Stolpersteine Reichsstraße 106

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Hausansicht Reichsstr. 106
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese Stolpersteine für Gertrud und Arthur Hess sind am 29.8.2005 verlegt worden.

Der Stolperstein zum Gedenken an die Widerstandskämpferin Oda Schottmüller wurde am 23.9.2016 verlegt.

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Stolperstein für Gertrud Hess
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
GERTRUD HESS
GEB. ENGELMANN
JG. 1881
DEPORTIERT 27.10.1941
ERMORDET IN
LODZ

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Stolperstein für Arthur Hess
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
ARTHUR HESS
JG. 1872
DEPORTIERT 27.10.1941
ERMORDET IN
LODZ

Arthur Hess wurde am 16. Oktober 1872 in Amsterdam geboren. Er wurde Prokurist und kam um die Jahrhundertwende nach Berlin. Wahrscheinlich bestanden Kontakte zum Ullstein-Verlag und Arthur Hess hatte dort eine Stelle angeboten bekommen. Jedenfalls heiratete er bereits im Juni 1901 in die Ullstein-Familie ein: Die Braut, Gertrud Engelmann, war eine Enkelin von Verlagsgründer Leopold Ullstein, ihre Mutter, Käthe Ullstein, hatte den Verlagsbuchhändler Julius Engelmann geheiratet. Gertrud war am 11. Dezember 1881 in Berlin geboren worden. Gertrud und Arthur, die zunächst in der Kurfürsten-, später in der Martin-Luther-Strasse wohnten, bekamen 1902 eine Tochter, Lilly, und 1903 einen Sohn, Willi. 1910 zog die Familie in eine von der Zehlendorf-West Terrain AG neuerbaute Villa in der Zehlendorfer Schweriner Straße 8 (1938 in Hugo-Kaun-Straße nach dem gleichnamigen Musiker umbenannt). Dort wurde 1911 Maria, ihr drittes Kind, geboren.

Arthur Hess machte Karriere bei Ullstein: Spätestens ab 1914 war er einer der Verlagsdirektoren. 1933 wurde er wegen seiner Abstammung zwangspensioniert, allerdings mit einer großzügigen Abfindung: 150 000 Reichsmark waren ihm zugesagt. Nachdem aber 1934 der Ullstein-Verlag „arisiert“ und 1937 in “Deutscher Verlag” umbenannt worden war, reduzierte man die Abfindung drastisch auf 42 000 RM. Dass Arthur Hess trotzdem noch vermögend war, nutzte ihm wenig: zum einen wurde sein Geldbesitz empfindlich geschmälert durch die den Juden auferlegten hohen Sonderabgaben, zum andern konnte er nur begrenzt darüber verfügen: nach der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12.11.1938 konnten Juden privat nur die durch „Sicherungsanordnung“ festgelegten Beträge für ein Existenzminimum von der Bank abheben.

1935 zog Arthur Hess mit seiner Frau und der jüngsten Tochter Maria aus der Zehlendorfer Villa aus und in eine 5½-Zimmer-Mietwohnung in der Reichsstrasse 106 ein. Tochter Lilly war seit 1931 mit dem Arzt Martin Basch verheiratet. Willi, ebenfalls verheiratet, arbeitete in Hamburg bei Ullstein. Mieter der Villa in der Schweriner Strasse, die weiterhin Eigentum von Hess blieb, waren laut Adressbuch ein Major a.D. Brainich und der Feldbahnverband, später ein Herr Groß. Ende 1939 wurde sie vom Sicherheitsdienst der NSDAP für 300 RM im Monat gemietet – ein Betrag, der unter dem lag, den Arthur Hess für die beträchtlich kleinere Wohnung in der Reichsstrasse zahlen musste. Nachdem Arthur Hess in der amtlichen verschleiernden Sprache “ausgebürgert” worden war, galt die Villa als Reichseigentum und erweckte Begehrlichkeiten: unter anderen meldete der SD-Chef Interesse am Kauf der Villa an. Schließlich wurde sie aber dem Finanzamt zur “Beamtenfürsorge” übergeben, der SD musste ausziehen. Ein Oberregierungsrat Gunze durfte zunächst darin wohnen, bis im Oktober 1943 in der Villa bombengeschädigte Postbeamte untergebracht wurden. Dies alles sollte wohl nicht an die große Glocke: Seit der Anmietung durch den SD stand im Adressbuch, die Villa in der Hugo-Kaun-Strasse 8 (früher Schweriner Strasse) sei “unbewohnt”.

