Stolpersteine Fasanenstr. 58

Bildvergrößerung: Hausansicht Fasanenstr. 58
Hausansicht Fasanenstr. 58
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

Diese Stolpersteine wurden am 12.4.2010 verlegt. Die Großnichte von Gabriele Rosenhain, M. Fuhrmann, war anwesend und hielt eine Ansprache.

Bildvergrößerung: Stolperstein Katharina Behrend
Stolperstein für Katharina Behrend
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
KATHARINA BEHREND
JG. 1868
DEPORTIERT 27.7.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 11.8.1942

Katharina Behrend wurde am 1. Juni 1868 in Berlin geboren. Sie lebte zusammen mit ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Hermine seit 1933 in der Fasanenstraße 58, seit 1941 in einer 2½ -Zimmerwohnung im Seitenflügel im 4.Stock. Früher hatten sie in der Passauer Straße 24 gelebt.
Offenbar haben die Schwestern im Februar 1941 durch Wohnungstausch in eine kleinere Wohnung innerhalb des Hauses wechseln müssen. Der letzte existierende Mietvertrag wurde am 8. Januar 1941 vom Vermieter sowie Katharina und Hermine Behrend unterschrieben. Sie durften nur 18 Monate in dieser Wohnung leben.

Katharina Behrend war Sprachlehrerin, bei Auflösung der Wohnung nach ihrer Deportation befanden sich neben dem üblichen Hausrat dort etwa 1000 Bücher, zum größten Teil englische und französische Werke. Katharina Behrend blieb ledig, sie ließ sich evangelisch taufen, vermutlich um zu erwartenden Repressalien zu entgehen. Die Schwester Hermine war vermutlich ebenfalls Sprachlehrerin, jedenfalls waren sie mit dieser Berufsbezeichnung seit 1926 im Adressbuch eingetragen – unter beiden Vornamen Käthe und Hermine.

Die Schwestern wurden am 27. Juli 1942 am Anhalter Bahnhof in einem von zwei an den fahrplanmäßigen Zug Berlin–Prag angehängten verschlossenen Waggons nach Theresienstadt deportiert. Katharina Behrend ist bald nach der Ankunft am 11. August 1942 den grauenvollen Umständen im Ghetto erlegen. Sie war 74 Jahre alt.

Vier Monate, nachdem Katharina und Hermine Behrend zwangsdeportiert und umgebracht worden waren, beklagte sich der Hausbesitzer über den Mietausfall und die Kosten für die Wohnungsrenovierung. Im Dezember richtete er Ansprüche in Höhe von 1082 Reichsmark an die „Vermögenverwertungsstelle beim Oberfinanzpräsidenten“. Er begründete dies damit, dass es ihm nicht möglich gewesen wäre, die Möbel der Schwestern zu beschlagnahmen. Er hätte erhebliche Ansprüche an die Mieterinnen, die die Schönheitsreparaturen zu tragen hätten. Aus einem vierseitigen Kostenvoranschlag einer Malerfirma ist ersichtlich, dass der Hausbesitzer die Absicht hatte, eine aufwändige Renovierung machen zu lassen – auf Kosten des beschlagnahmten Vermögens der ermordeten Frauen.

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Stolperstein für Hermine Behrend
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
HERMINE BEHREND
JG. 1871
DEPORTIERT 27.7.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 24.8.1942

Hermine Martha Behrend wurde am 12. Februar 1871 in Berlin geboren. Sie war unverheiratet und wohnte mit ihrer älteren, ebenfalls ledigen Schwester Katharina zusammen in einer 2½-Zimmerwohnung in der Fasanenstraße 58, 4. Etage rechts. Sie waren 1941 innerhalb des Hauses umgezogen, in dem sie seit 1933 lebten. Die Miete betrug 105 Reichsmark.

Hermines Beruf war vermutlich ebenfalls Sprachlehrerin. Obwohl im Totenschein 1942 eingetragen war „ohne Beruf“, stand sie im Berliner Adressbuch seit 1926 und danach wie ihre Schwester als Sprachlehrerin. Auszug aus den Adressbüchern von 1934 bis 1940:
B e h r e n d Käthe Hermine Sprachlehr W 15 Fasanenstraße 58 –
danach waren sie nicht mehr verzeichnet. Bis 1933 waren sie, immer zusammen und mit der Berufsbezeichnung „Sprachlehr.“ unter der Anschrift Passauer Straße 24, 3. Etage eingetragen, teilweise mit Komma oder wie 1926 als „Hermine u. Käthe Sprachlehrer.“

Beide wurden am 27. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Hermine Behrend kam dort 13 Tage nach ihrer Schwester im Alter von 71 Jahren am 24. August 1942 ums Leben.
In der Todesfallanzeige des Ältestenrates des Ghettos /www2.holocaust.cz/de/document/DOCUMENT.ITI.2085 wurde Altersschwäche und als Todesursache „Adynamia cordis“, also Herzschwäche, angegeben.
Vier Monate nach der Deportation machte der Hausbesitzer entgangene Miete und Schönheitsreparaturen geltend. Auf Kosten der ermordeten Frauen wollte er eine aufwändige Renovierung machen lassen.

