HIER WOHNTE
ALFRED
WERTHAHN
JG. 1887
DEPORTIERT 1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ
Alfred Werthan wurde am 20. Oktober 1887 in Rotenburg an der Fulda in Hessen geboren. Für seine Eltern, den Kaufmann Joseph Werthan (geb. 16. September 1845) und dessen Ehefrau Pauline Werthan geborene Goldschmidt (geb. 28. Mai 1847), war er das jüngste von insgesamt sieben Kindern. Sein ältester Bruder Otto (geb. 12. Dezember 1872) war bei seiner Geburt schon fünfzehn Jahre alt, sein Bruder Julius (geb. 12. Oktober 1874) dreizehn Jahre, seine Schwester Rosa (geb. 22. August 1876) elf Jahre, sein Bruder Leopold (geb. 1878) neun Jahre, seine Schwester Clara (geb. 12. Juli 1880) sieben Jahre und seine Schwester Elsa (geb. 18. Oktober 1885) zwei Jahre alt.
Alfred war das Nesthäkchen der Familie und von Geburt an gehörlos. Er wurde Mechaniker von Beruf.
Seine Schwester Rosa war die erste, die 1900 mit 23 Jahren den Kaufmann und Lithographen Emil Lesser (geb. 8. Januar 1866) in Rotenburg heiratete und mit ihm nach Berlin ging. Am 2. November 1903 wurde dort ihr Sohn Franz Joseph geboren. Sie wohnten in der Pücklerstraße 17 in Berlin-Friedrichshain.
Als Alfred 18 Jahre alt war, starb 1903 seine Mutter Pauline Werthan mit 46 Jahren.
Seine Schwester Clara, genannt Claire, heiratete am 6. November 1904 den aus Malchow in Mecklenburg stammenden Kaufmann Max Moses Jacobson (geb. 18. Oktober 1874). Am 19. Dezember 1905 wurde ihre Tochter Ilse in Göttingen geboren.
Seine Schwester Elsa heiratete am 6. September 1908 in Rotenburg den aus Berlin stammenden David Hermann Hirschowitz (geb. 15. Dezember 1877). Vermutlich ging Alfred mit ihnen zusammen nach Berlin, weil es dort Einrichtungen für Gehörlose gab, die ihm eine Ausbildung und eine Arbeit ermöglichten. Hermann und Elsa wurden Eltern von zwei Söhnen, Erich (geb. 21. September 1909) und Ernst (geb. 25. Mai 1916). Sie wohnten in der Schwäbischen Straße 9 in Schöneberg.
Zehn Jahre nach Rosa, am 18. September 1918, heiratete sein Bruder Julius mit 44 Jahren Hermann Hirschowitz’ Schwester Johanna (genannt Hanna) Gotthelf geborene Hirschowitz (geb. 16. Mai 1881). Am 3. September 1919 wurden sie Eltern eines Sohnes, den sie Fritz nannten. Nur drei Jahre später, am 3. Mai 1922, starb Julius Werthan mit 47 Jahren und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. 1928 starb mit 53 Jahren sein Vater Joseph Werthan. Sein Bruder Leopold, der mit Cornelia Oppenheimer (geb. 28. November 1903) verheiratet war, starb am 22. Juni 1932 in Frankfurt am Main mit 53 Jahren und seine Schwester Clara Jacobson geborene Werthan am 22. April 1933 mit 52 Jahren in Berlin.
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, stellten sich viele deutsche Juden die Frage „Bleiben oder Gehen?“ Die Szenen, die sich während des „Judenboykotts” am 1. April 1933 im ganzen Land abspielten, waren für viele ein Schock. Eine Woche später, am 7. April 1933, wurde das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ erlassen. Jüdische Beamte, mit Ausnahme derer, die am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten, wurden in den Ruhestand versetzt und waren dadurch arbeitslos. Viele glaubten jedoch, dass der „Spuk“ bald vorbeigehen würde. Alfred blieb. Ob er zu diesem Zeitpunkt schon seine spätere Ehefrau Else Hahn, die ebenfalls gehörlos war, kannte, konnte nicht recherchiert werden. Else war die einzige Tochter des Bankdirektors Alfred Hahn (geb. 11. November 1873) und dessen Ehefrau Clara, genannt Claire (geb. 17. März 1872). Sie war in behüteten Verhältnissen aufgewachsen.
