Thema des Monats Mai 2009

Vision: Die offene Bibliothek

Die Bezirksverordnetenversammlung diskutiert

Link zu: Innenansicht der Dietrich-Bonhoeffer-Bibliothek von der Treppe aus
Innenansicht der Dietrich-Bonhoeffer-Bibliothek von der Treppe aus Bild: Arndt

In den Charlottenburg-Wilmersdorfer Bibliotheken gibt es nicht nur Bücher, sondern Medien aller Art auszuleihen oder vor Ort zu erkunden. Außerdem werden Veranstaltungen aller Art angeboten – unter anderem auch vom Freundeskreis der Stadtbibliothek, der die Bibliotheken unterstützt. In der BVV wird darüber diskutiert, wie die Bibliotheken noch attraktiver gemacht werden könnten.

SPD-Fraktion

“Die Hauptfunktion einer Bibliothek ist die Möglichkeit zur Entdeckung von Büchern, deren Existenz wir gar nicht vermutet haben, aber die sich als überaus wichtig für uns erweisen” – so Umberto Eco.
Die PISA-Studie brachte ans Licht: 42 Prozent der 15-Jährigen haben kein “Vergnügen am Lesen”. Als Voraussetzung für Bildung wollen wir daher die Zusammenarbeit von Kita, Schule, VHS und Bibliotheken. Vielfältige Angebote, die Lust aufs Lesen und Aktionen, die Spaß machen. Bibliotheken als Orte zum Verweilen sind unser Ziel. Denkbar sind aus unserer Sicht auch “Idea Stores”, Ideenkaufhäuser, wie es sie in Großbritannien gibt: eine Vereinigung von Bildungszentrum, Bibliothek und Café. Bibliotheken sollen nicht mehr ‘heilige’ Orte sein. Man soll sich dort auch mit Kaffee oder Cola in eine Ecke lümmeln und schmökern oder mit anderen reden können. Bibliotheken haben das Zeug zum Kiez-Kulturtreff!
Christiane Timper

CDU-Fraktion

Bibliotheken als Bildungseinrichtungen erfüllen vorbildlich ihre Aufgaben, beispielsweise durch Sprach- und Leseförderung in Zusammenarbeit mit Kindertagesstätten und Schulen.
Sie sind aber auch Orte der Stille, der Information, der Unterhaltung und Arbeit. Die genannte “Vision” wünscht sich einen kulturellen Kiez-Treffpunkt – aber muss er in Bibliotheken eingerichtet werden? Setzt man sie damit nicht der Gefahr aus, ihren ganz spezifischen Charakter zu verlieren? Diese Frage müssen die Leserinnen und Leser beantworten! Sie sollten Gelegenheit erhalten, ihre Meinung durch Befragung und Diskussion zu äußern. Über flexible Öffnungszeiten und gemütlichere Leseecken muss dabei nicht diskutiert werden.
Mit den Widrigkeiten einer knappen finanziellen Ausstattung kämpfend, sieht die CDU-Fraktion zur Zeit keine Möglichkeit, dass sich selbst solch bescheidene Verbesserungen zeitnah umsetzen lassen.
Dennoch haben auch wir eine Vision: eine verbesserte Leistungsstärke der Bibliotheken durch einen aktuellen und umfangreicheren Bestand, Medienvielfalt und mehr Personal zur gewünschten Begleitung der Nutzerinnen und Nutzer.
Marion Halten-Bartels

Fraktion Bündnis 90/Die Grünen

Die Welt ändert sich! Ob zum Positiven oder zum Negativen, das entscheiden wir! Vergangenheit: Deutschland, das Land der Dichter und Denker, der Allgemeinen Bildung, der Volksbildung in Lesezirkeln, Schul- und Volksbüchereien mit dem Ziel „Wissen ist Macht!“
Gegenwart: Unterdurchschnittliche Lesefreude und Lesekompetenz von Jugendlichen in vergleichenden Schulleistungsstudien. Ausweitung oder Schließung von Stadtteilbibliotheken?
Zukunft: Erhaltung und Verstärkung des Angebots der Bibliotheken des Bezirks durch Rationalisierung des Leihverkehrs und Einbeziehung von Angeboten aktiver kultureller Bildung rund ums Buch. Beratung mit daran Interessierten. Gewinnen ehrenamtlicher Mitarbeiter/innen. Erkundungen von Vorbildern anderswo. Austausch über weiterführende bürger/innenfreundliche Projekte.
Dr. Jürgen Hess

FDP-Fraktion

Irren ist menschlich. Denn viele Menschen glauben, dass Stadtbibliotheken Luxuseinrichtungen sind, aus denen sich diejenigen, die sowieso schon genug haben, billig mit Romanen, Filmen und Musik versorgen. Das ist falsch. Unsere öffentlichen Bibliotheken sind wichtige Bildungseinrichtungen. Gerade bei der Förderung von Kindern aus Familien ohne Bildungstradition können diese Einrichtungen eine wichtige Hilfe sein. Mit interessanten Veranstaltungen können auch diese Kinder veranlasst werden, öfter in die Bibliothek zu kommen, Bücher in die Hand zu nehmen und zu lesen. Neben den Vorlesenachmittagen für Kinder im Vorschulalter können auch noch Lesewettbewerbe, Ferienveranstaltungen und Diskussionsgruppen über neu erschienene Bücher angeboten werden. Nach Auffassung der FDP-Fraktion sollte hier in erster Linie der künftige Wirkungsschwerpunkt der Stadtbibliotheken liegen.
Uwe Braun

Fraktion Die Linke

Visionen sind immer gut!
….. das gilt auch für die Vision einer offenen Bibliothek im Sinne einer offeneren Nutzung als Zentren (mit)bürgerlicher Kommunikation. Warum sollten Bibliotheksräume nicht auch geöffnet sein für Lesungen, für Nachhilfeunterricht (alle notwendigen Medien sind gleich verfügbar) oder für kulturelle Angebote aller Art?
Warum sollen hier nicht Bürgerinitiativen tagen, warum nicht öffentliche Ausschusssitzungen der BVV stattfinden? Und inwieweit könnte ehrenamtliches Engagement das Angebot der Bibliotheken ausweiten helfen?
Und wären die Bibliotheken – neben den Schulen – nicht die idealen Standorte für die Schaffung einer umfassenden kommunalen Bildungslandschaft?
Ja – Visionen sind immer gut, aber sie reichen nie aus. Auf die Umsetzung kommt es an – und eben auf das Engagement.
Hans-Ulrich Riedel