Recherchen und Text: Karin Sievert, ergänzt von Helmut Lölhöffel
Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Berliner Adressbücher, Peters: Der Anhalter Bahnhof als Deportationsbahnhof

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Stolperstein für Gabriele Rosenhain
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
GABRIELE
ROSENHAIN
JG. 1865
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 2.3.1945

Bildvergrößerung: Fotografie von Gabriele Rosenhain (links)
Fotografie von Gabriele Rosenhain (links)
Bild: Familienbesitz

Gabriele Rosenhain wurde am 9. Januar 1865 in Katzenblick (Ostpreußen) geboren. Sie ist am 17. März 1943 ins Ghetto Theresienstadt deportiert und dort am 2. März gestorben. Die Leiche wurde vier Tage danach „eingeäschert“, wie es im Toten-Begleitschein aus Theresienstadt heißt. Vermerkt wurde auf diesem erhaltenen Dokument
http://109.123.214.108/de/document/DOCUMENT.ITI.20208 auch: „An der Leiche wurde Schmuck gefunden.“

Zur Stolpersteineinweihung am 17. April 2010 hielt M. Fuhrmann, die Großnichte vom Gabriele Rosenhain, diese Ansprache:

“Ein paar Worte über das Leben von Gabriele Rosenhain mögen die wenigen Daten auf dem Stolperstein etwas lebendiger machen.

Meine Großtante, Tante meiner Mutter, wuchs mit vier Schwestern auf dem Gut Katzenblick bei Fischhausen an der Samlandküste auf, im heutigen Oblast Kaliningrad. Der Vater starb früh, das Gut wurde verkauft und die Mutter zog mit den Töchtern nach Königsberg. Gabriele kam als einzige der Schwestern in ein KZ beziehungsweise nach Theresienstadt.

Die beiden ältesten Schwestern starben bereits vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten bzw. am Anfang des Dritten Reichs. Eine weitere Schwester studierte in der Schweiz, weil ein Studium für Frauen in Deutschland damals noch nicht möglich war. Sie wurde eine der ersten Frauenärztinnen in Zürich. Und die jüngste Schwester, meine Großmutter, hatte Schutz durch ihren Ehemann: mein Großvater war Chirurg in Königsberg. Er verlor seine Professur wegen seiner jüdischen Ehefrau, später wurde ihm auch die Approbation entzogen. Aber so rettete er seine Frau.

Gabriele Rosenhain war als einzige der fünf Schwestern nicht verheiratet, lebte allein, was damals nicht so selbstverständlich war und war wohl auch etwas exzentrisch. Eine besondere Ausbildung hatte sie nicht, wohl aber die Erziehung, die sogenannte Höhere Töchter damals erhielten. Damit war sie fähig, als Hauslehrerin zu arbeiten, sodass sie jahrelang als „Mademoiselle“ in England in Familien Kinder betreute und ihnen Französisch beibrachte. Sie war künstlerisch begabt, fertigte Miniaturen an, die sie auch verkaufte.

Gabriele Rosenhain erhielt das väterliche Erbe nach dem Tod der Mutter. Die Schwestern hatten zu ihren Gunsten verzichtet, aber reich war sie nicht, sodass mein Großvater, ihr Schwager, sie unterstützte. Er wollte ihr helfen, in die Schweiz zu fliehen, so wie er seinen Söhnen geholfen hatte, Deutschland zu verlassen. Aber das lehnte sie ab. Sie war schon alt, zum evangelischen Glauben konvertiert und wies auf die mögliche Hilfe durch die Gemeinde hin. Sie wird daran allerdings nicht geglaubt haben, da sie ihre Lage sehr nüchtern beurteilte.

Im Sommer kam sie jedes Jahr nach Neuhäuser (bei Pillau) und kümmerte sich um das Sommerhaus meines Großvaters, in dem unsere Familie, aber auch andere Verwandte den Sommerurlaub verbrachten.

