Stolperstein Nürnberger Straße 24

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Hausansicht Nürnberger Str. 24
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Der Stolperstein für Dr. med. Adolf Scheff wurde am 30. September 2010 verlegt.

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Stolperstein für Dr. Adolf Scheff
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
DR. ADOLF SCHEFF
JG. 1897
VERHAFTET 28.11.1938
FLUCHT IN DEN TOD
30.11.1938 IM
POLIZEIKRANKENHAUS
SCHARNHORSTSTRASSE

Adolf Scheff war das jüngste Kind des Juristen Fritz Scheff und seiner Frau Martha, geborene Kauffmann, er aus Ober-, sie aus Niederschlesien. Adolfs Eltern lebten zunächst in Marthas Geburtsort Wüstegiersdorf-Tannhausen (heute: Głuszyca/Polen), wo Adolfs vier Schwestern Margarete, Barbara, Clara und Gabriele zwischen 1890 und 1895 geboren wurden. Nachdem Fritz Scheff 1895 am Berliner Landgericht als Rechtsanwalt zugelassen wurde, zog die Familie nach Berlin in die Nürnberger Straße 66, wo am 2. November 1897 Adolf als einziger Sohn auf die Welt kam. Wie seine Schwestern wurde er evangelisch getauft, die Eltern waren 1894 zum evangelischen Glauben übergetreten. 1902 zog die Familie nach Lichterfelde, wo Adolf die Vorschule des Gymnasiums besuchte. Möglicherweise war er kein besonders fleißiger Schüler, denn Ostern 1910 gaben ihn seine Eltern in das Internat der Stoy’schen Realschule in Jena. Dort war er wohl noch, als am 14. Juli 1911 sein Vater an Nierenkrebs starb.

Mit dem Ausbruch des Krieges 1914 begann ein bewegtes Dasein für den erst 16-jährigen Adolf: zunächst war er Sanitäter im Reservelazarett in Jüterbog, 1915 dann in einem Seuchenlazarett in Galizien und später noch in Frankreich. 1917 bekam er den Gestellungsbefehl nach Frankfurt/Oder. Dort wurde er bald entlassen und arbeitete erst mal als „Volontär“ in einer Elektromotorenfabrik in Berlin. Gleichzeitig besuchte er Abendkurse zum Nachholen des Abiturs. Unklar ist, warum er 1919 nach Darmstadt zog, jedenfalls bestand er dort das Abitursexamen. Er studierte anschließend Medizin in Karlsruhe und Heidelberg. 1925 erhielt er seine Approbationsurkunde als Arzt, nachdem er eine Studie über Arthritis eingereicht hatte. Er wurde Assistenzarzt in Heidelberg und konnte 1927 dort eine eigene Praxis eröffnen. Schon ein Jahr später zog er erneut nach Berlin, warum ist nicht dokumentiert, vielleicht suchte er wieder die Nähe der Mutter und der unverheiratet gebliebenen Schwestern. Er eröffnete eine Praxis für Allgemeinmedizin in der Jenaer Straße 2.

Er soll ein beliebter Arzt gewesen sein, aber den beruflichen Erfolg konnte er nicht lange genießen. Ende Juni 1933 erhielt er, wie auch andere Ärzte jüdischer Abkunft, den Bescheid, dass ihm die kassenärztliche Zulassung entzogen sei. Privatpatienten konnte er aber vorerst weiterbehandeln. Eine der Patientinnen war Ingeborg Rößler, die er seit 1932 behandelte. Sie war die Tochter des (nicht jüdischen) Dr. phil. Felix Oskar Rößler und neun Jahre jünger als Adolf. Im November 1934 heirateten beide und Adolf zog mit seiner jungen Frau in die Nürnberger Straße 24, unweit seines Geburtshauses.

Auch die Praxis verlegte er dorthin. Im Frühjahr 1938 wurde ihm jedoch die Approbation als Arzt gänzlich entzogen. Einige Monate später, im Oktober, schlug ihn die Reichärztekammer für eine „Gestattung“ als „Judenbehandler“ vor, das bedeutete: er durfte sich nur als solcher bezeichnen und nicht mehr als Arzt, konnte ausschließlich Juden behandeln und hatte dies auch „deutlich sichtbar“ auf allen Rezepten und Rechnungen und auf einem Schild zu vermerken, das, wie auch die Schriftstücke, „auf blauem Grund einen gelben Kreis mit blauem Davidstern zeigt“.

