Stolperstein Wielandstraße 12

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Hauseingang Wielandstr. 12
Bild: BA CW, Held

Dieser Stolperstein wurde am 11.12.2006 verlegt.

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Stolperstein Dr. Julius Grünthal
Bild: BA CW, Held

HIER WOHNTE
DR. JULIUS GRÜNTHAL
JG. 1875
FLUCHT HOLLAND
DEPORTIERT
SOBIBOR
ERMORDET 16.4.1943

Julius Grünthal wurde am 29. Dezember 1875 in Posen (Poznan) geboren. Sein Vater war Kürschner und auch Vorbeter in der jüdischen Gemeinde, Julius wurde jüdisch orthodox erzogen. Entsprechend studierte er später am Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau mit dem Ziel, Rabbiner zu werden und promovierte 1900 an der Philosophischen Fakultät der Breslauer Universität über „Die Syrische Uebersetzung zum Buche Esther“. Vermutlich kurz darauf heiratete er die ein Jahr jüngere Ottilie Bloch, Tochter des Oberrabbiners von Jarotschin (Jarocin), Shlomo Bloch. Ein Jahr war Julius Rabbinatsassessor und Religionslehrer in Chemnitz, von 1902 an amtierte er dann als Rabbiner, erst bis 1908 in Lauenburg (Lębork) in Pommern, anschließend bis 1911 in Pinne (Pniewy) bei Posen. 1905 wurde die Tochter Grete geboren, fünf Jahre später, 1910, der Sohn Josef.

Noch im gleichen Jahr bewarb sich Julius Grünthal auf eine Anzeige als Heimleiter in Berlin. Es handelte sich um das Jaffa’sche Fürsorge- und Waisenheim der Großloge für Deutschland VIII U. O. B. B. (Unabhängiger Orden Bne Briss), eine Loge, die 1843 in New York gegründet wurde und ihren ersten deutschen Ableger 1882 in Berlin etablierte. Bne Briss oder B’nai B’rith existiert noch heute in vielen Ländern. Eines der erklärten Ziele war und ist die Aufklärung über das Judentum und die Erziehung der Jugend innerhalb des Judentums. Das Jaffa’sche Heim wurde 1906/07 vom Berliner Bankier Max Jaffa gegründet und bezweckte laut Jüdischem Adressbuch von 1931 „die Erziehung hilfsbedürftiger Kinder, insbesondere verwaister, beiderlei Geschlechts im schulpflichtigen Alter“. Das Heim war zunächst in der Leibnizstraße 106 untergebracht. Als dort die Räumlichkeiten zu eng wurden und es überdies Schwierigkeiten mit dem Vermieter gab, beschloss man ab Juni 1911 in das neu erbaute Haus in der Roscherstraße 5 umzuziehen. Dafür wurde man ein neuer Leiter gesucht.

Julius Grünthal bekam die Stelle und zog mit seiner Familie nach Berlin in den 3. Stock der Roscherstraße 5, wo sie in 12 Zimmern mit 17 bis 21 Kindern zuzüglich der beiden eigenen lebten. Drei Dienstmädchen halfen Ottilie Grünthal den Alltag zu bewältigen, mit der Erzieherin Rachel Goldschmidt aus Hamburg war noch eine kompetente Fachkraft hinzugewonnen. Julius Grünthal, der außerdem an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin-Mitte unterrichtete, nahm seine Arbeit sehr ernst und war in der jüdischen Gemeinde hoch geachtet. Er war spezialisiert auf die Philologie früher semitischer Sprachen, konnte fließend Hebräisch, Aramäisch und Latein. 1914 wurde er gemustert und eingezogen, jedoch noch am gleichen Tag für unabkömmlich erklärt und zurückgeschickt, wie sein Sohn später erzählte. Unter seinen Zöglingen waren Waisen und Halbwaisen, Kinder aus verarmten Familien, uneheliche Kinder und auch ausländische Kinder. Sie konnten bis zum 14. Lebensjahr im Heim bleiben.

Die Arbeit verlangte den Heimleiter allerdings viel ab. Häufige finanzielle Engpässe waren zu bewältigen, da die Einrichtung nur von Spenden lebte, die unregelmäßig flossen. Hinzu kamen Meinungsverschiedenheiten mit dem Stifter und Vorstand Max Jaffa, was um 1915 Julius Grünthal eine gesundheitlichen Krise einbrachte, die ihn zu einem Jahr Auszeit zwang. Ottilie Grünthal und Rachel Goldschmidt überbrückten diese Zeit.

