Stolpersteine Wielandstraße 31

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Hausansicht Wielandstr. 31
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese Stolpersteine wurden am 21.05.2008 verlegt.

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Stolperstein für Ernst W. Ehrenreich
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
ERNST W. EHRENREICH
JG. 1925
VERHAFTET
POLIZEIGEFÄNGNIS BERLIN
TOT 30.12.1943

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Stolperstein für Wolf M. Ehrenreich
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
WOLF M. EHRENREICH
JG. 1880
DEPORTIERT 18.5.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Zeitungsinserat Ehrenreich
Bild: Archiv

Wolf Meier Ehrenreich wurde in Kissingen (ab 1883 Bad Kissingen) am 9. September 1880 geboren. Sein Vater war der jüdische Lehrer und Vorbeter Eliezar Lazarus Ehrenreich und kam in den 1870er Jahren mit seiner Frau Dinah, geb. Lonnerstädter von Autenhausen, wo schon sein Großvater „Vorsinger“ gewesen war, nach Kissingen. 1876 gründete er einen „Curmäßigen und streng religiösen Privatkosttisch“, aus dem sich das koschere Restaurant und spätere Hotel und Sanatorium Ehrenreich entwickelte, das noch bis Ende der 1920er Jahre von Wolf Meiers Schwester Rifka und ihrem Mann Emil Jeidel betrieben wurde. Wolf Meier hatte zwei Schwestern, Rifka und Miriam, und einen Bruder, Josua Moses, auch Max genannt. Drei weitere Geschwister starben im Kindes- oder Jugendalter, Wolf Meier war der jüngste der Überlebenden. Wolf Meier und seine Geschwister wurden streng religiös erzogen, die Mutter war Tochter eines Rabbiners aus Veitshöchheim, der Vater ja selber Lehrer und Gemeindekantor in Bad Kissingen. Das Hotel Ehrenreich war bei jüdischen Kurgästen als streng koscher sehr renommiert. 1892 starb Eliezar Lazarus, seine Frau führte das Haus weiter bis auch sie, am 12. November 1901, verstarb. Die „Geschwister Ehrenreich“ betrieben das Haus weiter, insbesondere, wie erwähnt, Rifka Ehrenreich, die 1903 Emil Jeidel heiratete. Unklar bleibt, inwieweit auch Wolf Meier am Hotel beteiligt war.

Wolf Meier erhielt eine kaufmännische Ausbildung. Er diente im Ersten Weltkrieg, brachte es zum Unteroffizier und kehrte Ende Dezember 1918 nach Bad Kissingen zurück. Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits in Berlin Margarete Hoffmann kennen gelernt, denn diese trat bereits 1915 aus Anlass der Verlobung zum jüdischen Glauben über. Margarete Hoffmann stammte aus Breslau, war Lehrerin und lebte seit 1912 in Berlin, vermutlich allein. Eine gute Woche nach Wolf Meiers Rückkehr, am 6. Januar 1919, meldete er sich nach Berlin ab und am 27. März 1919 heiratete das Paar. Sie bezogen eine Wohnung im Gartenhaus, IV. Stock, der Wielandstraße 31. Am 30. Dezember 1919 bekamen sie eine Tochter, die sie nach der Großmutter Dina nannten. Erst 1925 folgte das zweite Kind, Ernst Wilhelm. Die Kinder wurden jüdisch-religiös erzogen.

1920 meldete Wolf Meier die Handelsgesellschaft „Friedemann und Ehrenreich“ an, bald darauf in Ehrenreich & Co. umbenannt. Friedemann blieb jedoch Gesellschafter. Es sollte sich um „Import und Export Waren aller Art“ handeln, Geschäftsräume in der Köpenicker Straße 44. 1929, vermutlich infolge der Weltwirtschaftskrise, wurde das Engros-Geschäft aufgegeben und Wolf Meier Ehrenreich beschränkte sich auf Vertretungen. Er arbeitete für vier Firmen, die Toilettenartikel – z.B. Haarnetze – herstellten. Die Geschäftsräume wurden aufgegeben und alles in der Wielandstraße 31 abgewickelt. 1934 zog die Familie im gleichen Haus vom Gartenhaus in den Seitenflügel, möglicherweise in eine bescheidenere Wohnung, denn seit Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Leben für Juden im Allgemeinen und für jüdische Selbständige im Besonderen zunehmend schwieriger. Neben wirtschaftlichen und sozialen Diskriminierungen wurde auch Druck auf das Ehepaar ausgeübt, sich scheiden zu lassen, da Margarete (eigentlich) „Arierin“ sei. Nach den Pogromen im November 1938 konnte Wolf Meier knapp einer Verhaftung entgehen, musste aber seine Vertretungen niederlegen. Nun beschloss das Ehepaar – Wolf Meier habe darauf bestanden – sich scheiden zu lassen, in der Annahme, so ihre Kinder besser schützen zu können und den Unterhalt der Familie zu sichern, indem Margarete die Vertretungen fortführte. Gleichzeitig betrieben sie die Auswanderung, ein Schwager, Bruder von Max Ehrenreichs Frau Elfriede, bürgte für sie. Sie bekamen aber zunächst kein Visum.

Die Ehe wurde am 16. Dezember 1938 geschieden, Margarete trat aus der Jüdischen Gemeinde aus und nahm wieder ihren Mädchennamen an. Dass die Scheidung eine fatale Fehlentscheidung war, begriffen sie erst später. Zunächst führte Margarete zwei Vertretungen weiter, Wolf Meier wohnte weiterhin in der Wielandstraße, nahm sich aber bald anderweitig zur Tarnung wechselnde möblierte Zimmer. Dina, die im Januar eine Ausbildung als künstlerische Photographin begonnen hatte, musste diese aufgeben, als ihr (jüdischer) Betrieb im November des Jahres aufgelöst wurde. Ihr gelang im April 1939 als Hausmädchen nach England auszuwandern. Der Versuch, für Ernst eine Auswanderung nach Palästina im Rahmen der Hachschara (Hachschara = „Vorbereitung, Tauglichmachung“) zu organisieren, scheiterte, da Ernst für zu schwächlich befunden wurde.