Sie starb in Theresienstadt gegen Ende des Krieges, und mein Großvater bekam damals noch die Nachricht über ihren Tod (ich meine an Lungenentzündung). Wir erfuhren es in Dortmund, wo mein Vater seit seiner Absetzung und Ausweisung aus Ostpreußen tätig war. Er war kein Jude, sondern wurde wegen seiner Mitgliedschaft in der Bekennenden Kirche verfolgt. Ich muss dazu sagen, dass wir am Ende des Krieges und in der frühen Nachkriegszeit so viel Tod und gerade jungen Tod gewöhnt waren, dass wir erst Jahre später begreifen konnten, was dieser Verwandten angetan wurde.”

Biografische Zusammenstellung: M. Fuhrmann

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Stolperstein für Margarete Perlin
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
MARGARETE PERLIN
GEB. LESSING
JG. 1882
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET 22.10.1942

Margarete Perlin, geb. Lessing, ist am 18. Februar 1882 in Berlin geboren. Sie war wahrscheinlich Lehrerin und mit dem Oberlehrer Max Franz Karl Perlin, geboren 1869 in Heilige Geist (Pommern) verheiratet. Ihr Mann starb am 6. September 1914.
Sie lebte nach dem Ersten Weltkrieg als Witwe in der Fasanenstraße 58. In der Ergänzungskarte zur Volkszählung am 17.5.1939 gab sie an, dass sie im Gartenhaus parterre rechts wohnte. Im Volkszählungsregister haben die Nazi-Beamten sorgfältig eingetragen, dass Margarete Perlin drei jüdische Großeltern und eine „arische“ Großmutter hatte. Im Adressbuch 1939 war sie als „verwitwet Studienrat“ eingetragen.
Deportiert wurde Margarete Perlin am 19. Oktober 1942 vom Güterbahnhof Moabit an der Putlitzstraße nach Riga. Dort wurden bis auf 81 Männer alle 959 Insassen, darunter 140 Kinder, nach der Ankunft am 22. Oktober 1943 erschossen und in Gruben verscharrt.

Recherchen und Texte: Karin Sievert

Bildvergrößerung: Stolperstein Hedwig Silberstein
Stolperstein für Hedwig Silberstein
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
HEDWIG
SILBERSTEIN
GEB. BRASCH
JG. 1871
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 3.3.1943

Hedwig Silberstein, geb. Brasch, wurde am 27. April 1871 in Posen (Poznan) geboren. In Berlin lebte sie in der Fasanenstraße 58 als Untermieterin bei Ernst und Daisy Heymann, die nach Angaben der Geheimen Staatspolizei 1939 in die USA auswandern konnten. Hedwig Silberstein war verwitwet, über ihren Mann und von Kindern ist nichts bekannt.
Sie wurde am 14. September 1942 vom Güterbahnhof an der Putlitzstraße in Moabit nach Theresienstadt deportiert. Etwa 1000 Menschen wurden in die Waggons getrieben. Kurz zuvor hatte sie in die Jagowstraße 4a zu Hirschberg umziehen müssen und wurde dann im Sammellager Gerlachstraße 18-21, einem jüdischen Altersheim, zum Abtransport registriert. Gestorben ist sie am 3. März 1943 in Theresienstadt – im Totenschein www2.holocaust.cz/de/document/DOCUMENT.ITI.17836 ist als Ursache „Darmkatarrh“angegeben – eine Umschreibung der Ghetto-Ärzte für die Folgen der Mangelernährung und der unhygienischen Zustände.

Bildvergrößerung: Stolperstein Eva Becher
Stolperstein für Eva Becher
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
EVA BECHER
JG. 1905
VOR DEPORTATION
FLUCHT IN DEN TOD
3.6.1942

Eva Becher wurde am 29. September 1905 in Berlin geboren.

Sie wohnte in der Fasanenstraße 58 bei dem Rechtsanwalt und Notar Dr. Ernst Heymann und seiner Ehefrau Daisy, geb. Baumann zur Untermiete. Das Ehepaar Heymann soll laut Schreiben der Gestapo seit dem 28. April 1939 in den USA gelebt haben. In einem anderen Schreiben der Gestapo heißt es, sie seien nach Palästina ausgewandert.
Danach musste Eva Becher zwangsweise in die Holsteinische 40 umziehen. Am 3. Juni 1942 beging sie Selbstmord. Wenig später wurde eine andere jüdische Bewohnerin dieses Hauses, Adele Salzer, nach Auschwitz deportiert.

Eva Becher wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee, Gräberfeld P4, Reihe 25, beigesetzt.

Texte: Karin Sievert
Quellen: Berliner Adressbücher; Deportationslisten der Geheimen Staatspolizei (Gestapo); Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam; Entschädigungsamt Berlin