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Stolpersteine Paderborner Str. 9

Diese Stolpersteine wurden am 11.12.2006 verlegt. Gespendet wurden sie von einem Bruder der Freimaurerloge, der David Friedmann angehörte.

HIER WOHNTE
MATHILDE FRIEDMANN
GEB. FUCHS
JG. 1901
FLUCHT NACH PRAG
DEPORTIERT 1941 LODZ
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

HIER WOHNTE
DAVID FRIEDMANN
JG. 1893
FLUCHT NACH PRAG
DEPORTIERT 1941 LODZ
KZ BLECHHAMMER
BEFREIT 25.1.1945

HIER WOHNTE
MIRJAM HELENE
FRIEDMANN
JG. 1938
FLUCHT NACH PRAG
DEPORTIERT 1941 LODZ
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

HIER WOHNTE
OLGA SCHWEITZER
JG. 1881
FLUCHT IN DEN TOD
15.1.1938
IM FRAUENGEFÄNGNIS
BARNIMSTRASSE 10

David Friedmann wurde am 20. Dezember 1893 im damals noch österreichischen Mährisch-Ostrau geboren. 1911 kam er nach seiner Ausbildung als Schildermaler nach Berlin. Hier wurde er Theatermaler, Graphiker und Pressezeichner. Auf Empfehlung von Max Liebermann studierte er bei Lovis Corinth Malerei und erlernte bei Hermann Struck graphische Techniken. Am Ersten Weltkrieg nahm er für Österreich als Kriegsmaler an der russischen Front teil. Zurückgekehrt nach Berlin, eröffnete er in der Xantener Straße 23 ein eigenes Atelier. Er veröffentlichte in der jüdischen Zeitschrift "Schlemiel", arbeitete als freier Pressezeichner und portraitierte bekannte Künstler, Musiker, Schauspieler, Sportler und Politiker. Darüber hinaus stellte er regelmäßig in Galerien und Ausstellungen aus, nicht zuletzt auch bei der Berliner Sezession.
1933 erteilten ihm die nationalsozialistischen Machthaber als Künstler Berufsverbot. Da er aber nach dem Zerfall der österreichischen Monarchie seit 1918 tschechischer Staatsbürger war, konnte er als Ausländer in Berlin eine Malerfirma gründen, weil jüdischer Immobilienbesitz und Wohnungen bei Ausreise nur renoviert übergeben werden durften. David Friedmann war Freimaurer, er gehörte der Loge "Germania zur Einigkeit" an.

1937 heiratete er Mathilde Fuchs, geboren am 17. Oktober 1901 in Berlin-Friedenau, Tochter des Philologen Prof. Dr. Maximilian Fuchs. Am 23. September 1938 wurde die Tochter Mirjam Helene geboren. Aber schon im Dezember des gleichen Jahres musste die junge Familie, die in der Paderborner Straße 9 im Gartenhaus, 1. Aufgang, im dritten Stock wohnte, nach Prag flüchten, wobei das gesamte künstlerische Werk zurückgelassen wurde. Hausrat und Bilder wurden zunächst teilweise bei einer Spedition eingelagert, später dort von der Gestapo beschlagnahmt.
In Prag arbeitete er von 1939 bis 1941 wieder als Künstler und schuf eine Porträtserie von Mitgliedern der Prager Jüdischen Gemeinde. Am 16. Oktober wurde sein gesamtes künstlerisches Werk erneut konfisziert und die Familie mit dem ersten Prager Transport in das Ghetto Lodz (Litzmannstadt) deportiert. Bis 1942 entwarf David Friedmann Kleinschmuck und Zigarettendosen, malte und zeichnete aber vor allem auch Szenen aus dem Arbeitsleben im Ghetto, Familien und Portraits. Er arbeitete mit an der Chronik des Ghettos von Lodz. Zeichnungen leitender Personen des Ghettos im Austausch gegen Lebensmittel ermöglichten das Überleben der Familie. Bei Auflösung des Ghettos musste David Friedmann Ende August 1944 seine Frau und sein krankes Kind im Krankenhaus von Lodz zurücklassen. Die Familie wurde getrennt und nach Auschwitz deportiert. Seine Frau und Tochter kamen ums Leben. David Friedmann selbst wurde in das Außenlager Gleiwitz gebracht und überlebte, weil er auch hier für das SS-Personal als Maler arbeiten konnte. 1945 wurde er nach einem Todesmarsch im Lager Blechhammer in Oberschlesien am 25. Januar 1945 befreit. Über Krakau und Mährisch-Ostrau kehrt er nach Prag zurück und musste feststellen, dass seine Familie ermordet worden war. Er begann erneut als Künstler zu arbeiten und verarbeitete als Zeitzeuge in zahlreichen Gemälden, Zeichnungen und Graphiken seine Erlebnisse und Erinnerungen an die Verfolgung im Ghetto und im Konzentrationslager.
1948 heiratete er Hildegard Taussig, eine Überlebende der Lager Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt/Niederlausitz. Nach der Machtübernahme durch die Kommunisten in der Tschechoslowakei musste er 1949 mit seiner Frau erneut fliehen und gelangte über Österreich und Italien nach Israel. Dort wurde 1950 seine zweite Tochter geboren, die ebenfalls den Namen Miriam bekam.
1954 emigrierte die Familie in die USA, wo David Friedmann bis 1962 für eine Werbeagentur in New York, Chicago und St. Louis großformatige Werbeplakate anfertigte. 1960 wurde er amerikanischer Staatsbürger und amerikanisierte seinen Namen in Friedman. Am 27. Februar 1980 starb er in St. Louis, Missouri.

