Stolpersteine Dahlmannstraße 1

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Haus Dahlmannstr. 1, 2014
Bild: H.-J. Hupka

Die Stolpersteine für Familie Cohn wurden am 08.06.2009 verlegt.
Der Stolperstein für Heinz Brück wurde am 20.03.2012 verlegt und von Dorothea Lubasch, Berlin, gespendet. Der Stolperstein für seine Ehefrau Johanna Brück wurde am 26.4.2013 verlegt.
Die Stolpersteine für Martha und Max Kallmann wurden von Achim Holtmann, Langenhagen, gespendet und am 1. April 2014 verlegt.

Das Eckhaus Dahlmannstraße/Gervinusstraße gehörte dem Architekten Martin Sonnabend (geboren 1879), verheiratet mit Elfriede Sonnabend (geboren 1896). Zumindest seit 1930 war er im Adressbuch als Eigentümer eingetragen. Das Ehepaar Sonnabend hatte zwei Töchter: Charlotte (geboren 1921) und Marion (geboren 1923), die in die USA geflüchtet waren.

Unten im Haus befand sich „Kallmanns Süße Ecke“, wo es Konfitüren und Zuckerwaren, Bonbons und Schokolade zu kaufen gab. Das Geschäft gehöre der Familluie Kallmann. Außerdem befand sich das Büro der Holzagentur Kaphan GmbH im Haus, die dem Holzhändler Ferdinand Kaphan gehörte. Er und seine Frau Martha Kaphan sind am 13. Juni 1942 nach Sobibor verschleppt worden.

Im Adressbuch 1940 standen als Eigentümer: Sonnabend E. (New York) und Sonnabend, M. Baumeister. Als Verwalter war Deiters R. Immobilien, Markgrafenstraße 24 benannt. Offenbar wurde das Haus in dieser Zeit „arisiert“, also die jüdischen Besitzer waren enteignet worden. Im Adressbuch von 1943 stand dann der gleiche Verwalter, aber eine neue Eigentümerin: die Deschimag Unterstützungskasse (Bremen). Erkennbar wohnten zu dieser Zeit keine Juden mehr im Haus.

Diese sieben Stolpersteine waren irrtümlich auf einem Teil des Gehwegs
verlegt wurden, der zum privaten Grundstück des Hauses gehört. Als der heutige Hauseigentümer davon erfuhr, verlangte er, sie von seinem Privatgelände zu entfernen, damit er nicht in Haftung genommen werde, wenn jemand darauf ausrutsche. Um dem Konzept des Künstlers zu entsprechen und um Konflikte zu vermeiden, ist eine Versetzung der inzwischen von
unbekannten Tätern geschändeten Steine auf öffentliches Straßenland am
6.10.2016 vorgenommen worden.

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Stolperstein für Carl Cohn
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
CARL COHN
JG. 1871
DEPORTIERT 21.7.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 1944 IN
AUSCHWITZ

Carl Cohn wurde am 7. November 1871 in Neumark (Nowe Miasto) geboren. Seine Eltern waren Meir und Malwina Cohn. Carl war Kaufmann und verheiratet mit Gertrud Cohn, geb. Lippmann. Sie wurde am 29. Juli 1874 in Waldenburg geboren. Das Ehepaar wohnte in Berlin, seit 1929 in der Dahlmannstraße 1 mit ihrem Sohn Martin. Martin Cohn wurde am 29. März 1912 in Berlin geboren. Von seinem Leben und seinem Werdegang ist nichts bekannt. Es ist jedoch unschwer vorzustellen, dass er die Demütigung, Bedrohung und Verfolgung durch die Nazis nicht länger ertrug. Mit Sicherheit war auch er zur Zwangsarbeit in einer Fabrik verpflichtet. Am 24. September 1941, mit 29 Jahren, nahm er sich das Leben, indem er von einer Brücke sprang. Für Carl und Gertrud ein furchtbarer Schicksalsschlag.