Das Bankhaus Jaffa wurde von der Wirtschaftkrise 1929 schwer betroffen und auch Spenden flossen danach noch spärlicher. Das Waisenheim war nicht mehr zu halten, es wurde 1930 aufgelöst, die Kinder von der jüdischen Gemeinde anderswo untergebracht. Julius Grünthal konnte vorerst in der Roscherstraße mit seiner Familie wohnen bleiben und wurde als „akademisch gebildeter Lehrer“ von der jüdischen Gemeinde übernommen. Auch Rachel Goldschmidt wurde von der Gemeinde als Erzieherin angestellt.

1933 zogen Julius und Ottilie in eine kleinere Wohnung in der Nestorstraße 53. Beide Kinder waren inzwischen verheiratet und außer Haus. Josef hatte seine Studien an der Musikhochschule 1931 beendet und kurz darauf die Tänzerin Rosie Löwenthal geheiratet. Da er in seiner Arbeit als Klavierlehrer und Pianist zunehmend aus rassischen Gründen behindert wurde, beschloss er schon früh, nach Palästina auszuwandern und ließ sich zu diesem Zweck zusätzlich als Fotograf ausbilden. 1934 emigrierte er mit Frau und seinem kleinen Sohn. Grete hatte schon früher Fritz Jacobsohn geheiratet. Auch sie war mit ihrer Familie emigriert, und zwar in die Niederlande.

Am 29. Juli 1936 starb Ottilie Grünthal und in der Folge zog Julius, vielleicht gezwungenermaßen, in die Wielandstraße 12 um. Dort verzeichnet ihn das Adressbuch noch 1938 als Dr. Julius Grünthal, Lehrer, 1939 als Lehrer a.D. Julius Grünthal gelang es, noch vor Ausbruch des Krieges zu seiner Tochter nach Eindhoven in Holland zu flüchten. Nach der deutschen Besatzung der Niederlande wurden aber sowohl Julius wie auch Familie Jacobsohn dort verhaftet. Sohn Josef berichtete später, Julius, der sein Leben lang tief religiös gewesen war, habe angesichts der Nazi-Greuel den Glauben an Gott verloren, „dieser geistige Mord war für ihn viel schlimmer als der physische“. Julius Grünthal wurde nach Sobibor deportiert und dort am 16. April 1943 ermordet.

Seine Tochter Grete wurde mit ihrer Familie nach Auschwitz verschleppt. Sie überlebte das Konzentrationslager und starb 2004 in den USA. Joseph änderte in Palästina seinen Familiennamen in Tal und wurde später ein international anerkannter Pionier der elektronischen Musik. Unter seinen vielen Auszeichnungen ist das Bundesverdienstkreuz, das er 1984 erhielt; seit 1969 war er Mitglied der Berliner Akademie der Künste. Er starb 2008 in Jerusalem.

1945/46 komponierte Josef Tal unter dem Titel Cum mortuis in lingua mortua, sieben Variationen über Mussorgskys Katakomben-Promenade aus den „Bildern einer Ausstellung“, eine gleichwohl aufwühlende Trauermusik, die er seinem ermordeten Vater widmete. Sie wurde im Mai 2015 im Kammermusiksaal in Berlin gespielt, im Rahmen einer Feier zum 50-jährigen Bestehen diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland.

Für Julius Grünthal wurde auch ein Stolperstein in Eindhoven vor dem Haus Daguerrestraat 16 verlegt, zusammen mit einem für Pauline Jacobsohn, geb. Cohn, Gretes Schwiegermutter. Sie wurde am 3. Dezember 1942 in Auschwitz ermordet.

Text: Dr. Micaela Haas
Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Berliner Adressbücher; Josef Tal, Der Sohn des Rabbiners, Ein Weg von Berlin nach Jerusalem, Berlin 1985; Heidede Becker, Ein Stück Stadt ergründen, Haus- und Quartiersgeschichte in Berlin-Charlottenburg, Nauen bei Berlin, 2012; M. Brocke und J. Carlebach Hrsg., Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871-1945, 2009; www.joodsmonument.nl