Stolpersteine Jenaer Str. 20

Hausansicht Jenaer Str. 20

Hausansicht Jenaer Str. 20

Die Stolpersteine für Toni Putter, Willi und Caroline Brown, Debora Hamburger, Meier und Charlotte Spanier wurden am 29. September 2010 verlegt.

Stolperstein für Toni Putter

Stolperstein für Toni Putter

HIER WOHNTE
TONI PUTTER
JG. 1878
DEPORTIERT 4.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 18.9.1942

Toni Weitz kam am 28. Dezember 1874 als Tochter des Kaufmanns Siegfried Weitz und dessen Ehefrau Emilie, geborene Bernstein in Posen (Poznań) zur Welt. Die Familie wohnte dort in der Berliner Straße 5. Toni hatte zwei jüngere Geschwister, Hermann (geb. 1876) und Käthe (geb. 1883). Bei Käthes Geburt lebte die Familie in Danzig. Wahrscheinlich zog sie bald darauf nach Berlin. Tonis Vater starb dort 1892, ihre Mutter 1906.

1895 heiratete Toni in Berlin den zwölf Jahre älteren Kaufmann Bernhard Putter (geb. 1862). Er stammte aus Tauroggen (Tauragė) in Litauen, das damals zu Russland gehörte. Vor seinem Umzug nach Berlin in den 1880er-Jahren hatte er im ostpreußischen Städtchen Eydtkuhnen an der litauischen Grenze gelebt. Das Ehepaar Putter bekam zwei Kinder, die Tochter Henny (geb. 5. August 1896) und den Sohn Fritz (geb. 11. Juni 1899). Die Familie wohnte in der Kaiser-Friedrich-Straße (heute Willmanndamm) in Schöneberg.

Auch Tonis Geschwister waren in Berlin geblieben. Ihr Bruder Hermann, der ebenfalls Kaufmann war, war mit einer Alice geborener Meumann verheiratet, ihre Schwester Käthe mit dem Kaufmann Hermann (Hirsch) Klugmann aus Przemysl. Die weiteren Lebenswege dieser Paare ließen sich nicht rekonstruieren.

Tonis Mann hatte in jungen Jahren eine Stelle bei der Berliner Niederlassung der renommierten englischen Firma C. Ash & Sons angetreten. Sie stellte eine breite Palette an Zahnarztbedarf her: hochwertigen Zahnersatz, Apparate, Material und Instrumente für Zahnärzte, Operationsstühle und ganze Praxisausstattungen. „Ashs Mineralzähne” galten um die Jahrhundertwende als erste Wahl, wenn man Zahnersatz benötigte. Bernhard Putter hatte als einfacher Mitarbeiter angefangen und arbeitete sich bis zum Geschäftsführer und Generalvertreter für ganz Deutschland empor. Der Firmensitz befand sich in der Rankestraße in Charlottenburg. In der Tegeler Straße im Wedding hatte C. Ash & Sons auch eine Fabrik, die unter anderem top moderne hydraulische Zahnarztstühle herstellte. Die Firma hatte für diese Stühle ein Patent, das Bernhard Putter angemeldet hatte. In der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember 1910 starb er mit 49 Jahren unerwartet an einem Herzschlag. Toni wurde kurz vor ihrem 37. Geburtstag Witwe. Ihr Mann wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Ihre Tochter Henny heiratete 1922 den Rechtsanwalt Dr. jur. Hans Julius Oppenheimer. Toni wohnte zu diesem Zeitpunkt im vierten Stock der Jenaer Straße 10 in Wilmersdorf. Henny und Hans scheinen nach ihrer Hochzeit in die Nebenwohnung gezogen zu sein. Sie bekamen dort am 6. Februar 1924 ihr einziges Kind, den Sohn Bernd.

Tonis Sohn Fritz Siegfried, der als Teenager am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte und leicht verwundet worden war, blieb ledig. Wahrscheinlich lebte er immer mit seiner Mutter zusammen.

In den 1930er-Jahren zogen Toni Putter und ihr Sohn von der Jenaer Straße 10 in die Jenaer Straße 20 um, wahrscheinlich in eine günstigere Wohnung. Hier wurden sie bei der „Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 erfasst. Tonis Tochter Henny wohnte zu diesem Zeitpunkt mit ihrem Mann Hans und ihrem 14-jährigen Sohn Bernd in der Lietzenburger Straße 12 in Charlottenburg.

