Stolpersteine Güntzelstraße 49

Link zu: Hauseingang Güntzelstraße 49, 20.12.2011
Hauseingang Güntzelstraße 49, 20.12.2011
Bild: Bezirksamt, KHMM

Die Stolpersteine für Erika, Betty und Hildegard Blum, Louis Casper, Gertrud Kalischer, Emil Efim, Siegfried und Lucie Zehden wurden am 26.9.2006 verlegt.

Die Stolpersteine für Leopld und Gertrud Cohn, Hedwig und Ilse Heimann, Helene Werner, Georg Stodola, Sally und Martha Gross, Emma Friedländer, Carl Stern, Elise Bloch und Max Auerbach wurden am 20.3.2007 verlegt.

Der Stolperstein für Charlotte Auerbach wurde am 29.3.2008 verlegt.

Die Stolpersteine zum Gedenken an Szilard und Hella Diamant sind am 14.11.2015 auf Wunsch und in Anwesenheit seines Neffen Ralph Blumenthal verlegt worden.

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Stolperstein für Erika Blum
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
ERIKA BLUM
JG. 1891
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
PIASKI

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Stolperstein für Betty Blum
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
BETTY BLUM
GEB. SANDMANN
JG. 1863
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 14.11.1942

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Stolperstein für Hildegard Blum
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
HILDEGARD BLUM
JG. 1889
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
PIASKI

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Stolperstein für Louis Casper
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
LOUIS CASPER
JG. 1867
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 25.9.1942

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Stolperstein für Gertrud Kalischer
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
GERTRUD KALISCHER
GEB. SCHACKER
JG. 1870
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
RIGA

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Stolperstein für Emil Efim Siedner
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
EMIL EFIM
SIEDNER
JG. 1880
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
PIASKI

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Stolperstein für Siegfried Zehden
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
SIEGFRIED ZEHDEN
JG. 1889
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein für Lucie Zehden
Bild: Bezirksamt, KHMM

HIER WOHNTE
LUCIE ZEHDEN
GEB. SARNER
JG. 1889
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
RIGA

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Stolperstein für Leopold Cohn
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
LEOPOLD COHN
JG. 1871
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 16.2.1944

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Stolperstein für Gertrud Cohn
Bild: Bezirksamt, KHMM

HIER WOHNTE
GERTRUD COHN
GEB. BAER
JG. 1870
DEPORTIERT 28.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 19.1.1943

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Stolperstein für Hedwig Heimann
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
HEDWIG HEIMANN
GEB. SCHACHMANN
JG. 1872
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 12.9.1942

Link zu: Stolperstein für Ilse Heimann
Stolperstein für Ilse Heimann
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
ILSE HEIMANN
JG. 1895
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein für Helene Werner
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
HELENE WERNER
GEB. CARO
JG. 1870
DEPORTIERT 1943
THERESIENSTADT
ERMORDET APRIL 1944

Link zu: Stolperstein für Georg Stodola
Stolperstein für Georg Stodola
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
GEORG STODOLA
JG. 1886
DEPORTIERT 1943
AUSCHWITZ
ERMORDET 5.5.1943

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Stolperstein für Sally Gross
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
SALLY GROSS
JG. 1874
FLUCHT IN DEN TOD
25.1.1942
VOR DEPORTATION

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Stolperstein für Martha Gross
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
MARTHA GROSS
GEB. SILBERMANN
JG. 1884
FLUCHT IN DEN TOD
24.1.1942
VOR DEPORTATION

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Stolperstein für Emma Friedländer
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
EMMA FRIEDLÄNDER
GEB. ARONADE
JG. 1872
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

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Stolperstein für Carl Stern
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
CARL STERN
JG. 1876
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 2.11.1942

