300 Jahre Charlottenburg in 12 Kapiteln

Von Charlottes Hof zur Berliner City

von Karl-Heinz Metzger

1. Die Gründung
Woher der einzige weibliche Berliner Bezirk seinen Namen hat und wie die Stadt Charlottenburg gegründet wurde

Die Gründung einer Stadt war nach dem Mittelalter in den deutschen Landen ein seltener Vorgang. So nimmt denn auch Charlottenburg in Deutschland und unter den Berliner Städten eine einzigartige Stellung ein. Während Spandau (1232), Berlin/Cölln (1237), und Köpenick (1325) mittelalterliche Stadtgründungen sind, erhielten Schöneberg (1898), Rixdorf/Neukölln (1899), Wilmersdorf (1906), und Lichtenberg (1908) erst um 1900 Stadtrechte und durften diese nur wenige Jahre genießen, bis sie 1920 in Groß-Berlin eingemeindet wurden. Lediglich Charlottenburg entstand im frühen 18. Jahrhundert und kann jetzt auf ein mittleres Alter von 300 Jahren zurückblicken.
Zur Vorgeschichte Charlottenburgs gehören das Dorf Lietzow, die preußische Königin Sophie Charlotte und ihr Schloss. Lietzow wurde 1239 unter dem Namen “Lucene” erstmals erwähnt und 1720 nach Charlottenburg eingemeindet. Die 1668 auf Schloss Iburg geborene Sophie Charlotte heiratete 1684 den Kurprinzen Friedrich III von Brandenburg und begann 1695 mit dem Bau ihres Lustschlosses Lietzenburg, das bald in ganz Europa als Musenhof bekannt wurde. Sophie Charlotte feierte hier nicht nur prächtige Feste, sondern förderte hier die Künste und die Philosophie. Sie wurde Königin, als ihr Mann 1701 zum preußischen König Friedrich I gekrönt wurde. Nach ihrem frühen Tod am 1.2.1705 ließ Friedrich I ihr zu Ehren ihr Schloss umbenennen und machte die kleine Siedlung südlich davon zur Stadt.
Mit einer gewissen Berechtigung wird manchmal behauptet, dass Sophie Charlottes Kammertürke Aly der erste Charlottenburger war. Denn als König Friedrich I am 5. April 1705 den berühmten Brief schrieb, in dem er Stadtrechte und den Namen Charlottenburg verlieh, da wohnten tatsächlich nur einige Hofbedienstete in einigen Häusern entlang der heutigen Schlossstraße.
“Von Gottes gnaden, Friderich, König in Preußen, Marggraf zu Brandenburg, des Heyl. Röm. Reichs Ertz-Cämmerer und Churfürst, Souverainer Printz von Oranien, zu Magedeburg, Cleve, Jülich, Berge, Stettin, Pommern und Hertzog.
Unsern gnädigen Gruß zuvor, unser Hochgelahrter Räthe und Liebe Getreue; nachdem Wir allergnädigst resolviret der Charlottenburg zum Andenken Weyland Unserer Hoch- und Hetzgeliebtesten Gemahlin der Königin Mayes, mit der Stadt-Gerechtigkeit zu gegnadigen, und einen Besonderen Magistrat daselbst zu setzen; Alß Befehlen Wir Euch hiermit zu Gnaden, das gewöhnliche privilegium deßhalb abzufaßen und auszufertigen. Seyend Euch mit gnaden gewogen. Gegeben zu Charlottenburg, den 5. Aprilis 1705.
Friderich”
Die vom König in Auftrag gegebene Stadtrechtsurkunde wurde nie ausgefertigt. Ein erster Entwurf, der unmittelbar nach der königlichen Anordnung im Mai oder Juni 1705 angefertigt wurde und viele Privilegien für die künftigen Bürger der neuen Stadt vorsah, wurde von einem hohen Beamten kritisiert: Eine Bevorzugung Charlottenburgs würde den Ausbau weiterer Residenzen gefährden, und andere Städte in der Umgebung – vor allem Berlin und Spandau – würden benachteiligt.
Aber es war unverkennbar, dass Friedrich I seine Anordnung ernst meinte. Er ließ ihr unmittelbar Taten folgen, die keinen Zweifel daran ließen, dass die neue Stadt nicht nur auf dem Papier stehen, sondern leben und wachsen sollte. Der Gebrauch des alten Namens wurde verboten und mit einer Strafe von 16 Groschen belegt.
Noch im April 1705 bestellte der König einen Magistrat und setzte sich selbst als Ehrenbürgermeister ein.