Ein knappes Jahr später, am 21. Juli 1942, wurden beide mit 71 und 69 Jahren zusammen mit 98 weiteren Personen nach Theresienstadt deportiert. Außer ihnen überlebten von diesem Transport nur zwei das Ghetto Theresienstadt. Fast zwei Jahre gelang es ihnen, unter den schrecklichen Bedingungen im Lager mit ständiger Todesfurcht am Leben zu bleiben. Dann wurden sie am 16. Mai 1944 weiter deportiert nach Auschwitz, zusammen mit 2 493 Menschen. Davon überlebten 34. Carl und Gertrud Cohn gehörten nicht zu ihnen. Carl starb 1944. Gertruds Todesdatum ist nicht bekannt.

Link zu: Stolperstein für Gertrud Cohn
Stolperstein für Gertrud Cohn
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
GERTRUD COHN
GEB. LIPPMANN
JG. 1874
DEPORTIERT 21.7.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 1944 IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein für Martin Cohn
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
MARTIN COHN
JG. 1912
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
24.9.1941

Bildvergrößerung: Stolperstein Heinz Brück, 2014
Stolperstein Heinz Brück, 2014
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
HEINZ BRÜCK
JG. 1908
DEPORTIERT 12.7.1944
AUSCHWITZ
STUTTHOF
ERMORDET 22.12.1944
BUCHENWALD

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Stolperstein Johanna Brück, April 2013
Bild: F. Siebold

HIER WOHNTE
JOHANNA BRÜCK
GEB. MÜLLER
JG. 1908
DENUNZIERT
VERHAFTET 11.7.1944
DEPORTIERT SEPT. 1944
THERESIENSTADT
BEFREIT/ÜBERLEBT

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Foto Ehepaar Brück
Bild: Dorothea Lubasch

Heinrich Heinz Brück , der am 12. September 1908 in Berlin geboren ist, war der Sohn von Georg und Rebekka Brück, geb. Eisenstaedt. Die Familie, zu der auch seine Brüder Gerhard und Erich gehörten, lebte im Berliner Stadtbezirk Friedrichshain in der Tilsiter Straße 67.

Als Jugendlicher engagierte sich Heinz Brück in der jüdischen Jugendbewegung. Von 1927 bis 1938 war er als Buchhalter und Expedient beim Jüdischen Central–Verein beschäftigt. Als dieser 1938 aufgelöst wurde, arbeitete er bis September 1939 bei der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ als Registrator.
Danach musste er Zwangsarbeit als Bauarbeiter leisten.

Am 29.Juni 1937 heirateten Heinz Brück und Johanna Müller im Standesamt Berlin Mitte. Johanna Müller galt als „Mischling ersten Grades“ und wurde nach der Eheschließung als Jüdin behandelt. Die beiden wohnten von 1937 bis Anfang 1943 in der Dahlmannstraße 1. Sie teilten sich im 2. Aufgang in der 2. Etage eine Wohnung, in der sie ein Zimmer gemietet hatten, mit der Familie Carl, Gertrud und Martin Cohn.

Am 4. Februar 1943 konnten Heinz und Johanna Brück der Verhaftung entgehen. Da die Wohnung in der Dahlmannstraße 1 versiegelt wurde, begann mit diesem Tag ihr Leben in der Illegalität.
Bei seiner nichtjüdischen Schwiegermutter, Frieda Müller, in der Fischerstraße und bei Frau Schauer in der Sybelstraße konnten Heinz und Johanna vorübergehend untertauchen. In der Wohnung von Gertrud Borchardt, einer Freundin von Johanna Brück, hatten sie dann für längere Zeit ein Versteck. Doch am 11. Juli 1944 wurde das Ehepaar nach einer Denunziation in der Wohnung der Freundin entdeckt, verhaftet und in das Sammellager Schulstraße eingeliefert.

Heinz Brück wurde am 12. Juli 1944 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Am 26.Oktober 1944 wurde er in das KZ Stutthof bei Danzig überstellt und am 26. November 1944 ins KZ Buchenwald bei Weimar verlegt. Heinz Brücks Todesdatum ist der 22. Dezember 1944.

Johanna Brück wurde im September 1944 in das Ghetto Theresienstadt gebracht. Im Mai 1945 wurde sie in Theresienstadt befreit und kehrte im Juli nach Berlin zurück. 1947 emigrierte sie in die USA und starb im Juli 2005 in New York.
Heinz Brücks Mutter Rebekka war 1940 im Jüdischen Krankenhaus gestorben. Der Vater Georg, geboren am 21. April 1871 in Myslowitz (Schlesien) ist am 10. August 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert und dort am 24. November 1942 umgebracht worden. Sein Bruder Gerhard, geboren am 2. Januar 1901 in Berlin, wurde am 15. August 1942 nach Riga verschleppt und dort am 18. August ermordet. Erich Brück, der andere Bruder, konnte nach Südafrika flüchten.

