Kiezspaziergang am 9.10.2004

über den Havelhöhenweg

mit Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen und Förster Ruthenberg
Treffpunkt: Stößenseebrücke

Sehr geehrte Damen und Herren!

Herzlich willkommen zu unserem heutigen Kiezspaziergang. Es ist wieder einmal ein ganz besonderer Spaziergang, und ich bin nicht ganz sicher, ob Förster Ruthenberg sein Revier als Kiez bezeichnen würde. Aber für uns ist auch der Grunewald ein Stück von Charlottenburg-Wilmersdorf und damit eben auch ein Kiez.

Ich bin aber sehr froh, dass Herr Ruthenberg uns heute begleitet, und ich bin gespannt auf seine fachmännischen und wohl auch ganz unterhaltsamen Erläuterungen zum Havelhöhenweg, den wir heute erkunden wollen. Vielen Dank, Herr Ruthenberg, dass Sie es möglich gemacht haben und uns heute zur Verfügung stehen.

Übrigens für alle, die sich noch für die früheren Bezirke Charlottenburg und Wilmersdorf interessieren und Wert darauf legen, dass wir bei unseren Kiezspaziergängen beide Teile des heutigen Bezirks angemessen und gleichmäßig berücksichtigen: Heute haben wir wieder einmal einen Integrationsspaziergang vor uns, denn heute werden wir von Charlottenburg nach Wilmersdorf wandern. Dort wo wir den Stößensee und die kleine Siedlung Rupenhorn verlassen und wo der Grunewald beginnt und wir das Havelufer erreichen, dort verlief früher die Bezirksgrenze zwischen Charlottenburg und Wilmersdorf.

Wenn wir es schaffen, werden wir bis zur Grenze zum Bezirk Steglitz-Zehlendorf an der Lieper Bucht wandern. Bis 1938 übrigens gehörte der gesamte Grunewald mit dem Havelufer bis zum Strandbad Wannsee zum Bezirk Wilmersdorf. Sie haben Glück, dass die südliche Hälfte damals Zehlendorf zugeschlagen wurde. Sonst müssten Sie heute mit mir bis zum Strandbad Wannsee wandern.

Bevor wir aber beginnen wie immer der Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang. Ich werde am 13. November nicht in Berlin sein. Deshalb wird mein Kollege Joachim Krüger, der Bezirksstadtrat für Bürgerdienste, die Leitung übernehmen. Treffpunkt ist am Samstag, dem 13. November, um 14.00 Uhr am Roseneck, also am Hohenzollerndamm Ecke Rheinbabenallee, und es wird mit einigen Abstechern den Hohenzollerndamm entlang zum Sportgelände rund um das Stadion Wilmersdorf gehen.

Wir befinden uns hier auf der Stößenseebrücke im Zuge der Heerstraße, und damit mitten in einem wunderschönen Erholungsgebiet an der Grenze zwischen Charlottenburg-Wilmersdorf und Spandau. Der Stößensee ist ein Nebenarm der Havel und umlagert von Yacht- und Ruderclubs, Segelvereinen, Ausflugslokalen und Hotels. Die Brücke selbst wird übrigens von Klettervereinen für ihren Sport genutzt. Sie wurde 1909 gebaut und nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg zwischen 1948 und 1951 wieder aufgebaut. Sie gehört heute zu Spandau. Die östliche Hälfte des Stößensees gehört zu Charlottenburg-Wilmersdorf, die westliche zu Spandau, der Teil des Sees nördlich der Heerstraße gehört ganz zu Spandau, das östliche Ufer allerdings wiederum zu Charlottenburg-Wilmersdorf.

Nach Norden, am letzten Zipfel des Stößensees, an der Havelchaussee 161, befindet sich ein interessantes Gebäude, das um 1900 als “Seeschloss Pichelswerder” eröffnet wurde. Der große Saal dieser beliebten Ausflugsgaststätte wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum Filmstudio umgebaut, und in den Havelstudios wurden so bekannte Fernsehereignisse wie zum Beispiel das “Glücksrad” produziert, aber auch Filme wurden hier gedreht. 1966 hat Berlin das Grundstück vom Filmstudio “Pichelsberg GmbH” erworben und weiter verpachtet. Der letzte Betreiber der Studios musste aber im Jahr 2002 Konkurs anmelden. Die technischen Geräte und Einrichtungsgegenstände wurden Anfang dieses Jahres versteigert, und der Erlös hat in etwa die Mietschulden ausgeglichen, die beim Bezirksamt als Vermieter angefallen waren. Jetzt wird ein Käufer für das Anwesen gesucht.