2. Die barocke Ackerbürgerstadt
150 Jahre mühsame Behauptung und Entwicklung Charlottenburgs als Stadt

Die Bezeichnung “Ackerbürgerstadt” für Charlottenburg im ersten Jahrhundert seiner Existenz seit der Gründung 1705 lässt ahnen, wie schwer es für die kleine Ansammlung von Häusern südlich vom Schloss war, sich als Stadt zu behaupten, und so musste ihr erster Chronist Johann Christian Gottfried Dressel, Pfarrer von 1778 bis 1824 betonen: “Charlottenburg ist wirklich eine Stadt”. Als die Bürger Charlottenburgs 1711 vereidigt wurden, zählte man 87 “wirklich angebaut habende und seßhaft gemachte Personen”, 57 eingemietete Bewohner und 6 königliche Beamte.
Das barocke Charlottenburg entstand südlich und südöstlich von Schloss Charlottenburg zwischen Schlossstraße und Berliner Straße (heute Otto-Suhr-Allee). Mindestens ebenso wichtig als Verkehrsverbindung nach Berlin war allerdings die Spree als viel genutzter Wasserweg.
Der Stadtplan des Hofarchitekten Eosander von Göthe sah rund um die spätere Luisenkirche einen rechtwinkligen Straßengrundriss vor. Im Osten wurde er zunächst von der Spreestraße begrenzt, der heutigen Richard-Wagner- und Wintersteinstraße.
Charlottenburg wurde nie mit einer Mauer oder Umzäunung umgeben, obwohl 1708 die in preußischen Städten übliche Verbrauchssteuer, die Akzise, für Güter eingeführt wurde, die in die Stadt gelangten.
Am 13.Juli 1712 wurde in Anwesenheit des Hofes und vieler Berliner der Grundstein für die Kirche gelegt. Der neue König Friedrich Wilhelm I. wollte das hochverschuldete Preußen durch einen eisernen Sparkurs sanieren. Deshalb wurden die Baukosten von 10.000 auf 6.073 Taler 14 Groschen gesenkt. 1716 fand schließlich die Kirchweihe der Parochial- oder Pfarrkirche Charlottenburg statt, die 1826 nach dem Umbau durch Schinkel den Namen Luisenkirche erhielt.
Eosander hatte nicht nur den Grundriss für die Stadt entworfen, sondern auch ein Modellhaus, das für die Bebauung verbindliche Richtlinien vorgab. Einen Eindruck von der Wohnkultur im barocken Städtchen bietet noch heute das älteste Bürgerhaus Charlottenburgs in der Schustehrusstraße 13. Es wurde 1712 nach den Vorgaben Eosanders errichtet, allerdings im Laufe seiner fast 300jährigen Geschichte immer wieder umgebaut. Heute zeigt hier das Keramik-Museum Berlin seine Schätze.
Die kleine Stadt Charlottenburg lebte zunächst im wesentlichen vom König und seinem Hofstaat. Deshalb war die Frage seiner Anwesenheit für die Charlottenburger von existenzieller Bedeutung. Weil die Anwesenheit der Könige höchst ungewiss war, versuchten die Bürger, sich durch landwirtschaftliche Tätigkeit eine unabhängige Existenzgrundlage zu verschaffen. Bereits 1708 richteten sie das erste Gesuch an den König, ihnen Äcker und Wiesen zu überlassen. In einem Bericht an Friedrich Wilhelm I. wurde der “elende und recht bejammernswerte Zustand der armen Charlottenburger Einwohner” konstatiert und auf die Abhängigkeit der Bewohner von den Aufenthalten des königlichen Hofes hingewiesen. Schließlich kam es 1717 zur ersten Verteilung von Wald-, Wiesen- und Heideflächen, die in mühsamer Arbeit landwirtschaftlich nutzbar gemacht werden mussten. Charlottenburg wurde Ackerbürgerstadt. Die Eingemeindung des Dörfchens Lietzow 1720 war die logische Folge.
Die Lage war für die Bürger der jungen Stadt alles andere als rosig. Dressel beschreibt Charlottenburg bis 1740 als einen “erbärmlichen Ort”. Der Einfall, zwischen Berlin und Spandau eine dritte Stadt zu gründen, sei sehr sonderbar gewesen, und die neue Stadt war aus eigener Kraft nicht überlebensfähig.
Friedrich Wilhelm I. hatte sogar angeordnet, einen Teil der Einwohner nach Berlin umzusiedeln und Charlottenburg in ein Dorf zu verwandeln. Nur die Nachlässigkeit seiner Verwaltung und sein Tod 1740 verhinderten die Durchführung dieser Maßnahme.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Charlottenburg Ziel von Ausflüglern und Erholungssuchenden aus Berlin. Der Chronist Dressel staunte über diese unerwartete Entwicklung:
“Wer konnte damals vorhersehen, dass die Berliner an Sonn- und vielen Wochentagen Berlin verlassen, Meilen weit umher schwärmen und ihr in der Woche verdientes Geld in Bier und Coffee Häusern daselbst verzehren würden? Wer vorher sehen, dass die Berlinischen Aerzte es als das sicherste Mittel, sich von Krankheit zu heilen oder ihnen vorzubeugen, den Genuss der Landluft, und das Trinken der Gesundbrunnen ausserhalb der Residenz auf dem Lande empfehlen würden … Wer vermuthen, daß der Luxus so hoch steigen könnte, daß man das Auswandern im Sommer aus Berlin, und das Häuser bewohnen in Charlottenburg fast für unumgänglich nöthig halten würde, wenn man sich vom Pöbel unterscheiden wollte, der seine Verschwendungssucht höchstens bis auf sonntags Lustwandeln nach nah gelegenen Dörfern oder Städten ausdähnen könnte? War vorherbestimmt, daß die Juden soviel Freiheit gewinnen würden, daß sie sich im Sommer wohnhaft in Charlottenburg niederlassen könnten.”
Gasthöfe und Schankwirtschaften entstanden, der Personentransport zwischen Berlin und Charlottenburg wurde zum einträglichen Geschäft, und immer mehr Adelige und reiche Bürger bauten sich Landhäuser und Paläste als Sommerresidenzen in Charlottenburg. Eine der größten war die der Gräfin Lichtenau, einer Mätresse von Friedrich Wilhelm II. Sie kaufte 19 Bürgergrundstücke an der Spree und verwandelte sie in ein ansehnliches Landgut. Aus manchen Äckern von Charlottenburger Bürgern wurden prächtige Gärten und vornehme Parks. Zeitweise stiegen die Haus- und Gründstückspreise. Das bescheidene Wachstum sorgte für den allmählichen Wandel Charlottenburgs von der Ackerbürgerstadt zur Sommerfrische, die von den vornehmen Klassen Berlins besonders bevorzugt wurde. Georg Hermann erzählt in seinem Roman Jettchen Gebert, wie sich Jettchens Tante Riekchen um 1840 in Schöneberg eine Sommerfrische mietete, weil sie sich Charlottenburg nicht leisten konnte.
Zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor wurde das Gastwirtsgewerbe. Vor allem entlang der Berliner Straße (heute Otto-Suhr-Allee) siedelten sich zahlreiche Gaststätten an. Das wohl eindrucksvollste Etablissement war die “Flora” am Luisenplatz mit einem großer Glaspalast und Vergnügungspark am Spreeufer. Das Gebäude wurde 1904 gesprengt.
Zwischen 1824 und 1861 entstanden zahlreiche Mühlen, meist im Süden der Stadt an der Mühlenstraße (heutige Bismarckstraße). Der Zuschlag zur Mahlsteuer war in Charlottenburg um die Hälfte niedriger als in Berlin. Allmählich stieg die Einwohnerzahl an, von etwa 1.500 im Jahr 1722 auf 2.400 im Jahr 1780, 3.400 im Jahr 1800 bis auf 10.000 im Jahr 1855.