1940 wurde Wolf Meier zur Arbeit zwangsverpflichtet, er konnte bei der Reichsvereinigung der Juden unterkommen, und arbeitete erst in der Kleiderkammer, dann in der Friedhofsverwaltung und später als Pförtner in dem Sammellager Große Hamburger Straße 26. Als Ehrenreichs endlich ein Visum für Kuba bekamen, von wo sie in die USA weiterzukommen gehofft hatten, war bereits – seit Oktober 1941 – jegliche Auswanderung verboten. Ernst, der als fröhlicher, Jazz-begeisterter Jugendlicher geschildert wird – er spielte selbst Schlagzeug -, kümmerte sich möglichst wenig um die Verbote für Juden, weigerte sich auch den ab September 1941 vorgeschriebenen Stern zu tragen. Er begann eine Schlosserausbildung, wurde aber 1942, mit 17 Jahren, zwangsverpflichtet bei dem Elektrogerätehersteller Ehrich & Graetz in Treptow, wo er, wie Zwangsarbeiter in anderen Rüstungsbetrieben auch, bei geringerem Lohn als Nichtjuden und unter schärfster Kontrolle zu arbeiten hatte.

Anfang März 1943 suchte die Gestapo Wolf Meier Ehrenreich vergeblich an seiner damaligen offiziellen Adresse, Speyerer Straße 10, nachdem seine Vermieterin, Gertrud Chodziesner (die unter dem Pseudonym Gertrud Kolmar bekannte Schriftstellerin), bereits am 2. März deportiert worden war. Da er nicht mehr durch seine nicht-jüdische Ehefrau geschützt war, war auch er zur Deportation bestimmt. Die Gestapo fand ihn dann doch am 12. März, und zwar in der Wielandstraße 31, wo er „zu Besuch“ war, und verhaftete ihn. Er kam in ein Sammellager und musste die sogenannte „Vermögenserklärung“ ausfüllen, die die Oberfinanzdirektion dazu in die Lage versetzen sollte, den jüdischen Besitz zu beschlagnahmen. Wolf Meier Ehrenreich hatte jedoch kein Vermögen, eine spätere offizielle Schätzung seiner Habe blieb „erfolglos“. Er gab an, bei der Jüdischen Kultusvereinigung angestellt zu sein, vielleicht der Grund, weshalb er erst noch zwei Monate als „Ordner“ in verschiedenen Sammellagern eingesetzt wurde: in der Gerlachstraße, in der Großen Hamburger Straße 26, und schließlich in der Auguststraße 17. Von dort aus wurde er am 18. Mai 1943 mit weiteren 99 Juden nach Theresienstadt deportiert.

In Theresienstadt, dass die Nationalsozialisten seit diesem Monat nicht mehr „Altersghetto“ nannten, sondern, etwas neutraler aber auch irreführend, „Jüdisches Siedlungsgebiet“, herrschten nach wie vor katastrophale Lebensumstände. Hunger, Kälte, Raumnot, Krankheiten und Seuchen rafften viele Insassen dahin. Wolf Meier konnte sich über Wasser halten, nicht zuletzt dank der regelmäßigen Pakete, die Margarete ihm schickte und die er jeweils mit einer Postkarte quittierte. Die letzte dieser Postkarten, die Margarete erhielt, war am 26. Oktober 1944 datiert. Als sie sie bekam, war Wolf Meier möglicherweise nicht mehr am Leben: am 28. Oktober 1944 wurde er weiter nach Auschwitz deportiert. Von den 2056 mit ihm Verschleppten wurden 217 Männer und 132 Frauen zur Arbeit bestimmt. Alle anderen wurden am Ankunftstag, den 30. Mai, in den Gaskammern ermordet. Das genaue Datum von Wolf Meiers Tod ist nicht bekannt, aber es darf bezweifelt werden, ob er, 64-jährig und von fast 1 ½ Jahren Konzentrationslager sicherlich geschwächt, als „arbeitsfähig“ betrachtet wurde. Er gehörte jedenfalls nicht zu den 169 Überlebenden.

Kurz vor der Verhaftung Wolf Meiers, am 27. Februar 1943, wurden in einer reichsweiten Aktion alle noch in deutschen Betrieben arbeitenden Juden direkt am Arbeitsplatz verhaftet. Diese sogenannte „Fabrikaktion“ fand auch bei Ehrich & Graetz statt, Ernst wurde mit den anderen festgenommen. Als „Geltungsjude“, d.h., nach den NS-Bezeichnungen, jemand, der zwar ein nichtjüdisches Elternteil hatte aber jüdisch-religiös erzogen war, wurde er in der Rosenstraße 2-4 festgehalten, wo auch Ehepartner aus „Mischehen“ interniert waren. Frauen und Angehörige – Margarete war auch sicherlich dabei – sammelten sich in spontanem Protest vor dem Gebäude und verlangten über mehrere Tage die Freilassung ihrer Ehepartner und Kinder. Schließlich wurden nach und nach alle entlassen, auch Ernst. Wie alle anderen bekam er gleich eine neue Zwangsarbeit zugewiesen, diesmal sollte er im Jüdischen Krankenhaus die Leichen von Selbstmördern in den Kühlraum verlagern. Er verweigerte diese Arbeit und meldete sich auch erst nach einiger Zeit beim jüdischen Arbeitsamt – ein Protest, der offenbar zunächst ohne Folgen blieb. Ende April 1943 musste er dann bei der Abrissfirma Christian Fortmann antreten. Laut seiner Mutter, überstieg die dortige Arbeit die Kräfte des Jugendlichen um einiges.