Die etwas vorspringende Landzunge am südwestlichen Stößensee trägt den Namen Rupenhorn, der folgendermaßen zu erklären ist: Horn ist eine häufige Bezeichnung für Halbinseln und Landzungen, die ins Wasser ragen. Wir werden ja auf unserer Wanderung auch noch auf die Halbinsel Schildhorn treffen. Und mit “Rupen” sind die Aalraupen gemeint, ein Speisefisch, der hier von den Fischern einmal gefangen wurde, und im Mittelhochdeutschen hieß “Raupe” im 14. Jahrhundert “Rupe”.

Die Segel- und Ruderclubs haben in Berlin eine lange Tradition und waren keineswegs den Reichen vorbehalten. Im Gegenteil: Sie wurden teilweise von Großbetrieben und karitativen Organisationen gegründet und ermöglichten gerade auch Arbeitern die Teilnahme am Wassersport. Das Bootshaus der TU-Berlin beispielsweise am gegenüberliegenden Ufer der Halbinsel Pichelswerder steht allen Universitätsangehörigen offen.

In den 20er Jahren entstanden am Rupenhorn eine Reihe von Villen und Gärten in Hanglage mit Havelblick weit über den Stößensee hinaus. Das Hochufer wird von Architekten als “Traumlandschaft” beschrieben, in der die Eiszeit einen für die Havellandschaft typischen “Rinnsee” hinterließ, eben den Stößensee. Das Gefälle zur Havel beträgt bis zu 35 Meter, was herrliche Fernsichten ermöglicht.

Den Havelhöhenweg konnten wir im Mai dieses Jahres in seinem Abschnitt von der Halbinsel Schildhorn an südlich wieder eröffnen. Er war in den 50er Jahren angelegt worden als Teil eines Notstandesprogramms. Seither wurde er vernachlässigt. Viele Ausblicke waren zugewachsen, Treppenanlagen zerstört. Der Weg musste teilweise wegen Gefahrenstellen gesperrt werden. Der Weg wurde auf Anregung unseres Umweltamtes vom Forstamt wieder hergestellt, finanziert teilweise aus dem Umweltentlastungsprogramm der Europäischen Union.

Wir hoffen, dass auch der nördliche Teil des Weges bald weiter ausgebaut werden kann. Wir müssen jetzt bis Schildhorn an der Havelchaussee entlang gehen, aber auch hier gibt es einiges zu sehen.

Ein Teil des neu auszubauenden Weges wird der Fußweg von der Heerstraße zur Havelchaussee sein. Er trägt als “Barthscher Weg” den Namen von Erwin Barth, dem berühmten Charlottenburger Gartenbaudirektor, dem wir viele wunderbar gestaltete öffentliche Plätze und Parks verdanken, darunter den Volkspark Jungefernheide, den Brixplatz und den Savignyplatz. Hier hat er Anfang der 20er Jahre den Weg und den Garten der Villa Am Rupenhorn 1 angelegt. Die Villa ist nur noch rudimentär erhalten. Sie wurde in den 70er Jahren durch spekulativen Leerstand dem Verfall preisgegeben. Den Garten gestaltete Erwin Barth als Nutz- und Ziergarten bei weitgehender Erhaltung und Pflege der Waldvegetation.

Das folgende Grundstück Am Rupenhorn 2 war nie bebaut.

Villa und Garten des nächsten Grundstücks Am Rupenhorn 3 wurden 1924 für den Geheimrat Dr. Kreuter angelegt. Zu dem Garten hieß es damals in einer Architekturzeitschrift: “Entzückend voller Abwechslung ist die gärtnerische Anlage des nahe am See stark aufsteigenden Geländes, das aus eintöniger Kiefernbepflanzung von der Berliner Gartenbaufirma Späth unter Leitung von Willy Lange in einen stimmungsvollen Park umgewandelt wurde.” Der Gartenbauarchitekt Willy Lange selbst fand allerdings, dass das Haus an der falschen Stelle im Grundstück “förmlich in die Luft” gebaut wurde.

Das nächste Grundstück gehörte ursprünglich zu dem Haus Am Rupenhorn 4 wurde aber von Dr. Kreuter gekauft und auf private Kosten als öffentliche Weganlage ausgebaut.