Die “Ausbürgerung” bedeutete in Wirklichkeit Deportation und Ermordung. Einen Tag vor Arthur Hess’ 69. Geburtstag, am 15. Oktober 1941, unterschrieben er und seine Frau die von ihnen verlangte “Vermögenserklärung”. Ihre Wohnung in der Reichsstrasse mussten sie mittlerweile mit vier weiteren Erwachsenen und zwei Kindern teilen. Die Inventarliste ihres Besitzes zeigt, dass sie noch einiges mehr als andere ihrer Glaubensgenossen ihr Eigen nannten, so etwa 30 Krawatten und einen Smoking. Oder ein 70-teiliges Speiseservice und 18 Stück silbernes Tafelgerät. Das alles zuzüglich des gesamten Vermögens sollte das Deutsche Reich “einziehen”, gemäß einer am 3. Oktober ausgestellten und am 26. Oktober gestempelten Verfügung.

In seiner Aufstellung führte Arthur Hess auch ein Cello und 131 Notenhefte an. Am Ende der Erklärung fügte er einen Satz an, der dick durchgestrichen wurde. Leserlich ist nur noch das Ende: “… meines Instrumentes (Cello)”. Sollte sich Arthur Hess “erdreistet” haben darum zu bitten, sein Cello mitnehmen zu dürfen? Auf der von der Oberfinanzdirektion erstellten Inventarliste für die Versteigerung taucht jedenfalls kein Cello auf, wohl aber “165 Bände Noten”, zusammen auf einen Wert von 1 RM geschätzt. Das Cello hatte wohl schon vorher einen neuen Liebhaber gefunden.

Arthur und Gertrud Hess wurden in die in ein Sammellager umfunktionierte Synagoge in der Levetzowstrasse 7-8 gebracht und am 27. Oktober 1941 nach Lodz /Litzmannstadt in das dortige Ghetto deportiert.

Schon 1940 war das Ghetto Lodz durch die deutschen Besatzer von der polnischen Industriestadt abgetrennt und mit Stacheldraht umzäunt worden. Etwa 160 000 Lodzer Juden wurden in die bereits heruntergekommenen und – vor allem im Sanitärbereich – äußerst ärmlich ausgestatteten Häuser gepfercht. Im Oktober 1941 deportierten die Nationalsozialisten dann weitere 20 000 Juden aus dem „Altreich“ in das völlig überfüllte Ghetto. Am 27. Oktober ging von Gleis 17 im Grunewald der dritte „Transport“ mit über 1 000 Juden von Berlin ab, unter ihnen Arthur und Gertrud Hess.

Die Lebensbedingungen im Ghetto waren katastrophal. Keine Heizung, keine Toiletten, keine Betten, weitgehend mussten die Menschen auf Strohsäcken oder dem nackten Boden in Massenunterkünften schlafen, die Ernährung war völlig unzureichend. Hunger, Kälte, Erschöpfung und Krankheiten rafften viele Leute dahin. Als „arbeitsfähig“ eingestufte Männer und Frauen mussten Zwangsarbeit vor allem in Munitionsfabriken und Uniformschneidereien leisten. Arthur und Gertrud Hess wurden für arbeitsfähig befunden und in eine Unterkunft in der Hohensteinstrasse, eine der Hauptstrassen im Ghetto, „eingesiedelt“, so die Amtssprache. Schwer vorstellbar, wie sie unter den dortigen Verhältnissen die Wintermonate überstanden. Hilfe von Freunden in Deutschland zu erbitten war nahezu unmöglich. Die fast ständige Postsperre wurde im Dezember 1941 zwar für einige Wochen aufgehoben, erlaubt war nur „gute Gesundheit“ mitzuteilen und um Geldsendungen zu bitten. Der Andrang war so hoch, dass der Großteil der Postkarten gar nicht befördert wurde. Arthur Hess gelang es vielleicht doch, Lebenszeichen zu verschicken, denn von Februar und März 1942 sind zwei Quittungen erhalten, auf denen er Postüberweisungen bestätigt. Es handelte sich um 30 und 50 Reichsmark, Summen die, zumal in Ghetto-Währung ausgezahlt, kaum ihre Not gelindert haben dürften. Der größte Teil der Überweisungen wurde von der Ghettoverwaltung ohnehin einbehalten. Das Ehepaar Hess hielt diese Lebensumstände nicht mehr lange aus: Gertrud starb am 23. April 1942, Arthur kurz darauf, am 9. Mai.