Am 4. November 1938 meldete Adolf Scheff dem Gesundheitsamt schriftlich, dass er die Tätigkeit als Judenbehandler aufnehme. Das blaue Schild hing aber wohl nicht lange an seiner Tür: bereits am 28. November, zwei Wochen nach seinem 41. Geburtstag und 18 Tage nach den Novemberpogromen, erschien die Gestapo, um ihn in „Schutzhaft“ zu nehmen. Adolf Scheff war wohl klar, was das zu bedeuten hatte, denn offenbar verbarrikadierte er sich in seiner Wohnung. Nach dem dramatischen Bericht der Hauswartsfrau hatten die Gestapomänner sich bei ihr Zugang erzwungen, um von ihrer Wohnung aus die Wohnung von Scheff zu beobachten. Dieser sei am Fenster erschienen und habe gerufen, „Ihr Hunde bekommt mich nicht!“. Nachdem sie die Scheff’sche Wohnung habe aufschließen müssen, sei Adolf Scheff von den Gestapoleuten auf einer Bahre herausgetragen worden.

Als Ingeborg Scheff, wegen Besorgungen abwesend, nach Hause kam, fand sie eine durchwühlte Wohnung vor und eine Vorladung zur Gestapo. Dort wurde sie beschimpft, weil sie noch 1934 einen Juden geheiratet habe, noch dazu einen, „der es wagte, sie [die Gestapo] als Bluthunde und Mörder zu bezeichnen“. Wo er zurzeit sei, sagten sie ihr nicht. Am nächsten Tag teilte man ihr mit, er sei krank, sehen durfte sie ihn auch jetzt nicht. Am übernächsten Tag dann, den 30. November, bestellte man sie ins Polizeikrankenhaus – um seine Kleider abzuholen. Ihr Mann sei tot, ihn noch mal zu sehen erlaube man ihr nicht, sagte der Arzt, er würde sowieso davon abraten, „das halten Sie ja doch nicht aus“.

Aus einem Gestapovermerk und dem Nachkriegsbescheid des Krankenhauses lässt sich rekonstruieren, dass die Gestapo Adolf Scheff bewusstlos vorfand, eine Morphiumvergiftung annahm und ihn in das Polizeikrankenhaus einwies. Dort wurde zwar kein Morphium, aber Barbiturate nachgewiesen. Er kam nicht mehr zu Bewusstsein, stattdessen „kam es zu einer sekundär beginnenden Lungenentzündung“. Am 30. November 1938 um 10:45 starb Adolf Scheff, der laut mehreren Zeugen zuvor immer gesund und besonders vital gewesen war, an Kreislaufschwäche. Adolf Scheff hatte sich, als die Gestapo ihn holen wollte, durch Gifteinnahme der Verhaftung entziehen wollen, erst zwei Tage später starb er daran im Polizeikrankenhaus. Er wurde am 12. Dezember 1938 in der Familiengrabstätte auf dem Parkfriedhof in Lichterfelde beigesetzt, wo auch sein Vater ruhte.

Auch Adolfs Mutter und seine vier Schwestern wurden Opfer der Nationalsozialisten. Clara nahm sich am 20. Oktober 1940 das Leben, Barbara folgte ihr am 15. Februar 1941. Margarete, die Älteste, die Musiklehrerin war, wurde aus unbekannten Gründen im September 1941 in eine Anstalt für jüdische Geisteskranke eingewiesen und von dort Ende April 1942 in ein Ghetto in der Nähe von Lublin deportiert und dort ermordet. Inzwischen war auch Gabriele, die Jüngste, zusammen mit der Mutter am 18. Oktober 1941 nach Łódź deportiert worden und von dort am 8. Mai 1942 weiter in das Vernichtungslager Kulmhof, wo beide ermordet wurden. Alle vier Schwestern hatten mit der Mutter zuletzt in der Goßlerstraße 21 in Friedenau gelebt, dort erinnern heute fünf Stolpersteine an sie.

Ingeborg Scheff geb. Rößler starb in Berlin am 14. März 2002

Text: Dr. Micaela Haas.
Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Biographien zu den Stolpersteinen der Familie Scheff, Goßlerstraße 21)