Stolpersteine Prinzregentenstraße 6

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Hauseingang Prinzregentenstr. 6
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Bukschat&Flegel

Die Stolpersteine für Familie Gross wurden am 3.4.2009 verlegt.

Die Stolpersteine für Julius und Pauline Mayer wurden am 22.05.2012 verlegt. Diese Stolpersteine wurden gespendet von Irene Butter, USA.

Der Stolperstein für Margarete Fraenkel wurde am 9.4.2013 verlegt.

Link zu: Stolperstein für Dr. med. Johann Fedor Gross
Stolperstein für Dr. med. Johann Fedor Gross
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
DR. JOHANN FEDOR
GROSS
JG. 1869
DEPORTIERT 28.1.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 30.5.1943

Johann Fedor Gross, wurde am 6. Dezember 1869 in Neustadt (Oberschlesien). Er war Arzt Dr. med. und Arzt. Anfang 1943 musste er sich zusammen mit seiner 1872 in Wien geborenen Ehefrau Irma im Altersheim der Jüdischen Gemeinde in der Gerlachstraße 18-21 melden, wo eine Sammelstelle eingerichtet worden war. Johann Gross wurde dann im Alter von 74 Jahren am 28. Januar 1943 nach Theresienstadt deportiert und dort am 30. Mai 1943 ermordet.

In dem Todeszug, in den das Ehepaar Gross, das als erste auf der Deportationsliste stand, getrieben wurde, mussten 88 überwiegend ältere Menschen Platz nehmen. Darunter war auch der achtjährige Jakob Israel und der 97-jährige Julius Clavier.

Link zu: Stolperstein für Irma Gross
Stolperstein für Irma Gross
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
IRMA GROSS
GEB. GRÜNHUT
JG. 1872
DEPORTIERT 28.1.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 7.9.1944

Irma Gross, geb. Grünhut, wurde am 21. Oktober 1872 in Wien geboren. Verheiratet war sie mit dem Arzt Johann Fedor Gross (geboren 1869), mit dem sie 1939 in der Prinzregentenstraße 6 gemeldet war. Sie wurde am 28. Januar 1943 an der Seite ihres Mannes vom Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt mit 88 jüdischen Menschen deportiert und dort am 7. September 1944 ermordet. 20 der 88 Insassen dieses Zuges überlebten das Grauen im Ghetto Theresienstadt.

Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

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Stolperstein Pauline Mayer
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Bukschat&Flegel

HIER WOHNTE
PAULINE MAYER
GEB. ETTINGHAUSEN
JG. 1879
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 19.10.1942

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Stolperstein Julius Mayer
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Bukschat&Flegel

HIER WOHNTE
JULIUS MAYER
JG 1863
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 9.11.1942

Bildvergrößerung: Julius Meyer mit seinem Enkel Werner (1929)
Julius Meyer mit seinem Enkel Werner (1929)
Bild: Familienarchiv

Pauline und Julius Mayer sind 1937 in die Prinzregentenstraße 6 gezogen, nachdem ihre Tochter Gertrude Hasenberg mit ihrem Mann John und den beiden Kindern Werner und Irene vor der zunehmenden Judenverfolgung nach Holland geflohen war. Vorher hatte die ganze Familie mit drei Generationen in einer großen Wohnung in der Nassauischen Str. 62 gewohnt.

„Ich hatte eine wunderbare Kindheit und habe liebevolle Erinnerungen an meine Großeltern“, erinnert sich die Enkelin Irene Butter geb. Hasenberg. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Familie nicht wiedersehen können. Die Großeltern und der Vater von Werner und Irene Hasenberg, wie auch ihre Tante Alice und deren Mann Paul wurden Opfer der Nazi-Gewalt.

