Stolperstein Roscherstraße 12

Link zu: Hauseingang Roscherstr. 12, 20.4.13
Hauseingang Roscherstr. 12, 20.4.13
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Bukschat&Flegel

Der Stolperstein für Julie Hahn wurde am 23.9.2010 verlegt.

Link zu: Stolperstein für Julie Hahn
Stolperstein für Julie Hahn
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
JULIE HAHN
GEB. SCHWARZ
JG. 1872
DEPORTIERT 15.12.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 1.9.1943

Julie Hahn wurde als Julie Schwarz am 29. März 1872 in Kosten (poln. Koscian) /Posen als zweites Kind und erste Tochter von Michaelis Meyer Schwarz und seiner Frau Ottilie geb. Fischel geboren. Sie hatte sechs Geschwister, den älteren Bruder Siegmund und die nach ihr geborenen Paul, Martha, Jenny, Arthur und Georg. Am 8. November 1892, Julie war 20 Jahre alt, heiratete sie in Berlin den 10 Jahre älteren Kaufmann Arthur Hahn. Bis dahin hatte sie in ihrem Geburtsort gelebt – die Eltern blieben bis zu ihrem Tod in Kosten.

Arthur Hahn war Vertreter für die Lederwarenfabrik „Gebrüder Fischel“ in der Kreuzberger Prinzessinnenstraße 26, die zwei Brüdern von Julies Mutter gehörte, Samuel und Benno Fischel. Über diesen Geschäftskontakt hatte Arthur Hahn wohl Julie kennen gelernt, Benno war sein Trauzeuge. Samuel Fischel wohnte in demselben Gebäude, in dem sich auch die Fabrik befand und auch Arthur und Julie zogen zunächst in die Prinzessinenstraße 26. Hier bekam Julie ihre erste Tochter, nach Arthurs Mutter Zerline Margarethe benannt. Kurz darauf zog die Familie an das Luisenufer 35, heute Legiendamm, am Engelbecken, wo die Kinder Leo und Erna auf die Welt kamen. Die jüngste Tochter Charlotte wurde 1902 nach dem Umzug in die Baerwaldstraße 69 geboren.

Bildvergrößerung: Links Julie Hahn, vermutlich mit ihren Kindern Grete, Leo und Erna.1901
Links Julie Hahn, vermutlich mit ihren Kindern Grete, Leo und Erna.1901
Bild: privat

Arthur Hahn trat 1910 als einer von drei Gesellschaftern in die Lederwarenfabrik ein, die den Namen „Gebrüder Fischel“ beibehielt. Im Ersten Weltkrieg zogen Hahns in den Westen Berlins, zunächst in die Uhlandstraße 144, später in die Nr. 162 derselben Straße. Hier wohnte Julie mit ihrer Familie bis mindestens 1928. Als im Mai 1933 Arthur im Virchowkrankenhaus an den Folgen einer Augeninfektion starb, lebten sie in der Droysenstraße 5.

Unklar bleibt, ob Julie zunächst in der Droysentrasse blieb. 1935 wohnte sie in der Roscherstraße 12 mit ihrer Tochter Erna, deren nichtjüdischer Mann Ernst Rehberg sich von ihr hatte scheiden lassen, und mit Ernas Tochter Ursula. Im Adressbuch finden wir in der Roscherstraße 12 1937 den Ehemann von Julies Tochter Lotte, Lutz Fisch, von Beruf Schaufensterdekorateur. Lotte und er waren vermutlich erst kürzlich von Forst/Lausitz – wo 1930 ihre Tochter Steffie zur Welt kam – nach Berlin gekommen. Julie wohnte auch mit ihnen zusammen. Möglicherweise war Lutz Fisch in Forst aufgrund von Diskriminierungen das Berufsleben unmöglich gemacht worden, und er hoffte in Berlin bessere Chancen zu haben.