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Stolperstein für Elise Bloch
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
ELISE BLOCH
GEB. PINCUS
JG. 1879
DEPORTIERT 1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein für Max Auerbach
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
MAX AUERBACH
JG. 1890
DEPORTIERT 1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Max Auerbach wurde am 1. April 1890 in Rawitsch (Rawicz) im Bezirk Posen (Poznan) geboren. Er war Ingenieur und Patentanwalt und ein großbürgerlich liberaler Intellektueller, der nicht glauben wollte, dass die Nationalsozialisten an der Macht blieben.
Verheiratet war er mit Charlotte Nora Auerbach geb. Borchardt, geboren am 12. August 1902 in Memel (Klaipeda). Sie studierte Kunst.
Am 29. April 1931 wurde der Sohn Frank in Berlin geboren. 1939 schickten ihn die Eltern nach Großbritannien. Er war noch keine acht Jahre alt, als er mit fünf weiteren jüdischen Kindern mit dem Schiff nach England fuhr und so gerettet wurde. Er wurde dort ein berühmter Maler mit einem eigenwilligen Stil, der keiner Kunstrichtung zuzuordnen ist.

Bis 1.8.1941 wohnten sie in der Güntzelstraße 49, dann mussten sie kurzfristig zwangsweise in die Nestorstraße 34 umziehen, danach sind sie in ein Leerzimmer in die Fasanenstraße 54 bei Davidsohn gezogen. Max musste als Zwangsarbeiter bei der Firma Riedel in Britz für einen Wochenlohn von ca. 25 RM, Charlotte bei der Firma Elektrolux in der Oberlandstraße in Tempelhof Rüstungsgüter herstellen. Bei der sogenannten Fabrikaktion am 27. Februar 1943, als Juden von ihren Arbeitsplätzen weg verhaftet wurden, sind auch Max und Charlotte Auerbach abgeholt und ins Sammellager Große Hamburger Straße verschleppt worden. Am 1. März 1943 wurde Max Auerbach vom Berliner Güterbahnhof Moabit ins 720 Kilometer entfernte Konzentrationslager Auschwitz in Polen deportiert. Ihm folgte Charlotte Auerbach am 3. März 1943 ebenfalls nach Auschwitz. In dem ersten Zug drängten sich 1722 Menschen, in dem zweiten 1726. Beide sind dort ermordet worden – Max Auerbach zu einem unbekannten Zeitpunkt, Charlotte Auerbach am 30. Juni 1943.

Ihr letztes Inventar, das sie in die Fasanenstraße hinüberretten konnten, wurde am 8.5.1943 vom Obergerichtsvollzieher Neumann auf 1.482 RM geschätzt und im Februar 1944 für 1.305 RM verkauft

Der nebenan in der Güntzelstraße 53 wohnende Schüler Marcel Reich-Ranicki, der einer der bedeutendsten deutschen Literaturkritiker war, ist von Max und Charlotte Auerbauch gelegentlich als Babysitter des Sohns Frank engagiert worden. Sie waren Cousins. Auch für Reich-Ranickis Eltern, David und Helene Reich, sind Stolpersteine verlegt.

Siehe Beiträge im Berliner Tagesspiegel und http://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/bayerisches-viertel/nachbarn-im-kiez-als-marcel-reich-ranicki-der-babysitter-von-frank-auerbach-war/11653122.html

Link zu: Stolperstein für Charlotte Auerbach
Stolperstein für Charlotte Auerbach
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
CHARLOTTE
AUERBACH
GEB. BORCHARDT
JG. 1902
DEPORTIERT 3.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET 30.6.1943

Bildvergrößerung: Stolperstein Szilard Diamant
Stolperstein Szilard Diamant
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
SZILARD DIAMANT
JG. 1900
FLUCHT 1939
SLOWAKEI
DEPORTIERT 15.4.1942
LUBLIN
ERMORDET APRIL 1942

