Stolperstein Wielandstraße 4

Bildvergrößerung: Hausansicht Wielandstr. 4
Hausansicht Wielandstr. 4
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Dieser Stolperstein wurde am 24.10.2008 verlegt.

Link zu: Stolperstein für Klaus Busse
Stolperstein für Klaus Busse
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
KLAUS BUSSE
JG. 1939
EINGEWIESEN 4.1.1941
LANDESANSTALT
BRANDENBURG-GÖRDEN
ERMORDET 18.1.1941

Bildvergrößerung: Klaus Otto Busse
Klaus Otto Busse
Bild: Bildausschnitt aus der Patientenakte, BLHA

Klaus Otto Busse wurde am 16. Februar 1939 in Berlin geboren. Er stammte aus einer Arbeiterfamilie. Sein Vater war der Schriftsetzer Otto Busse, geboren am 23. Februar 1911 in Stargard, Pommern. Sein Großvater Paul Busse war Schlosser gewesen, im Krieg verwundet worden und seit 1934 infolge eines Schlaganfalls halbseitig gelähmt. Er war wohl kurz nach Ottos Geburt nach Berlin gekommen, da sein zweiter Sohn, Klaus’ Onkel Gerhard Busse, 1912 bereits in Berlin-Moabit zur Welt kam. Klaus’ Mutter Agnes Busse, geb. Makaffreh war in Delmenhorst (Niedersachsen) am 17. April 1902 als uneheliches Kind geboren worden. Ihre Mutter starb bei der Entbindung und Agnes wurde von Pflegeeltern aufgezogen. Sie wurde mit 16 Jahren Tänzerin, musste diesen Beruf aber 1933 aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Sie arbeitete daraufhin als Näherin in einem Konfektionsgeschäft, bis sie am 8. Januar 1938 den neun Jahre jüngeren Otto Busse heiratete. Das Paar wohnte mindestens seit 1940 in der Wielandstraße 4.

Diese und alle folgenden Informationen sind der Patientenakte von Klaus entnommen, die 1941 in der sog. „Kinderfachabteilung“ der Landesanstalt Brandenburg-Görden angelegt wurde. Die Daten stammen aus der „Sippentafel“, die dort aufgestellt wurde, um festzustellen, ob tatsächliche oder vermeintliche Behinderungen „Erbkrankheiten“ seien. Klaus sollte ein Opfer der menschenverachtenden NS-Ideologie werden, die Behinderte für „lebensunwert“ hielt, die es aus rassenhygienischen Gründen „auszumerzen“ gelte.

Klaus kam verfrüht im 8. Monat im Cäcilienkrankenhaus zur Welt. Wegen „allgemeiner Lebensschwäche“ wurde er schon am dritten Tag in die Kinderklinik Rüsternallee verlegt und dort drei Monate behalten. Es zeigte sich bald, dass Klaus sich nicht normal entwickelte. Erst spät fing er an den Kopf zu heben, mit fast zwei Jahren konnte er kaum aufrecht sitzen, und stehen „nur mit Unterstützung“. Er zeigte noch kein Wortverständnis, sprach selber so gut wie gar nicht. Er sei lange teilnahmslos gewesen, sagten die Eltern, würde aber nun seit kurzem auch lachen, greifen und mit Spielsachen spielen.

Ende April 1940 war Klaus wegen Fieber und „Ernährungsschwierigkeiten“ wieder in die Kinderklinik Rüsternalle gekommen. Ein grippaler Infekt wurde diagnostiziert und auskuriert, am 14. Mai wurde er entlassen. Die Diagnose enthielt aber noch einen verhängnisvollen Zusatz: „mongoloide Idiotie“. Im Bericht ist zu lesen: „Wir haben der Mutter mitgeteilt, daß es sich bei ihrem Kind um einen schweren Fall von mongoloider Idiotie handelt, und daß keinerlei Möglichkeiten einer Besserung des Befindens zu erwarten sei, das Kind hat deutliche Züge der Mongolen. Da auch der Verdacht meldepflichtig ist, werden wir das Kind zur Meldung bringen“. Und: „Zur Meldung gebracht am 16.5.40“.

Damit war Klaus ein sogenanntes „Reichsauschusskind“. Der „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“ war praktisch eine 1939 eingerichtete Tarnorganisation zur Durchführung zunächst der Kinder- und später auch der Erwachsenen-Euthanasie. Er war streng geheim und direkt bei der Kanzlei des Führers angesiedelt. Ab August 1939 war es für Ärzte und Hebammen Pflicht, „missgestaltete usw. Neugeborene“ und Kinder zu melden, angeblich zur „Klärung wissenschaftlicher Fragen“. Anhand der Meldebogen, ohne Kind oder Krankenakte gesehen zu haben, wurde in der Führer-Kanzlei von drei „Gutachtern“ des „Reichsausschusses“ entschieden, wer zur Tötung bestimmt war. Dazu wurden „Kinderfachabteilungen“ in bestehenden Anstalten eingerichtet, die erste im Oktober 1939 in der Landesanstalt Brandenburg-Görden, deren Leiter Hans Heinze nicht zufällig einer der drei „Gutachter“ war.

Am 4. Januar 1941 wurde Klaus Busse von seinen Eltern in die „Kinderfachabteilung“ in Brandenburg-Görden gebracht. Möglicherweise waren sie dazu schriftlich aufgefordert worden als Folge der „Meldung“ der Kinderklinik. Und sicherlich glaubten sie der Behauptung, dass Klaus in der „Fachabteilung“ die medizinisch bestmögliche Behandlung bekommen werde. Dort wurde zunächst die „Sippentafel“ angelegt. In Klaus’ Fall konnte lediglich festgestellt werden, dass die Mutter „sehr nervös und leicht erregbar“ sei und zu „Schwermut“ neige. Alle anderen – der Vater Otto Busse, dessen Eltern und Geschwister – seien „angeblich gesund“. Laut Anamnese vom 6.1. war Klaus physisch nicht weiter krank, auch seine Lunge war ohne Befund. Zwölf Tage später, am 18. Januar 1941, um 22:05 starb Klaus, laut Patientenakte an einer Lungenentzündung.

Ob Klaus tatsächlich an Trisomie litt oder aus anderen Gründen sich nur langsam entwickelte, können wir heute nicht feststellen. Die Patientenakte enthält widersprüchliche Angaben: einmal heißt es etwa „die Lidspalten sind schlitzförmig und schräg gestellt, der Gesichtsausdruck mongoloid“, dann wieder, dass „keine deutliche Mongolenfalte“ erkennbar sei. Eine Verhaltensbeschreibung erfolgte erst am 18. Januar, vermutlich unmittelbar vor der Ermordung. Fazit: er sei „intellektuell tiefstehend“, „etwa auf der Stufe eines 5-6 Monate alten Kindes“, und „motorisch erheblich rückständig“. Sehr wahrscheinlich wurde Klaus, wie auch andere Euthanasie-Opfer, mit einer Überdosis des Barbiturats Luminal getötet, das
häufig zu Atemlähmungen und Lungenentzündung führte. So konnte eine natürliche Todesursache behauptet werden.

Die Klinik ist heute das Asklepios Fachklinikum Brandenburg. Dort ist auch die Ausstellung „Die Landesklinik Görden 1933 bis 1945. Psychiatrie im Nationalsozialismus“ zu besichtigen.

Recherchen und Text: Dr. Micaela Haas.
Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Patientenakten der Landesanstalt Görden; Auskünfte des Asklepios Fachklinikums Brandenburg; Berliner Adressbücher; DGPPN Kinderfachabteilungen