Thema des Monats Juli 2007

Generationenübergreifend leben?

Die Bezirksverordnetenversammlung diskutiert

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Der demografische Wandel und die schnellen Veränderungsprozesse im Bereich der Familie machen es erforderlich, neue Wege im Miteinander der Generationen zu suchen. „Gemeinsam und nicht nebeneinander“ könnte ein Lebensentwurf in der Zukunft sein. Für die wachsende Zahl alter, reger aber doch pflegebedürftiger Menschen muss in unserer Gesellschaft ein Platz gefunden werden, der mitten im Leben liegt, nicht im Abseits. An dem Menschen aller Generationen leben, miteinander lernen, arbeiten, wachsen, einander tragen und verstehen. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit liegt die wechselseitige Verantwortung der Generationen füreinander.

SPD-Fraktion

Im Zeitalter des demografischen Wandels wird auch in Charlottenburg-Wilmersdorf eine alternative Wohn- und Lebensform zu den Singlehaushalten und Kleinstfamilien interessant: Das generationenübergreifende Leben. Die Bevölkerungsprognose unseres Bezirks zeigt für 2002 – 2020 eine Zunahme der Altersgruppe von 65- bis unter 85jährigen von 28 %. Über 50 % der Singles sind 55 Jahre und älter. Hier liegt ein großes Potenzial für alternative Lebensformen. Neben den Wohngemeinschaften von gleichaltrigen Männern und Frauen ermöglicht diese Lebensform, gemeinsame Projekte und Angebote zwischen allen Generationen zu entwickeln, die ein Zusammenkommen und ein soziales Miteinander entstehen lassen. Voneinander lernen und die gegenseitige Hilfe, aber auch Rücksicht und Toleranz bilden die Grundlage. Leben in einer selbstständigen Gemeinschaft von Jung und Alt, Frauen, Männern, mit und ohne Kindern, sozial- und finanzschwache aber auch finanzstarke Familien sowie Alleinerziehende – alle können sich daran beteiligen, ein eigenständiges und unabhängiges aber nicht isoliertes Leben miteinander zu führen. Beispiele für generationenübergreifendes Leben gibt es bei uns bisher erst in Ansätzen, zum Beispiel in Seniorenwohnungen mit Kita-Anschluss oder in Steglitz das “Bunte Haus” sowie das “Sonnenhaus”. Nachahmungen werden empfohlen!
Barbara Scheffer

CDU-Fraktion

Ja, aber der Staat kann und soll hier nur unterstützend wirken durch die Bereitstellung einer entsprechenden Infrastruktur, Information und Beratung, Verbesserung rechtlicher Rahmenbedingungen, spezielle Förderungen der Selbsthilfegruppen, Organisationen und Ehrenamtlichen, durch Einrichtung von Quartiersmanagement für Problemstadtteile und ein “Mehrgenerationen-/Nachbarschaftshaus” in jedem Bezirk. Viele Eigentümer versuchen ihren Wohnraum barrierefrei und altersgerechter sowie im Umfeld schöner zu gestalten, aber auch hier setzen Bestand und die finanziellen Möglichkeiten Grenzen.
Jede Verbesserung ist zu begrüßen, da die Menschen möglichst lange selbstbestimmt leben wollen. Die Ansprüche und Möglichkeiten sind höchst unterschiedlich, aber die steigenden Lebenshaltungskosten können gemeinsam verringert und das Leben etwa durch die Erfahrung mit Kindern, Alten und Behinderten bereichert werden. Aber auch das bewusste (gruppenmäßige) Alleineleben hat sein Recht. Der Alltag muss von den Menschen selbst mit gegenseitiger Rücksicht gestaltet werden. Die, die mehr Gemeinsamkeit wollen, müssen sich zusammentun. Durch eine verstärkte Nachfrage kann zum Beispiel auch ein darauf ausgerichteter Wohnungs(neu)bau und eine Quartiersweiterentwicklung bewirkt werden. Der Bezirk selbst kann sich weder finanziell noch durch Bereitstellung einer Immobilie besonders beteiligen.
Ralph Schöne

Fraktion Bündnis 90/Die Grünen

Bis zum Jahr 2020 wird der Anteil der über 65jährigen in Berlin auf 20% gestiegen sein – das sind 675.000 Menschen. Allein der Anteil der über 75jährigen wird sich bis dahin verdoppelt haben! Dieser demographische Wandel erfordert nicht nur eine Modernisierung unserer Sozialsysteme, auch in vielen anderen Bereichen muss ein Umbau der Gesellschaft stattfinden. Neue Mobilitätskonzepte werden erforderlich, die einen radikalen Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel vorsehen, die komfortabler und behindertengerechter werden müssen, wie es Bündnis 90/Die Grünen schon lange fordert. Die Nahversorgung muss klug organisiert werden, also weg von den Einkaufscentern auf der grünen Wiese und hin zum wohnortnahen Einzelhandel, der auch persönlichen Service bietet, zum Beispiel Lieferdienste. Bündnis 90/Die Grünen setzt sich schon heute im Bezirk gerade für die kleinen Gewerbetreibenden ein. Nicht zuletzt sollen “Alten-WG’s” und Mehrgenerationenhäuser Vereinsamung entgegenwirken und ein würdevolles Miteinander im Alter ermöglichen, gerade wenn eine familiäre Bindung nicht vorhanden ist. Wir wollen das solidarische Zusammenleben der verschiedenen Generationen stärken und werden weiter daran arbeiten, hierfür auf allen Ebenen die nötige Infrastruktur im Bezirk zu schaffen.
Nicole Ludwig

FDP-Fraktion

Aus der Schicksalsgemeinschaft vergangener Zeiten, der “Großfamilie” wurde ein zeitlich begrenztes Zwei-Generationenprojekt. Doch der Weg in das selbst bestimmte Leben führte vielfach in die Vereinzelung und Vereinsamung älterer Menschen. Ob am Arbeitsmarkt oder im Privaten, jugendliche Dynamik glaubt ohne die Erfahrung des Alters auszukommen. Zweifelsohne eine Fehleinschätzung. Politik kann und muss gesellschaftliche Entwicklungen begleiten. Aus diesem Grund setzt sich die FDP seit längerem für Projekte, wie beispielsweise Mehrgenerationenhäuser oder die Stärkung des Ehrenamtes ein. Aber Freiwilligkeit geht uns vor staatlichem Zwang, denn gesellschaftlicher Zusammenhalt kann nicht verordnet werden, aber ohne diesen zerbricht die Gesellschaft. Auch der rasante technische Fortschritt führt zum Teil zur Ausgrenzung älterer Menschen. Doch kann hier nicht Stillstand das Rezept sein, sondern Begleitung und Heranführung an die Technik. So wie Eisenbahn und Telefon – einst exotisch und angefeindet – sind es heute “Computer” und “e-Government”. Und eines Tages werden auch diese zum vertrauten Alltag gehören.
Marescha Rufert