Tonis Sohn Fritz und ihr Enkel Bernd flohen, wahrscheinlich gemeinsam, im Herbst 1939 nach Großbritannien. Fritz Putter landete in Bradford in Yorkshire, Bernd in einer privaten Boarding School, der Clayesmore School, in Shaftsbury, die auch jüdische Kinder aus den Kindertransporten aufgenommen hatte. Der Fünfzehnjährige sah seine Eltern und seine Großmutter nie wieder. Er nannte sich später Bernard Owen und starb 1984 in England. Auch Tonis Sohn Fritz blieb in Großbritannien. Er starb 1958.

Toni Putter blieb allein in der Jenaer Straße zurück, ihre Tochter Henny und deren Mann wohnten weiterhin in der Lietzenburger Straße. Im August 1942 wurde Toni ins Sammellager Große Hamburgische Straße gebracht. In den frühen Morgenstunden des 4. August schaffte man sie mit 99 Leidensgenossinnen und -genossen in einem Straßenbahnwagen der BVG vom Monbijouplatz zum Anhalter Bahnhof und von dort in einem überfüllten Eisenbahnwaggon dritter Klasse zum Bahnhof Bauschowitz. Falls sie dazu noch in der Lage war, musste Toni Putter ihr Gepäck zu Fuß drei Kilometer weit zum Ghetto Theresienstadt schleppen, andernfalls packte man sie auf einen Lastwagen. Die meisten Deportierten aus diesem Transport waren ältere Menschen, und die meisten starben in den nächsten Wochen an Infektionskrankheiten oder Mangelernährung. Auch Toni überlebte nicht lange. Sie starb am 18. September 1942. Toni Putter geborene Weitz aus Posen wurde mit 67 Jahren ermordet.

Die Autorin und Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron (1922-2022) erinnerte sich an ein Gespräch ihrer Mutter mit Tonis Tochter Henny, das sie mitanhörte: „Frau Oppenheimer sprach ganz offen und ungeniert davon, dass sie im Begriff wären, sich das Leben zu nehmen. (…) Meine Mutter drückte ihr Entsetzen darüber aus und meinte, noch gäbe es keine Beweise für eine Verschlechterung der Lage der Juden.” Am 14. Januar 1943 setzten Tonis Tochter Henny und deren Mann Dr. Hans Julius Oppenheimer ihr Vorhaben in die Tat um und gingen gemeinsam in den Tod. Sie sind auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt. „Später, als man schon mehr über die KZs wusste”, fuhr Inge Deutschkron fort, „war auch meine Mutter bereit zuzugeben, dass die Oppenheimers sich viel erspart hätten.”

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • Arolsen Archives
  • MyHeritage
  • mappingthelives.org
  • Berliner und Posener Adressbücher
  • Archiv für Zahnheilkunde
  • Verlustlisten 1. Weltkrieg
  • T. Ohnhäuser, Verfolgungssuizide, Diss. Aachen 2024 (Zitat Inge Deutschkron: S. 38)
  • Wikipedia Claudius Ash
  • Biografie zum Stolperstein für Toni Putters Schwägerin Fanny Putter geb. Wallner in der Gasteiner Str. 13 (Karin Sievert)
Stolperstein für Willi Brown

Stolperstein für Willi Brown

HIER WOHNTE
WILLI BROWN
JG. 1872
DEPORTIERT 5.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET SEPT. 1942 in
TREBLINKA

Stolperstein für Caroline Brown

Stolperstein für Caroline Brown

HIER WOHNTE
CAROLINE BROWN
GEB. KLAUSNER
JG. 1877
DEPORTIERT 5.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET SEPT. 1942
TREBLINKA

Caroline Klausner wurde am 8. Januar 1877 in Brody in Galizien geboren. Die Stadt gehörte zum Kaiserreich Österreich-Ungarn und liegt heute in der Ukraine. Carolines Vater hieß Jacob und war Kaufmann. Wie ihre Mutter hieß, war nicht herauszufinden. Sie hatte zwei jüngere Geschwister, Fritz Efraim (*1878) und Thea (*1893).

