Fürth, Alfred Fürth (geboren am 25. September 1913), lebte. Die Emigration verzögerte sich, da das Ehepaar lange auf die Genehmigung zur Mitnahme wertvoller Gegenstände wartete. Hugo und Lea Reimann hatten Angst vor der Armut im Alter in einem fremden Land. Ihre Einreisepapiere wurden wertlos, nachdem Deutschland den Zweiten Weltkrieg entfesselt hatte.

1942 wurde dem Ehepaar die Wohnung in der Emser Straße gekündigt und sie zogen zur Untermiete in ein Zimmer in der Lietzenburger Straße 34.

Am 20. August 1942 sollten Hugo und Lea Reimann in das Ghetto Theresienstadt deportiert werden. An diesem Tag setzten sie ihrem Leben selbst ein Ende.

In ihrem Testament setzten Hugo und Lea Reimann ihre Geschwister Gustav Reimann, Arnold Fürth und Edith Baer, geb. Fürth, und deren Ehepartner als Erben ein. Sie alle wurden in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet. Ein Bruder Hugo Reimanns, Hermann Reimann, überstand die Zeit der NS-Diktatur, weil er in einer „privilegierten Mischehe“ (so hieß damals das Vokabular der NS-Rassebehörden) lebte. Der älteste Sohn von Arnold Fürth wurde in Bergen-Belsen ermordet, seine Frau und sein kleiner Sohn in Auschwitz. Die anderen Kinder dieser Familien überlebten, weil sie nach Brasilien, nach England und in der Schweiz auswandern konnten.

Das Schicksal Hugo und Lea Reimanns ist exemplarisch für die Niedertracht und Bösartigkeit, mit der mit diesen Menschen umgegangen wurde Das Ausmaß der mit deutscher Gründlichkeit gepaarten Beraubung während der NS-Diktatur ist ebenso unfassbar wie die schleppende Bearbeitung von Entschädigungsanträgen in den Ämtern der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg beschämend war. Die überlebenden Neffen und Nichten Lea Reimanns in England, in der Schweiz und in Brasilien bekamen erst 1963 eine gesamte Wiedergutmachung von 14 200 DM für die Verluste der Familie zugesprochen, die nicht wiedergutzumachen sind.

Forschungen und Text: Erika Traube, Quellen: Bundesarchiv, Entschädigungsamt

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Stolperstein Lea Reimann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
LEA REIMANN
GEB. FÜRTH
JG. 1877
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
20.8.1942