Über das 1929-30 von Bruno Paul im Bauhaus-Stil errichtete Haus und Garten Am Rupenhorn 5 heißt es in einem Gutachten von 1994: “Das Gebäude ist ein Baudenkmal, bei der Gartenanlage besteht Denkmalverdacht.”
Am 26.1.2004 wurde hier das amerikanisch-jüdisches Touro College Berlin von der Gründungsdirektorin Sara Nachama gemeinsam mit Rabbiner Bernhard Lander eröffnet. Lander gründete 1970 das erste Touro College in New York. Die Universität ist eine von 25 Touro Colleges weltweit, private wissenschaftliche Einrichtungen, die nach dem jüdischen Philantropen Isaac Touro benannt sind.
Der englischsprachige Studiengang führt in drei Jahren zum amerikanischen Abschluss “Bachelor of Science in Business, Management and Administration”. Um das Management-Studium zu vervollständigen, müssen die Studenten auch geisteswissenschaftliche Kurse belegen. Dabei liegt der Schwerpunkt auf amerikanischer Kultur.
Die jüdische Familie Lindemann, die dort lebte, wurde in der Nazizeit gezwungen, das Haus weit unter Wert zu verkaufen. Dann zog der NS-Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten, Hans Kerrl, in das Gebäude ein. Heute ist das Haus im Besitz des Landes Berlin. Es wurde vom Touro College saniert.

Am Rupenhorn 6 baute sich der berühmte Architekt Erich Mendelsohn 1929 eine Villa für sich selbst. Er hatte gerade den großen Baukomplex des Universum-Kinos, des Kabaretts der Komiker am Kurfürstendamm und der Wohnanhlagen zwischen Cicerostraße und Albrecht-Achilles-Straße gebaut. Heute befindet sich im früheren Kino die Schaubühne am Lehniner Platz. Quer durch den Garten ließ Mendelsohn einen Zaun bauen zum Schutz vor Wildschweinen. Der Garten ist inzwischen allerdings mehr und mehr zugewachsen. Zu der Gesamtanlage heißt es in einem Kommentar in “Berlin und seine Bauten” von 1972: “Die Durchformung der Details im Hause und in den Mauern, Wegen und Terrassen des Gartens hat in Berlin nicht ihresgleichen.”

Das Landhaus Kersten Am Rupenhorn 8 wurde 1923-24 von dem ebenfalls berühmten Architekten Hermann Muthesius gebaut, als großzügiges Landhaus mit Vorfahrt an der Straße und Terrasse zur Havellandschaft. 1937 wurde es an die Reichpostdirektion übertragen, die hier ein Mütterheim einrichtete. Im Krieg wurde das Haus zerstört, 1960 dann vollends abgebrochen.

Halbinsel Schildhorn

Das Wirtshaus Schildhorn steht unter Denkmalschutz. Es wurde ab 1865 in zahlreichen Baustufen errichtet und ist ein beliebtes, traditionelles Ausflugslokal am Havelufer. Im Äußeren ist es weitgehend erhalten: Zwei hallenartige eingeschossige Restaurantsäle wurden 1873 als Eisenfachwerkbauten errichtet mit Gefachen aus getünchten Backsteinen. Daneben steht ein neubarocker Putzbau mit verglasten Arkaden von 1890. Um 1850 entstanden straßenseitig spätklassizistische Wohnhäuser.

1845 ließ König Friedrich Wilhelm IV. das Schildhorndenkmal nach einem Entwurf von Friedrich August Stüler als Pfeiler aus schlesischem Sandstein errichten.

Das Denkmal erinnert an den Wendenfürsten Jaczo, der an dieser Stelle, vor Albrecht dem Bären fliehend, die Havel durchschwommen haben soll. Gerettet, hing er Schild und Schwert an einen Baum und gelobte, sich taufen zu lassen.

Stüler nahm in der Gestaltung des Denkmals die Sage auf und gab dem Pfeiler die Form eines Baumstumpfes, an dessen angedeuteten Zweigen die Waffen des Wendenfürsten hängen. Auf halber Höhe hängt der Schild, so, wie Jaczo ihn der Legende zufolge zurück gelassen hat. Den krönenden Abschluss bildet ein Scheibenkreuz.

Grunewaldturm

Auf dem 79m hohen Karlsberg an der Havel baute Franz Schwechten, der Architekt der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, 1897 einen 55m hohen Turm. Er wurde am 5.6.1899 als “Kaiser-Wilhelm-Turm” eingeweiht, am 15.9.1948 in “Grunewaldturm” umbenannt. Die Inschrift lautet erstaunlicherweise: “Koenig Wilhelm I zum Gedaechtniss” und “Der Kreis Teltow baute mich 1897”.
204 Stufen führen zur Plattform, die einen schönen Blick über die Havel und den Grunewald bietet.