Am 15. Januar 1935 heirateten Else und Alfred in Wannsee, wo Elses Eltern eine Villa besaßen. Alfred war 47 und Else 33 Jahre alt. Trauzeugen waren Elses Mutter Clara Hahn geborene Andress und Alfreds Schwager, der Kaufmann Hermann Hirschowitz, der Ehemann seiner Schwester Elsa. Der Standesbeamte vermerkte auf der Heiratsurkunde: „Da die beiden Verlobten taubstumm sind, aber lesen und schreiben können, so wurden die an sie zu richtenden Fragen schriftlich vorgelegt und auch schriftlich beantwortet.“
Alfred und Else zogen in eine große, moderne Wohnung in der Münchener Straße 29 in Berlin-Schöneberg, die sie mit Lichtsignalen statt einer Klingel ausstatteten. Elses Onkel Max Angress, der jüngste Bruder ihrer Mutter, wohnte im gleichen Haus. Seine Schwester Elsa wohnte mit ihrer Familie circa 15 Gehminuten entfernt in der Nähe des Barbarossaplatzes in Berlin-Schöneberg.
Alfreds ältester Bruder Otto hatte 1920 Emmy Waldmann (geb. 13. September 1890) geheiratet. Er starb vor 1938, seine Witwe Emmy flüchtete am 2. Juli 1938 nach New York in den USA.
Auch Leopolds Witwe Nelli Werthan geborener Oppenheimer gelang die Flucht nach Schweden. Alfreds Neffe Fritz, Sohn seines Bruders Julius, gelang im August 1938 die Emigration in die USA. Claires Tochter Ilse hatte den Rechtsanwalt Alfred Goldberger (geb. 21. April 1899) geheiratet. Auch ihnen gelang 1939 mit ihren Söhnen Fritz (Fred) (geb. 1928) und Peter (geb. 1931) die Flucht nach Großbritannien und 1940 in die USA.
Alfreds Schwester Rosa Lesser starb am 8. Februar 1938 mit 62 Jahren. Ihr Ehemann Emil, der bei ihrem Tod 72 Jahre alt war, wohnte bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 im Kleinheim der Jüdischen Gemeinde in der Altonaer Straße 4 in Berlin-Tiergarten. Ihr Sohn Franz heiratete 1940 Gerda Clara Lewinsohn (geb. 16. Mai 1918). Am 9. September 1940 wurde ihre Tochter Zilla geboren.
Alfreds zwei Jahre ältere Schwester Elsa Hirschowitz flüchtete 1938 mit ihrer Familie, ihrem Ehemann Hermann und ihren Söhnen Erich und Ernst, nach Großbritannien Elsa starb ein Jahr später, am 14. März 1939, in London mit 53 Jahren.
Nachdem die Villa in der Hohenzollernstraße 6 in Berlin-Wannsee „arisiert“ worden war, zogen Alfreds Schwiegereltern am 13. Oktober 1939 zur Untermiete bei dem Ehepaar Rosemeyer in ein möbliertes Zimmer im 1. Stock ohne Balkon am Hohenzollerdamm 28. Wann Alfred und Else ebenfalls in ein möbliertes Untermietzimmer in diese Wohnung zogen, ist nicht bekannt. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren sie noch in der Münchener Straße 29 gemeldet, ihrem letzten freiwilligen Wohnsitz. Vermutlich hatten beide Paare Auswanderungspläne und wohnten deshalb möbliert, um bei Zuteilung der Visa Berlin sofort verlassen zu können.
Alfred musste ab 1940 Zwangsarbeit bei der A.E.G. Fernmeldekabel- und Apparate-Fabrik Oberspree leisten und im Oktober 1941 wurde die Ausreise verboten.
Sein Schwager Emil Lesser erhielt Anfang Juli 1942 als erster der Familie den Deportationsbefehl. Die Gestapo deportierte ihn am 15. Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt, wo er aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen am 30. August 1942 mit 76 Jahren starb.