3. Die Kleinstadt vor dem Boom: Villen, Industrie und Militär

In der Mitte des 19. Jahrhunderts begann für Charlottenburg eine Inkubationszeit. Noch war es eher ein Städtchen als eine Stadt, aber die explosionsartige Entwicklung, die bald einsetzen sollte, kündigte sich bereits an. Die Einwohnerzahl stieg von 8.000 im Jahr 1848 auf etwa 20.000 im Jahr 1870.
Die ersten Industriebetriebe waren in Charlottenburg bereits vor 1850 eröffnet worden: 1833 die chemische Fabrik Heyl, 1836 die Töpferei March und um 1840 die Freundsche Maschinenfabrik. Aus einer Kattunbleicherei wurde 1862 die Maschinen-fabrik Gebauer entwickelt, und der größte Teil der Königlichen Porzellan-Manufaktur KPM wurde in den 1860er Jahren auf Charlottenburger Gebiet verlagert.
Die Industriebetriebe siedelten sich überwiegend in unmittelbarer Nachbarschaft herrschaftlicher Villen im Norden und Osten Charlottenburgs an Landwehrkanal und Spree an.
1851-59 baute Friedrich August Stüler gegenüber dem Schloss Charlottenburg an der Schloßstraße 1 und 70 nach Entwürfen des Königs Friedrich Wilhelm IV die bei-den Offiziers-Kasernen der Gardes du Corps. Im westlichen glänzt seit 1995 die Sammlung Berggruen, im östlichen wird 2006 die Kunstsammlung Dieter Scharf / Otto Gerstenberg mit Werken von Piranesi, Goya, Klee, Marx Ernst, Dali, Dubuffet das Ägyptische Museum ablösen.
Das erste Charlottenburger Gaswerk am Landwehrkanal (heutiges Einsteinufer) wur-de 1861 auf Druck des Berliner Polizeipräsidenten gebaut. Er hatte auf die Einrich-tung einer Straßenbeleuchtung gedrängt.
Um 1850 hatte Charlottenburg noch den Charakter einer Sommerfrische. Das Stadt-gebiet war nicht wesentlich erweitert worden, und kleine Häuser dominierten das Straßenbild. Noch immer waren viele Charlottenburger Einwohner Ackerbürger, die ihr Einkommen durch die Vermietung an Berliner Sommergäste aufbesserten. Aller-dings wurde seit Erscheinen des sogenannten “Hobrecht-Planes” 1862 das bisherige Ackerland schnell in Bauland verwandelt, und eine entsprechende Bauspekulation setzte ein.
1858 wurde der Charlottenburger Turn und Sport-Verein gegründet. Mit ihm begann die Entwicklung des Sports in Charlottenburg. 1860 entstand an der Schloßstraße1 die erste Sporthalle, im Hof hinter dem heutigen Bröhan-Museum, dessen Haus 1892/93 als Mannschaftsgebäude und Offizierswohnhaus der Gardes du Corps entstand.
In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich bis 1860 in der Schloßstraße 2 das Rat-haus. 1857 kaufte der Magistrat für 19.200 Taler das Grundstück Berliner Straße 25 (später Nr. 73, heute Otto-Suhr-Allee Nr.98) mit dem ehemaligen zweigeschossigen Palais des Königlichen Oberstallmeisters Enke, des Bruders der Gräfin Lichtenau. Nach Aus- und Umbauten für weitere 8.000 Taler konnte das Rathaus am 5. Dezem-ber 1860 feierlich eingeweiht werden. Das Erdgeschoss wurde zunächst an einen Kaufmann vermietet, später als Wohnung für den Bürgermeister eingerichtet. 1902 wurde das Haus abgerissen und durch den großen Neubau zwischen Lützower Stra-ße (heute Alt-Lietzow) und Berliner Straße (heute Otto-Suhr-Allee) ersetzt, in dem auch heute noch ein großer Teil der Bezirksverwaltung untergebracht ist.
Charlottenburger Bürgermeister war von 1848 bis 1877 August Wilhelm Bullrich. Er setzte schließlich in seinem letzten Amtsjahr die Loslösung der Stadt aus dem Kreis-verband Teltow durch. Damit wurde Charlottenburg kreisfreie Stadt, und die Entwick-lung zur Großstadt konnte beginnen. Zuletzt hatte Charlottenburg mit den Abgaben aus seinem Steueraufkommen mehr als ein Drittel der Einnahmen des Landkreises Teltow bestritten. Kein anderer Bürgermeister sollte Charlottenburg so lange regieren wir Bullrich, der Ende 1876 wegen finanzieller Misswirtschaft seinen Rücktritt einrich-ten musste.
1866 entstand, allerdings zunächst außerhalb Charlottenburgs die Villenkolonie Westend. Sie wurde durch die “Kommandit-Gesellschaft auf Aktien” auf einem Plateau des Grunewaldes an der Spandauer Chaussee für das wohlhabende Bürgertum gegründet. Vorbild war die englische Vorstellung von der Trennung der Stände in verschiedenen Wohngebiete. Weitergeführt wurde die Planung durch den Kaufmann Heinrich Quistorp. Zunächst wurde das Gebiet rund um den Branitzer Platz bebaut. Benannt wurde die Kolonie nach dem vornehmen Londoner Stadtteil Westend. Das Terrain wurde schachbrettartig erschlossen, begrenzt von der Akazienallee im Nor-den, Platanenallee im Süden, Ahornallee im Osten und Kirschenallee im Westen. Gebaut wurden großbürgerliche Villen in großzügigen Gärten.
In der Villenkolonie wohnten viele Prominente, darunter der Bakteriologe Robert Koch, der Pianist und Komponist Conrad Ansorge, der Altphilologe Ulrich von Wila-mowitz-Moellendorff, das Malerehepaar Sabine und Reinhold Lepsius und der Philosoph und Soziologe Georg Simmel.
Erst 1878 wurde Westend nach Charlottenburg eingemeindet, 1880 der Bahnhof Westend eröffnet. Bis 1900 war die Besiedlung hier weitgehendst abgeschlossen.

4. Großstadt in der Bismarckzeit

In den zwei Jahrzehnten von 1870 bis 1890 entwickelte Charlottenburg sich in einem rasanten Tempo von einer mittleren, ländlich wirkenden Stadt in der Umgebung Ber-lins zu einer Großstadt und schließlich zu einer der reichsten und größten Städte Preußens. Die Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871, mit der Berlin zur Reichshauptstadt wurde, war das Startsignal. 1877 schied Charlottenburg aus dem Landkreis Teltow aus und bildete einen eigenen “Stadtkreis Charlottenburg”. Um 1880 begann der Mietshausbau mit einer Geschwindigkeit, die dem ländlichen Aussehen Charlottenburgs ein schnelles Ende setzte. Der damalige Bauboom ist für uns heute kaum vorstellbar; und es entstanden viele Prachtbauten, deren Qualität bis heute begehrt ist.
Die Einwohnerzahl wuchs von knapp 20.000 im Jahr 1871 auf über 100.000 im Jahr 1893. Unter dem Bürgermeister Hans Fritsche (1877-1898) bildete der Ausbau des Schulwesens einen besonderen Schwerpunkt der kommunalen Arbeit. Die Stadtver-waltung investierte 30% ihres Haushaltes in das Schul- und Bildungswesen. Inner-halb weniger Jahre entstand ein städtisches Schul- und Bildungswesen mit einem breiten Angebotsspektrum von Hilfsschulen, Gemeinde- und Realschulen über ver-schiedene Typen von Gymnasien bis zu Fortbildungs- und Fachschulen. Die Eröff-nung der Technischen Hochschule im Jahr 1884 und der Hochschule für Bildende Künste und für Musik ergänzten das kommunale Bildungsangebot.
Aus heutiger Sicht erscheint das Zusammenspiel kommunaler und privater Institutio-nen für die Versorgungseinrichtungen, Verkehrsverbindungen und insbesondere in der Sozial-, Bildungs- und Kulturpolitik erstaunlich effektiv und weitsichtig. Die Maßnahmen der Stadtgemeinde für die kommunale Daseinsvorsorge wurden vielfältig ergänzt durch eine große Zahl von privaten Unternehmen, Vereinen und Stiftungen, die sich verschiedenen Bereichen der Kommunalpolitik widmeten. Bildungs-, Kultur-, Gesundheits- und Sozialpolitik wurden dabei als Einheit verstanden.
1871/72 entstand am Teufelssee ein Wasserwerk und in der Villenkolonie Westend ein Wasserturm, die darauf berechnet waren, weite Gebiete zu versorgen. Die privat gegründeten “Charlottenburger Wasserwerke” gingen 1903 in städtischen Besitz über. Schwieriger war die Abwassersituation. Eine Reihe von unzureichend überdeckten Abwässerkanälen konnten die vermehrt anfallenden Fäkalien oft nicht mehr aufnehmen, und so bildeten sich an vielen Stellen in der Stadt entsprechende Teiche, oder die Abwässer flossen die Straßen hinab. Charlottenburg, vor wenigen Jahren noch begehrte Sommerfrische, stank. Gegner des geplanten Baus der Technischen Hochschule wiesen darauf hin, dass in Charlottenburg Wasser und Luft ungesund seien. Bürgermeister Fritsche trat dem zwar 1877 mit einem positiven Gutachten entgegen, aber das reichte auf Dauer nicht aus. Erst zwischen 1885 und 1890 wurden die Abwasserprobleme gelöst. 1888 kaufte die Stadt für die Anlage von Rieselfeldern das Rittergut Carolinenhöhe bei Gatow.
Die Industrieansiedlung im Norden und Osten Charlottenburgs an Spree und Land-wehrkanal wurde intensiviert. Die Firma Siemens & Halske verlagerte zwischen 1872 und 1889 wesentliche Teile ihrer Produktion von Berlin nach Charlottenburg und beschäftigte hier 1895 mehr als 2.600 Arbeiter. 1881 siedelte sich die chemische Fabrik Schering am Bahnhof Jungfernheide an.
Der Wirtschaftswissenschaftler Paul Voigt nannte die Eröffnung der Stadtbahn im Jahr 1882 “das wichtigste Ereignis in der Geschichte Charlottenburgs”. Und der Charlottenburger Magistrat prognostizierte für Charlottenburg und Berlin die “vollständige Verschmelzung der beiderseitigen Einwohnerschaften.” Die Stadtbahn brachte einen Schub für die Bautätigkeit und für das Bevölkerungswachstum. Die Bahnhöfe der Stadtbahn; Zoo, Savignyplatz und Charlottenburg am Stuttgarter Platz – wurden zu Ausgangspunkten für den Bau neuer Wohnviertel. Deshalb wuchs Charlottenburg nicht aus seinem alten Stadtkern heraus, sondern rund um verschiedene Zentren. Noch heute unterscheiden sich die verschiedenen Kieze deutlich voneinander.