Um die Jahrhundertwende zog die Familie nach Berlin und wohnte dort in der Wilhelmstraße 41 in Mitte. Carolines Vater scheint mit Antiquitäten gehandelt zu haben, mit Schwerpunkt Judaica des 15. bis 17. Jahrhunderts.

Caroline heiratete in Berlin den aus Rogasen in der Provinz Posen (heute Rogoźno in Polen) gebürtigen Kaufmann Willy Brown (*27. Januar 1872). Er gründete 1911 mit seinem Kompagnon Franz Rosenblum die „Holzplatten-Importgesellschaft Brown & Rosenblum” in der Köpenicker Straße 108 in Mitte, die später nach Rummelsburg umzog. Das Ehepaar Brown, das anscheinend keine Kinder hatte, lebte bis Mitte der 1930er-Jahre in der Bamberger Straße 25 in Schöneberg. 1938 wurde Willys Holzplattengeschäft „arisiert”. Das Ehepaar Brown war zu diesem Zeitpunkt in die Jenaer Straße 20 umgezogen, wahrscheinlich in eine günstigere Wohnung. Bei der „Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 wurden die Browns hier erfasst.

Am 5. August 1942 wurden Caroline und Willy von Berlin aus gemeinsam ins Ghetto Theresienstadt deportiert und am 26. September von Theresienstadt weiter ins Vernichtungslager Treblinka. Dort schickte man das Ehepaar in den unregistrierten Tod. Caroline Brown geborene Klausner wurde mit 65 Jahren, ihr Mann Willy Brown mit 70 Jahren ermordet.

Carolines kleiner Bruder Fritz war 1924 mit 44 Jahren in Berlin-Charlottenburg gestorben. Ihre kleine Schwester Thea überlebte den Holocaust, sie starb 1964 in London.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • Berliner Adressbücher
  • Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe Berlin
  • Allgemeine israelitische Wochenschrift
  • MyHeritage
  • mappingthelives.org
Stolperstein für Debora Hamburger

Stolperstein für Debora Hamburger

HIER WOHNTE
DEBORA HAMBURGER
JG. 1868
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 3.9.1942

Stolperstein für Meier Spanier

Stolperstein für Meier Spanier

HIER WOHNTE
MEIER SPANIER
JG. 1864
VOR DEPORTATION
FLUCHT IN DEN TOD
28.9.1942

Meier Spanier kam am 1. November 1864 im niedersächsischen Wunstorf zur Welt, einem Städtchen in der Nähe von Hannover. Sein Vater Leser Spanier war Klempnermeister und stammte aus einer großen, alteingesessenen Wunstorfer Handwerkerfamilie. Seine Mutter Elise geborene Mayer war sechs Jahre älter als ihr Mann und im nahegelegenen Gelldorf geboren. In Wunstorf gab es etwa fünfzehn jüdische Familien, die untereinander vielfach verwandt und verschwägert waren.

Meier war ein zierlicher Junge und das Nesthäkchen der Familie. Er hatte drei große Schwestern – Hannchen, Röschen und Sophie – und einen großen Bruder namens Moritz. Seine Mutter war bei seiner Geburt schon 49 Jahre alt. Sein Vater hatte „Freude am Ulken“, gab gerne Geld aus und besaß eine kämpferische Ader. Manchmal schrieb er für ein Lokalblatt gepfefferte Artikel über Missstände der Gegend, zum Entsetzen seiner Frau.
Familie Spanier lebte in einem Bauernhaus in der Südstraße 3. Mit den Bauersleuten Wiechers, bei denen sie sich eingemietet hatten, bestand ein freundschaftliches Verhältnis. Der Glaubensunterschied stellte kein Hindernis dar, nur, wenn Herr Wiechers am Schabbes sein Getreide drosch, fühlte sich Herr Spanier etwas gestört. Die Spaniers lebten koscher, aber ohne „Übertreibungen und Verstiegenheiten“: „Wenn ein milchiges Messer versehentlich mit Fleischigem in Berührung kam, so wurde zwar das umständliche Reinigungsexperiment noch gemacht, aber doch schon mit einem etwas kritischen Lächeln.“ Meier Spanier hat seine Kindheitserinnerungen niedergeschrieben, weshalb wir viele Details über ihn wissen.