Bildvergrößerung: Ehepaar Diamant
Ehepaar Diamant
Bild: Familienarchiv

Szilard Diamant wurde am 26. April 1900 in dem südpolnischen Bergdorf Rajcza (südwestlich von Krakau/Kraków) geboren. Seine Frau Hella Diamant geb. Better wurde am 14. Juni 1908 in Auschwitz (Oswiecim) geboren. Sie heirateten 1932. Er gab seine Staatsangehörigkeit mit „tschechisch“ an. Von Beruf war er Metallhändler.
In Berlin wohnten sie von 1935 bis 1939 in der Güntzelstraße 49, im Adressbuch 1936 ließ er sich als „Kaufmann“ eintragen. 1939, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, flüchteten sie in die Tschechoslowakei nach Nitra.

Die starke jüdische Gemeinde in Nitra (heute im Westen der Slowakei) wurde durch antijüdische Gesetze und Abschiebungen in die deutschen Vernichtungslager fast vollständig ausgelöscht. Diamants wurden am 15. April 1942 von Nitra nach Lublin deportiert.

Szilard Diamant wurde in einem Konzentrationslager der Nazis umgebracht, allerdings gibt es widersprüchliche Angaben, in welchem. Eine Quelle nennt Majdanek, eine andere Bergen-Belsen. Während des Transports wurde das Ehepaar am 19. April 1942 getrennt. Nach Darstellung ihres Stiefsohns in Australien wurde Hella nach Auschwitz gebracht. Es sei ihr – vermutlich aus dem Deportationszug oder während eines Arbeitseinsatzes außerhalb des KZ – gelungen zu flüchten. Unter falschem Namen habe sie als Katholikin getarnt während des Zweiten Weltkriegs in Polen gelebt. Sie heiratete 1952 wieder, zog in die Schweiz und ging schließlich nach Australien, wo sie in den 1990er Jahren starb. Jedenfalls ist weder der Todesort Szililard Diamants Todesort noch sind die Umstände der Flucht Hella Diamants zweifelsfrei belegbar.

Bildvergrößerung: Ehepaar Diamant, Ostern 1931
Ehepaar Diamant, Ostern 1931
Bild: Familienarchiv

Szilard Diamant (born 1900 in Rajcza, Poland) and his wife Hella (born 1908, Oswiecim) married in 1932. He was a metal dealer who listed his nationality as Czech. They lived at 49 Güntzelstrasse until 1939 when they fled to Czechoslovakia. They were deported from Nitra to Lublin on Transport 2 on April 15, 1942. Szilard died in a Nazi camp but there is conflicting information on which camp. One record from Yad Vashem says Majdanek, another Bergen Belsen. During the transport, Szilard and Hella were separated on April 19, 1942. According to her stepson, Hella was sent to Auschwitz but managed to escape from the deportation train, or a KZ and survived the war living as a Catholic under another name in Poland. She remarried in 1951 and moved to Switzerland and then Australia where she died in the 1990s.

Text: Ralph Blumenthal (USA), Neffe von Szilard Diamant, von 1968/69 Korrespondent der New York Times in Deutschland, langjähriger Reporter und jetzt Professor an einem College in New York. Ralph Blumenthal schrieb in der New York Times diesen Artikel über Szilard und Hella Diamant.
Quelle: Yad Vashem „List of Jews from Nitra and the Nitra vicinity deported to the Lublin region on 15/04/1942”

Bildvergrößerung: Stolperstein Hella Diamant
Stolperstein Hella Diamant
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HELLA DIAMANT
JG. 1908
FLUCHT 1939
SLOWAKEI
DEPORTIERT 15.4.1942
LUBLIN
FLUCHT / ÜBERLEBT

Rede von Wolfgang Knoll

zur Einweihung von weiteren 12 Stolpersteinen vor dem Haus Güntzelstr. 49 am 20. April 2007 um 15.00 Uhr

