Stolpersteine Mommsenstraße 50

Link zu: Hausansicht Mommsenstr. 50, 04.04.11
Hausansicht Mommsenstr. 50, 04.04.11
Bild: BA Chbg-Wdf, Plewa

Die Stolpersteine zum Gedenken an Jeanette und Franz Lichtenstein wurden am 30.7.2005 verlegt. Die Stolpersteine für die Hausbewohnerinnen Barbara Einstein und Lieselotte Flatow wurden am 21.4.2016 auf Wunsch von Bela Etta Flatow (Italien) und Martina Berlin (Berlin) verlegt.

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Stolperstein für Jeanette Lichtenstein, 04.04.11
Bild: BA Chbg-Wdf, Plewa

HIER WOHNTE
JEANETTE
LICHTENSTEIN
GEB. LUFT
JG. 1904
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET 29.10.1942

Jeanette Lichtenstein geb. Luft, wurde am 17. Juli 1904 in Ludwigslust geboren. Sie war wahrscheinlich eine Schwester von Franz Lichtenstein. Sie wohnte zusammen mit der Familie in der Mommsenstraße 50, wo der Vater Siegmund Lichtenstein, der im Adressbuch als „Liquidator“ eingetragen war, gemeldet war.

Sie wurde am 26. Oktober 1942 mit 798 Menschen – darunter 55 Kindern unter zehn Jahren – vom Bahnhof Moabit nach Riga deportiert und gleich nach ihrer Ankunft am Bahnhof Skirotava am 29. Oktober 1942 in der Umgebung ermordet. Die Leichen wurden in Massengräbern verscharrt.

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Stolperstein für Franz Lichtenstein, 04.04.11
Bild: BA CW, Plewa

HIER WOHNTE
FRANZ
LICHTENSTEIN
JG. 1897
DEPORTIERT 1943
AUSCHWITZ
ERMORDET 22.1.1943

Franz Lichtenstein wurde am 21. Dezember 1897 in Breslau geboren. Er war der Sohn von Siegmund und Rosa Lichtenstein, bei denen er in der Mommsenstraße 50 wohnte. Dort wohnten auch Jeanmette und Hilda Lichtenstein. Nach Angaben einer Verwandten war er verheiratet und kinderlos. Am 12. Januar 1943 wurde er nach Auschwitz deportiert und am 22. Januar 1943 dort ermordet.

Hilda Lichtenstein, geboren am 25. Februar 1893 ebenfalls in Breslau, nach Angaben einer Verwandten unverheiratet, wurde mit dem gleichen Zug, in dem sich 1196 Deportierte drängen mussten, vom Güterbahnhof Moabit nach Auschwitz gebracht. Mehrals tausend von ihnen sind in den Gaskammern in Auschwitz-Birkenau getötet worden.

Eine Verwandte, Kate Jorysz (Leeds), hat 1970 bei der Gedenkstätte Ysad Vashem Gedenkblätter hinterlegt.

Franz, Hilda und Jeanette Lichtenstein wohnten in der Mommsenstraße 50: bei Siegmund Lichtenstein, geboren am 3. Mai 1862 in Nikolai (Schlesien) und Rosa Lichtenstein, geb. Nikolaus, geboren am 9. Februar 1869 in Namslau (Schlesien). Siegmund Lichtenstein war im Adressbuch mit dem Zusatz „Liquidator“ eingetragen.
Das betagte Ehepaar musste durch das Sammellager an der Großen Hamburger Straße 26 und wurde am 17. August 1942 in einen Zug mit 997 überwiegend alten Menschen gesteckt, der vom Güterbahnhof Moabit nach Theresienstadt fuhr. Dort ist Rosa Lichtenstein in einer ehemaligen Kaserne untergebracht und bald nach der Ankunft am 30. August 1942 umgebracht worden. Siegmund Lichtenstein starb etwas später am 24. Oktober 1942. Er war auf einem Dachboden dieses Gebäudes in „Koje 21“ untergebracht und sei an Alters- und Herzschwäche gestorben, wurde im Todesdokument vermerkt.

Text: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf.
Quellen: Bundesarchiv; Adressbuch; Archiv Theresienstadt; Zentrale Datenbank Yad Vashem.