5. Neue City im wilhelminischen Kaiserreich

Charlottenburg verdreifachte seine Einwohnerzahl noch einmal von 100.000 im Jahr 1893 auf 306.000 im Jahr 1910. In dieser Zeit wurde Charlottenburg als Großstadt vollendet: Das Straßennetz, die U-Bahn, Kanalisation, die meisten Wohnviertel, Schulen, Gerichtsgebäude, das Rathaus, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, die große Synagoge in der Fasanenstraße, die Hochschule der Künste, das Theater des Westens, Schillertheater, Deutsche Oper und vieles mehr entstand damals.
Aus heutiger Sicht vorbildlich ist das Zusammenwirken von Magistrat und privaten Institutionen in der Sozial-, Bildungs- und Kulturpolitik. Gegenüber dem von kaiserli-chen Interessen dominierten Berlin stellte sich Charlottenburg als moderne Großstadt dar, und Oberbürgermeister Kurt Schustehrus setzte ganz bewusst antimonarchistische Akzente.
Charlottenburg galt zwar als eine gut bürgerliche reiche Stadt im Westen Berlins, aber es gab große soziale Gegensätze, und in den dicht bebauten Stadtteilen war der Anteil gering verdienender Arbeiterhaushalte hoch, die mit wenig Wohnraum auskommen mussten.
Die Stadt Charlottenburg reagierte mit vielen Maßnahmen auf die sozialen Probleme und machte damit zum Teil Sozialgeschichte. 1898 richtete Charlottenburg als erste Stadt im Deutschen Kaiserreich eine städtische Volksbibliothek ein und entschloss sich damit, “die Verpflichtung anzuerkennen, in ausreichendem Maßstabe für die Bil-dungsbedürfnisse aller Schichten der Bevölkerung zu sorgen.”
Ein besonderes Projekt war die 1904 eröffnete “Waldschule” im Grunewald. Mitten im Kiefernwald sollte sie als Erholungs- und Bildungsstätte dienen “für blutarme, nervö-se, skrofulöse, herz- und lungenkranke Volksschulkinder, für die der 4- bis 5stündige Unterricht in normal besetzten Volksschulklassen zu anstrengend ist, die aber nicht in dem Grade leidend sind, daß sie gänzlich vom Unterricht befreit werden müßten.”
1898 wurde in der Krummen Straße eine Volksbadeanstalt eröffnet, damals weniger eine Freizeiteinrichtung als ein soziales Hygieneangebot.
1900 wurde am nördlichen Spreeufer das erste Elektrizitätswerk Charlottenburgs gebaut. Strom wurde zwar zunehmend auch privat nachgefragt, aber zunächst ging es um öffentliche Einrichtungen wie die Straßenbeleuchtung, die nicht zuletzt von der Polizei dringlich zur Verbrechensverhütung gefordert wurde.
Mit dem 1901 in der Sopie-Charlotten-Straße eröffneten “Bürgerhaus” wurde ein Al-ten- und Pflegeheim für “nicht mehr besserungsfähige Kranke” geschaffen, das sich ausdrücklich an alle sozialen Schichten richtete. Das Gleiche galt für das 1904 eröff-nete städtische Krankenhaus Westend. Die in Pavillonbauweise mit einem großzügi-gen Park angelegten Klinikgebäude galten in der damaligen Zeit als vorbildliches Muster einer Krankenanstalt.
Bereits 1894 gründete Anna von Gierke mit einer Gruppe einflussreicher, wohlhabender Charlottenburger Männer und Frauen den “Verein Jugendheim”. Er baute auf dem schon 1883 von Hedwig Heyl eingerichteten Jugendheim für die Kinder der Ar-beiter der Heylschen Farbenfabriken auf und entwickelte ein Netz von Horten und Tagesheimen in Charlottenburg, das vorbildlich wurde für die “Jugendheimbewegung” im ganzen Deutschen Kaiserreich.
Dem Problem der Vermietung von Schlafstellen wollte die Stadtverwaltung mit dem 1908 in der Dankckelmannstraße eröffneten “Ledigenheim” abhelfen. Oberbürgermeister Kurt Schustehrus beschrieb es als “ein ‘Hotel’ für ledige Männer aus den minderbemittelten Volksschichten; für Arbeiter aller Art, Handwerker, kleine Kaufleu-te, Techniker und ähnliche mehr, die bisher als Schlafsteller ein Unterkommen suchten.” Zu bewusst niedrigen Mieten wurden Einzelzimmer angeboten, was für die damalige Zeit eine große Errungenschaft war. In den ersten Jahren nach der Eröffnung waren die 340 Betten immer belegt. Das Ledigenheim wurde von einer Aktiengesell-schaft, der Ledigenheim-Hotel-Gesellschaft, erfolgreich privat betrieben. Die Gewinnverteilung für die Aktionäre wurde stark begrenzt: Die Überschüsse sollten überwiegend dem Ledigenheim selbst und damit sozialen Zwecken zugeführt werden.
Auch das 1907 eröffnete Schillertheater und das 1912 gestartete Deutsche Opernhaus wurden von privaten Aktiengesellschaften betrieben, und beide verfolgten gemeinnützige Ziele: nicht Volksbelustigung, sondern die Teilhabe der unteren Schich-ten an der Kultur sollten hier ermöglicht werden.
Charlottenburg ermöglichte auch der Künstlergruppe der Berliner “Secession” Ausstellungsmöglichkeiten; zunächst in einem Pavillon neben dem Theater des Westens, später am Kurfürstendamm. Kaiser Wilhelm II hatte ihre Werke ungnädig als “Rinnsteinkunst” zurückgewiesen. Oberbürgermeister Schustehrus nahm als einziger offizieller Vertreter im Amtsornat an ihren Ausstellungseröffnungen teil.
Unterstützt wurden die Maler von Geldgebern wie Walther Rathenau, Richard Israel, Julius Stern und Carl Fürstenberg. Ohne das Mäzenatentum des liberalen, oft jüdischen Berliner Großbürgertums wäre die Entwicklung der modernen Kunst in Berlin undenkbar gewesen. Gegen den kaiserlichen Geschmack wurde die Secession zu einem weltweit bekannten Anziehungspunkt. Hier wurden die Werke von Käthe Kollwitz, Heinrich Zille, der seit 1893 in Charlottenburg lebte, Lovis Corinth, Max Slevogt, Max Beckmann, Emil Nolde, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Claude Monet, Edouard Manet, Edvard Munch und; in der Sommerausstellung 1912 erstmals in Deutschland von Pablo Picasso gezeigt. Charlottenburg wurde im Kaiser-reich auch zur modernen Kunstmetropole.
1905 feierte Charlottenburg seinen 200. Geburtstag mit einem umfangreichen Pro-gramm. Das größte Geburtstagsgeschenk war das neue Rathaus mit dem 88 m hohen Turm. Es brachte den Wohlstand und das Selbstbewusstsein der Charlottenburger Bürger deutlich zum Ausdruck. Kaiser Wilhelm II enthüllte eine Woche später auf dem Luisenplatz vor dem Knobelsdorff-Flügel des Schlosses ein Reiterstandbild des Stadtgründers König Friedrich I. Es wurde 1943 eingeschmolzen. Die Reste der Anlage wurden 1950 abgeräumt.