Aber auch in Berlin war seit 1933 das Leben für Juden immer schwerer geworden. Die Nationalsozialisten waren an der Macht, Juden wurden nicht nur offen diskriminiert, ihre sozialen und wirtschaftlichen Möglichkeiten wurden eingeschränkt, judenfeindliche Schilder aufgestellt, in- und ausländisches Vermögen musste angegeben werden. Die Lage verschärfte sich noch mal drastisch nach den Pogromen vom November 1938. Binnen weniger Wochen wurde eine Flut von antisemitischen Verordnungen erlassen, die Juden nicht nur aus dem wirtschaftlichen sondern überhaupt aus dem öffentlichen Leben ausschloss. In atemberaubender Folge wurde schon ab 12. November eine große Zahl von Verordnungen erlassen, die das Alltagsleben der Juden betrafen. Eine „Sühnezahlung“ für Juden wurde festgelegt, Bannbezirke und Sperrstunden bestimmt, Wertsachen aber auch Radios mussten abgegeben werden, über Vermögen konnte nicht mehr frei verfügt werden, Theater-, Kino-, Museenbesuche u.ä. wurden Juden verboten, sie durften nur beschränkt öffentliche Verkehrsmittel benutzen, und vieles mehr. Juden mussten ab September 1941 den Judenstern tragen, sie mussten Pelze und Wollsachen abgeben, sie durften öffentliche Verkehrsmittel gar nicht mehr benutzen, auch keine öffentliche Telefone, sie durften nur noch jüdische Friseure in Anspruch nehmen, mussten Elektrogeräte entschädigungslos und ohne Quittung abliefern, Bücher durften sie nur bei der Reichsvereinigung der Juden kaufen.

Noch vor den Pogromen, im Juli 1938, starb Lotte Fisch an einem Nierenversagen. Im November wurde ihr Mann im Zuge der Pogrome festgenommen und nach Polen abgeschoben, da er aus dem polnischen Teil von Galizien stammte und als „staatenlos“ galt. Steffie blieb bei ihrer Großmutter Julie in der Roscherstraße.

Julie Hahn
Julie Hahn
Bild: privat

Sowohl der 9-jährigen Steffie wie auch Erna mit Ursula gelang die Flucht nach England. Auch Enkel Max Heinz Nathan, der Sohn von Julies Tochter Grete, konnte rechtzeitig nach England auswandern. Julie aber blieb zurück und wurde genötigt, die Wohnung in der Roscherstraße aufzugeben. Juden hatten zusammenzurücken um Wohnungen für Nichtjuden frei zu machen. Julies älteste Tochter Grete und ihr Mann Werner Nathahn mussten ebenfalls ihre Wohnung in der Mommsenstraße 47 verlassen und Julie zog mit ihnen zusammen in die Sybelstraße 58. Von dort wurden sie, ihre Tochter und ihr Schwiegersohn Anfang Dezember 1942 abgeholt und in das Sammellager in der Gerlachstraße 19-21, ein von der Gestapo umfunktioniertes jüdisches Altersheim, gebracht. Am 15. Dezember 1942 wurde Julie Hahn dann in das angebliche „Altersghetto“ Theresienstadt deportiert. Die Fahrt musste die 70jährige ohne die Unterstützung ihrer Tochter machen: Grete und Werner Nathan wurden erst am nächsten Tag, dem 16. Dezember deportiert, auch nach Theresienstadt. Dort konnten sie wieder zusammen sein, wenn sie auch nicht zusammen wohnen durften: Julie wurde in die Hauptstraße 22, Zimmer 109, eingewiesen, Grete in die Berggasse 22. Dennoch war das ein gewisser Trost angesichts der menschenverachtenden Lebensumstände, die dort herrschten. Nicht nur die hoffnungslos überfüllten Unterkünfte, Hunger und Kälte sondern auch Krankheiten und Seuchen infolge der unbeschreiblichen hygienischen Verhältnisse setzten den Menschen zu. Unzählige überlebten das nicht, auch nicht Julie Hahn. Am 1. September 1943 starb sie, laut „Todesfallanzeige“ an einer Lungenentzündung, die sicherlich Folge der miserablen Lebensverhältnisse war.

Grete und Werner Nathan überlebten Theresienstadt, sie lebten in Würzburg bis 1956 bzw. 1953. Julies Sohn Leo starb 1935 an einer Krebserkrankung, seine Frau Margit geb. Singer und der 1926 geborene Sohn Hans, Julies Enkel, emigrierten daraufhin nach Prag, wurden jedoch dort von den Nazis eingeholt und am 8. Juli 1943 auch nach Theresienstadt deportiert. Dort konnten sie wohl noch Julie treffen, wurden aber später, am 15. Mai 1944, nach Auschwitz in den sicheren Tod weiterverschleppt. Der Schwiegersohn Lutz Fisch kam in Polen im Ghetto Lublin ums Leben. Auch Julies Schwester Martha, verheiratete Hamm, war im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert worden, aber schon am 26. September 1942 nach Treblinka weiterverschleppt und dort ermordet worden. Für sie liegt ein Stolperstein vor der Landshuter Straße 14.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Akten der Oberfinanzdirektion; Todesfallanzeige; Angaben der Urenkelin Judith Elam

Recherchen/Text: Micaela Haas