Während einer Abwesenheit von Margarete beherbergte Ernst zwei untergetauchte jüdische Mädchen in der Wohnung in der Wielandstraße 31. Die Gestapo bekam Wind davon, vermutlich durch eine Denunziation, und verhaftete die drei am 30. Juni 1943. Ernst kam ins Polizeigefängnis am Alex und wurde Mitte Juli zunächst in das Jugenderziehungslager Großbeeren eingeliefert, dann in das bei Wartenburg. Von dort kam er am 1. Oktober wieder in das Polizeigefängnis. Margarete erhielt keine Sprecherlaubnis, sie durfte ihm lediglich frische Wäsche bringen. Zwischen Weihnachten und Neujahr sagte man ihr, er sei krank. Am 29. Dezember 1943 wurde Ernst Ehrenreich bewusstlos in das Jüdische Krankenhaus eingeliefert, noch in der Nacht, um 2:00 Uhr, verstarb er. Unklar bleibt, ob er an im Arbeitslager zugezogenem Hungertyphus oder an Misshandlungen im Polizeigefängnis starb – oder an beidem. Sein „Nachlass“, eine lädierte Brille und etwas Wäsche, sollte verrechnet werden mit den Kosten der Behandlung (17.- RM) und des Begräbnisses (270.- RM). Nachdem die Oberfinanzdirektion das „Vermögen“ hatte schätzen lassen („1 Posten gebrauchte Garderobe 10.- RM“), und Margarete bereit war, die Forderungen des Krankenhauses zu begleichen, wurden die Sachen nach über einem halben Jahr „freigegeben an die arische Mutter“.

Nach dem Krieg versuchte Margarete Hoffmann vergeblich, die Scheidung rückgängig zu machen. 1948 trat sie wieder in die Jüdische Gemeinde ein. Noch in den 1950er Jahren wohnte sie in der Wielandstraße 31, 1965 starb sie in Berlin. Ihre Tochter Dina heiratete in England einen jüdischen Emigranten. Wolf Meiers älteste Schwester Rifka war bereits 1929 gestorben, ihr Mann zwei Jahre zuvor. Ihre vier Kinder überlebten alle. Die jüngere Schwester Miriam hatte schon Anfang des Jahrhunderts nach London geheiratet. Bruder Max und seine Frau Elfriede geb. Wolkiser, beide Ärzte, die im Sommer in Bad Kissingen und im Winter in Berlin tätig waren, konnten 1939 mit ihren beiden Söhnen in die USA flüchten. Für Gertrud Kolmar bzw. Chodziesner, Wolf Meiers Vermieterin in der Speyerer Straße, liegt ein Stolperstein in Schöneberg vor der Münchener Straße 18 a.

Recherchen und Text: Dr. Micaela Haas. Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Informationen des Stadtarchivs Bad Kissingen; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; Aubrey Pomerance (Hrsg.): Jüdische Zwangsarbeiter bei Ehrich & Graetz, Berlin-Treptow, Köln 2003

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Stolperstein für Margarete Freund
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
MARGARETE FREUND
GEB. GOLDHAMMER
JG. 1893
DEPORTIERT 14.4.1942
WARSCHAU
ERMORDET

Cäcilie Margarete Freund s Mädchenname war Goldhammer, Margarete war der Rufname. Sie wurde am 1. März 1893 in Gleiwitz, Schlesien, (heute polnisch Gliwice) geboren. Ihr Vater Emil Goldhammer betrieb dort ein Mehlprodukte- und Getreidegeschäft in der Gleiwitzer Nikolaistraße. Die Mutter Amalie war eine geborene Nothmann. Margarete wuchs in Gleiwitz auf, vermutlich 1919 heiratete sie den acht Jahre älteren Eugen Freund aus Heiduck bei Beuthen. Die Familien Nothmann und Freund, beide aus dem Gebiet Gleiwitz/Beuthen, hatten viele Kontakte untereinander und es ist denkbar, dass Margarete und Eugen sich von Familienfeiern her kannten.

Eugen Freund war Mathematik-, Physik- und Chemielehrer, 1909 hatte er sein Staatsexamen in Breslau gemacht und spätestens 1919 ließ er sich mit seiner jungen Frau in Oppeln (heute Opole) nieder, wo er als Studienrat, später als Oberstudienrat, am Oberrealgymnasium lehrte. Am 26. September 1920 kam die Tochter Marianne zur Welt, am 9. Dezember 1921 der Sohn Hans Hermann. In den 1920er Jahren wohnte die Familie in der Moltkestraße 17.

1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, musste Eugen Freund als Jude seine Stelle infolge des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verlassen. Er wurde nach Patschkau an der tschechischen Grenze versetzt (heute Paczków). Drei Jahre später, 1936, wurde er aus dem Schuldienst genommen, aber noch in Breslau an der Universitätsbibliothek in der Orientalischen Abteilung beschäftigt. Schon Ende des Jahres 1936 jedoch versetzte man den erst 51-jährigen in den Ruhestand. Eugen Freund zog abermals mit seiner Familie um, diesmal nach Berlin, wo er eine Wohnung in der Richard-Wagner-Straße 5 und eine Anstellung an der Privatschule der Jüdischen Gemeinde in der Wilsnacker Straße fand. Nach dem Pogrom vom 9./10. November 1938 aber wurde er von der Gestapo gesucht und tauchte mit seinem 16 Jahre alten Sohn unter, bis die Gestapo, die zunächst zweimal täglich in der Richard-Wagner-Straße nach ihm fragte, von ihm abließ. Diese Ereignisse nahmen Eugen Freund physisch und psychisch so stark mit, dass er ein Magengeschwür und einen Magendurchbruch erlitt. Er wurde im Jüdischen Krankenhaus operiert, aber eine Lungenentzündung kam hinzu und am 18. Dezember 1938 starb Eugen Freund im Krankenhaus. Er wurde in Weißensee bestattet.