6. Der Kurfürstendamm: Moderner City-Boulevard

Fast alles, was heute Charlottenburg ausmacht, entwickelte, als Charlottenburg noch eine selbständige Großstadt war, als vor der Eingemeindung nach Groß-Berlin 1920. Dazu gehört auch der Kurfürstendamm und damit die westliche City oder wie man damals sagte “der neue Westen”. Als Knüppeldamm für die kurfürstlichen Reiter wurde der Weg bereits im 16. Jahrhundert angelegt, damit sie bequem vom Berliner Stadtschloss zum 1542 gebauten Jagdschloss Grunewald kamen. Den Ausbau zum Boulevard nach dem Vorbild der Champs Elysées befahl Bismarck, nachdem er 1871 von der Gründung des Deutschen Kaiserreichs aus Paris nach Berlin zurück ge-kommen war. Die Pflasterung begann 1883, und drei Jahre später wurde die Dampfstraßenbahn vom Bahnhof Zoo nach Halensee eröffnet.
Ab jetzt, ab 1886 also, ging alles ganz schnell. Innerhalb weniger Jahre standen die prächtigen Mietshäuser, wurden zahllose Cafés mit Vorgärten, Tanzdielen, Revuepaläste und mehr und mehr Geschäfte eröffnet. Das Café des Westens an der Stelle der heutigen Kranzlerecke wurde zum ersten legendären Künstlertreffpunkt. Das Schimpfwort “Café Größenwahn” übernahmen die Stammgäste schnell und waren stolz darauf: Richard Strauss, Alfred Kerr, Maximilian Harden, Christian Morgenstern, Frank Wedekind, Carl Sternheim, George Grosz, John Heartfield, Else Lasker-Schüler und viele andere besuchten das Café regelmäßig. Hier wurden Kabaretts und Zeitschriften gegründet, Autorenverträge geschlossen, Pamphlete verfasst und Künstlerportraits gemalt. Im Ersten Weltkrieg trafen sich hier die Kriegsgegner und Pazifisten um Wieland Herzfelde, der seinen Malik-Verlag hier gründete und in seiner Dachatelier-Wohnung am Kurfürstendamm 76 ansiedelte. Nach dem Ersten Welt-krieg übernahm das Romanische Café gegenüber der 1895 eingeweihten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche die Funktion des Prominententreffs und wurde noch bekannter.
Am westlichen Ende in Halensee eröffneten der Gastronom August Aschinger und der ehemalige Küchenchef bei Kempinski, Bernhard Hoffmann, 1904 die “Terrassen am Halensee”, die 1909 in “Lunapark” umbenannt wurden und bereits 1910 den millionsten Besucher zählten. Nach dem Vorbild von Coney Island in New York war ein Vergnügungspark entstanden, der Sensationen, Abenteuer, Gefahr, die Illusion der großen weiten Welt und das Erlebnis der scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten der Technik anbot. Völkerschauen, die erste Rolltreppe, jede Nacht ein großes Feuerwerk, Theater, Revuen, Jazzmusik, Kabarett und vieles mehr wurden hier in konzent-rierter Form geboten. 1935 wurde der Lunapark geschlossen und musste einer Ver-bindungsstraße in Richtung Olympiagelände Platz machen, die heute als Zubringer zum Stadtring dient.
Im Lunapark und in den unzähligen Tanzcafés und Hotels wechselten jedes Jahr die jeweils aktuellen Modetänze: Cake Walk, Ragtime und Tango waren vor dem Ersten Weltkrieg beliebt. Die Reiseführer betonten, dass die meisten Cafés am Kurfürsten-damm auf Nachtbetrieb eingestellt waren.
Auch die ersten Kinopaläste am Kurfürstendamm öffneten bereits vor dem Ersten Weltkrieg: 1912 das Marmorhaus-Kino und 1913 der Union-Palast. In den Zwanziger Jahren entstanden weitere prächtige Uraufführungskinos, mit denen Charlottenburg zum wichtigsten Kinostandort Berlins wurde, an dem sich in den 20er und 30er Jah-ren die Stars bei den Premieren die Klinke in die Hand gaben: Ufa-Palast am Zoo (1925), Capitol (1925), Gloria-Palast (1926) und Universum (1928).
Der Kurfürstendamm war von Anfang an umstritten. Den Nationalsozialisten war er wegen seiner Modernität und Internationalität verhasst und wegen der vielen jüdi-schen Künstler und Geschäftsleute, ohne die sein Erfolg nicht möglich gewesen wäre. Die einzige Konstante des Boulevards ist sein permanenter Wandel; bis heute überrascht er stets aufs Neue mit Niedergang und Aufbruch. Von allen Straßen in Berlin werden am Kurfürstendamm die mit Abstand meisten Passanten gezählt. Sehen und gesehen werden; das geht seit mehr als 100 Jahren hier am besten.

7. Eingemeindung trotz Protest: Der Bezirk

Die Weimarer Republik begann für Charlottenburg; wie für alle großen Städte rund um Berlin; mit dem Ende als selbständige Stadt. Mit dem “Gesetz über die Bildung der neuen Stadtgemeinde Berlin” vom 27.4.1920 wurde Charlottenburg 1920 als siebter Verwaltungsbezirk mit rund 325.000 Einwohnern Teil von Berlin.
Vorausgegangen waren 50 Jahre lang erbitterte Auseinandersetzungen um die Ver-waltungsstruktur des Großraumes Berlin. Der Charlottenburger Magistrat war bis 1890 noch für einen Zusammenschluss mit Berlin, aber seit es sich selbst zur reichen Großstadt entwickelt hatte, war es wie Spandau, Wilmersdorf und Schöneberg, also wie alle reichen Städte im Westen Berlins gegen die Eingemeindung. Noch 1920 warnte der Charlottenburger Magistrat: “Die zentralisierte Verwaltung eines solchen Gebietes von einem Rathaus aus ist für jeden Sachkenner eine Ungeheuerlichkeit. Der Wettbewerb der Gemeinden untereinander ist das treibende Element, welches dazu geführt hat, dass sich sämtliche Gemeinden Groß-Berlilns zu blühenden Gemeinden entwickelt haben.”
Aber die Zwangsverwaltungsmaßnahmen während des Ersten Weltkriegs hatten de facto längst zu einer zentralen Verwaltung geführt, und die neue politische Situation nach der Novemberrevolution senkte die Waagschale schließlich zu Gunsten der Befürworter Groß-Berlins.
Allerdings mussten sie auch jetzt den Gegnern einige Zugeständnisse machen, und so erhielten die neuen Bezirke Berlins eine gewisse Eigenständigkeit. Bezirksver-sammlungen (heute Bezirksverordnetenversammlungen) durften Bürgermeister wäh-len, und diese durften über bezirkliche Belange entscheiden. Was aber bezirkliche Belange, und was gesamtstädtische Aufgaben sind, das ist in Berlin bis heute umstritten.
Charlottenburg fand sich schnell mit seinem neuen Status ab und verteidigte ihn hartnäckig gegen weitergehende Zentralisierungsbestrebungen des Berliner Oberbürgermeisters Gustav Böß, der die Bezirksversammlungen abschaffen wollte.