Am 27. Oktober 2006 haben wir hier acht Stolpersteine eingeweiht, am 20. März 2007 hat Gunter Demnig zwölf weitere Stolpersteine verlegt. Sie sollen die Erinnerung wachhalten an Max Auerbach, Elise Bloch, Gertrud und Leopold Cohn, Emma Friedländer, Martha und Sally Gross, Hedwig und Ilse Heimann, Carl Stern, Georg Stodola und Helene Werner. Im Archiv in Potsdam bin ich am vergangenen Montag auf ein weiteres Opfer der Nazis gestoßen: Für Charlotte Auerbach, die in der mir zur Verfügung stehenden Wilmersdorfer Datei des Bundesarchivs nicht enthalten ist, liegt hier ein weiterer,“symbolischer” Stolperstein.
Anläßlich des Todes von Frau Dr. Ulrike Bussemer-Stöppler hatte Hans-Jürgen Stöppler gebeten, das Stolperstein-Projekt, mit dem seine Frau eng verbunden war, durch Spenden zu unterstützen. Die zwölf Stolpersteine und auch der noch zu legende können aus diesem Fonds bezahlt werden. Ich danke Herrn Stöppler, der heute nicht hier sein kann, sehr herzlich.

Ich habe gehört, dass es Irritationen gab, weil wir die Stolpersteine heute, am 20. April einweihen. Den Älteren unter uns ist dieses Datum noch aus der Zeit vor 1945 geläufig. Nun, ich meine, es steht nichts dagegen, wenn wir am Geburtstag des größten Verbrechers in der deutschen Geschichte an einige aus der Millionenzahl seiner Opfer erinnern:

Martha Gross, geb. Silbermann, * 30.08.1884 in Nikolaiken, und ihr Ehemann, der Kaufmann Sally Gross, * 16.07.1874 in Schlochau, sollten vermutlich zusammen mit ihrer Nachbarin Gertrud Kalischer am 25. Januar 1942 vom Bahnhof Berlin-Grunewald mit dem 10. Osttransport nach Riga deportiert werden.
Nur 13 Menschen aus diesem Transport überlebten – Martha und Sally Gross hätten mit Sicherheit nicht zu ihnen gehört. Sie haben die Flucht in den Tod angetreten, Martha starb am 24. Januar, Sally am 25. Januar 1942, beide sind auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee begraben.

Die Witwe Emma Friedländer, geb. Aronade, * 18.05.1872 in Rybnik, wohnte im Mai 1939 hier in der Güntzelstr. 49 im linken Seitenflügel im 1. Stock. Zum 1. September 1940 zog sie als Untermieterin zu Jenny Goldberg in die Pfalzburger Str.73. Ihrer am 6. August 1942 ausgefüllten Vermögenserklärung entnehmen wir, dass ihre Tochter Käthe und deren Mann Walter Becker nach Brasilien emigrieren konnten. Aus der Pfalzburger Str. 73 wurde Emma Friedländer ins Sammellager Große Hamburger Str. 26 gebracht und vom Güterbahnhof Moabit zusammen mit fast 1.000 anderen Menschen am 15. August 1942 nach Riga deportiert. Alle – bis auf eine Krankenschwester – wurden unmittelbar nach Ankunft am 18.August 1942 in den Wäldern von Bikernieki und Rumbula bei Riga ermordet.

Hedwig Heimann, geb. Schachmann, * 05.10.1872 in Posen, und ihre Tochter Ilse Heimann, * 13.10.1895 in Stettin, wohnten 1939 in der Güntzelstr. 49 bei den Eheleuten Cohn, später in der Innsbrucker Str. 54 bei Cathi Holländer. Über das Sammellager Große Hamburger Str. 26 wurden sie am 26.08.1942 nach Theresienstadt deportiert, dort ist Hedwig schon am 12. September 1942 umgekommen, Ilse wurde am 16. Mai 1944 von dort nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Ihre letzte Vermieterin, Cathi Holländer wurde im Oktober 1942 in Riga ermordet. Der Gerichtsvollzieher Hoffmann hat dem Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg im Oktober eine Kostenrechnung über 2,50 Mark für “fruchtlose Bewertung” übersandt, weil etwaige Gegenstände der Heilmann bereits bei dem Hauptmieter Holländer erfaßt worden sind.