Als auch Alfred und Clara Hahn, Alfreds Schwiegereltern, Mitte Juli 1942 den Deportationsbefehl erhielten, gaben sie in ihrer Vermögenserklärung an, dass ihre Tochter Else in einem von ihrem Ehemann getrennten Haushalt am Hohenzollerndamm 28 im 1. Stock wohne und eigenes Vermögen besäße. Bis zur Deportation wurden sie eine Woche lang im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 interniert. Am 20. Juli 1942 transportierte die Gestapo sie vom Anhalter Bahnhof in Berlin nach Theresienstadt. Alfred Hahn starb einen Monat später, am 22. August 1942, aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto mit 68 Jahren. Clara Hahn wurde am 19. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka weiterdepotiert und dort ermordet. Sie starb mit 70 Jahren.
Alfred und Else waren nach der Deportation der Eltern auf sich allein gestellt und mussten sich umgehend eine neue Unterkunft suchen, die sie ganz in ihrer Nähe in der Konstanzer Straße 59 fanden. Sie zogen zur Untermiete zu Hedwig Löwenthal geborener Caspary (geb. 1. Juni 1870) in den 3. Stock des Hauses.
Alfreds Neffe Franz Joseph, Sohn seiner Schwester Rosa, dessen Ehefrau Gerda und deren zweijährige Tochter Zilla wurden aus der Großen Hamburger Straße 20 am 5. September 1942 nach Riga deportiert, wo sie kurz nach der Ankunft ermordet wurden.
Als auch Hedwig Löwenthal am 10. September 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde, mussten sich Alfred und Else wieder auf die Suche nach einem Zimmer machen. Sie fanden eine 6-Zimmer-Wohnung in der Württembergischen Straße 31 in der Nähe des Olivaer Platzes. Der jüdische Hauptmieter dieser Wohnung, Robert Bergmann, wohnte hier von März 1939 bis zu seiner Deportation am 11. August 1942. Bis auf ein Zimmer hatte er alle Zimmer untervermietet. Vermutlich war das der Grund, warum die Wohnung nicht geräumt wurde und Alfred und Else im November 1942 Hauptmieter dieser Wohnung werden konnten. Die vorhandenen Untermieter und Untermieterinnen mussten übernommen werden.
Als Alfred am 27. Februar 1943 zur Zwangsarbeit bei der A.E.G. Oberspree ging, ahnte er nicht, dass er niemals zurückkehren würde. Im Rahmen der „Fabrikaktion“ wurde er am Arbeitsplatz festgesetzt und anschließend in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 gebracht, wo er am 28. Februar 1943 seine Vermögenserklärung unterschrieb. Die Gestapo deportierte Alfred Werthan am 1. März 1943 vom Güterbahnhof Moabit mit 1.722 Leidensgenossen und -genossinnen nach Auschwitz, wo er zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet wurde.
Dass er seine Ehefrau Else vor seiner Deportation oder in Auschwitz noch einmal sah, ist eher unwahrscheinlich. Auch sie wurde inhaftiert, unterschrieb die Vermögenserklärung aber erst am 3. März 1943 und wurde zwölf Tage nach ihm, am 12. März 1943, nach Auschwitz deportiert und ermordet. Es ist anzunehmen, dass beide sofort nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau in den Gaskammern den Tod fanden. Demnach starb Alfred mit 56 Jahren und seine Ehefrau Else mit 42 Jahren.
Alfreds Schwager Max Moses Jacobson wurde am 18. Juni 1942 von Leipzig nach Theresienstadt deportiert. Er überlebte das Ghetto drei Jahre und wanderte 1947 in die USA aus, wo seine Tochter Ilse schon seit 1938 lebte und zusammen mit ihrem Ehemann ein Einzelhandelsgeschäft für Stoffwaren betrieb.
Text und Recherche: Gundula Meiering, April 2026
Quellen:
- Ellen Stepak, The Werthan family of Rotenburg an der Fulda, S. 68-71, Tel Aviv, Israel
- MY LIFE AND MEMORIES: MAX JACOBSON, LEIPZIG, 1945-1946, Edited and Translated from German by Peter Goldberger Copyright © 2005 Peter, Michael, Max and Isabel Goldberger, Barbara, Zachary and Emma Bokhour
- Bundesarchiv – Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher
- Arolsen Archives – Deportationslisten
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
- My Heritage
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 39750 Alfred Werthan, Reg. 36A (II) 13.497 Alfred Hahn