Julius Mayer ist am 27. September 1863 in Bodenheim (bei Mainz) geboren und heiratete die am 16. Februar 1879 in Höchst (bei Frankfurt a.M.) geborene Pauline Ettinghausen. Sie hatten zwei Töchter: Alice (geboren am 11. Dezember 1902) und Gertrude (geboren am 28. Oktober 1903). Alice Mayer heiratete den aus Osnabrück stammenden Paul Ullendorf. Sie wurden am 9. Juli 1943 aus Amsterdam über Westerbork ins Vernichtungslager Sobibor in Ostpolen deportiert und dort umgebracht. Gertrude Mayer heiratete in Berlin den aus Neumünster stammenden John Hasenberg und sie hatten zwei Kinder: Werner (geboren am 20. Dezember 1928 in Berlin) und Irene (geboren am 11. Dezember 1930 in Berlin).

Julius Mayer war Besitzer der Julmay Bank in Berlin. Als die Nazis den Juden eigene Geschäfte verboten, wurde er enteignet und die Bank von einem Deutschen übernommen. Am 17. August 1942 wurden Julius und Pauline Mayer im Alter von 79 und 63 Jahren mit dem ersten großen Theresienstadt-Transport in das Ghetto nördlich von Prag deportiert. In dem Personenzug, der vom Güterbahnhof Moabit startete, saßen 997 Menschen. Von ihnen überlebten nur 16.
Das Todesdatum von Pauline Mayer war der 19. Oktober 1942, Julius Mayer ist am 9. November 1942 ums Leben gebracht worden.

Bildvergrößerung: Paula Mayer mit Enkeltochter Irene
Paula Mayer mit Enkeltochter Irene
Bild: Familienarchiv

Die Familie ihres Schwiegersohns John, die sich zunächst nach Amsterdam absetzen konnte, wurde aber nach der Besetzung Hollands von den Nazis über das holländische Durchgangslager Westerbork nach Bergen-Belsen (Niedersachsen) verschleppt. John Hasenberg starb am 23. Januar 1945 bei einer Zugfahrt von Bergen-Belsen in Richtung Schweiz. Gertrude und die Kinder überlebten das Grauen des Konzentrationslagers und emigrierten 1945/46 in die USA. Die Mutter starb 1988.
Werner Hasenberg hat zwei Kinder, John und Nicole, die mit ihren Familien in den USA leben. Irene Hasenberg-Butter, der wir diese Aufzeichnungen zu verdanken haben, heiratete Charles Butter. Ihr Sohn Noah lebt mit seiner Familie in den USA, die Tochter Ella in Israel.

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Stolperstein Margarete Fraenkel
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Siebold

HIER WOHNTE
MARGARETE
FRAENKEL
GEB. HEYDEMANN
JG. 1882
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Bildvergrößerung: Meldekarte von Max Fraenkel aus Posen ab 12.9.1883 mit Vermerk der Eheschlieߟung mit Margarete am 10.1.1901
Meldekarte von Max Fraenkel aus Posen ab 12.9.1883 mit Vermerk der Eheschließung mit Margarete am 10.1.1901
Bild: Archiv Posen

Margarete Fraenkel ist am 1. April 1882 in Posen (Poznan) als Tochter von Theodor Heydemann und Regine Placzek geboren. Sie stammte aus einer eher wohlhabenden Familie, seit vier Generationen Kaufleute.

Ihr Ururgroßvater, Chaim Bader, kam als Chirurg (damals genannt Bader) mit den Schwedter Dragonern (einer Dragonerkompanie des Kreises Ansbach gegen den Einmarsch der Truppen Ludwig XIV., aufgestellt 1688) nach Schermeisel, einem polnisch-brandenburgischen Grenzdorf (heute Trzemeszno lubuskie, Polen). Er war auch Vorbeter und Lehrer der jüdischen Gemeinde. Er hatte vier Kinder, die früh aus dem Hause gingen, da die Familie arm war.
Sein Sohn Itzig (1775-1852) kam sehr jung zu einem Onkel und lernte bei ihm den Beruf des Branntweinbrenners und Brauers. Später heiratete er die Witwe eines Verwandten in Klein Gandern und übernahm dort deren Brauerei und Brennerei.

Itzig hat am 13.2.1813 den Namen Heidemann angenommen und als Familienoberhaupt die preußische Staatsangehörigkeit erhalten. Später schrieb er sich und seine Sippe Heydemann. Ein anderer Familienzweig behielt die Schreibweise Heidemann bei.