Der Kaufmann Leopold Cohn, * 05.04.1871 in Berlin, steht schon für die Güntzelstr. 49 im Jüdischen Adressbuch von 1931. Im August 1941 bezogen er und seine Frau Gertrud Cohn, geb. Baer am 23.04.1870 in Posen, ein Leerzimmer bei Nathan Schrimmer in der Darmstädter Str. 10. In seiner am 28. August 1942 im Sammellager Große Hamburger Str. 26 ausgefüllten Vermögenserklärung hat er unter letzte Beschäftigung angegeben: Konfektionshaus, Schneiderei für Damen. Die Vermögenserklärung hatte er mit Loeser Cohn unterschrieben, ich vermute, dass er so die den diskriminierenden weiteren Vornamen Israel vermieden hat. Am 28.08.1942 wurden Leopold und Gertrud Cohn zusammen mit 98 anderen Menschen nach Theresienstadt deportiert. Dort ist Gertrud am 19.01.1943 und Leopold am 16.2.1944 umgekommen. Das Inventar des Leerzimmers wurde am 29.10.1942 vom Obergerichtsvollzieher Beck auf 376,— RM geschätzt und für 263,20 RM an den Gebrauchtwarenhändler Wilhelm Zimmermann in der Palisadenstr. 35 verkauft.

Der Kaufmann Carl Stern, * 03.06.1876 in Geseke, wohnte 1931 in der Nestorstr. 1 und 1939 in der Güntzelstr. 49 bei Lucie Sarner (spätere Lucie Zehden), am 15. Mai 1941 zog er als Untermieter zu Margarete Glogauer in die Kaiserallee 21, Ghs. II. Er war verwitwet und hatte zwei Töchter: Johanna gelang die Emigration nach Shanghai, Hildegard wurde im Alter von 29 Jahren am 1.3.1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Carl Stern ist am 3. Oktober 1942 mit dem “3. Großen Alterstransport” mit über 1.000 anderen Menschen aus dem Sammellager Gerlachstr. 18-21 nach Theresienstadt deportiert worden und dort am 2.11.1942 umgekommen.

Elise Bloch geb. Pincus, * 03.01.1879 in Posen, war die Witwe eines Landgerichtsrats und wohnte zusammen mit ihrer einzigen, 1904 geborenen Tochter Anita in der Güntzelstr. 49, Gth. I.
Nach 1939 führte Anita durch Heirat den Familiennamen May. Sie wurde am 17. Mai 1943 von der Auguststr. 14-15 nach Auschwitz deportiert. Elise Bloch war in die Bayrische Str. 2 verzogen und ist am 29. Januar 1943 aus dem Sammellager Große Hamburger Str. 26 nach Auschwitz deportiert und dort ebenso wie ihre Tochter ermordet worden.

Der Diplom-Ingenieur Max Auerbach, * 01.04.1890 in Rawitsch, steht bis 1942 unter Güntzelstr. 49 in den Berliner Adressbüchern. Nach Auskunft des Einwohnermeldeamtes war Max Auerbach aber mit seiner Frau Charlotte geb. Borchardt, geb. 12.8.1902 in Memel, am 1.8.1941 zur Nestorstr. 34 abgemeldet, danach sind sie in ein Leerzimmer in die Fasanenstr. 54 bei Davidsohn gezogen. Max musste als Zwangsarbeiter bei der Fa. Riedel in Britz für einen Wochenlohn von ca. 25,— RM , Charlotte bei der Fa. Elektrolux in der Oberlandstr. in Tempelhof arbeiten. Im Rahmen der sogenannten Fabrikaktion wurden Max und Charlotte Auerbach am 27. Februar 1943 verhaftet. Max wurde am 1. März und Charlotte am 3. März 1943 aus dem Sammellager Große Hamburger Str. 26 nach Auschwitz deportiert. Charlotte wurde dort am 30. Juni 1943 ermordet, das Todesdatum von Max ist nicht bekannt, vermutlich wurde er sofort nach Ankunft des Transports am 2. März in den Gaskammern von Birkenau ermordet. Das Inventar des Leerzimmers in der Fasanenstr. 54 wird am 8.5.1943 vom OGV Neumann auf 1.482,— RM geschätzt und im Februar 1944 für 1.305,— RM verkauft. Der Käufer ist aus der Akte nicht ersichtlich.