Nach dem Tod ihres Mannes zog Margarete Freund mit ihren beiden Kindern zur Untermiete bei Wilhelm Herzfeld in die Wielandstraße 31. Wie viele durch die letzten Verfolgungen aufgeschreckt, betrieb sie jetzt die Ausreise ihrer Kinder: am 3. Mai 1939 konnte Hans Hermann mit einem Kindertransport nach England flüchten. Drei Wochen später, am 24. Mai, schiffte sich Marianne in Holland nach Australien ein. Eine Ausreise auch für Margarete war inzwischen schier unmöglich. Zahlreiche finanzielle Einschränkungen und Sonderabgaben, wie etwa die „Reichsfluchtsteuer“ oder die „Sühneabgabe“, und weitgehende Deviseneinschränkungen machten eine Emigration von Erwachsenen kaum finanzierbar. Hinzu kamen die Schwierigkeiten, ein Visum zu erhalten, da mittlerweile fast alle Quoten von Aufnahmeländern ausgeschöpft waren.

Margarete blieb also zunächst in der Wielandstraße 31 und trotzte den immer schwereren Lebensbedingungen für Juden. Durch die „Siebente Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ vom 5. Dezember 1938 war ihre Witwenpension reduziert worden. Im März 1939 musste sie allen Schmuck und Silbergegenstände abliefern. Besuche von Kinos, Theatern, Konzerten usw. waren ihr verboten. Das waren nur einige der vielen antisemitischen Maßnahmen des Regimes. Margarete sah sich auch genötigt, sehr wahrscheinlich unter Zwang, noch einmal umzuziehen: ab November 1940 wohnte sie zur Untermiete bei Ludwig und Marta Lilienfeld in der Meinekestraße 24. Schließlich wurde sie auch zur Zwangsarbeit herangezogen, und zwar bei der Firma Nora-Radio, ein ehemals jüdischer Betrieb – Aronwerke, von Hermann Aron 1885 gegründet und 1935 zwangsweise unter Wert an Siemens verkauft, eine sogenannte „Arisierung“.

Anfang März 1942 wurde Margarete Freund mitgeteilt, dass sie zur „Abwanderung“ vorgesehen sei und eine Vermögenserklärung auszufüllen habe. Diese unterschrieb sie am 14. März, ihr ganzes „Vermögen“ bestand aus einigen Kleidungsstücken und rund 200 RM. Unterschreiben musste sie auch eine Erklärung des Wortlauts:

Mir ist eröffnet worden, dass mein gesamtes Vermögen als beschlagnahmt gilt.[…] Es ist mir bekannt, dass Nachprüfung noch vor dem Abtransport vorgenommen wird und dass ich bei Verstoß gegen diese Anordnung auf keine Nachsicht zu rechnen habe.“

Mit irgendwelcher Nachsicht konnte Margarete sowieso nicht mehr rechnen. Sie wurde in ein Sammellager gebracht, wahrscheinlich die ehemalige Synagoge in der Levetzowstraße 7/8, und am 14. April vom Bahnhof Grunewald aus mit bis zu 1000 anderen Opfern aus Berlin, Potsdam und anderen Brandenburger Orten in das Warschauer Ghetto deportiert.

Dieses Ghetto wurde Mitte 1940 von den deutschen Besatzern in der Warschauer Altstadt eingerichtet und durch eine hohe Mauer und Wachposten isoliert. Juden aus Warschau und anderen polnischen Regionen wurden hier zusammengepfercht. 1942 wurden auch Juden aus dem „Altreich“ dorthin deportiert. Ein von den Deutschen eingesetzter und ihnen vollkommen unterstellter „Judenrat“ täuschte Selbstverwaltung vor. Überfüllung, Hunger und Seuchen bestimmten die Lebensbedingungen. Etwa 500000 Menschen mussten auf engstem Raum zusammenleben, 6-7 Leute hatten sich ein Zimmer zu teilen. Die Nahrungsmittelrationen betrugen 184 Kalorien pro Tag und Kopf (für Polen 634, für Deutsche 2310), Flecktyphus und andere Krankheiten machten die Runde. Zudem war Zwangsarbeit an der Tagesordnung. Margarete Freund wurde hier in die Gartenstraße 27 eingewiesen.

Die letzte Nachricht ihrer Mutter, die Marianne Freund in Melbourne erhielt, war auf den 21. Juni 1942 datiert – ein paar knappe Zeilen in einem Rotkreuz-Brief (höchstens 25 Worte waren erlaubt):

Seit 16. April hier. Gesund hoffentlich Ihr auch. Bemühe mich – durchzuhalten. Gedenke Eurer. […] Gretel.

Bildvergrößerung: Nachricht an die die Tochter Marianne
Nachricht an die die Tochter Marianne
Bild: Familienarchiv

Margaretes weiteres Schicksal ist nicht dokumentiert. Ab Juli 1942 wurden die Ghettobewohner weiter in Vernichtungslager deportiert, vor allem nach Treblinka. Falls Margarete Freund tatsächlich durchhalten konnte und nicht an den menschenunwürdigen Lebensbedingungen umkam, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch sie in Treblinka ermordet wurde. Ein weiteres Lebenszeichen von ihr bekamen ihre Kinder nicht mehr.

Marianne Freund heiratete in Melbourne, Hans konnte, nachdem er bei Kriegsbeginn in England interniert worden war, schließlich auch nach Australien weiter emigrieren. Margaretes letzte Vermieter, Ludwig und Marta Lilienfeld, wurden am 26. September 1942 deportiert und in Raasiku bei Reval ermordet. Bei der Räumung ihrer Wohnung befand sich die „beschlagnahmte“ Habe von Margarete Freund in einem einzigen versiegelten Koffer. Nach dem Krieg scheiterte ihre Tochter daran, herauszufinden, wo der Rest der Einrichtung ihrer ursprünglich 5 Zimmer großen Wohnung geblieben war.