Bildvergrößerung: Stolperstein Barbara Einstein
Stolperstein Barbara Einstein
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
BARBARA EINSTEIN
JG. 1918
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
6.3.1943

Barbara Einstein wurde am 3. April 1918 als Tochter von Emma und Louis Einstein geboren. Ihr Vater Louis Einstein war Jude, ihre Mutter Emma war keine Jüdin. Louis Einstein war bis 1939 im Adressbuch als Handelsvertreter eingetragen. Sie hatte eine Schwester Ursula Einstein.

Barbara litt unter dem Schicksal ihrer jüdischen Familienangehörigen, Bekannten und Freunde. Als schließlich ihr Verlobter Harry Jacob ins KZ verschleppt wurde, nahm sie sich aus Verzweiflung am 6. März 1943 das Leben. Sie ist nicht einmal 25 Jahre alt geworden.

Eine Sterbeurkunde besitzt Bela Etta Flatow, Tochter von Lieselotte Flatow, einer Freundin Barbara Einsteins, die zeitweise bei Familie Einstein in der Mommsenstraße 50 lebte.

Ihr Vater Louis Einstein starb 1944 im Jüdischen Krankenhaus Berlin, wahrscheinlich nach einer Beinamputation aufgrund von Diabetes. Am Freitod seiner Tochter Barbara war er verzweifelt.

Text: Martina Berlin. Quellen: Bundesarchiv; Sterbeurkunde (Privatbesitz)

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Stolperstein Lieselotte Flatow
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
LIESELOTTE FLATOW
JG. 1916
VERHAFTET 1940
RAVENSBRÜCK
VERLEGT’ 1942
BERNBURG
ERMORDET
AM TAG DER ANKUNFT

Lieselotte Flatow, genannt Lilo oder Liselott, wie in einem Brief von Emma Einstein vom 7. Juni 1951, wurde am 18. November 1916 in Berlin-Charlottenburg als Tochter von Walter Flatow geboren. Der Vater stand im Adressbuch von 1933: Flatow, Walter, Ladenbau, Kleiststr. 62.

Lieselotte war eine Freundin der Familie Einstein und lebte dort in der Mommsenstraße 50 über längere Zeit immer wieder. Ihr Vater Walter Flatow wanderte 1938 aus und lebte in England, in Shanghai und zuletzt in den USA zusammen mit seiner Tochter Kitty Flatow, der Schwester von Lieselotte.

Lieselotte wollte nicht auswandern, wohl wegen einer Liebesgeschichte. Sie bekam am 24. Juni 1939 ein Mädchen, das den Namen Bela Etta erhielt. Lieselotte wurde 1940 inhaftiert (nach den Nürnberger Rassegesetzen wegen sogenannter „Rassenschande“) und ins Konzentrationslager Ravensbrück gebracht.

Aus Ravensbrück wurde Lieselotte am 13. Juni 1942 nach Bernburg an der Saale weiterdeportiert, wo sie sofort nach ihrer Ankunft im Alter von 26 Jahren ermordet wurde. Die Tötungsanstalt Bernburg befand sich in einem abgetrennten Teil einer Heil- und Pflegeanstalt und war eine „Euthanasie“-Stätte der so genannten Aktion „T4“. Hier wurden fast 10 000 Kranke und Behinderte aus Fürsorge- und Pflegeeinrichtungen sowie rund 5 000 Häftlinge aus Konzentrationslagern mit Kohlenstoffmonoxid in einer Gaskammer ermordet.

Im Gedenkbuch des Konzentrationslagers Ravensbrück ist der Name Lieselotte Flatow verzeichnet auf Seite 203. In der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem liegt ein 2006 geschriebenes Erinnerungsblatt über sie vor, unterzeichnet von ihrer Tochter Bela Etta Flatow.

Lieselotte Flatows Tochter Bela Etta Flatow überlebte die Shoa durch die Hilfe von Emma und Ursula Einstein. Sie versteckten das Mädchen, indem sie abwechselnd in Berlin, Genthin und Garmisch lebten, unter dem Namen des damaligen italienischen Verlobten von Ursula Einstein. Bela Etta lebte 2016 in Guidonia bei Rom.

Text: Martina Berlin. Quellen: Bundesarchiv; Gedenkbuch Ravensbrück; Zentrale Opferdatei Yad Vashem; Familienerinnerungen