Olga Schweitzer wurde am 27. Juli 1881 in Breslau geboren. Sie war Operettensängerin in Berlin. Das Bühnenjahrbuch der Jahre 1916-1920 verzeichnete sie mit ihrem Künstlernamen als Olga Sarny oder Sarni. Zu der Zeit wohnte sie in der Charlottenburger Waitzstraße 14. Bereits als Kunststudent hatte David Friedmann 1914 Olga Schweitzer kennengelernt. Aufgrund der langjährigen Freundschaft fühlte sich David Friedmann verpflichtet, ihretwegen auch nach 1933 in Berlin zu bleiben. In der Zeit seiner erfolgreichen Malerfirma war sie seine Sekretärin, wohl auch, um ihr auf diese Weise den Lebensunterhalt zu ermöglichen.
1938 wurde sie Opfer einer bösartigen Intrige. Von einer Mitbewohnerin des Hauses wurde sie beschuldigt, die NSDAP und den Staat verleumdet und betrogen zu haben. Ein Schöffengericht am Landgericht Berlin verurteilte sie nach einem unfair geführten und allen rechtsstaatlichen Prinzipien Hohn sprechenden Prozess zu einem Jahr Gefängnis, weil sie angeblich das Versorgungsamt geschädigt haben sollte. Noch im Gerichtssaal wurde sie festgenommen und ins Frauengefängnis Barnimstraße gebracht. Eine psychische Erkrankung verschlimmerte sich in der Haft und wurde schließlich so unerträglich, dass sie im Krankenrevier in einer Einzelzelle untergebracht wurde. Nunmehr völlig auf sich allein gestellt, verschlimmerte sich ihr Leiden so sehr, dass sie sogar ein Gnadengesuch ablehnte. Völlig verzweifelt nahm sie sich am 15. Januar 1938 in einem unbeobachteten Augenblick in der Zelle das Leben. David Friedmann ließ sie auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee beerdigen. Ihr Grab befindet sich in der Sektion W II, Reihe 9, Grab Nr. 97529. Eine hölzerne Grabtafel wurde entfernt, so dass das Grab bis heute keinen Stein hat.

David Friedmanns Arbeiten in Museen und anderen öffentlichen Sammlungen: Yad Vashem Kunstmuseum, Jerusalem; Beit Theresienstadt, Givat Haim Ihud, Israel; United States Holocaust Memorial Museum, Washington, D.C.; St. Louis Holocaust Museum and Learning Center; St. Louis Public Library; Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau, Polen; Jüdisches Museum in Prag; Nationalmuseum, Prag; Ostrava Museum; Kreismuseum Sokolov, Tschechische Republik; Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum; und Den Haag, Königlich Niederländische Bibliothek.

Weitere Informationen über David Friedmann im Internet unter:
David Friedmann Holocaust Art: Because They Were Jews! www.chgs.umn.edu/museum/responses/friedmann/because.html(Externer Link)

Dav. Friedmann - Köpfe berühmter Schachmeister www.kb.nl/en/special-collections/leisure-timesports-and-games/chess-and-draughts-collection/friedmann-kopfe-beruhmter-schachmeister(Externer Link)

David Friedmann's Lost Musician Portraits from the 1920’s. Featuring the Berlin Philharmonic Orchestra. www.youtube.com/watch?v=kQFh748qS5Y(Externer Link)

Miriam Friedman Morris: vimeo.com/45334366(Externer Link)

Adresse

Stolpersteine
Paderborner Straße 9
10709 Berlin

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Fahrverbindungen

Nahverkehr

Bus

Kontakt

Koordination:
Helmut Lölhöffel
E-Mail


Initiator:
Gunter Demnig
Website(Externer Link)