Recherchen und Text: Dr. Micaela Haas, Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Adressbücher von Berlin, Gleiwitz und Oppeln; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion

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Stolperstein für Rosa Hirschweh
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
ROSA HIRSCHWEH
GEB. JAKOBSBERG
JG. 1870
DEPORTIERT 25.1.1942
RIGA
ERMORDET

Rosa Hirschweh wurde als Rosa Jacobsberg (meistens mit c geschrieben) am 27. September 1870 in Zinten nahe Königsberg geboren. Heute heißt der Ort Kornewo und liegt im Südwesten der russischen Exklave Kaliningrad. Dokumentiert ist in Zinten, seinerzeit eine Stadt mit über 3000 Einwohnern, eine Familie Jacobsberg. Wolff Jacobsberg – vielleicht Rosas Großvater, vielleicht ein Onkel – gründete dort 1862 ein Kaufhaus, Am Markt 16/17. Max Jacobsberg führte das Geschäft schon in den 1870er Jahren weiter, bis es 1938 unter den Nationalsozialisten „arisiert“ wurde. In Berliner Adressbüchern tauchte erst 1885 ein Zacharias Jacobsberg auf, mit einer Kleiderhandlung in der Anhaltinischen Straße 15. Man kann vermuten, dass dies Rosas Vater war, inzwischen mit seiner Familie nach Berlin übergesiedelt. Zu diesem Zeitpunkt war Rosa 15 Jahre alt. Ebenfalls in Berlin lebte ein gewisser Simon Hirschweh, von Beruf „Reisender“, das heißt, Handelsvertreter. Vielleicht lernte er über Geschäftsbeziehungen zu Zacharias Jacobsberg dessen Tochter kennen, einige Jahre später jedenfalls, am 22. März 1890 oder 1891, heiratete Rosa den acht Jahre älteren Simon. Simon Hirschweh hatte ein Manufakturwarengeschäft in der Landsberger Straße 21, wo das Paar wohl auch zunächst wohnte. Schon bald bezogen sie aber eine vom Laden getrennte Wohnung in der gleichen Straße Nr. 15. Am 4. Januar 1893 wurde ihre Tochter Gertrud geboren, ein Jahr später, am 7. Januar 1894, kam Curt Hirschweh zur Welt. Hirschwehs zogen in eine vermutlich größere Wohnung, ein paar Häuser weiter in die Nr. 35.

Mit Beginn des Krieges gab Simon den Laden auf und zog 1915 mit Frau und Sohn nach Charlottenburg, in die Mommsenstraße 10. Gertrud hatte bereits 1913 geheiratet und lebte in Königsberg. Simon bezeichnete sich nun als Handelsvertreter. Auch Curt ließ sich ins Adressbuch eintragen, Beruf: Pressefachmann. Im März 1932 starb Simon Hirschweh, und 1934 zog Rosa mit Curt in eine 3-Zimmer-Wohnung in der Wielandstraße 31. 1941 schrieb Curt: „Meine Mutter ist schwer nervenleidend und körperbehindert und wird von mir betreut um nicht jeden Moment in Gefahr zu geraten“. Unklar bleibt, seit wann Rosa betreuungsbedürftig war.

Die Lebensumstände für Juden im nationalsozialistischen Deutschland wurden durch antisemitische Verordnungen und Propaganda zusehends schwieriger, besonders sicherlich für Menschen mit einer Behinderung. Curt wird 1937 letztmalig im Adressbuch aufgeführt, obwohl er mit seiner Mutter weiterhin in der Wielandstraße wohnte. Sicherlich gab es für einen jüdischen Werbefachmann und Journalisten kaum mehr Erwerbsmöglichkeiten. Er und seine Mutter konnten sich Dank des Vermögens von Simon Hirschweh und eines nach Uruguay ausgewanderten Bruders von Rosa, Conrad Jacobsberg, über Wasser halten, obwohl nach dem Pogrom vom November 1938 die Einschränkungen für Juden noch drastisch verschärft wurden. Im März 1939 musste Rosa Schmuck und Silbersachen mit Ausnahme von Trauringen und Essbesteck (zwei vierteilige Bestecke pro Person) in der Pfandleihstelle Jägerstraße abgeben. Sie erhielt 600.- RM, der tatsächliche Wert wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von einem Sachverständigen auf 4560 DM geschätzt. Tochter Gertrud erhielt diesen Betrag nach dem Krieg von der Wiedergutmachungsbehörde ausgezahlt.

Curt wurde nicht wie andere Juden zur Zwangsarbeit herangezogen, da er seine Mutter betreuen musste. Ende Dezember 1941 aber hatten beide die „Vermögenserklärung“ auszufüllen, die der Vorbote der Deportation war. Aus ihr ist zu entnehmen, dass Rosa und Curt, im Unterschied zu anderen ihrer Leidensgenossen, noch vergleichbar viel Geschirr, Wäsche und Kleidung besaßen sowie auch einige Hundert Reichsmark Bargeld. All das mussten sie kurz darauf zurücklassen, als sie Anfang Januar in der als Sammellager missbrauchten Synagoge in der Levetzowstraße 7/8 interniert wurden. Als sechs Wochen später ihr Besitz von der Oberfinanzdirektion geschätzt wurde, musste die Liste bereits berichtigt werden, da etliches, vor allem Kleidungsstücke, „fehlte“. Ob sich Beamte oder Nachbarn „bedient“ hatten, lässt sich heute natürlich nicht mehr feststellen. Der Erlös, den sich die Reichskasse schließlich einverleibte, wurde auf 1785 RM festgesetzt.

Rosa und Curt Hirschweh wurden von dem Sammellager aus am 25. Januar 1942 zum Bahnhof Grunewald gebracht und dort vom Gleis 17 mit 1042 anderen Opfern in das Ghetto von Riga deportiert. Das Ghetto Riga war von den Deutschen nach der Einnahme der Stadt im Juli 1941 eingerichtet worden. Fast 30000 lettische Juden waren dort auf engstem Raum und unter erbärmlichen Bedingungen eingepfercht. Ende November und Anfang Dezember des Jahres ließ die SS über 90% von ihnen ermorden – um Platz für die zu deportierenden „Reichsjuden“ zu schaffen. Die Menschen in dem ersten Zug aus Berlin, der am 30. November ankam, wurden alle ebenfalls sofort erschossen, eine „Eigenmächtigkeit“ des SS-Führers Friedrich Jeckeln, die ihm eine Rüge von Himmler einbrachte. Himmler hatte dieses Schicksal nur „Arbeitsunfähigen“ zugedacht.

