Stolpersteine Dernburgstraße 15 (früher Gustloffstraße)

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Hausansicht Dernburgstr. 15
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Die Stolpersteine für Julius und Gertrud Nathansaon wurden am 24.10.2008 verlegt.

Der Stolperstein für Agnes Sandheim wurde am 4.10.2010 verlegt.

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Stolperstein für Julius Nathansohn
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
JULIUS
NATHANSOHN
JG. 1860
DEPORTIERT 19.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 1.2.1943

Julius Nathansohn ist am 5. März 1860 in Brandenburg (Havel) geboren. Er wurde Architekt und ging nach Breslau, wo er einer der Mitarbeiter des Stadtbaurats war. Nathanson der Stadtbauinspektor beim Magistratsbaurat in Breslau war, bekam 1909 den königlichen Roten Adler-Orden IV. Klasse verliehen, wie dem „Zentralblatt der Bauverwaltung“ zu entnehmen ist. In dieser Zeit errichtete er in seiner Geburtsstadt in der Großen Münzenstraße auf einem von der jüdischen Gemeinde gekauften Grundstück eine Synagoge, die, im romanischen und maurischen Stil gehalten, 170 Gläubigen Platz bot. In der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde dieses Gotteshaus Opfer des Hasses und Raub der Flammen.

Inneres der Synagoge
Bild: privat

1909 wurde er Stadtbaurat in Breslau. Ende der 1920er Jahre muss Nathansohn von Breslau nach Berlin berufen worden sein. Jedenfalls ist er im Architektenregister 1929 in Berlin aufgeführt.

Die Familie Nathansohn ist in Berlin häufig umgezogen. Im Jüdischen Adressbuch 1931 war der Magistrats-Baurat Julius Nathansohn mit der Adresse Olivaer Patz 2 verzeichnet. Wann er genau entlassen wurde und ob wegen seines Alters oder seiner jüdischen Herkunft, lässt sich nicht mehr feststellen. 1933 stand er im allgemeinen Adressbuch mit dem Zusatz „a.D.“ in der Bregenzer Straße 10. Bis 1936 war er in der Dernburgstraße 46 eingetragen, ab 1937 als Magistrats-Baurat „a.D.“ mit der Anschrift Gustloffstraße 15. Die Dernburgstraße war am 15.2.1936 umbenannt worden; kurz vorher war der NS-Propagandist Wilhelm Gustloff in Davos erschossen worden. Zuletzt wohnte das Ehepaar Nathansohn dann in dem Potsdamer Stadtteil Neu Fahrland an der Spandauer Straße 14, von wo aus die beiden zunächst nach Berlin in eine der Sammelunterkünfte verschleppt worden sind.

Deportiert wurde Julius Nathansohn zusammen mit seiner Frau Gertrud am 19. August 1942 in einem von zwei verriegelten Waggons, mit denen 100 Menschen nach Theresienstadt gebracht wurden. Nur zwei von ihnen überlebten den Massenmord an den Juden.

Ermordet wurde er am 1. Februar 1943. In der von vier Ghetto-Ärzten unterzeichneten Todesurkunde war „Marasmus/Altersschwäche“ als Todsursache angegeben, was bei dem fast 83-jährigen eine Umschreibung für die unwürdigen Lebensumstände in Theresienstadt war.

Text: Helmut Lölhöffel.
Quellen: Zentralblatt der Bauverwaltung vom 12.6.1909; Preußischer Landbote, Brandenburg (Havel); Historisches Architektenregister; Berliner Adressbücher; Archiv Theresienstadt

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Stolperstein für Gertrud Nathansohn
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
GERTRUD
NATHANSOHN
GEB. BUKI
JG. 1870
DEPORTIERT 19.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 18.6.1943

Gertrud Charlotte Nathansohn geb. Buki wurde am 21. September 1870 in Breslau geboren. In manchen Dateien ist ihr Geburtsort falsch mit Brandenburg (Havel) benannt. Ihre Eltern hießen mit Vornamen Jakob und Albertine geb. Fanta. Am 17. September 1892 heiratete sie den am 5. März 1860 in Brandenburg (Havel) geborenen Architekten Julius Nathansohn, den sie in Breslau kennenlernte. Kinder hatten sie vier, als Beruf trug sie ein: „Haushalt“. Sie gab an, „konfessionslos“ zu sein, während sich ihr Mann als „mosaisch“ bekannte.