Ebenso wie seine Geschwister besuchte er eine Einklassenschule im Ort. Ein antisemitischer Zwischenfall – der Lehrer hatte Meier als „Judenjungen“ betitelt – rief ganz Wunstorf auf den Plan, Juden und Nichtjuden gleichermaßen, und der Lehrer musste sich entschuldigen. Von einer Gouvernante lernte Meier Französisch und Englisch. Seine Eltern wünschten sich für ihren Jüngsten eine Karriere im Bankwesen, aber er wollte lieber Lehrer werden. Mit fünfzehn Jahren zog er nach Hannover, um dort die jüdische Lehrerbildungsanstalt zu besuchen. Im letzten Ausbildungsjahr wurde ihm die Bibliothek der Schule anvertraut und er begann über jüdische Literaten des Mittelalters zu forschen, etwa über den Minnesänger und Spruchdichter Süßkind von Trimberg.
1884 wurde der frischgebackene Lehrer an die jüdische Volksschule in Hamburg-Altona berufen, 1886 wechselte er an die Mädchenschule der deutsch-israelitischen Gemeinde Hamburg. Danach legte er das Abitur ab und studierte ab 1891 in Heidelberg Germanistik. 1894 promovierte er summa cum laude mit einer Doktorarbeit über Thomas Murners Satire „Die Narrenbeschwörung“ aus dem 16. Jahrhundert. Er verzichtete allerdings auf eine akademische Karriere, vielleicht, weil er für einen jüdischen Germanisten hier keine großen Chancen sah, und kehrte in den Lehrerberuf zurück. Gleich nach der Promotion ging er zurück nach Hamburg und unterrichtete dort an einer Höheren Mädchenschule. 1900 zog er nach Münster und übernahm dort die Leitung des jüdischen Lehrerseminars. Meier Spanier setzte sich für ein modernes, in die deutsche Gesellschaft integriertes, patriotisches Judentum ein, das gleichzeitig Religion, Tradition und jüdische Identität bewahrte.
Er begeisterte sich für Kunst und Literatur, war Mitglied mehrerer literarischer Gesellschaften und unterhielt enge Freundschaften zu Intellektuellen wie dem Schriftsteller Detlev von Liliencron oder dem Kunsthistoriker Alfred Lichtwark. Aus Berichten seiner Freunde ist zu entnehmen, dass er ein heiterer, humorvoller Mann war. 1896 veröffentlichte er das Buch „Vom alten und modernen Sturm und Drang“, 1897 eine Abhandlung über „künstlerischen Bilderschmuck an Schulen“. Er arbeitete auch an der Zeitschrift „Der Kunstwart“ mit und war 1900 Mitherausgeber einer Holbein-Mappe. Aus seiner Freundschaft mit dem Hamburger Dichter Gustav Falke ging ebenfalls 1900 das im Selbstverlag erschienene Büchlein „Gustav Falke als Lyriker“ hervor.

Am 29. Oktober 1903 heiratete er die elf Jahre jüngere Charlotte Mayer in ihrer Heimatstadt Trier. „Herbstsonne, Moselwein edelster Sorte und glückhafte Heiterkeit aller Festgenossen“ zeichneten, in den Worten eines Freundes, das Hochzeitsfest aus.
Das Ehepaar Spanier wohnte in Münster in der Wehrstraße (heute Kanonengraben) 4. Sie waren gute Gastgeber und am Freitagabend zündeten sie zusammen mit Meiers Seminaristen die Schabbeskerzen an. Am 25. August 1904 bekamen sie ihr erstes und einziges Kind, den Sohn Hans Lothar.

Meier Spanier forschte und publizierte weiter über philologische und literaturhistorische Themen. Im Oktober 1911 zog er mit Frau und Sohn nach Berlin, wo er Rektor der jüdischen Mädchenmittelschule in der Kaiserstraße (heute Alexanderstraße) in Mitte wurde. Die Familie wohnte in einer Dienstwohnung im ersten Stock der Schule und empfing auch dort wieder viele Gäste. Bald hatte Dr. Spanier in Berlin ebenso viele Freunde wie in Münster und traf sich mit ihnen auch gerne in Cafés. Er besuchte lieber die liberale Synagoge in der Oranienburger Straße als die orthodoxe “Haussynagoge” seiner eigenen Schule, aber an den hohen Feiertagen leitete er in der dortigen Aula den Jugendgottesdienst. In seiner wissenschaftlichen Tätigkeit wandte er sich immer mehr jüdischen Themen zu und publizierte zu religionspädagogischen Fragen. 1916 arbeitete er an der Fibel für jüdische Soldaten mit, die der Verband der deutschen Juden im Ersten Weltkrieg an die Front schickte, und wählte Psalmen zum Abdruck aus. In den 1920er- und frühen 1930er-Jahren forschte und publizierte er unter anderem zu dem jüdischen Apostaten Johannes Pfefferkorn aus dem 16. Jahrhundert und den Minnesänger Süßkind von Trimberg, für den er sich schon als Schüler begeistert hatte.