Curt und Rosas Zug erreichte Riga am 30. Januar. Wir wissen nicht, ob Rosa dort überhaupt lebend ankam, denn der Zug bestand aus ungeheizten Güterwagen und viele Insassen erfroren bereits auf der Fahrt. Zahlreiche andere, zumal arbeitsunfähige, zu denen sie sicherlich gezählt wurde, wurden bei Ankunft erschossen. Rosa Hirschweh war 71 Jahre alt.

Der 48-jährige Curt Hirschweh, der die Ermordung seiner Mutter erleben musste, wurde wohl „verschont“, da es noch im Juni 1943 ein letztes Lebenszeichen von ihm gegeben haben soll. Das Leben im Ghetto war aber sehr hart: Zu sechst hatten sie sich zwei Zimmer zu teilen, überall sah man noch Spuren der Massenermordung der lettischen Juden. Ernährung und Hygiene waren katastrophal, im Winter gab es kein Wasser, da die Rohre eingefroren waren. Zudem wurden die Insassen zu harter Zwangsarbeit herangezogen. Von den 1044 Deportierten, die am 25. Januar 1942 Berlin verlassen hatten, überlebten nur 13. Curt Hirschweh war nicht unter ihnen. Sein Todesdatum ist unbekannt.

Text: Dr. Micaela Haas. Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Link zu: Stolperstein für Curt Hirschweh
Stolperstein für Curt Hirschweh
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
CURT HIRSCHWEH
JG. 1894
DEPORTIERT 25.1.1942
RIGA
ERMORDET

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Stolperstein für Arnold Hoffmann
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
ARNOLD HOFFMANN
JG. 1875
DEPORTIERT 13.1.1942
RIGA
ERMORDET

Arnold Hoffmann wurde am 1. März 1875 in Kempen i. Posen (polnisch Kepno) geboren. Es ist nicht bekannt, wann er nach Berlin kam. Im Berliner Adressbuch ist der Nachname Hoffmann sehr häufig, mehrere davon haben den Vornamen Arnold, aber nur einer von diesen ist Kaufmann – in einer späteren Quelle wird Arnold Hoffmann als Kaufmann bezeichnet. Demnach war er erstmalig als Hauptmieter 1908 eingetragen, in der Gleditschstraße 36. Da war er 33 Jahre alt. Vielleicht wohnte er vorher schon in Berlin in Untermiete oder bei den Eltern, möglicherweise nahm er sich eine eigene Wohnung, weil er geheiratet hatte. Ein Jahr später war er in die Rosenheimer Straße 7 gezogen, wo er 28 Jahre lang bleiben sollte.

1937 gab er die eigene Wohnung auf. Vermutlich zog er in diesem Jahr als Untermieter bei Wilhelm Herzfeld in der Wielandstraße 31 ein. Der Anlass ist nicht dokumentiert, vielleicht war er verwitwet, vielleicht waren es finanzielle Gründe. 1937 waren die Nationalsozialisten bereits vier Jahre an der Macht und hatten schon zahlreiche Verordnungen auf den Weg gebracht, die Juden das Leben, vor allem das berufliche, empfindlich erschwerten. So mag auch er gezwungen gewesen sein, sich einzuschränken. Mit Sicherheit wohnte er 1939, zum Zeitpunkt der Volkszählung vom 17. Mai, in der Wielandstraße 31 bei Herzfeld. Bei dieser Volkszählung, die nach den Pogromen vom 9. November 1938 erfolgte, wurden Juden gesondert auf Ergänzungskarten registriert, mit Angaben darüber, wie viele jüdische Großeltern sie hatten. Obwohl das Statistikgeheimnis zugesichert wurde, kann man sich denken, dass diese Kartei für die Judenverfolgung missbraucht wurde, z.B. bei der Zwangsverpflichtung zur Arbeit. Für die Vorbereitungen der Deportationen wurde die Kartei allerdings zu spät ausgewertet.

Nicht belegt, aber sehr wahrscheinlich wurde auch Arnold Hoffmann zur Zwangsarbeit herangezogen. Er musste zudem wieder umziehen, in das Nachbarhaus Wielandstraße 30, bei der Pflegerin Lotte Meyer. Der Grund war vielleicht, dass Herzfeld emigrierte, denn auch Margarete Freund, die bei ihm ebenfalls Untermieterin war, musste im November 1940 umziehen (siehe ihre Biografie). Wilhelm Herzfeld ist jedenfalls erfreulicherweise auf keiner Opfer-Gedenkliste aufgeführt.

Arnold Hoffmann wurde genötigt, noch ein drittes Mal in Untermiete zu gehen: als er im Januar 1942 zur Deportation abgeholt wurde, wohnte er in der Passauer Straße 8/9. Er wurde zunächst in die als Sammellager missbrauchte Synagoge in der Levetzowstraße 7/8 gebracht. Von dort mussten er und andere am 13. Januar 1942 zum Bahnhof Grunewald. Nur Kinder und Kranke wurden in Lastwagen transportiert, alle anderen mussten den langen Weg durch Berlin in unübersehbaren Kolonnen zu Fuß zurücklegen. In Grunewald wurde Arnold Hoffmann mit über 1000 weiteren Juden vom Gleis 17 aus in das Ghetto von Riga deportiert.

Die Lebensbedingungen im Ghetto waren besonders erbärmlich. Wohnungsenge, Hunger, Kälte und katastrophale hygienische Umstände bestimmten den Alltag. Hinzu kam harte Zwangsarbeit. Wir wissen nicht, wie lange der fast 67-jährige Arnold Hoffmann das Dasein im Ghetto überlebte. Möglicherweise wurde er ein Opfer der besonders zynischen „Aktion Dünamünde“, die von Februar bis April 1942 stattfand. Die NS-Schergen behaupteten, Arbeitskräfte würden in einer Fischfabrik in Dünamünde benötigt, wo die Arbeit leichter und die Arbeitsbedingungen besser seien. Sogar Freiwillige meldeten sich. „Dünamünde“ aber existierte nicht und die Fischfabrik auch nicht. Die so getäuschten oder nicht voll Arbeitsfähigen, die dorthin sollten oder wollten, wurden auf einem nahen Gelände ermordet. Arnold Hoffmann kam entweder dabei oder im Ghetto selbst ums Leben. Sein Todesdatum ist nicht bekannt.

Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

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Stolperstein für Gertrud Müller
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
GERTRUD MÜLLER
GEB. HIRSCHFELD
JG. 1885
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET 22.10.1942

Gertrud Müller wurde am 17. Juni 1885 in Breslau als Gertrud Hirschfeld geboren. Da um diese Zeit mehrere Familien Hirschfeld in Breslau wohnten, können wir nicht wissen, wer genau ihre Eltern waren. Auch über ihr weiteres Leben haben wir leider nur sehr spärliche Informationen. So wissen wir nicht, wann sie nach Berlin kam, ob mit ihrer Familie oder allein oder verheiratet. Wir wissen auch nichts über den Herrn Müller, den sie heiratete. Belegbar ist nur, dass sie 1934, als sie eine Wohnung in der Wielandstraße 31 mietete, verwitwet war.

Gertrud Müllers Ehemann blieb also die Verfolgung der Juden unter den 1933 an die Macht gekommenen Nationalsozialisten erspart. Nicht so Gertrud Müller. Allein vom 1. April 1933 bis 14. September 1935 wurden 637 antijüdische Maßnahmen erlassen, über 580 weitere bis Anfang November 1938. Juden mussten nicht nur empfindliche Berufseinschränkungen erleiden, auch in ihrem Privatleben wurden sie zunehmend diskriminiert. Die Lage verschärfte sich noch drastisch nach dem Pogrom vom 9./10. November 1938. Zahlreiche neue Verordnungen hatten zum Ziel, Juden völlig aus dem öffentlichen Leben verschwinden zu lassen, während ihnen gleichzeitig eine Auswanderung praktisch unmöglich gemacht wurde. Sie wurden entrechtet und gedemütigt, durften keine Kulturveranstaltungen mehr besuchen, bestimmte Straßen und Bezirke gar nicht mehr betreten, zu festgelegten Zeiten überhaupt nicht aus dem Haus, nur zu bestimmten Zeiten einkaufen. Wertsachen mussten sie abgeben, Radio und Telefon wurden beschlagnahmt, über ihr Vermögen konnten sie nicht mehr frei verfügen und vieles mehr.

Gertrud Müller wird sicherlich nicht entgangen sein, dass ab Ende 1941 immer mehr Juden in ihrer auch unmittelbaren Umgebung zur erzwungenen „Abwanderung“ abgeholt wurden, ein Euphemismus für Deportation. Nicht wenige entzogen sich durch Flucht in den Tod, andere suchten ein Überleben, indem sie untertauchten. Von Letzteren wiederum wurden viele durch Denunziationen von der Gestapo aufgespürt und verhaftet. Dies war möglicherweise auch das Schicksal von Gertrud Müller, denn, als sie am 19. Oktober 1942 mit 959 weiteren Opfern vom Moabiter Bahnhof aus nach Riga verschleppt werden sollte, war sie nicht zu Hause, sondern im Polizeigefängnis, wie lange schon, wissen wir nicht. Auffallend viele Verhaftete aus dem Polizeigefängnis – etwa 35 – findet man auf den Deportationslisten dieses Zuges.

Die meisten der bereits Ende 1941/Anfang 1942 nach Riga Deportierten waren in das Ghetto Riga eingeliefert worden, wo unsäglich schlechte Bedingungen herrschten. Bei den „Transporten“ ab Mitte August war aber gar nicht mehr vorgesehen, die Menschen in das Ghetto zu bringen. Zwar war das angebliche Ziel auch des Zuges vom 19. Oktober 1942 das Ghetto in Riga, dorthin gelangte jedoch nur das Gepäck der Deportierten. Die Menschen selbst wurden – bis auf wenige am Bahnhof Riga-Skirotava herausgesuchte männliche Handwerker – nach der dreitägigen Reise sofort in den umliegenden Wäldern von Rumbula und Bikernieki ermordet. Der 22. Oktober 1942 wurde der Todestag auch für Gertrud Müller.

Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Link zu: Stolperstein für Marta Schmeidler
Stolperstein für Marta Schmeidler
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
MARTA SCHMEIDLER
GEB. ALTONA
JG. 1877
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Marta Schmeidler wurde als Marta Altona am 15. Mai 1877 in Marienwerder/Westpreußen (heute polnisch Kwidzyn) südlich der Danziger Bucht geboren. Sie lernte Putzmacherin (Modistin), möglicherweise arbeitete sie auch in diesem Beruf, da sie später einmal als Putzdirektrice bezeichnet wird. Sie heiratete den elf Jahre jüngeren Paul Schmeidler, einen gelernten Konditor, gebürtig aus Kenty, südlich von Kattowitz gelegen. 1917 brachte Marta, fast 40-jährig, ihre Tochter Hanna zur Welt. Zu der Zeit lebten Marta und Paul bereits in Berlin in der Lützowstraße 97, wohl zur Untermiete.

