Im Rahmen der weiteren Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden wurden ab1939 die Zwangsnamen „Sara“ und „Israel“ sowie Kennkarten mit dem roten unübersehbaren „J“ eingeführt. Auf dem Ausweisfoto der Karteikarte ist Claras linkes Ohr, in dessen Form man damals sichere Rassenmerkmale erkennen wollte, frei und gut zu sehen. Sie war dreiundfünfzig Jahre alt, hatte drei Reichsmark bezahlt und mit Clara Sara Liebmann, geb. Feybusch unterschrieben. Den Eintrag für den Zweitnamen „Sara“ musste sie ebenfalls auf eigene Kosten in ihre Geburtsurkunde eintragen lassen.
Anfang 1939 heiratete Claras jüngste Tochter Margot den geschiedenen Maschinenschlosser Hans Jacobus, der seine kleine Tochter in die neue Ehe mitbrachte. Das Ehepaar lebte zunächst bei Clara in der Markgraf-Albrecht-Straße und verließ das Deutsche Reich gerade noch rechtzeitig im September 1940. Nach einer monatelangen Irrfahrt per Schiff konnte die Familie endlich in Ecuador Zuflucht finden. Clara war nun allein, von ihrem Mann geschieden und getrennt von ihren drei Töchtern.
Im eiskalten Februar 1940 wurden Claras Schwester Betty Treister, ihr Mann Benno und ihre gemeinsame Tochter Ursel aus Stettin deportiert und in die Gegend um Lublin in Ostpolen unter grauenhaften Lebensbedingungen „ausgesiedelt“. Von ihnen existieren keine Nachrichten mehr.
Ab September 1941 wurde das Tragen des stigmatisierenden „Gelben Sterns“ oder „Judensterns“ Pflicht für alle Jüdinnen, Juden und jüdische Kinder ab 6 Jahren. Handtellergroß und auf der linken Brustseite getragen, sorgte er für sofortige Erkennung und soziale Isolation. Clara, ihre Tochter Ellen-Ruth mit Ehemann, Claras jüngster Bruder Julius und seine Ehefrau sowie weitere Verwandte wurden zu „Sternträger*innen”.
Wenige Wochen danach, am 18. Oktober 1941, wurden Julius und seine Frau Johanna mit dem ersten Transport aus Berlin vom Bahnhof Grunewald in das Ghetto Litzmannstadt/Łódź deportiert. Johanna starb dort ein Jahr später. Julius wurde im Juni 1944 in den letzten Tagen der Auflösung des Ghettos im Vernichtungslager Kulmhof/Chełmno nad Nerem in einem Gaswagen ermordet.
Knapp zwei Wochen später wurden Claras Nachbarn, das Ehepaar Gertrud und Arthur Levy, ebenfalls in das Ghetto Litzmannstadt deportiert.
Ab 1942 begannen die massenhaften Deportationen aus Berlin. In Claras Wohnhaus wurden im Frühjahr 1942 die Familie Sborowitz, im Sommer Henriette Rosenthal und Bianka Baer abgeholt. Man sah sie jetzt überall vor den Nebenhäusern und in den Nachbarstraßen: Familien, Eltern, Kinder und Alte, bepackt mit Koffern, Rucksäcken und Decken, auf dem Weg zu den Sammelstellen für den Transport in die Vernichtungslager.
Aus dem Sommer 1942 ist ein Brief erhalten, den Clara über das Internationale Rote Kreuz an die Familie ihrer Tochter Margot in Ecuador schrieb. Diese Nachrichten wurden zensiert, erlaubt waren 25 Worte, verboten waren Hinweise auf Politik, persönliche Situation und Absenderadresse. Trotz der Beschränkung gelang es Clara, ihre tiefe Liebe, ihre Verbundenheit und Sehnsucht in diesen wenigen Zeilen aufscheinen zu lassen. Das war ihr letztes bekanntes Lebenszeichen.
Claras älterer Bruder Paul, der in Berlin Zwangsarbeit leisten musste, wurde im Herbst 1942 verhaftet und mehrere Monate in einem Arbeitslager interniert. Seine „arische“ Ehefrau Gertrud hielt voller Mut zu ihm. Das bewahrte ihn vor einer Deportation. Im selben Jahr wurde Otto Hoppe, der „arische“ Ehemann von Margarete, in Stuttgart wegen „jüdischer Versippung“ aus dem Vorstand von Daimler-Benz entlassen.
Im Herbst 1942 verschärfte Alois Brunner, ein SS-Hauptsturmführer, der Wien mit seinen „Deportationsspezialisten“ „judenfrei“ gemacht hatte, in Berlin in nie zuvor gekannter Brutalität die Maßnahmen gegen Jüdinnen und Juden. Ab November konnten sie von der Jüdischen Gemeinde nicht mehr über das Datum der Abholung bzw. der Deportation unterrichtet werden, jetzt wurden straßenweise Menschen gejagt und Häuser durchsucht.
Clara wurde in der letzten Novemberwoche abgeholt. Sie musste ihren Rucksack oder Koffer längst gepackt haben, als sie in das ehemalige Jüdische Altenheim in der Großen Hamburger Straße, dessen Fenster nun vergittert waren, gebracht wurde. Spätestens hier wurden ihr die letzten Wertgegenstände, die sie noch besessen haben mochte, abgenommen.
Am Morgen des 29. November 1942, einem Sonntag, war sie unter den knapp eintausend Personen, die zu Fuß oder per Lastwagen zum Güterbahnhof Moabit gebracht wurden. In ihrer Gruppe befanden sich auch die letzten 75 Säuglinge, Kinder und Betreuerinnen aus dem Auerbach’schen Waisenhaus in der Schönhauser Allee, das danach aufgelöst wurde. Die Fahrt nach Auschwitz dauerte ungefähr 12 Stunden.
Dieser 23. Berliner Osttransport war der erste Transport von Berlin nach Auschwitz. Auf der Transportliste steht Claras Name unter der Nummer 804. Sie wurde als arbeitsfähig bezeichnet, es ist aber wahrscheinlich, dass sie mit fast sechzig Jahren und gezeichnet von den Jahren der Verfolgung, den Tag ihrer Ankunft nicht überlebte.
Text und Recherche: Sabine Mangold-Hartmann
Quellen:
Archivum Państwowe w Szczecinie (Staatsarchiv Stettin)
Berliner Adressbücher
Adressbücher Kolberg und Posen
Gedenkbuch des Bundesarchivs
Entschädigungsbehörde Labo Berlin
Statistik des Holocaust
Archiv KZ Sachsenhausen
Familienarchiv