HIER WOHNTE
WILHELM FRIEDMANN
JG. 1882
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET 22.10.1942
Wilhelm Wolff Friedmann wurde am 12. August 1882 in Berlin geboren. Für seine Eltern, den aus Tilsit (Sowetsk, Russland) stammenden Kaufmann Moritz Friedmann (*1850) und dessen Ehefrau Clara, geborene Jacobsohn (*1851), war er der Jüngste von insgesamt drei Kindern. Seine Schwester Franziska (*1879) war drei Jahre und seine Schwester Betty (*1881) ein Jahr älter als er.
Franziska verlobte sich am Neujahrstag 1900 mit dem aus Königsberg in Preußen (Kaliningrad, Russland) stammenden Kaufmann Julius Josephsohn. Damals wohnte die Familie Friedmann in der Rosenthaler Straße 41. Zwei Jahre später starb der Vater Moritz mit 51 Jahren am 13. Dezember 1901. Betty heiratete am 26. März 1902 Jacques Pulvermacher.
Wann und wo Wilhelm, genannt Willy, seine spätere Ehefrau Frieda Spieldoch (*8. Januar 1888) kennenlernte, ist nicht bekannt. Der 26-jährige Willy und die 20-jährige Frieda heirateten am 12. März 1908 und wohnten in der Allensteiner Straße 11 (heute Liselotte-Herrmann-Straße) in Berlin-Prenzlauer Berg. Ein Jahr später wurde ihre erste Tochter Gerda Sarah am 25. März 1909 geboren. Ihre zweite Tochter Annemarie kam acht Jahre später am 26. Januar 1917 während des Ersten Weltkrieges zur Welt. Wilhelm Friedmann war zur Zeit der Geburt „im Felde“. Er nahm demnach aktiv am Ersten Weltkrieg teil. Die Familie wohnte damals in der Johann-Georg-Straße 21 in Wilmersdorf-Halensee.
Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war Wilhelm 50 Jahre alt.
Drei Jahre später heiratete ihre jüngere, damals 19-jährige Tochter Annemarie als erste der beiden Töchter am 12. November 1936 den aus Koschmin in der Provinz Posen (Koźmin Wielkopolski, Polen) stammenden Kaufmann Arthur Salomon Jacobson (*27. Juli 1911). Einen Monat später, am 24. Dezember 1936, heiratete die ältere Tochter Gerda den 32-jährigen Kürschner Adolf Spiegel (*17. März 1904). Das Ehepaar fand eine Wohnung im Hinterhaus der Lietzenburger Straße 8 in Berlin-Charlottenburg (heute Wilmersdorf). Am 13. März 1938 wurden sie Eltern eines Sohnes, den sie Ralph Jakob nannten. Wilhelm wurde mit 56 Jahren zum ersten Mal Großvater.
Aufgrund der politischen Verhältnisse in Deutschland mussten sich Frieda und Wilhelm Anfang Januar 1939 zuerst von ihrer jüngeren Tochter Annemarie und ihrem Schwiegersohn Arthur trennen, die mit dem Passagierschiff „SS Conte Verde“ nach Shanghai flüchteten. Zu dieser Zeit galt Shanghai als internationale Sonderzone, die für die Einreise kein Visum verlangte. Es war ihre einzige Chance, das Deutsche Reich zu verlassen.
Acht Monate später mussten Wilhelm und Frieda sich auch von ihrer älteren Tochter Gerda und ihrem Schwiegersohn Adolf sowie ihrem Enkel trennen, da auch diese kleine Familie sich gezwungen sah, das Deutsche Reich zu verlassen. Am 1. August 1939, einen Monat vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, gelang ihnen die Flucht nach Großbritannien. Hier nannten sie sich Spencer mit Nachnamen.
Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ im Mai 1939 waren Wilhelm und Frieda Friedmann nicht mehr in ihrer Wohnung in der Johann-Georg-Straße 21, wo sie mehr als zwanzig Jahre gewohnt hatten, gemeldet, sondern wohnten zusammen mit dem aus Zawiercie (Piotrkow, Russland) stammenden Samuel Friedmann (*13. Januar 1899) am Kurfürstendamm 203-204.
Ob Samuel ein Verwandter von Willy Friedmann war, konnte nicht recherchiert werden. Mitte August 1940 nahm die Gestapo Samuel Friedmann fest und internierte ihn ab dem 21. August 1940 im Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg. Von dort brachten sie ihn zu einem unbekannten Zeitpunkt in das Vernichtungslager Auschwitz, wo sie ihn am 2. November 1942 ermordeten. Samuel Friedmann starb mit 43 Jahren.
Wilhelm und Frieda Friedmann wohnten bis zu ihrer Deportation am Kurfürstendamm 203-204. Sie erhielten Mitte Oktober 1942 den Deportationsbefehl in den Osten und hatten sich umgehend in der zum Sammellager umfunktionierten Synagoge in der Levetzowstraße einzufinden. Ein von der Gestapo organisierter Sonderzug der Deutschen Reichsbahn fuhr am 19. Oktober 1942 vom Güterbahnhof Putlitzstraße in Berlin-Moabit mit 999 gelisteten Personen, darunter Frieda und Wilhelm Friedmann, sowie 60 Kindern zwischen zwei und 16 Jahren aus dem Waisenhaus „Baruch Auerbach“ und ihren Betreuern. Die Fahrt dauerte drei Tage. Der 21. Osttransport aus Berlin traf am 22. Oktober 1942 in Riga ein. Die überwiegende Mehrheit der Menschen wurde unmittelbar nach Ankunft des Zuges von deutschen und lettischen SS-Einheiten ermordet. Wilhelm Friedmann starb mit 60 Jahren. Seine Ehefrau Frieda Friedmann geborene Spieldoch starb mit 54 Jahren.
Recherche und Text: Gundula Meiering, Mai 2026
Quellen:
- Bundesarchiv – Gedenkbuch
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher
- Arolsen Archives – Deportationslisten
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
- My Heritage