Georg Stodola, * 12.03.1886 in Posen, wohnte 1939 in der Güntzelstr. 49 bei den Eheleuten Cohn, ist dann verzogen zur Nassauischen Str. 5 b. Steinberger. Über Georg Stodola existiert keine Akte mehr. Im Jüdischen Adressbuch von 1931 und im Berliner Adressbuch von 1934 wird der Kaufmann Georg Stodola mit der Adresse Jenaer Str. 19 (und der Kaufmann Leo Stodola mit der Adresse Helmstädter Str.25) geführt; im Berliner Adressbuch von 1933 steht: Georg Stodola, Konfitürenfabrik, SO 36, Mariannenstr. 31-32 – 1939 heißt der Eigentümer der Konfitürenfabrik Dannowski.
Ab 1938 ist Georg Stodola nicht mehr in den Berliner Adressbüchern verzeichnet, d.h. er wohnte dann als Untermieter. (Leo Stodola, 1883 auch in Posen geboren – er war sicher ein Verwandter von Gerorg – gelang noch am 14. August 1939 die Flucht nach Shanghai) Georg Stodola aber wurde im Rahmen der “Fabrikaktion” am 4. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort am 5.Mai 1943 ermordet.

Für Helene Werner, geb. Caro, * 26.02.1870 in Berlin, existiert keine Akte mehr, Wir wissen nur, dass sie als letzte jüdische Bewohnerin des Hauses Güntzelstr. 49 am 16. Juni 1943 nach Theresienstadt deportiert wurde. Sie war zu dieser Zeit Patientin im Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Str. 2-4. Mit dem Transport vom 16.6. räumte man das Jüdische Krankenhaus von den “liegend Kranken”. Helene Werner ist im April 1944 74jährig in Theresienstadt umgekommen.

Ich bitte nun Frau Pfarrerin Plehn-Martins, das Gebet El male rachamim in deutscher Übersetzung zu sprechen, anschließend werden wir es, gesungen von dem unvergessenen Oberkantor Estrongo Nachama, hören.

El male rachamim
(Dieses Gebet entstand im 11. Jahrhundert im mitteleuropäischen Raum als Reflex auf die Kreuzzüge. Damals wurden ganze Familien durch die Gewalttätigkeit der Kreuzfahrer ausgerottet. Es behielt seine Aktualität in der tausendjährigen Geschichte der europäischen Judenpogrome! Wenn man von kleinen textlichen Aktualisierungen absieht, sind die überlieferten Versionen lediglich ein Reflex auf den jeweiligen aktuellen Anlaß der Ergänzung – hier die Judenvernichtung des Dritten Reiches. Es wird auch bei der Beerdigungszeremonie verwendet, dann mit einer individuellen Textgestaltung)

Gott, Du bist voll Erbarmen!
Der Du in den Höhen thronst,
der Du Ruhe verleihst
im Schatten Deiner mächtigen Allgegenwart
in den heiligen, himmlischen Sphären –
den Unberührten, die leuchten
wie die schillernden Himmelsgewölbe
für unsere Brüder und Schwestern -
die Heiligen und Reinen,
die ermordet und verbrannt wurden,
weil sie Dir treu blieben
in Auschwitz, Dachau, Sachsenhausen,
Theresienstadt, Buchenwald, Bergen-Belsen,
Majdanek, Treblinka.
Für das Andenken ihrer Seelen
öffne ihnen die Tore des Lichts
und des ewigen Lebens.
Im Paradies mögen sie aufgenommen sein. -
Gott – nimm sie unter Deinen Frieden
zum ewigen Leben auf.
Laßt uns darauf sagen: Amen!