Im Frühjahr 1932 wurde Dr. Spanier pensioniert. Das Ehepaar zog aus der Dienstwohnung in der Kaiserstraße aus und in den vierten Stock der Berliner Straße 95 (heute Otto-Suhr-Allee 145) in Charlottenburg. Ihr Sohn Hans Lothar hatte Zahnmedizin studiert und eine Zahnarztpraxis eröffnet, möglicherweise nicht in Berlin, da er im Berliner Adressbuch nicht verzeichnet ist. Meier und seine Frau gingen gerne im Schlosspark Charlottenburg spazieren und empfingen auch in der neuen Wohnung oft Gäste.

Als nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten alle jüdischen Lehrer aus dem staatlichen Schuldienst entlassen und deshalb in großer Eile neue jüdische Schulen gegründet wurden, kehrte Dr. Spanier aus der Rente zurück und leitete Fortbildungskurse für Lehrer. 1938 gelang seinem Sohn Hans Lothar die Flucht in die Vereinigten Staaten. Bis zum letzten Augenblick versuchten Meier und Charlotte ebenfalls zu emigrieren – ohne Erfolg.
1941 wurden sie aus ihrer Wohnung in der Berliner Straße vertrieben und zwangsweise in der Jenaer Straße 20 einquartiert, zur Untermiete bei einem Fräulein Hamburger. Die Jenaer Straße 20 war ein sogenanntes „Judenhaus“. Um der Deportation zu entgehen, wählten Meier und Charlotte Spanier 1942 den Freitod: Am 27. September nahmen sie sich mit einer Überdosis Schlafmittel das Leben. Meier Spanier starb mit 77 Jahren, seine Frau Charlotte kurz nach ihrem 67. Geburtstag.
Ihr Sohn Hans Lothar, der sich später John nannte, starb 1996 in Washington.
Meiers Schwester Hannchen und sein Bruder Moritz starben vor dem Holocaust. Seine Schwester Sophie wurde 1941 in Theresienstadt ermordet, seine Schwester Röschen 1943 in Auschwitz.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • MyHeritage
  • Berliner Adressbücher
  • Center for Jewish History
  • mappingthelives.com
  • Lebenserinnerungen von Meier Spanier nach Ernst Loewenberg, “Meier Spanier, Leben und Wirken eines deutschen Juden”, Bulletin des Leo Baeck Instituts, 1968
  • Meier Spanier, Die Wunsdorfer Spanier, 1937
Stolperstein für Charlotte Spanier

Stolperstein für Charlotte Spanier

HIER WOHNTE
CHARLOTTE SPANIER
JG. 1875
VOR DEPORTATION
FLUCHT IN DEN TOD
27.9.1942

Charlotte Spanier geborene Mayer kam am 15. September 1875 in Trier zur Welt. Ihr Vater Adolph war der Sohn eines Rabbiners aus Hechingen, ihre Mutter Friederike geborene Heidegger die Tochter eines reformierten Talmudlehrers aus dem bayrischen Fürth. Vor seiner Hochzeit hatte Charlottes Vater als Kaufmann in St. Louis/Missouri gelebt. Danach hatte er zusammen mit Albert und Ferdinand Maas in seiner Heimatstadt Trier die Firma „Gebr. Maas & Comp.“ gegründet, die einen Kolonialwarenhandel, eine Papierfabrik und eine Buchdruckerei umfasste. Später ging daraus auch ein eigener Verlag hervor, der sich auf jüdische Literaturgeschichte spezialisierte und von Charlottes Onkel Sigmund geleitet wurde.

Charlotte hatte vier Geschwister, Eugen (*1870, er starb mit sechs Jahren), Sophie (*1871), Ernst (*1874) und Lotti (*1877).