Aufgezeichnet von Dorothea Lubasch, geb. Müller

Auch die Familie Cohn , mit denen Heinz und Johanna Brück etwa fünf Jahre zusammenwohnte, wurde Opfer des Rassenwahns der Nazis. Carl, geboren am 7. November 1871 in Neumarkt, und Gertrud Cohn, geb. Lippmann, geboren am 21. Juli 1874 in Waldenburg (Schlesien), wurden am 21. Juli 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert und von dort am 16. Mai 1944 nach Auschwitz, wo sie ermordet worden sind. Ihr Sohn Martin (geboren am 29. März 1912 in Berlin) hatte schon vorher, am 24. September 1941, unter dem Druck der Verfolgung Selbstmord begangen.

Dokumente Heinz Brück

PDF-Dokument (2.9 MB)

Bildvergrößerung: Stolperstein Martha Kallmann, 2014
Stolperstein Martha Kallmann, 2014
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
MARTHA KALLMANN
GEB. LOEWENSTEIN
JG. 1874
DEPORTIERT 24.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 14.5.1942
CHELMNO / KULMHOF

Bildvergrößerung: Auszug aus dem Branchenbuch 1938
Auszug aus dem Branchenbuch 1938
Bild: Branchenbuch 1938

Martha Kallmann , geb. Loewenstein, ist am 2. Januar 1874 in Berlin geboren. Sie war Inhaberin des Süßwarengeschäftes „Kallmanns Süße Ecke“ in der Dahlmannstraße 1, im Branchenbuch eingetragen unter der Rubrik „Konfitüren und Zuckerwaren“. In diesem Haus wohnte sie auch mit ihrem Mann Martin und ihren Söhnen Max und Adolf. Ihr Mann, geboren am 10. Juli 1869, starb am 7. Mai 1935 an einer Lungenentzündung. Ihr Sohn Max flüchtete nach Frankreich, von wo aus er über Drancy nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. Der ältere Bruder Ihr Sohn Adolf, geboren am 11. März 1897, konnte am 15. November 1938 aus Deutschland fliehen und erreichte zehn Tage später New York, wo er von da an als George Colman lebte. Martha Kallmann wurde am 24. Oktober 1941 von Berlin nach Lodz (von den Nazis in Litzmannstadt umbenannt) deportiert und am 14. Mai 1942 nach Kulmhof (Chelmno) weiterdeportiert. Dort ist sie am gleichen Tag ermordet worden.

Bildvergrößerung: Stolperstein Max Kallmann, 2014
Stolperstein Max Kallmann, 2014
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
MAX KALLMANN
JG. 1899
FLUCHT FRANKREICH
DEPORTIERT 30.6.1944
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Link zu: Martha und Martin Kallmann mit den Söhnen Adolf und Max
Martha und Martin Kallmann mit den Söhnen Adolf und Max
Bild: Familienarchiv

Max Kallmann wurde am 13. April 1899 in Berlin geboren. Mit seinen Eltern Martin und Martha, geb. Loewenstein, und seinem Bruder Adolf wohnte er in der Dahlmannstraße 1. Sie führten unten im Haus ein Süßwarengeschäft namens „Kallmanns Süße Ecke“. Max heiratete vermutlich eine Frau mit Vornamen Hedwig, über die nicht mehr bekannt ist. Er ist zunächst nach Frankreich geflohen, dort aber von der deutschen Besatzung ergriffen worden, war interniert im Lager Austerlitz, 43 Boulevard de la Gare, in Paris und ist am 30. Juni 1944 vom Durchgangslager Drancy nach Auschwitz deportiert worden, wo er ermordet wurde. Sein am 15. November 1938 in die USA geflüchteter Bruder Adolf überlebte mit dem Namen George Coleman.

Quellen: Informationen vom Ururgroßenkel/Großenkel Achim Holtmann; Shoah-Museum Paris; Berliner Adressbücher; Bundesarchiv