Itzig Heydemann hatte sechs Söhne und zwei Töchter. Sein vierter Sohn, der Kaufmann Josef Heydemann, geboren am 14. Oktober 1819, heiratete Dorothea geb. Schwarz (1822-1894), die Großeltern von Margarete. Ihr Vater, der Kaufmann Theodor Heydemann, wurde 1848 in Groß Blumberg, Kreis Crossen an der Oder (heute Brody, Krosno in Polen) geboren als dritter von fünf Söhnen und drei Töchtern.

Insgesamt war es besonders für Juden eine Zeit von großen Aufbrüchen, Neuanfängen, Bewegungen. Viele zogen im Laufe eines Lebens mehrmals um, insbesondere nach Berlin, andere wanderte aus, manche nach Amerika. Andere nahmen am Feldzug 1870/71 teil, einige verloren dort ihr Leben. Die meisten Männer kämpften später patriotisch für Deutschland im Ersten Weltkrieg.

Am 10.1.1901 heiratete Margarete Heydemann 18-jährig standesamtlich in Posen den 13 Jahre älteren Max Fraenkel, geboren am 2. Januar 1869 in Zerkow (Cerkow, Polen) im Posener Land, als Sohn von Bernhard Fraenkel, geboren 1831 in Schildberg (Ostrzeszow), ebenfalls im Posener Land, und Jenny, geb. Stich, geboren am 3. Mai 1832 in Posen.

Vieles deutet darauf hin, dass Max aus einer eher ärmeren Familie stammte. Noch im Alter von 62 Jahren wurde der Vater Bernhard wegen geschuldeter Sozialbeiträge in der jüdischen Gemeinde zu einer Geldstrafe verurteilt. Max war der Älteste von sieben oder acht Geschwistern. Er starb schon am 2. September 1912 in Obernigk, Kreis Breslau (Wroclaw). Von den Geschwistern sind die Schwester Johanna (geboren 1874) mit deren Tochter Irene Levy in Lodz (Litzmannstadt), sowie der Bruder Jaques (geboren 1877) in Treblinka umgekommen. Der Bruder Wilhelm (geboren 1876) hat vier Jahre im Ersten Weltkrieg gedient, kam danach nach Berlin und flüchtete 1939 nach England. Der Bruder Hermann (geboren 1878) war ebenfalls vier Jahre Soldat, kam dann über Berlin nach Hamburg und entkam 1936 nach Italien. Ein weiterer Bruder, Richard (geboren 1882), kam nach Berlin, aber über sein Schicksal und das der anderen Geschwister ist nichts bekannt.

Schon im Alter von 14 Jahren kam Max Fraenkel nach Posen und wohnte zur Untermiete bei einer Familie Levy. In den folgenden acht Jahren ist er viermal innerhalb Posens umgezogen und wohnte immer zur Untermiete, bis er 1891 nach Breslau und 1895 wieder zurück nach Posen zog, wo bis zur Eheschließung 1901 mit Margarete noch fünf Adressen nachgewiesen sind. Auch nach der Eheschließung lebte das Paar zur Untermiete. Die Ehe blieb wahrscheinlich kinderlos.

Nach dem Tod ihres Mannes 1912 zog Margarete zu ihren Eltern und blieb dort mit einer kurzen Zwischenstation in Breslau bis zur Übersiedlung in die Meinekestraße 8 nach Berlin-Charlottenburg am 3.9.1920. Über Margaretes Leben zwischen 1920 und 1939 und in den drei Jahren bis zu ihrer Deportation gibt es keine näheren Informationen. Am Stichtag der Volkszählung von 1939 lebte sie gemeinsam mit ihrer Schwester Irene Conrad geb. Heydemann und deren Tochter Inge, geboren am 6. September 1918, in der Prinzregentenstraße 6. Margarete und Irene wurden am 15.8.1942 vom Güterbahnhof an der Putlitzstraße in Moabit mit dem Transport Nr. 18 – Zugfahrt Nr. Da 401 (in der Bezeichnung der Nazis) – in das Ghetto in Riga, Lettland, deportiert, wo sie drei Tage später ermordet wurden. Die Nichte Inge ist in den Listen der Deportierten und Ermordeten nicht aufgeführt. Möglicherweise gelang ihr die Flucht, ihr Verbleib ist unbekannt.