Am 29. Oktober 1903 heiratete sie den elf Jahre älteren, aus Wunstorf in Niedersachsen gebürtigen Germanisten, Publizisten und Lehrer Dr. Meier Spanier. Dr. Spanier pflegte Kontakte zu jüdischen Intellektuellen überall in Deutschland, vielleicht kannte er Charlottes Vater und Onkel über deren Buchverlag. Charlottes und Meiers Hochzeitsfest in Trier zeichnete sich in den Worten eines Gastes durch „Herbstsonne, Moselwein edelster Sorte und glückhafte Heiterkeit aller Festgenossen“ aus. Danach zog das Ehepaar nach Münster, wo Dr. Spanier die Leitung des jüdischen Lehrerseminars innehatte. Sie wohnten in der Wehrstraße (heute Kanonengraben) 4 und führten dort ein gastfreies Haus. Ein Freund ihres Mannes beschrieb Charlotte als zurückhaltende, kluge Frau voller Wärme und Herzlichkeit. Am 25. August 1904 bekam das Ehepaar ihr erstes und einziges Kind, den Sohn Hans Lothar.
Im Oktober 1911 zog die Familie nach Berlin. Charlottes Mann wurde dort Rektor der jüdischen Mädchenmittelschule in der Kaiserstraße (heute Alexanderstraße) in Mitte. Die Familie wohnte in einer Dienstwohnung im ersten Stock der Schule und empfing auch dort wieder viele Gäste.
Ihr Sohn Hans Lothar studierte nach dem Abitur Zahnmedizin und wurde Zahnarzt. Es ist möglich, dass er Berlin verließ.

Im Frühjahr 1932 wurde Charlottes Mann pensioniert. Das Ehepaar zog aus der Dienstwohnung in der Kaiserstraße aus und in den vierten Stock der Berliner Straße 95 (heute Otto-Suhr-Allee 145) in Charlottenburg. Charlotte und ihr Mann gingen gerne im Schlosspark spazieren und empfingen auch in der neuen Wohnung oft Gäste. Als nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten alle jüdischen Lehrer aus dem staatlichen Schuldienst entlassen und deshalb in großer Eile neue jüdische Schulen gegründet wurden, kehrte Charlottes Mann aus der Rente zurück und leitete Fortbildungskurse für Lehrer. 1938 gelang ihrem Sohn Hans Lothar die Flucht in die Vereinigten Staaten. Bis zum letzten Augenblick versuchten Charlotte und Meier ebenfalls zu emigrieren – ohne Erfolg.

1941 wurden sie aus ihrer Wohnung in der Berliner Straße vertrieben und zwangsweise in der Jenaer Straße 20 einquartiert, zur Untermiete bei einem Fräulein Hamburger. Die Jenaer Straße 20 war ein sogenanntes „Judenhaus“. Um der Deportation zu entgehen, wählten Charlotte und Meier Spanier 1942 den Freitod: Am 27. September nahmen sie sich mit einer Überdosis Schlafmittel das Leben. Charlotte starb kurz nach ihrem 67. Geburtstag, ihr Mann Meier wurde 77 Jahre alt.

Ihr Sohn Hans Lothar, der sich später John nannte, starb 1996 in Washington.

Charlottes Schwestern Sophie und Lotti waren vor dem Holocaust verstorben. Ihr Bruder Dr. Ernst Mayer war Facharzt für Orthopädie geworden und hatte mit seiner Frau Elisabeth und seinen Kindern Paul und Ilse in Köln gelebt. Paul und Ilse emigrierten in die Vereinigten Staaten; Ernst und Elisabeth sowie Elisabeths Mutter Emma wurden 1942 von Köln ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo Emma im gleichen Jahr starb; Charlottes Bruder Ernst und ihre Schwägerin Elisabeth wurden 1944 in Auschwitz vergast.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • MyHeritage
  • Berliner Adressbücher
  • Website der Stadtbibliothek Weberbach
  • Website Stolpersteine Köln
  • mappingthelives.com
  • Lebenserinnerungen von Meier Spanier nach Ernst Loewenberg, “Meier Spanier, Leben und Wirken eines deutschen Juden”, Bulletin des Leo Baeck Instituts, 1968

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