Stolpersteine Wielandstraße 13

Link zu: Hauseingang Wielandstr. 13, 18.10.2011
Hauseingang Wielandstr. 13, 18.10.2011
Bild: BA CW, Held

Dieser Stolperstein wurde am 21.08.2006 verlegt.

Link zu: Stolperstein Martha Glaser, 18.10.2011
Stolperstein Martha Glaser, 18.10.2011
Bild: BA CW, Held

HIER WOHNTE
MARTHA GLASER
GEB. WIENER
JG. 1873
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET AM 8.3.1944

Martha Glaser wurde als Martha Wiener am 24. Juli 1873 in Kattowitz (polnisch Katowice) in Schlesien geboren Wir wissen weiter nichts über ihr Elternhaus und ihre Jugendzeit. Sie heiratete den Kaufmann Adolf Glaser, der sich zumindest zeitweise mit Grundstücksvermittlungen beschäftigte. 1905 bezog das Ehepaar eine Wohnung im 2. Stock des neu erbauten Wohnhauses in der Wielandstraße 13. Vielleicht sind sie erst in diesem Jahr nach Berlin gezogen. Ob das Paar Kinder hatte, ist unbekannt.

Adolf Glasers Geschäfte liefen wohl gut, denn die Wohnung war gediegen eingerichtet. Seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 dürfte jedoch auch Glaser beruflich von Diskriminierungs- und Boykottmaßnahmen der Nazis betroffen gewesen sein. Im September 1938 starb er, seine Witwe blieb in der Wielandstraße wohnen. In den nächsten Monaten und Jahren musste sie zusehen, wie vor allem nach den Pogromen im November 1938, eine Flut antisemitischer Verordnungen Juden nach und nach aus dem wirtschaftlichen und öffentlichen Leben ausschloss. Allerdings war Martha Glaser zunächst wahrscheinlich nicht so stark betroffen, denn sie besaß die ungarische Staatsangehörigkeit und die meisten Maßnahmen galten – zumindest auf dem Papier – für „Juden deutscher Staatsangehörigkeit und staatenlose Juden“. So galt etwa der Judenbann oder das Tragen des Judensterns nicht für ausländische Juden, die im Deutschen Reich lebten. Martha Glaser konnte bis zuletzt ihren Telefonanschluss behalten, obwohl solche ab 1. Oktober 1940 Juden gekündigt werden mussten. Unklar bleibt, ob ihre Familie in Kattowitz österreich-ungarischen Ursprungs war, oder ob sie die Staatsangehörigkeit ihrem Ehemann verdankte.

Ab Kriegsbeginn wurde dann immer weniger auf die Staatsangehörigkeit Rücksicht genommen. So wurde auch sie, trotz fortgeschrittenen Alters, nicht von Zwangsarbeit verschont: „Pflichtarbeiterin“ trug sie als Beruf in die von ihr 1942 verlangten „Vermögenserklärung“ ein. Sie hatte Untermieter, sehr wahrscheinlich zwangseingewiesene, da Juden gedrängt wurden, auf engem Raum zusammenzuziehen, um Wohnraum für Nichtjuden frei zu machen. Ihre Untermieterin sei aber „im November ausgezogen“. Möglicherweise heißt das, dass sie von der Gestapo abgeholt wurde, und es ist denkbar, dass Martha Glaser daraufhin versucht hatte, unterzutauchen. Denn ihr Vermieter, ein Herr Goerke, schreibt wenig später: „Im November 1942 wurde die jüdische Mieterin Glaser außerhalb ihrer Wohnung abgeholt, daher ist das genaue Datum unbekannt“.

Bekannt ist, dass sie am „Freitag, den 27.11.42“ die „Vermögenserklärung“ unterschrieb, die als Voraussetzung für die Deportation galt. Da war sie schon in das im jüdischen Altersheim in der Gerlachstraße 18-21 zeitweise eingerichtete Sammellager gebracht worden. In der Erklärung machte sie keine Angaben über Vermögen, wenige zur Wohnungseinrichtung. Zu der detailliert geforderten Aufzählung von Wäschestücken schreibt sie nur: „kann ich von hier aus nicht mehr genau angeben“. Umso ausführlicher war die Inventarliste des Gerichtsvollziehers. Sie umfasste fünf Seiten und enthielt so skurrile Posten wie „1 Telefonhörer neu 10 RM“ (im Original unterstrichen). Schätzwert der gesamten Einrichtung: 1003.- RM, die als „feindliches Vermögen“ zugunsten des Reiches „eingezogen“ – sprich geraubt – wurden. Die Wohnung wurde am 11. März 1943 geräumt.

Zu diesem Zeitpunkt war Martha Glaser nicht mehr in Berlin. Am 15. Dezember 1942 wurden sie und weitere 99 Menschen in zwei geschlossenen Waggons nach Theresienstadt deportiert.
Theresienstadt wurde vom NS-Regime zynischerweise als vorbildliches „Altersghetto“ bezeichnet, in Wirklichkeit handelte es sich um ein völlig überfülltes, unterversorgtes, hygienisch katastrophales, menschenunwürdiges Lager. Raumnot, Hunger, Kälte und Krankheiten rafften eine hohe Zahl der Insassen hin, Seuchen infolge der miserablen hygienischen Lage taten ein Übriges. Viele Neuangekommene starben nach kurzer Zeit, Martha Glaser ertrug dieses Dasein noch über ein Jahr. Am 8. März 1944 erlag auch sie den erbärmlichen Lebensumständen.

Recherchen und Text: Micaela Haas.
Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Gottwaldt/Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005