Zusammenstellung der Familienbiografie: Renato Fraenkel

Zur Verlegung des Stolpersteins zum Gedenken an Margarete Fraenkel hielt Carlos Fraenkel am 9. April 2013 an der Prinzregentenstraße 6 in Anwesenheit von Familienangehörigen, Verwandten und Freunden eine Ansprache:

„Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Vertreter des Stolperstein-Projektes, liebe Anwohner!

Vielen Dank, dass ihr zur Verlegung des Stolpersteines für Margarete Fraenkel gekommen seid, die eine Großtante meines Vaters war. Besonders herzlich bedanken will ich mich im Namen meiner Familie bei den Berliner Vertretern des Stolpersteine-Projektes von Gunter Demnig. Das ist ein beeindruckendes Projekt, das individuelle Menschen aus der Statistik – aus den abstrakten sechs Millionen – herauslöst und ihnen wieder einen Namen sowie Koordinaten in Zeit und Raum gibt: das Datum der Geburt, der Deportation, des Todes, den Ort der letzten Wohnung und das Ziel der letzten Reise. Das ist nur ein Gerüst natürlich, aber mit etwas Phantasie und historischem Wissen kann man sich die Schicksale vorstellen, die zu diesem Gerüst gehören. Es ist auch ein verstörendes Projekt, das die Erinnerung an Menschen wieder einfügt in die Landschaft, aus der sie herausgerissen wurden und so uns, die Nachkommen, stolpern lässt über ihre Abwesenheit, uns zwingt, über diese Abwesenheit nachzudenken.

Ich bin mit meiner Familie für einen einjährigen Forschungsaufenthalt aus Montreal nach Berlin gekommen. Mein Vater hat dann diese Stolperstein-Verlegung in die Wege geleitet, auch als Anlass zur Auseinandersetzung mit unseren deutsch-jüdischen Wurzeln, die er in den letzten Jahren mit großem Eifer ausgegraben hat. Manchmal saß er nächtelang am Computer, bis ihm der Nacken so weh tat, dass er nicht mehr weiterarbeiten konnte. Warum diese Hinwendung zur Familiengeschichte? Einerseits um den Schmerz zu verstehen, über den in der Familie kaum gesprochen wurde, der aber immer da war wie eine Art Grundierung des Lebens. Andererseits aus der Überzeugung, dass es eine moralische Pflicht des Gedenkens gibt. Viele Zweige unserer deutsch-jüdischen Familie haben sich anderswo in der Welt neu entfalten können – im Fall meiner unmittelbaren Familie in Brasilien. Viele sind aber auch abgeschnitten worden, wie im Fall von Margarete Fraenkel und zahlreicher anderer Familienmitglieder.

Obwohl ich selbst etwa die Hälfte meines Lebens in Deutschland gelebt habe, sehe ich jetzt, dank der Arbeit meines Vaters, Deutschland auf eine neue Weise: Mir ist bewusst geworden, wie sehr unsere Familie eingeflochten war in Deutschlands Geschichte und Geografie. Nur ein paar Häuser weiter in der Prinzregentenstraße stand zum Beispiel die Synagoge, in die meine Großmutter gegangen ist, die 1939 als Dreizehnjährige zusammen mit ihrer Schwester noch aus Deutschland entkommen konnte – erst mit einem der Kindertransporte nach England und dann, zwei Jahre später, weiter nach Brasilien.