8. Die Entwicklung in den 20er Jahren

Der 1920 aus der Stadt Charlottenburg gebildete Bezirk konnte in fast allen Berei-chen der Kommunalpolitik auf die Grundstrukturen aufbauen, die in der Großstadt Charlottenburg gelegt worden waren. Die Siedlungsstruktur und die Verkehrswege waren im Wesentlichen angelegt, die kommunalen Einrichtungen befanden sich in einem guten Zustand, und die Sozial-, Bildungs- und Kulturpolitik des Magistrats hatte in Verbindung mit privaten Institutionen, Stiftungen und Vereinen Vorbildliches geleistet. Der Bezirk baute darauf auf und konnte eine Reihe von Projekten weiter-führen und verwirklichen, die bereits vor dem ersten Weltkrieg geplant worden waren, darunter vor allem die Anlage des Volksparks Jungfernheide.
1920 kam es zu Gebietserweiterungen, vor allem im Westen Charlottenburgs bis zur Stößenseebrücke. Trotz dieser Gebietskorrekturen änderte sich nichts am grund-sätzlichen Charakter des Bezirks mit überwiegender Wohnbebauung und etwas In-dustrie nördlich des Landwehrkanals und der Spree. Teure Wohnviertel waren vor allem die Kurfürstendammgegend, Westend und Neu-Westend. Ein ausgesproche-nes Arbeiterviertel war zwischen Schloss und Zillestraße entstanden und wurde im Volksmund “Kleiner Wedding” genannt. Sonst lebten überwiegend Angehörige des Mittelstands in den fünfgeschossigen Mietshäusern der Innenstadt und in den neu entstehenden Siedlungen an der Heerstraße und in Ruhleben. Die neu gebaute kleinbürgerliche Siedlung Eichkamp gehörte zunächst noch zu Wilmersdorf, fiel aber 1938 an Charlottenburg.
In den 20er Jahren entstanden die Tribüne (1919), das Renaissance-Theater (1922), die Komödie und das Theater am Kurfürstendamm (1924) und das Universum-Kino von Erich Mendelsohn (1928), in dem heute die Schaubühne am Lehniner Platz un-tergebracht ist. 1931 wurde an der Masurenallee das von Hans Poelzig gebaute Haus des Rundfunks eröffnet.
Wohl nirgendwo waren die 20er Jahre so “golden” wie in der westlichen City Berlins rund um den Kurfürstendamm in Charlottenburg und Wilmersdorf. Alles, was sich hier in der Kaiserzeit entwickelt hatte, führt jetzt zu einem überschäumend lebendi-gen Tummelplatz der Kultur und des Kommerzes. Cafés, Kinos, Geschäfte, Revuen, Kabaretts, Hotels, Restaurants und Theater machen Berlin WW zur “City-Filiale”, wie sie damals häufig genannt wurde. Hierher kamen die Touristen aus aller Welt, hier trafen sich die Schriftsteller, Künstler, Schauspieler mit ihren Mäzenen, den Unter-nehmern, Verlegern und Kunsthändlern. Nirgendwo war Berlin so international wie am Kurfürstendamm.
Aber bereits in den 20er Jahren terrorisierten auch die Nationalsozialisten den Bou-levard, den sie hassten, vor allem die jüdischen Geschäftsleute, Gastronomen, Künstlerinnen und Künstler, Bewohnerinnen und Bewohner, die viel zur großen Att-raktivität Charlottenburgs beitrugen. Die Nationalsozialisten inszenierten antisemiti-sche Pogrome, lieferten sich Straßenschlachten mit Kommunisten und hatten auch Erfolge bei den Wahlen zur Bezirksversammlung. 1929 zogen fünf NSDAP-Mitglieder in die Charlottenburger Bezirksversammlung ein, darunter Joseph Goebbels, der jedoch nie zu den Sitzungen erschien. Fraktionsvorsitzender wurde der Chefredakteur des Berliner NS-Hetzblattes “Der Angriff”, Julius Lippert, der nach der nationalsozialistischen Machtübernahme als Staatskommissar und schließlich Oberbürgermeister Leiter der zentralistisch geführten Berliner Verwaltung wurde.

9. Selbstzerstörung und Krieg

In der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 wurde nichts Bleiben-des für Charlottenburg geschaffen, wenn man einmal von den Speerleuchten entlang der großzügig verbreiterten so genannten Ost-West-Achse und dem Ernst-Reuter-Haus absieht. Für den Ausbau dieses Straßenzuges wurden sogar die beiden Flügel des Charlottenburger Tores so weit auseinander gezogen, dass sein Charakter als Tor stark beeinträchtigt wurde.
Das Olympiastadion wird zwar heute überwiegend als Bauleistung aus dieser Zeit wahrgenommen, weil es für die Olympischen Spiele von 1936 fertiggestellt wurde, aber die Planungen gehen auf die Weimarer Republik zurück.
Im Zuge umfassender Gebietskorrekturen zwischen den Bezirken 1938 musste Charlottenburg Gebiete im Norden und Osten an Tiergarten, Schöneberg, Reini-ckendorf und Spandau abgeben, insbesondere auch das gutbürgerliche Kielgan-Viertel mit dem Wittenbergplatz und dem Kaufhaus des Westens, erhielt aber von Wilmersdorf die Siedlung Eichkamp.
Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden die Charlot-tenburger Verwaltung und die Schulen “von Marxisten und Juden gesäubert”, wie es im Verwaltungsbericht hieß. Das Haus des Rundfunks wurde durch SA und SS ge-stürmt. Leitende Mitarbeiter wurden verhaftet und in Konzentrationslager deportiert.
Bei den undemokratischen Wahlen im Mai 1933 wurden die Nationalsozialisten selbstverständlich stärkste Partei in der Bezirksversammlung. Die gewählten Be-zirksverordneten hatten aber nichts mehr zu sagen und trafen nur noch wenige Male zusammen. 1934 wurden schließlich auch die Bezirksämter aufgelöst. Die Bezirks-bürgermeister wurden alleinige Leiter der Bezirksverwaltungen, unterstützt von Bei-geordneten und ehrenamtlichen Bezirksbeiräten, die vom Berliner Oberbürgermeister berufen wurden, der sie auch entlassen konnte – Zentralismus pur.
Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten begannen auch die Repressalien gegen die Juden in Charlottenburg. Hier lebten 27.000 von den etwa 160.000 Berliner Juden. Es war die größte Zahl von allen Berliner Bezirken. Die Boy-kottaktion gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933 betraf den Kurfürstendamm und Tauentzien besonders hart. Auch die Pogromnacht vom 9. auf den 10. Novem-ber 1938 hinterließ in Charlottenburg besonders auffällige Spuren. Wiederum Kur-fürstendamm und Tauentzien waren von Glasscherben übersät, und es gab Plünde-rungen in den zerstörten Geschäften. Die große Synagoge in der Fasanenstraße brannte aus. Auch die Räume der zionistischen Organisationen in dem Haus Meine-kestraße 10 wurden verwüstet.
Heute erinnern viele Gedenkstätten und Gedenktafeln an die Zerstörungen, die von den Nationalsozialisten in Charlottenburg angerichtet wurden – zunächst durch die Ausgrenzung, Vertreibung und schließlich Ermordung der jüdischen Bevölkerung und schließlich durch den von Hitler begonnenen Zweiten Weltkrieg. Die Ruine der Ge-dächtniskirche wurde zum besonders augenfälligen und eindringlichen Mahnmal.
In dem 1910 als Reichsmilitärgericht eröffneten Gebäude an der Witzlebenstraße fällte seit 1936 das nationalsozialistische Reichskriegsgericht seine Urteile. Die meisten Mitglieder der Widerstandsgruppe Schulze-Boysen/Harnack wurden hier im Januar 1943 zum Tode verurteilt und in Plötzensee hingerichtet.
1940 begannen die ersten britischen Luftangriffe auf Berlin. Zunächst richteten sie wenig Schaden an. 1943 begannen schließlich massive Bombenangriffe, die Tau-sende Opfer forderten und weite Bereiche der Stadt zerstörten. Auch in Charlotten-burg waren die Schäden gewaltig: Im Januar 1943 brannte nach einem Nachtangriff die Deutschlandhalle aus. Im November 1943 wurden das Schloss, das Rathaus, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und ihre gesamte Umgebung, die Technische Hochschule und das Deutsche Opernhaus zerstört oder schwer beschädigt.
Allerdings blieben auch einzelne Viertel verschont, darunter der Arbeiterkiez zwi-schen Zillestraße Spandauer Damm (Klausenerplatz-Kiez) und die Wohngebiete um den Stuttgarter Platz und um den Lietzensee.
Nachdem im April 1945 die Rote Armee Berlin bereits eingeschlossen und weitgehend besetzt hatte, fanden die letzten Kämpfe noch in Charlottenburg im Bereich des Zoologischen Gartens statt, wo sich im Zoobunker bis zuletzt die Frontleitstelle be-fand. Letzte Gefechte an der Heerstraße wurden sogar noch fortgesetzt, nachdem am 2. Mai 1945 der Berliner Stadtkommandant General Weidling die Kapitulationsur-kunde schon unterzeichnet hatte.
Die Bevölkerungszahl Charlottenburgs sank von 301.000 im Jahr 1943 auf 151.000 am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945.