Der angeblich letzte Wohnort Breslau, wie in ihrer „Todesfallanzeige“ in Theresienstadt verzeichnet war, stimmt mit dem Melderegister nicht überein. Dort war bei der Volkszählung am 17.5.1939 die Gustloffstraße 15 eingetragen, später sei das Ehepaar Nathansohn nach Potsdam-Neu Fahrland in die Spandauer Straße 14 gezogen, so stand es jedenfalls auf der Registerkarte.

Deportiert wurden Julius und Gertrud Nathansohn aus der Sammelstelle an der Großen Hamburger Straße 26, wo vorher ein jüdisches Altersheim gewesen war, das die Geheime Staatspolizei (Gestapo) geschlossen hatte, am 19. August 1942 vom Anhalter Bahnhof in einem verplombten Personenwagen nach Theresienstadt. Die 100 Insassen mussten das letzte Stück bis zum Ghetto in einem Fußmarsch bewältigen und wurden dort in einen der einstigen Kasernenblöcke eingewiesen. Insgesamt sind 15 031 Juden aus Berlin nach Theresienstadt transportiert worden.
Gertrud Nathansohn ist viereinhalb Monate nach ihrem Mann am 18. Juni 1943 im Alter von 72 Jahren an der mangelhaften medizinischen Versorgung gestorben. In der Todesurkunde war “Herzlähmung“ als Todesursache angegeben.

1964 stellten zwei Töchter, Susanne Drechsler geb. Nathansohn aus Berlin-Grünau und Klara Fenichel geb. Nathansohn aus Los Angeles (USA) für das Bankkonto und Wertpapiere sowie für Hausrat und „letzte Habe“ Entschädigungsanträge.

Text: Helmut Lölhöffel. Quellen: Bundesarchiv, Adressbuch, Archiv Theresienstadt

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Stolperstein für Agnes Sandheim
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
AGNES SANDHEIM
GEB. LOEWENSON
JG. 1885
DEPORTIERT 29.1.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Agnes Sandheim geb. Loewenson wurde am 17. Januar 1885 in Thorn (Thorun) in Westpreußen geboren. In erster Ehe war sie mit Max Czollek verheiratet. Bis 1919 war ein Kaufmann Max Czollek am Kurfürstendamm 220 im Adressbuch eingetragen, von 1920 an Agnes Czollek in der Kuno-Fischer-Straße 4 als „Witwe“. Offenbar war Max Czollek 1919 gestorben, als sie 34 Jahre alt war. Aus dieser Verbindung stammte der Enkelsohn Michael.

Seit 1936 wohnte sie mit ihrem zweiten Mann, dem Bankier Isidor Heinrich Sandheim (frühere Adresse: Siegmunds Hof 15), in der Dernburgstraße 46, die dann in Gustloffstraße umbenannt wurde. Von 1937 an war sie als „Witwe“ in der Gustloffstraße 15 eingetragen, Isidor Heinrich Sandheim war wohl 1936 gestorben. Dort blieb Agnes Sandheim bis kurz vor der Deportation wohnen und musste kurzfristig zwangsweise in die Dahlmannstraße 1 umziehen.

Sie wurde in die Sammelstelle in das ehemalige jüdische Altersheim Große Hamburger Straße 26 verschleppt. Von dort ist sie am 29. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert und in der Gaskammer ermordet worden. Sie wurde 58 Jahre alt.

1995 hinterlegte Michael Zollek (Berlin), so unterschrieb er, für seine Großmutter Agnes bei der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ein Gedenkblatt.

Text: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf.
Quellen: Bundesarchiv, Adressbücher, Gedenkblatt des Enkelsohns.