Margarete Fraenkel gehörte zu einer Generation, in der viele Mitglieder unserer Familie – wie überhaupt viele deutsche Juden – aus mehr oder weniger ärmlichen Verhältnissen in der Provinz nach Berlin, Hamburg und in andere Großstädte gezogen sind. Damit verbunden war natürlich eine Hoffnung: des sozialen und wirtschaftlichen Aufstiegs, aber auch der kulturellen Integration: viele wollten als Deutsche jüdischen Glaubens wahrgenommen werden. Mein Urgroßvater Hermann Fraenkel (der Bruder des Ehemannes von Margarete) ist ein gutes Beispiel: Wir haben ein Foto von ihm als Achtzehnjährigem in deutscher Uniform; das bisschen Schnurrbart, das er damals schon hatte, hat er hochgezwirbelt, um wenigstens etwa wie Kaiser Wilhelm auszusehen. Im Ersten Weltkrieg hat er für Deutschland in der Schlacht von Verdun gekämpft und dann eine große Regenmäntelfabrik in Hamburg aufgebaut. Er war unendlich stolz, als er 1928 in einer Hamburger Zeitung zum 50. Geburtstag geehrt wurde für das, was er in Hamburg erreicht hatte.

Sie wollten wirklich dazu gehören – mein Großvater wurde wider Willen in Wagner-Opern geschleppt, musste Geige lernen und so weiter. Mein Vater, der ja in Brasilien geboren wurde und aufwuchs, hat noch von meinem Großvater gelernt, die Schiffe aus Hamburger Reedereien zu identifizieren, wenn sie im Urlaub in Brasilien ans Meer fuhren. Und diese Liebe zu Deutschland macht dann die schrittweise Ausgrenzung ab 1933 bis hin zur Vertreibung oder Ermordung besonders traurig.

Zurück zur Gegenwart: Ich erinnere mich an einen schönen, warmen Herbsttag in Berlin nach unserer Ankunft, an dem unsere vierjährige Tochter Lara auf einem Spielplatz gespielt hat – rutschen, wippen, schaukeln und so fort. Dieser Spielplatz war dort gebaut worden, wo früher die Synagoge in der Levetzowstraße in Berlin-Moabit stand (nicht der einzige Ort in Berlin, wo die zurückgebliebene Leere durch einen Spielplatz ausgefüllt wurde). Diese Synagoge wurde 1941 in ein Sammellager für Juden verwandelt, in das auch Margarete Fraenkel und ihre Schwester Irene 1942 aus der Wohnung in der Prinzregentenstraße kamen, bevor sie dann vom Güterbahnhof an der Putlitzbrücke nach Riga geschickt und dort nach drei Reisetagen ermordet wurden. Dieses Bild unserer Tochter, die unschuldig an dem Ort spielen kann, wo 70 Jahre früher ihre Ur-Ur-Großtante auf die Deportation gewartet hat, ist für mich zu einer Art Sinnbild unseres Deutschland-Erlebnisses geworden: einerseits eine gewisse Normalität – Berlin ist toll, hat endlos viel zu bieten, wir fühlen uns wohl hier, haben viele deutsche Freunde, unsere Kinder spielen unbefangen, gehen in eine deutsche Kita, singen deutsche Kinderlieder. Und doch bricht die Vergangenheit immer wieder in die Gegenwart ein und bringt diese Normalität zum Stocken. Das heißt nicht, dass es sich nur um einen trügerischen Schein von Normalität handelt. Und doch müssen wir akzeptieren, dass ungestörte Normalität nicht möglich ist – vielleicht noch nicht, vielleicht niemals.

Es gibt verschiedene Gründe für das Gedenken, wie wir es heute mit dem Stolperstein für Margarete Fraenkel tun. Ein wichtiger Grund für mich ist, dass wir die Fragen, die die Shoa aufwirft, lebendig erhalten für uns und für unsere Kinder: Wie konnte es dazu kommen, was bedeutet es moralisch und philosophisch, welche Verantwortung haben wir, die Nachfahren? Auf diese und viele andere Fragen gibt es meines Erachtens keine endgültigen Antworten. Die Gedenkkultur, die in Deutschland ja so vielfältig und reich ist, und zu der die Stolpersteine einen so wichtigen Beitrag leisten, bietet den Rahmen, in dem diese Fragen in jeder Generation neu gestellt und verhandelt werden müssen.“