10. Neuanfang und Wiederaufbau

Nach der Kapitulation Berlins am 2. Mai 1945 besetzten Einheiten der Roten Armee auch Charlottenburg. Anfang Juli 1945 rückten Truppen der westlichen Alliierten in Berlin ein. Von da an gehörte Charlottenburg zum britischen Sektor Berlins. Die Be-zirksverwaltung musste zunächst versuchen, die Seuchengefahr zu bekämpfen, die teilweise zerstörte Kanalisation wieder in Gang zu bringen und die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser und Strom zu sichern.
Von 102.000 Wohnungen in Charlottenburg waren 37.000 total zerstört, 32.000 schwer beschädigt, 26.000 leichter beschädigt, und lediglich 7.000 Wohnungen wa-ren unbeschädigt. Von den 11.075 Wohnhäusern, die man 1939 in Charlottenburg gezählt hatte, waren 2.882 völlig zerstört. Nur 604 waren unversehrt geblieben.
Dabei stieg die Einwohnerzahl von 151.000 bei Kriegsende innerhalb weniger Wo-chen durch Flüchtlinge, Rückkehr von Soldaten, Gefangenen und Verfolgten inner-halb weniger Wochen sprunghaft auf 300.000 an. Für diese Menschen standen etwa 34.000 Wohnungen zur Verfügung, von denen die meisten mehr oder weniger schwer beschädigt waren. Viele mussten Jahre lang in Provisorien in den Laubenko-lonien oder in anderen Behelfsbauten leben. Erst nach dem Ende der Berlin-Blockade 1948-49 konnten größere Wohnungsbauprojekte in Angriff genommen werden. 1950 gab es in Charlottenburg 37.650 benutzbare Wohnungen. Die Einwoh-nerzahl war inzwischen wieder auf knapp 225.000 zurück gegangen.
Die ersten Jahre nach dem Krieg waren geprägt durch die Enttrümmerungsarbeiten, die notwendig waren zur Vorbereitung neuer Baumaßnahmen. Künftige Bau-grundstücke mussten freigeräumt werden, Baumaterialien mussten gewonnen werden. Nicht zuletzt dienten die Arbeiten als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Die “Trümmerfrauen” sind in die Berliner Geschichte eingegangen.
Erstaunlich war die schnelle Wiederbelebung der Kultur und des Vergnügungswesens unmittelbar nach Kriegsende. Bereits im Mai 1945 wurden in Charlottenburg 201 Gastwirtschaften, 39 Cafés und 25 Lichtspieltheater registriert. 1950 konnte das Bezirksamt feststellen, dass Charlottenburg das Vergnügungszentrum des neuen Berlin geworden war. Der Kurfürstendamm und die City West hatten der alten Berli-ner Mitte im Ostteil bereits den Rang abgelaufen.
Auch die meisten West-Berliner Theater befanden sich in Charlottenburg: Schon 1945 spielte im Theater des Westens wieder die Deutsche Oper und blieb dort, bis 1961 ihr Neubau an der Bismarckstraße fertig war. Dazu kamen das Schillertheater in der Bismarckstraße, die Tribüne am Ernst-Reuter-Platz, das Renaissancetheater in der Hardenbergstraße, Komödie und Theater am Kurfürstendamm, später noch die Freie Volksbühne und die Schaubühne im Wilmersdorfer Teil der City-West.
Eine besonders beeindruckende Leistung ist der Wiederaufbau des Schlosses Char-lottenburg, das 1943 bei Luftangriffen schwer beschädigt worden war und nur noch als Ruine existierte. Während der Charlottenburger Baudezernent im März 1946 ei-nen Wiederaufbau für sinnlos hielt, kämpfte die damalige “Schlossherrin” Margarete Kühn dafür, und schon im Sommer 1946 begannen die ersten Instandsetzungsarbei-ten. Mit ersten Ausstellungen begann 1947 die Entwicklung des Schlosses zu einem kulturellen Mittelpunkt und Tourismusmagneten.
Im Oktober 1946 trat eine von der Alliierten Kommandantur bestätigte vorläufige Verfassung für Berlin in Kraft, die für die Bezirke Bezirksämter und Bezirksverordneten-versammlungen vorsah. Die BVVs hatten “im Rahmen der von der Stadtverordne-tenversammlung und vom Magistrat aufgestellten Richtlinien über alle Angelegenhei-ten des Bezirks zu beschließen.” Im Oktober fanden auch die ersten Wahlen nach dem Krieg in Berlin statt. Die gewählte Charlottenburger Bezirksverordnetenver-sammlung trat im Dezember 1946 erstmals zusammen und wählte ein neues Be-zirksamt. Erster gewählter Bezirksbürgermeister nach dem Krieg wurde Albert Horlitz (SPD). 1950 zog die gesamte Bezirksverwaltung wieder in das Rathaus an der Berli-ner Straße. Allerdings zogen sich die Bauarbeiten zur Wiederherstellung noch meh-rere Jahre hin.
Erst 1955 wurde das Gelände zwischen Zoo und Breitscheidplatz enttrümmert, und von 1956 bis 1959 baute man anstelle der alten Ausstellungshallen neue Gebäude-komplexe. Gegenüber dem Bahnhof Zoo entstand das Zentrum am Zoo ZAZ mit dem Damenoberbekleidungs- (DOB-)Hochhaus für die Bekleidungsbranche, dem Zoo-Palast und dem sechsstöckigen Langbau an der Budapester Straße. Gegenüber dem Zoo-Palast wurde 1959 das Schimmelpfenghaus als Brückenbau über der Kant-straße fertiggestellt.
Der Platz vor dem Bahnhof Zoologischer Garten wurde 1960 teilweise auf ehemali-gem Zoo-Gelände als Hardenbergplatz für Bushaltestellen und Parkplätze für PKWs und Reisebusse angelegt. Der Bahnhof Zoologischer Garten wurde zum zentralen Bahnhof in West-Berlin, was die Bedeutung Charlottenburgs als City-Bezirk unterstrich.

