HIER WOHNTE
ERNST SELTEN
JG. 1885
DEPORTIERT 23.6.1942
MINSK
ERMORDET IN
MALY TROSTINEC
Ernst Selten kam am 25. September 1885 in Charlottenburg als Sohn von Isidor Selten und Alma Selten, geb. Pringsheim, zur Welt, sein älterer Bruder Franz Simon am 5. Oktober 1881, seine jüngere Schwester Gertrud (Trude) Rosalie am 15. September 1886. Die Brüder Franz Simon und Ernst hatten viel gemeinsam. Sie waren Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg, studierten Jura, promovierten, ließen sich als Rechtsanwälte nieder, wurden Notare.
Rechtsanwalt Dr. Ernst Selten besaß eine gut gehende Anwaltskanzlei in der Potsdamer Straße 21, später in der nahe gelegenen Uhlandstraße 171/172. Er war Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, stets „besonders gut und gepflegt gekleidet“, so sein ehemaliger Mitarbeiter Mautner.
Am 17. März 1921 heiratete er Elsa Lustig aus Köpenick. 1926 zogen sie in die Mommsenstraße 6, wo im Jahr darauf ihr einziges Kind Fritz Georg geboren wurde. 1936 zog die Familie an den Kuno-Fischer-Platz 1 in Charlottenburg. Das Haus wurde im Krieg zerstört.
Mit der Pogromnacht im November 1938 trieben die Nationalsozialisten ihre Rassenpolitik systematisch voran. Bis 1938 konnte Ernst Selten, geschützt durch das 1933 von Hindenburg eingeführte „Frontkämpferprivileg“ seinen Beruf ausüben. Danach blieb ihm nur noch die Betreuung jüdischer Mandanten als „Konsulent“, denn die 5. Verordnung zum Reichsbürgergesetz entzog allen jüdischen Rechtsanwälten zum 30. November 1938 die Zulassung. Schon seit Oktober 1938 korrespondierte er mit der bereits nach Amerika geflohenen Cousine seiner Frau, Irene Sachs, geb. Lewin, die sich um ein Affidavit für die USA bemühte.
Beim Lesen der Briefe, die im Besitz von Tricia Pulford, geb. Lustig, sind, einer Großnichte Elsa Seltens, meint man die Gefühle von Elsa, Ernst und Fritz Selten nachvollziehen zu können, die geweckten Hoffnungen, die enttäuschten Erwartungen, ein ständiges Auf und Ab, während sich die Schlinge um sie immer enger zog. Sie hatten keine Chance, sich aus ihr zu lösen. Vielleicht bewahrten sich die Seltens bis zuletzt noch ein Fünkchen Hoffnung. Doch sie erhielten kein Visum. Die Quoten für die Immigration in die USA waren ausgeschöpft.
Knapp zwei Jahre nach Kriegsende schrieb Irene Sachs an Elsa Seltens Brüder Harry und Gustav Lustig, nicht wissend, dass auch Gustav, seine Frau und ihre beiden Kinder ein Opfer der Shoa geworden waren: „Im Sommer habe ich auf Anfrage bei der Jüdischen Gemeinde in Berlin erfahren, dass unsere lieben Ernst und Elsa und auch Fritz nicht mehr am Leben sind.“ Ihre Namen stehen auf der Transportliste des sogenannten “16. Osttransports” am 23.6.1942 nach Minsk.
Ernst Selten musste sich mit seiner Frau und seinem Sohn in der von den Nationalsozialisten als “Sammellager” missbrauchten Synagoge Levetzowstraße einfinden. Von dort aus wurde die Familie zum Güterbahnhof Grunewald gebracht und vom Gleis 17, das heute ein Mahnmal ist, deportiert.
Das Amtsgericht Charlottenburg legte in einem Beschluss vom 27. Juni 1950 den Tod auf den 31. Dezember 1942 fest.
Niemand konnte mehr etwas zur Aufklärung beitragen. Ernst Seltens Bruder Franz Simon wurde am 31. August 1942 mit dem sogenannten „53. Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert, wo er am 11. Februar 1943 umkam. Seine Frau Erna, die 1938 nach New York fliehen konnte, beging am 12. Dezember 1948 Suizid. Ihre Tochter Eva Maria, die 1934 in Wales ihr Abitur gemacht, danach in Schottland Chemie studiert hatte, heiratete 1940 den Chemiker Robert Rothes Goodall in England. Sie war in Sicherheit. Gertrud (Hanne) Gräfenberg, geb. Selten, ihre Schwester wählte am 7. Februar 1940 den Freitod. Ihr Ehemann Alfred verlor 1942 im Ghetto Riga sein Leben.
Die Erinnerung an Ernst, Elsa und Fritz Selten konnte nicht ausgelöscht werden. Schriftliche und mündliche Überlieferungen verhindern das. Wir wissen wer sie waren, aber nicht wie das Ehepaar Selten aussah. Möglicherweise sind sie auf Fotos der Familie abgebildet, doch ihre Verwandten, die die Shoa überlebt haben, können sie nicht mehr identifizieren.
Recherche und Text: Dr. Wolf-Rüdiger Baumann und Claudia Saam
Quellen:
- Berliner Adressbücher
- Volkszählung v. 17.5.1939
- Berliner Gedenkbuch der FU
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- Barch, Residentenliste
- Deportationsliste “16. Osttransport” OT16_8.jpg (1273×892) Nr. 142
- LABO Berlin, BEG-Akte Reg.-Nr. 172 739
- Centrum Judaicum – Archiv der Stiftung Neue Synagoge Berlin
- Baumann/Saam: Ein Haus schreibt Geschichte. Berlin Mommsenstraße 6. Transit Verlag, 2024