Ihre Kinder überlebten: Lilly Basch wanderte nach Chicago aus. Willi mit Frau und Kindern und auch seine jüngere Schwester Maria emigrierten nach London, wo sie ihren Familiennamen änderten und sich eine neue Existenz aufbauen mussten. Willi scheiterte als Börsenmakler und wurde freier Journalist. Maria, die ursprünglich auch mit einer Zukunft im Ullstein-Verlag gerechnet hatte, wurde Schaufensterdekorateurin. Später heiratete auch sie einen Arzt und arbeitete bis zu ihrer Verwitwung 1967 in der Praxis ihres Mannes mit.

Text: Micaela Haas
Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Berliner Adressbücher; Statistik des Holocaust

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Stolperstein Oda Schottmüller
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ODA SCHOTTMÜLLER
JG. 1905
IM WIDERSTAND
„ROTE KAPELLE
VERHAFTET 16.9.1942
GEFÄNGNIS ALEXANDERPLATZ
TODESURTEIL 26.1.1943
PLÖTZENSEE
HINGERICHTET 5.8.43

Bildvergrößerung: Die Tänzerin Oda Schottmüller tanzt „Traumjagd“
Die Tänzerin Oda Schottmüller tanzt „Traumjagd“
Bild: Deutsches Tanzarchiv (Siegfried Enkelmann /VG BildKunst, Bonn)

Oda Schottmüller wurde am 9. Februar 1905 in Posen (Poznan) geboren. Ihr Vater, Archivrat Dr. Kurt Schottmüller, erhielt im Jahr 1906 eine Anstellung im Staatsarchiv Danzig, wohin die Familie deshalb umzog. Wegen einer schweren Erkrankung ihrer Mutter wuchs Oda ab 1911 allein bei ihrem Vater in Danzig auf. Nach seinem Tod 1919 übernahm Odas Tante Prof. Dr. Frida Schottmüller, die Kustodin am Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin war, die Vormundschaft für ihre Nichte. Frida Schottmüller finanzierte auch deren Schulbesuch an der reformorientierten Odenwaldschule, in der sich das 17- jährige Mädchen ab April 1922 auf ihr Abitur vorbereitete. Dort lernte sie Klaus Mann kennen, mit dem sie sich eng befreundete.

Nach dem Abitur absolvierte Oda Schottmüller auf familiären Wunsch zunächst eine kunsthandwerkliche Ausbildung in Pforzheim und Frankfurt/M. 1929 zog Oda Schottmüller zurück nach Berlin und studierte bei Milly Steger Bildhauerei. Die junge Künstlerin schuf zahlreiche Plastiken und Porträtbüsten prominenter Zeitgenossen. Ihre Leidenschaft aber galt dem Tanz: Fasziniert von der Ausdruckskraft Vera Skoronels nahm sie Tanzunterricht in der Schule von Skoronel und Berthe Trümpy.

Ihr erstes Bildhaueratelier bezog Oda Schottmüller 1931 in der Malschule des Bauhäuslers Johannes Itten. Hier lebte sie ihr ersehntes freies, inspiriertes Leben als Künstlerin unter Künstlern. Sie führte ihre beiden Berufe im Maskentanz zusammen und schuf eine eigene Tanzästhetik, die sie auch unter den veränderten Bedingungen im NS-Regime gemeinsam mit ihrem Korrepetitor, dem Pianisten und Komponisten Kurt Schwaen, weiter entwickelte.

Ab 1934 trat sie regelmäßig solistisch mit meist tragischen Choreographien in die Öffentlichkeit. Unter Verwendung beeindruckender Masken und Kostüme verwandelte sie sich in mythologische Gestalten und thematisierte in ihren Choreographien behutsam gesellschaftliche Fragen.

Bildvergrößerung: Die Bildhauerin Oda Schottmüller im Atelier von Milly Steger, 1929
Die Bildhauerin Oda Schottmüller im Atelier von Milly Steger, 1929
Bild: N.N./ EMPORE, Antikriegsmuseum

Im Sommer 1942 wurden Schulze-Boysen und mehr als 120 Personen, unter ihnen auch Oda Schottmüller, festgenommen. Die Gestapo hatte all diese Menschen dem Fahndungskomplex „Rote Kapelle“ zugeordnet und beschuldigt, einer von Moskau gesteuerten Spionageorganisation anzugehören. Oda Schottmüller wurde vorgeworfen, sie habe ihr Atelier für Funkversuche zur Verfügung gestellt. Obwohl dieser Vorwurf nicht bewiesen werden konnte, verurteilte das Reichskriegsgericht sie zum Tod. Sie wurde am 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee ermordet.

Am Haus Puschkinallee 51 / Ecke Bouchéstraße, wo sich eine städtische Kita ihres Namens befindet, wurde eine Gedenktafel angebracht.

Text: Dr. Geertje Andresen