Stolperstein Kulmbacher Str. 7

Foto folgt
Bild: BA

Der Stolperstein für Anna Aaron wurde am 23.5.2013 verlegt. Ihre in Israel lebenden vier Enkelinnen kamen mit Familien zu dem von ihnen gestalteten Gedenken, bei dem der folgende Text vorgetragen wurde.

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Stolperstein Anna Aaron, Foto: privat, 23.5.2013
Bild: Rony Kochavi

HIER WOHNTE
ANNA AARON
GEB. BONWITT
JG. 1876
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

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Anna und Willy Aaron mit ihrer Tochter Hannah (1912), Foto: Familienbesitz
Bild: Familienbesitz

Anna Aaron wurde als Tochter von Louis und Carolina Bonwitt am 14. Februar 1876 in Rodenberg, einem Dorf bei Hannover, geboren. Etwa zur Jahrhundertwende zog die Familie nach Berlin. Im Alter von 34 Jahren heiratete Anna im Jahre 1909 Willy Aaron, den sie bei Freunden kennengelernt hatte. 1912 wurde ihre Tochter Hannah geboren, 1914 ihre zweite Tochter Charlotte. Die junge Familie lebte am Gustav-Müller-Platz in Berlin-Schöneberg.

Im Oktober 1914 starb Willy Aaron. Anna Aaron kehrte mit ihren beiden kleinen Töchtern ins Elternhaus Hasenheide 61 in Neukölln zurück und übernahm die Haushaltsführung. Ihr Vater Louis Bonwitt starb 1918. Danach zog Anna mit ihrer Mutter und ihren beiden Töchtern nach Schöneberg in die Rosenheimer Straße 3, einige Jahre später nach Wilmersdorf in die Kulmbacher Straße 7. Hier hatte die Familie ihren Lebensmittelpunkt; das Haus existiert nicht mehr. Nach dem Tod ihrer Mutter Caroline Bonwitt 1933 nahm Anna in Kreuzberg in der Fontanepromenade 16 eine kleinere Wohnung. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich in den folgenden Jahren als Schneiderin und Haushaltshilfe bei jüdischen Familien.

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Anna, Hannah und Lotte Aaron (etwa 1925), Foto: Familienbesitz
Bild: Familienbesitz

Mit dem Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten entschieden sich die beiden Töchter nach Palästina auszuwandern: Lotte im April 1933, Hannah im Januar 1934.
In den folgenden Jahren pflegte Anna eine rege Korrespondenz mit ihren beiden Töchtern. Diese erhaltenen Briefe sind für die Nachkommen eine wichtige Quelle der Information sowohl über Annas Lebensbedingungen in Berlin als auch die ihrer beiden Töchter in Palästina. Im Januar 1937 besuchte Anna sie dort und Hannah und Lotte baten sie wegen der politischen Situation in Deutschland zu bleiben, aber Anna lehnte dies ab, obwohl sie selbst auch sah, dass sie in Deutschland keine Zukunft hatte. Sie begründete ihren Schritt damit, dass sie sich ihren Brüdern verpflichtet fühlte, sich um den Familienbesitz zu kümmern und dass sie ihrer Cousine Louisa Bonwitt versprochen hatte zurückzukehren und sich um sie zu kümmern. Auch fürchtete sie, ihren Töchtern zur Last zu fallen. Hannah lebte in dem neu gegründeten Kibbuz Hazorea unter sehr schwierigen Bedingungen, und Lotte musste sich auch mühsam durchs Leben schlagen.

Anna kehrte nach Berlin zurück, entschied sich aber nach der Pogromnacht am 9./10. November 1938 doch für eine Emigration nach Palästina. Sie hatte in Berlin schon bald alle dafür notwendigen Angelegenheiten geregelt. Für ein Einreisevisum nach Palästina verlangten die britischen Behörden jedoch eine Bescheinigung, dass jemand eine Garantie für ihren Lebensunterhalt über monatlich 6 palästinensische Pfund für die nächsten 7 Jahre übernehmen würde. Der Kibbuz Hazorea konnte 2 Pfund garantieren. Hanna und Lotte baten Annas Brüder, die in die USA, Großbritannien und Australien fliehen konnten, um Hilfe, aber diese konnten aufgrund ihrer eigenen prekären Lebenssituation mit ihren Familien in ihren Zufluchtsorten keine Zusagen machen.

So war Anna gefangen in Deutschland bis zu ihrer Deportation.
Berührend zu lesen, wie sie in ihren Briefen schrieb, dass sie immer wieder beim Palästina-Amt in der Meinekestraße nachfragte, ob für sie ein Einreisevisum gekommen sei und es enttäuscht wieder verlassen musste. In Palästina wurden die ersten Enkelkinder geboren, in deren Nähe sie so gerne sein wollte. Verzweifelt auf das Einreisevisum wartend, musste sie sich zugleich um eine neue Bleibe in Berlin kümmern, da sie wegen der geplanten Emigration die Wohnung in der Fontanepromenade 16 gekündigt und die Möbel verkauft hatte. Schließlich fand sie im März 1939 in Schöneberg ein Zimmer zur Untermiete in der Münchner Straße „bei sehr netten Leuten“, das sie aber drei Monate später wieder verlassen musste, da diese Wohnung aufgelöst wurde. Sie kommentierte dies mit den Worte: „Juden auf Wanderschaft…“

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Anna Aaron auf dem Balkon Kulmbacher Straße 7 (1929), Foto: Familienbesitz
Bild: Familienbesitz

Eine neue Bleibe fand sie zum Juni 1939 in Wilmersdorf in der Babelsberger Straße 48, im Vorderhaus im 2. Stock bei Ehrlich. In der Wohnung lebten ein älteres Ehepaar, ein jüngeres Ehepaar und sie. „Alle drei Parteien kochen in der Küche Schnellgerichte…“, schrieb sie. Nach einigen Monaten mietete sie in der Münchner Straße 37 ein Zimmer, nahe der Synagoge, wo sie, wie sie schrieb, koscher essen könne. Dort blieb sie zusammen mit mehreren anderen Untermietern bis zur Deportation.
In den Kriegsjahren konnte die Korrespondenz mit ihren Töchtern in Palästina nur über Rote-Kreuz-Briefe aufrechterhalten bleiben. Annas Gedanken und Wünsche richteten sich auf das Wohlergehen der jungen Familien ihrer beiden Töchter.

Mit ihrer Cousine Louisa Bonwitt wurde Anna Aaron am 15. August 1942 nach Riga deportiert. Der Zug startete am Güterbahnhof in Berlin-Moabit mit 1004 Juden. Bis heute ist nicht gewiss, ob sie bereits während der dreitägigen Fahrt in dem überfüllten Waggon, ohne Wasser und Nahrung, starb oder ob sie erst nach der Ankunft des Zuges am 18. August 1942 mit allen anderen Insassen in den Wäldern von Rumbula und Bikernieki bei Riga ermordet wurde.

Aus den letzten Briefen, die sie über das Rote Kreuz an Familie und Freunde schickte, ist zu entnehmen, dass Anna wusste, dass dies ihr letzter Weg sein würde und sie sich deshalb verabschieden wollte. Sie schrieb, dass sie versuchen wolle, auf ihre Gesundheit zu achten und dass sie warme Anziehsachen für die lange Fahrt mitnehmen werde. Ihre letzten Worte waren, dass sie und Louisa „ruhig, gefasst“ seien.
Anna Aaron war 66 Jahre alt, als sie ermordet wurde.

Übersetzung: Sigrun Marks, Stolpersteininitiative Stierstraße, Berlin-Friedenau