11. Die Mauerstadt. Schaufenster des Westens

Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 wurde Charlottenburg mehr noch als vorher zur City im Westteil Berlins und damit zum Schaufenster des Westens. Kultur, Vergnügen und Kommerz konzentrierten sich hier. Hierher pilgerten die Touristen. 1966 befanden sich in Charlottenburg 1016 Gaststätten und Hotels, 1984 waren es 2143.
Gerade aus dem gutbürgerlichen Bezirk zogen aber nach dem Mauerbau viele Bewohner weg. 1960 hatte Charlottenburg 227.500 Einwohner, 1965 waren es 223.300, 1970 noch 200.000, 1975 noch 170.300 und 1982 nur noch 150.000. Charlottenburg war zwar von West-Bezirken umgeben, so dass man hier nirgends auf die Mauer traf, aber viele sahen in der eingemauerten Stadt keine Entfaltungsmöglichkeiten und kehrten ihr den Rücken. Das galt für Charlottenburg mehr als für andere Berliner Bezirke.
Trotzdem entstanden auch in den 60er und 70er Jahren neue Wohnungen. Ende der 60er Jahre wurde im innerstädtischen Bereich, zwischen Zillestraße und Bismarckstraße südlich der Deutschen Oper ein Neubauviertel mit mehr als 1.000 Wohnungen gebaut, das sogenannte Opernviertel. Anfang der 70er Jahre wurde in der Nähe des Olympiastadions an der Glockenturmstraße und Angerburger Allee ein Neubauviertel angelegt, das sogenannte “Grüne Dreieck”.
Die 60er und 70er Jahre waren auch eine Zeit der Großbauten, von denen nicht wenige bald als Bausünden empfunden wurden. Einige wie das alte Ku’damm Eck sind heute bereits wieder beseitigt.
Von 1963 bis 1965 wurde das Europa-Center am Breitscheidplatz gebaut. Der sich drehende Mercedes-Stern als I-Punkt auf dem Hochhaus wurde zum Symbol dafür, dass West-Berlin am Wirtschaftswunder der Bundesrepublik teilhaben durfte.
1966 wurde der neue “Zentrale Omnibusbahnhof” gegenüber dem Messegelände neben dem Funkhaus an der Masurenallee eröffnet.
Charlottenburg als City von Berlin-West war auch Hauptschauplatz politischer Demonstrationen, die mit der zunehmenden Politisierung der Studenten seit den 60er Jahren an Häufigkeit und Stärke zunahmen. Zunehmend heftiger wurden die Auseinandersetzungen, die sich unmittelbar vor Ort mit der Polizei ergaben, aber auch die Auseinandersetzungen, die in der Öffentlichkeit und vor allem in den Berliner Zeitungen des Springer-Verlages geführt wurden. Die Demonstrationen der Studenten gegen den Vietnamkrieg Amerikas stießen auf die Dankbarkeit und Verehrung vieler Berlinerinnen und Berliner für die amerikanischen Soldaten, die ihnen über die sowjetische Blockade geholfen hatten und ohne deren militärische Präsenz die Freiheit und Sicherheit West-Berlins nicht vorstellbar waren.
Bei einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien in Berlin vor der Deutschen Oper an der Bismarckstraße wurde der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Am 15. Dezember 1990 wurde an der Deutschen Oper ein Mahnmal für Benno Ohnesorg aufgestellt. Es besteht aus einer Gedenktafel und dem Relief “Der Tod des Demonstranten”, das Alfred Hrdlicka 1971 unter dem Eindruck der Ereignisse geschaffen hatte.
1986 wurde an der Spree das PTZ (Produktionstechnisches Zentrum) der Fraunhofer Gesellschaft eröffnet, mit dem der Wissenschaftsstandort Charlottenburg einen neuen Impuls bekam. Rund um die Technische Universität haben sich inzwischen eine reihe von erfolgreichen High-Tech-Unternehmen angesiedelt.
Mit der 750-Jahr-Feier Berlin 1987 wurde die Geschichte wieder wichtig für Berlin. In Charlottenburg wurde in diesem Jahr das neue Heimatmuseum in der Schloßstraße 69 gegenüber dem Schloss Charlottenburg eröffnet und daneben 1989 die Naturwissenschaftliche Sammlung der Stiftung Stadtmuseum, die sich insbesondere mit der Vor- und Frühgeschichte Berlins beschäftigt.

12. Seit der Wende: Ist der Neue Westen der alte Westen?

An den Tagen nach der Maueröffnung am 9. November 1989 strömten Hunderttausende Berlinerinnen und Berliner aus dem Ostteil der Stadt in die City West. Mit Trabi-Paraden auf dem Kurfürstendamm wurde die Wiedervereinigung Berlins gefeiert, und die Menschen bevölkerten die Kaufhäuser und Geschäfte.
In den Jahren danach geriet die westliche City zunächst ins Hintertreffen. Die Aufmerksamkeit und die Investitionen konzentrierten sich auf den Potsdamer Platz und die alte Mitte Unter den Linden und Friedrichstraße. Angesagt waren die Hackeschen Höfe, der Kollwitzplatz in Penzlauer Berg und die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain.
West-Berlin galt vielen als Relikt aus der glücklich überwundenen Mauerzeit mit vielen alten Zöpfen, die man zugunsten der neuen alten Mitte abschneiden musste. Das Theater des Westens wurde verkauft, das Schillertheater wurde geschlossen, viele Kinos mussten aufgeben. Aus der City West, die vor mehr als 100 Jahren als “Neuer Westen” entstanden war, wurde plötzlich der alte Westen.
Inzwischen haben sich die Verhältnisse geklärt: Die meisten empfinden das West-Berlin der Mauerzeit nur noch als Episode. Berlin knüpft wieder an die Zwanziger Jahre an, als mehrere pulsierende Zentren die Stadt so attraktiv gemacht hatten. Unbestritten sind die Besucherzahlen rund um die Gedächtniskirche die höchsten von ganz Berlin. In der City West und in der Spreestadt werden hohe Summen investiert – ohne die publizistische Aufmerksamkeit, die der Neuaufbau am Potsdamer Platz und in Mitte gefunden hatten, dafür aber höchst effektiv. Das Ludwig-Ehrhard-Haus der IHK (1998), das Stilwerk (1999), die Mercedes-Welt und das neue Kranzler Eck (2000), das neue KudammEck (2001) und die Volkswagen-Universitätsbibliothek (2004) sind nur einige Beispiele für spektakuläre Neubauten. Der Breitscheidplatz wird erneuert, Bausünden der 70er Jahre werden beseitigt und neue Hochhauspläne diskutiert. Rund um die großen Universitäten TU und UdK hat sich der Wissenschaftsstandort Charlottenburg zu einer modernen, kreativ vernetzten Struktur von erfolgreichen Unternehmen und Instituten entwickelt, in denen sich Wissenschaft und Technologie, angewandte Forschung und Produktion sinnvoll ergänzen – auch wenn Charlottenburg nicht so oft in den Medien erscheint wie Adlershof oder Buch.
Die Restaurants, Clubs, Galerien und Geschäfte um den Ludwigkirchplatz, um den Savignyplatz und in der Schlüterstraße sind wieder angesagt, und am Kurfürstendamm haben sich inzwischen alle exquisiten Edelmarken angesiedelt. Die Schließungen von Kinos und Traditionscafés und die Kündigung der beiden Boulevardtheater im Kudamm Karree sind nicht Symptome eines Niedergangs, wie oft behauptet wird. Im Gegenteil: Sie sind eher auf den großen kommerziellen Erfolg des Boulevards zurück zu führen, denn mit Bekleidungsgeschäften lassen sich höhere Einnahmen erzielen als mit Kino und Theater. Langfristig allerdings wird ohne die Kultur auch der Kommerz nicht mehr funktionieren. Deshalb sollten sich verantwortungsvolle Geschäftsleute überlegen, ob sie nicht – wie ihre Vorgänger in den Zwanziger Jahren die Kultur unterstützen statt sie zu vertreiben.
Inzwischen haben auch viele der neu zugezogenen Berlinerinnen und Berliner aus Politik, Wirtschaft und Kultur Charlottenburg-Wilmersdorf entdeckt als Wohnbezirk, Einkaufs- und Kulturzentrum. Die Konkurrenz der Zentren war Jahrzehnte lang durch die Trennung in ihrer belebenden Kraft gelähmt. Jetzt entfaltet sie wieder kreative Energien für ganz Berlin.