Stolpersteine Dahlmannstraße 24

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Hauseingang Dahlmannstr. 24
Bild: Stolpersteine-Initiative Chbg-Wdf, Bukschat & Flegel

Diese Stolpersteine sind am 5.6.2004 verlegt worden.

Bildvergrößerung: Stolperstein Gustav Markendorf
Stolperstein Gustav Markendorf
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
GUSTAV
MARKENDORF
JG. 1868
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 9.2.1943

Bildvergrößerung: Stolperstein Hedwig Markendorf
Stolperstein Hedwig Markendorf
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HEDWIG
MARKENDORF
GEB. ABRAMOWITZ
JG. 1874
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 9.3.1943

Gustav Markendorf und Hedwig Markendorf geb. Abramowitz wohnten 1909 in der Lüneburger Straße 21 und ab 1911 in der Rönnestraße 2. Im März 1941 wurden sie zwangsumquartiert und wohnten mit ihrer Tochter Else Markendorf in einer Wohnung in der Dahlmannstraße 24 (Gartenhaus, 2. Etage), aus der heraus sie deportiert worden sind. 1939 begann die Zwangsräumung von Wohnungen der Berliner Juden, die für das Wohnungsbauprogramm Berlins benötigt wurden. Entsprechend diesem Programm wurde in den Behörden später die Reihenfolge bestimmt, nach der die Deportationen und somit eine Freigabe der Wohnungen erfolgte.

Gustav und Hedwig Markendorf wurden am 3.Oktober 1942 mit dem „3. Großen Alterstransport“ in einem mit 1021 Menschen besetzten Zug vom Bahnhof Grunewald nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Die Totenscheine sind zu finden unter http://www2.holocaust.cz/de/victims/PERSON.ITI.524447 und http://www2.holocaust.cz/de/document/DOCUMENT.ITI.18207.
Als Todesursache ist bei beiden „Darmkatarrh“ angegeben. So umschrieben die Ghetto-Ärzte die Mangelernährung und die grauenvollen hygienischen Bedingungen.

Bildvergrößerung: Gustav Markendorf, Sigismund Markendorf, Georg Markendorf, Max Abramowitz, Wilhelm Kohlhoff und andere Familienmitglieder und Freunde, Urlaub in Ahlbeck 1926
Gustav Markendorf, Sigismund Markendorf, Georg Markendorf, Max Abramowitz, Wilhelm Kohlhoff und andere Familienmitglieder und Freunde, Urlaub in Ahlbeck 1926
Bild: privat

Gustav Markendorf (25.11.1868 in Berlin – 9.2.1943 in Theresienstadt) war der Sohn des jüdischen Kaufmanns und Schneidermeisters Hermann Herschel Markendorf (1832 – 1910) und seiner Frau Karoline Markendorf geb. Lewy (1826 -1916), die mit ihren vier Kindern um 1865 aus Schönlanke nach Berlin umsiedelten. Gustav und seine Schwester Selma wurden in Berlin geboren. Die Familie wohnte in Berlin-Moabit, Lüneburger Straße 22. Hermann und Karoline Markendorf sind auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beerdigt. Alle sechs Kinder sind auf der Beerdigungsbestellung mit ihren Adressen vermerkt. Gustav zeichnete als Kantor.

Hedwig Markendorf geb. Abramowitz (25.4.1874 in Cottbus – 9.3.1943 in Theresienstadt), war die Tochter von Louis Abramowitz (1849 – 1916) und Emma Hirsch (1849 – 1929). Louis Abramowitz zeichnete 1899 auf der Heiratsurkunde von Gustav und Hedwig Markendorf als Kantor und wahrscheinlich hat er auch als Kantor in Berlin gearbeitet.
Gustav und Hedwig Markendorf hatten zwei Kinder. Else Markendorf (21.8.1900 in Berlin – 25.8.1942 in Berlin) war Organistin und ab 1933 wegen Krankheit arbeitsunfähig. Sie wohnte im Haushalt der Eltern, wurde 1942 durch den Staat entmündigt, wegen Geisteskrankheit ins Jüdische Krankenhaus eingeliefert und starb am 25. August 1942. Käte Markendorf (6.4.1909 in Berlin – 21.10.1910 in Berlin) starb mit einem Jahr und ist auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beerdigt.