(Gesang: Oberkantor Estrongo Nachama, Orgel: Harry Foss, Aufnahme 1979 in der Synagoge Pestalozzistraße)

Quellen: Gedenkbuch des Bundesarchivs, 2. Auflage 2006; Bundesarchiv, Bestand R 1509; Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, 1995; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Rep 36 A II; Berliner Adressbücher; Jüdisches Adressbuch von 1931; Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945, Gottwald/ Schulle, 2005.

Hier liegen jetzt 20 Stolpersteine für Menschen, die 1939 in diesem Haus gewohnt haben und, auch von anderen Adressen, deportiert und ermordet worden sind. Für zwanzig der über 7.000 aus Wilmersdorf deportierten und ermordeten Juden wurden hier Stolpersteine verlegt. Mit den Stolpersteinen werden ihre Namen dem Vergessen entrissen, mit den Daten auf den Steinen wird ihr Schicksal den heute Lebenden verdeutlicht.
Unausgesprochen steht für jeden Stolperstein das „Nie wieder!“.

Informationen zu den am 26.9.2006 verlegten ersten 8 Stolpersteinen
Als erste wurde Gertrud Kalischer geb. Schacker, geboren am 05.07.1870 in Breslau, am 25. Januar 1942 vom Bahnhof Berlin-Grunewald mit dem 10. Osttransport, der aus 1.044 Personen bestand, in gedeckten Güterwagen, die keinen Schutz gegen die damals herrschende Kältewelle boten, nach Riga deportiert. Bei der Ankunft des Zuges in Riga waren bereits viele erfroren, andere durch die Kälte verwirrt – sie wurden beim Ausladen sofort erschossen. Im Transport waren 103 Menschen zwischen 71 und 80 Jahren, zu ihnen gehörte Gertrud Kalischer.
Nur 13 Menschen aus diesem Transport überlebten – Gertrud Kalischer war nicht darunter.

Am 28. März 1942, ihrem 53. Geburtstag, gehörte die Lehrerin Hildegard Blum mit ihrer Schwester Erika Blum, geboren am 13.12.1891, die mit ihrer Mutter im III. Stock des rechten Seitenflügels wohnten, sowie der am 13.6.1880 geborene Emil Efim Siedner, Untermieter von Louis Casper, zu den 985 Menschen, die mit dem 11. Osttransport in das Ghetto von Piaski, einem kleinen Ort in der Nähe von Lublin, deportiert wurden. Piaski war ein Transit-Ghetto auf dem Weg in die Vernichtungslager von Belzec und Sobibor. Wo und wann die Schwestern Blum und Emil Siedner ermordet wurden, ist nicht bekannt, dass sie ermordet wurden, ist sicher.

Am 9. September 1942 wurde* Louis Casper*, geboren am 12.11.1867, der seit 1913 im Haus gewohnt hatte, aus dem Sammellager Große Hamburger Str. 26 mit 99 anderen Menschen nach Theresienstadt deportiert. Als Beruf hatte Louis Casper in der für die Finanzbehörden bestimmten Vermögenserklärung früherer Drogeriebesitzer und als letzte Beschäftigung Kleinrentner angegeben. Am 25. September 1942 ist Louis Casper, 74-jährig, in Theresienstadt umgekommen. Seine 2-Zimmer-Wohnung in der I. Etage des linken Seitenflügels wurde am 14.12.1942 geräumt, das Mobiliar war für 319,20 Mark an einen Händler in Oranienburg verkauft worden, als neuer Mieter zog der Oberfeldwebel Bruno Machowiak ein.