Im Adressbuch Berlin war Paul Schmeidler erst 1920 zu finden, in der Wielandstraße 17 und als Kaufmann bezeichnet. Er scheint ein bewegtes Geschäftsleben entfaltet zu haben. Möglicherweise war er an der Bäckerei und Konditorei Schmeidler & Strikowsky in der Leibnizstraße 43 beteiligt, die im Adressbuch 1925 und 1926 aufgeführt ist. 1926 ist auf seinen Namen auch eine Bäckerei und Konditorei im Grunewald, Hagenstraße 20a eingetragen. Um 1929 erwarb er die Bäckerei und Konditorei mit Café „Zum Wiener“ in der Kommandantenstraße 44a, bezeichnete sich mittlerweile auch nicht mehr als Kaufmann, sondern als Konditor. Gleichzeitig betrieb das Paar auf Martas Namen eine Versandbäckerei in der Zimmerstraße 84. 1932 schließlich meldeten sie auf Martas Namen beim Handelsregister die „Zum Wiener, Konditorei und Feinbäckerei GmbH“ an, zur Übernahme der jetzt schon von Frau Marta Schmeidler betriebenen Feinbäckerei Zum Wiener, Geschäftsführer Paul Schmeidler. Es folgte noch eine Filiale – nur Bäckerei – in der Martin-Luther-Straße 91. Laut Tochter Hanna handelte es sich bei „Zum Wiener“ um einen größeren Betrieb, in dem nicht nur Paul als Konditormeister und Marta im Laden arbeiteten, sondern der noch 5 Konditorgesellen, 3 Bäckergesellen, 3-4 Lehrlinge, 3 Verkäuferinnen, 6 Kellnerinnen, 3 Köchinnen und einen Fahrer für die Lieferungen beschäftigte. In der Filiale waren noch ein Geschäftsführer und 2 Verkäuferinnen. Hanna selbst lernte beim Vater.

Ob sich Schmeidlers übernommen hatten oder ob sich antisemitische Maßnahmen schon früh auf ihr Geschäft auswirkten – jedenfalls waren sie 1934 überschuldet, die Miete hatten sie seit Monaten nicht bezahlt. Sie mussten das Café verkaufen, die Bäckereieinrichtung wurde zur Schuldentilgung beschlagnahmt. Die Filiale in der Martin-Luther-Straße blieb auch nur noch kurze Zeit bestehen. Schmeidlers mussten ihre langjährige Wohnung in der Wielandstraße 17 aufgeben. Als polnische Staatsbürger wurden sie doppelt diskriminiert und Paul beschloss im Herbst 1935 nach Polen zu fliehen. Er ging nach Kattowitz.

Marta und Hanna blieben zurück, sie wohnten zur Untermiete in der Wielandstraße 35, bei Rechtsanwalt Georg Glaser. Hanna versuchte ihre Lehre bei einer anderen Bäckerei zu beenden, bekam aber vom Arbeitsamt keine Erlaubnis dafür und schlug sich als Hausmädchen durch. Anfang Juli 1939 wurde sie ausgewiesen, binnen 2 Wochen hatte sie das Reich zu verlassen. Sie schaffte es, nach England zu flüchten. Schon vor der Flucht ihrer Tochter hatte Marta Schmeidler eine Wohnung im Gartenhaus der Wielandstraße 31 gemietet. Dort wurde sie bei der Volkszählung vom Mai 1939 erfasst, auf einer besonderen Kartei, in der Juden gesondert registriert wurden. Ihre Wohnung hatte 2½ Zimmer, wovon sie eines untervermietete. Als sie Anfang März 1943 eine „Vermögenserklärung“, wie alle zur Deportation Bestimmten, ausfüllen musste, war der namentlich nicht genannte Untermieter bereits „abgewandert“, ein Euphemismus für die Deportation. An Besitz gab Marta an, dass die Einrichtung ihres Schlaf- und Esszimmers „komplett“ sei, ihr Wohnzimmer „klein“, ohne die einzelnen Möbelstücke aufzuzählen. Sie habe Geschirr und Wäsche, auch hier ohne zu spezifizieren. An Damenbekleidung besitze sie nur „das zur Abwanderung nötige“.

Marta Schmeidler wurde in das Sammellager in der Levetzowstraße 7/8 gebracht, eine zweckentfremdete Synagoge, wo sie bis zum 17. März interniert blieb. An diesem Tag musste sie mit über 1000 anderen Menschen einen „geschlossenen Sonderzug“ besteigen, der sie alle nach Theresienstadt verschleppen würde. Dies war der letzte von vier Berliner „Großtransporten“ in das beschönigend „Altersghetto“ genannte Lager – in der Regel umfassten sonst die Deportationen nach Theresienstadt 50-100 Menschen, die in geschlossene und verplombte, an Regelzüge angehängte Einzelwaggons gesteckt wurden. In Theresienstadt angekommen, musste Marta Schmeidler feststellen, dass es sich mitnichten um eine altersgemäße Unterbringung, sondern um ein völlig überfülltes, unterversorgtes, hygienisch katastrophales, menschenunwürdiges Lager handelte, in dem Krankheiten und Seuchen grassierten. Marta überlebte dennoch über ein Jahr.

Aber am 16. Mai 1944, wurde sie, diesmal zusammen mit 2500 Personen, von Theresienstadt nach Auschwitz verschleppt. Sie gehörten zu den rund 7500, die im Mai 1944 in drei „Transporten“ aus Theresienstadt weggebracht wurden, weil am 23. Juni eine internationale Kommission angekündigt war und die Wohnungen nicht so beengt aussehen sollten. Lediglich 34 der am 16. Mai Deportierten überlebten, Marta Schmeidler gehörte nicht dazu. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt.

Martas Wohnung war am 6. Mai 1943 geräumt worden, sie wurde einem Leutnant Krohn zugesprochen. Der Wert ihrer Möbel wurde vom Gerichtsvollzieher auf 615.- RM geschätzt, den Erlös strich die Reichskasse ein.

Von Paul Schmeidler erhielt seine Tochter Hanna das letzte Lebenszeichen 1939 aus Kattowitz. Er soll danach nach Warschau gegangen sein, wo sich seine Spur vollends verliert. Wir müssen davon ausgehen, dass auch er ein Opfer von NS-Krieg und NS-Verfolgung wurde. Ebenfalls von den Nationalsozialisten umgebracht wurden Martas und Hannas Vermieter in der Wielandstraße 35, Georg Glaser und Elfriede, geb. Kaufmann. Sie wurden am 11. November 1942 nach Auschwitz deportiert und dort im Januar 1943 ermordet.

Recherche und Text: Micaela Haas. Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005