Gustav Markendorf betrieb von 1906 bis 1936 gemeinsam mit Max Abramowitz, dem Bruder seiner Frau Hedwig Markendorf geb. Abramowitz, einen im Amtsgericht Charlottenburg eingetragenen Gewerbebetrieb „Gustav Markendorf & Co“ (Beschaffung und Wiederveräußerung von Metallen, Bergwerks- und Hüttenprodukten), der 1934 seine Arbeit einstellen und die Firmenlöschung beantragen musste. Da er die geforderten Gebühren für die Löschung nicht zahlen konnte, bat Gustav Markendorf das Finanzamt um Aufschub und schickte ein Zeugnis zur Erlangung des Armenrechts. Aus dem Armutszeugnis ist zu entnehmen, dass Gustav Markendorf zucker-, herz- und nervenkrank war, er seine Frau Hedwig und die Tochter Else ernähren musste und über keine Erwerbsquelle verfügte. In den Akten der Vermögenswertungsstelle vom 26. April 1943 befindet sich die Mitteilung, dass am 15. März 1943 die Wohnung in der Dahlmannstraße 24 geräumt und das Inventar verkauft wurde. Das Inventar ist aufgelistet und wurde am 10. Dezember 1942 auf 150,00 RM geschätzt und ein Schriftwechsel verfügt, dass die 232,64 RM auf dem Sparkonto der Tochter Else an das Deutsche Reich verfallen. Einen Monat vor ihrer Deportation hatten sie ihre 42jährige Tochter auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beerdigt. Für das Gebet El mole rachamim (hebr.: Gott voller Erbarmen) wurde der Kantor Gustav Markendorf bestellt.

Hedwig Markendorf hatte zwei Geschwister. Max Abramowitz (1876 – 1940) wohnte 1916 in der Landsberger Allee 115/116, dann in der Kantstraße 24 und später in Berlin-Schöneberg, Zietenstraße. Er war vermutlich zuletzt in der Heil- und Pflegeanstalt in Berlin-Buch. (Euthanasie). Der Todesort ist unbekannt, als Todeszeitpunkt wird 1940 angegeben (Gedenkbuch für die Opfer des Faschismus). Kinder sind nicht bekannt.
Curt Abramowitz (1880 – 1943) war mit der Schauspielerin Elisabeth Abramowitz geb. Stonad verheiratet. Sie wohnten laut Adressbuch von 1937 in Schöneberg, in der Kurfürstenstraße 107. Nachdem beide Berufsverbot erhielten, trennte sich seine Frau vermutlich von ihm. Er wohnte ab 1942 in Schöneberg, Freisingerstraße 5a, bei einer Familie Stern und wurde am 16. April 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ob Curt Abramowitz Kinder hatte ist nicht bekannt.

Gustav Markendorf (1868 – 1943) hatte fünf Geschwister: 1. Adolph Markendorf (1857 – 1920), 2. Anna (Chane) Markendorf (1859 – 1915), 3. Sigismund Markendorf (1862 – 1935), 4. Julius Markendorf (1864 -1930) und 5. Selma Markendorf (1870 – 1944). Seine Geschwister wohnten und arbeiteten mit ihren Familien in Berlin, heirateten, hatten Kinder, die sich im 1. Weltkrieg mit nationaler Treue für ihr deutsches Vaterland verdient gemacht hatten, wurden teilweise erfolgreiche Unternehmer im Textilgewerbe und als angesehene Mitbürger geachtet. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann für alle jüdischen Familien ein bitteres Leben. Sie wurden rechtlos, zunehmend mehr diskriminiert, vom Berufsleben ausgeschlossen, ihre Firmen oder Geschäfte wurden zerstört und enteignet, viele verloren ihre materielle Existenzgrundlage oder wurden zwangsarbeitsverpflichtet. Einigen aus der Markendorf-Familie gelang die Flucht, nur wenige überlebten. Im Oktober 1941 begannen die ersten Deportationen. Die Lebensschicksale der Familie von Gustav Markendorf spiegeln ein normales deutsches Familienleben Anfang des 20. Jahrhunderts wider, das durch die menschenfeindliche Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten abrupt und für die meisten Familienmitglieder mit Entrechtung, Verfolgung oder Tod endete.

Recherchen und Text: Marianne Conrad, geb. Markendorf

Teil 2 Familiengeschichte Gustav Markendorf

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