Am 14. September 1942, also 6 Monate nach ihren Töchtern, wurde die Witwe Betty Blum geb. Sandmann, geb. am 16.12.1863, aus dem Sammellager Große Hamburger Str. 26 vom Güterbahnhof Moabit mit einem Transport, der 1000 Personen umfasste, nach Theresienstadt deportiert, dort ist sie am 14. November 1942, knapp 79-jährig, umgekommen. Ihre 2 ½ – Zimmerwohnung, die sie seit 1933 bewohnt hatte, wurde durch den Generalbauinspektor der Reichshauptstadt , das war eine Behörde von Albert Speer, an den EK I-Träger, Feldwebel Theo Ballmann und Frau Elisabeth vermittelt. Die Eheleute Ballmann übernahmen auch die komplette Einrichtung für 753,— RM.

Am 26.Oktober 1942 sollten Siegfried Zehden, geb. 29.9.1883 und* Lucie Zehden geb. Sarner*, geb. 22.6.1889, die erst nach 1939 geheiratet hatten, zusammen „evakuiert“ werden – aber nur Lucie Zehden, die als Sekretärin bei der Jüdischen Gemeinde in der Oranienburger Straße tätig war, wurde an diesem Tag mit über 200 anderen Angestellten der Jüdischen Gemeinde nach Riga deportiert. Alle 788 Personen des Transports, darunter 55 Kinder, wurden sofort nach ihrer Ankunft in den Wäldern bei Riga ermordet.
Auf der Vermögenserklärung von Lucie findet sich eine Bleistiftnotiz: Ehemann ist wegen Arbeitseinsatz hier geblieben.

Siegfried Zehden war Zwangsarbeiter bei der Firma Warnecke & Böhm AG, Fabriken von Lacken und Farben, Abteilung Greifswalder Straße. (Die Firma gibt es noch heute, sie hat jetzt ihren Sitz in Schliersee in Bayern und liefert u.a. an die Firma Krauss-Maffay, die Panzer produziert.)
Siegfried Zehden mußte nach der Deportation seiner Frau die gemeinsame Wohnung in der Güntzelstr. 49 räumen. Lucie hatte hier seit April 1935 gewohnt. Er zog als Untermieter zu Hans und Doris Breslauer in die Wohnung der im Juni 1942 deportierten Frau Erna Hirsch in der Güntzelstr. 53.
Ende Februar 1943 lief die sogenannte Fabrikaktion an, in der die bis dahin in kriegswichtigen Betrieben beschäftigten Juden nun auch zur Deportation bestimmt waren.
Siegfried Zehden wurde am 2. März 1943 vom Sammellager Levetzowstr. 8 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Hans Breslauer und seine Frau sind am 4. März 1943 nach Auschwitz gebracht worden.

Bei den Recherchen zur Aktualisierung des Wilmersdorfer Gedenkbuchs bin ich auf weitere 12 Namen von jüdischen Menschen gestoßen, die 1939 im Haus Nr. 49 gewohnt haben.
Sally Gross, geb. 16.7.1874 in Schochau und Martha Gross geb. Silbermann, geb. 30.8.1884 in Nikolaiken wählten den Freitod, um der Deportation nach Riga zu entgehen. Martha starb am 24.1.1942, Sally am 25.1.1942. 10 haben ihre Wohnungen verlassen müssen und sind aus anderen Häusern deportiert worden. Auch für sie sollen hier in der Güntzelstraße 49 Stolpersteine gelegt werden. Sie werden finanziert aus einem Fond, der anlässlich des Todes von Frau Dr. Ulrike Bussemer-Stöppler begründet wurde. Frau Dr. Bussemer-Stöppler hat in der Evangelischen Auen-Kirchengemeinde das Stolpersteinprojekt begründet, vorangetrieben und die Biographien der 36 Menschen erarbeitet, für die in der Wilhelmsaue nun Stolpersteine liegen.
Wolfgang Knoll