Eine schöne Geschichte

von Hanni Levy

Als ich im vorigen Jahr die Bekanntschaft einer Bewohnerin des Hauses Nollendorfstraße 28 machte, konnte ich nicht ahnen, welche (guten) Folgen das haben würde.

Ich hatte in dem Haus ab 1943 bis Kriegsende versteckt gelebt. Von großherzigen, mutigen Menschen beherbergt. Ich wollte meinem Enkel die Wohnung zeigen, in der ich gelebt hatte. Eine Dame, die auch in das Haus wollte, ließ mich ein. Als sie hörte, warum ich in den Hof wollte und wer ich war, war sie sehr erstaunt und erfreut. Ich erfuhr von ihr, dass man im Haus von meiner Geschichte erfahren hatte. Einer der Hausbewohner hatte sie in der Ausstellung „wir waren Nachbarn“ gelesen und im Hause erzählt.

Dass ich nun wirklich vor ihr stand, „wirklich da war“, erfreute sie sehr. Das gab der Geschichte sozusagen „Hand und Fuß“. Wir blieben in Kontakt und auch mit dem jetzigen Eigentümer „meiner“ Wohnung, ein Norweger, der es sehr schön fand, diese „historische“ Wohnung zu besitzen. Wir waren im Briefwechsel geblieben und er war es auch, der die Idee einer Gedenktafel hatte. Zur Erinnerung und zu Ehren der Familie Kolzer, meiner Retter. Die Tafel sollte an der Außenwand der Wohnung angebracht werden. Die Idee wurde mit Begeisterung von den anderen Hausbewohnern aufgenommen. Aber auch von Seiten der Familie Kolzer, das heißt der Enkel und der Schwiegertochter. Wir standen schon immer in naher Verbindung.

Natürlich wollte ich bei der Anbringung der Tafel dabei sein. Man plante also eine kleine Zeremonie. Auch meine Familie wollte diese Ehrung nicht versäumen. Meine Tochter und mein Sohn kannten Frau Kolzer von klein auf (Herr Kolzer war während des Krieges verstorben), denn sie war ja meine „Familie“ geworden. So wurde also ein Datum festgelegt: Sonntag, der 26. September 2010. Ich bekam nun viele E-Mails von den übrigen Hausbewohnern. Sie schienen untereinander sehr freundschaftlich verbunden zu sein. So machte ich die zunächst schriftliche Bekanntschaft der Hauptbeteiligten. Herr J., der Eigentümer der Wohnung, hatte inzwischen meine Geschichte ins norwegische übersetzt und seinen Freunden dort mitgeteilt. Er bot mir an, in der Wohnung zu schlafen. Aber das lehnte ich dankend ab, ich hätte das nicht gekonnt.

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Hanni Levy mit ihrem Sohn und ihrer Enkelin vor der neuen Gedenktafel des Hauses, in dem sie versteckt wurde

Ich erfuhr, dass am gleichen Tag des Festes ein riesiger Marathonlauf in Berlin stattfand und keine Hotelzimmer mehr frei waren. Als ich die Hausbewohner davon in Kenntnis setzte und um ein anderes Datum bat, bot man sich gleich spontan dazu an, uns zu beherbergen. Wir, das heißt, meine Enkeltochter, meine Tochter und ich nahmen Quartier bei Frau M., der Dame, die mich ins Haus gelassen hat.

Mein Sohn und Familie Kolzer hatten doch noch woanders Unterkunft gefunden. Nun machte ich wirklich mit allen Bekanntschaft. Auch mit Herrn J., dem Wohnungsinhaber. Da die Wohnung vermietet war, hatte er seinen Mieter gebeten, sich für das Wochenende eine andere Bleibe zu suchen, damit wir die Wohnung für das Fest haben können! Eine unglaublich großzügige Geste. Alle bereiteten uns einen sehr herzlichen Empfang und waren gerührt und erfreut, uns kennenzulernen. Wir natürlich auch. Das erste Mal, nach beinahe 60 Jahren schlief ich wieder in „meinem“ Haus! Wie Frau M. sagte: „ohne Angst haben zu müssen“. So vieles ging mir durch den Kopf in dieser Nacht.

Familie Kolzer war nun auch eingetroffen, um Bekanntschaft zu machen. Am Abend waren wir alle bei Frau M. zu Gast. Auch alle, die mit ihrem großen persönlichen Einsatz dieses Zusammentreffen ermöglicht hatten. Es wurde ein sehr gemütlicher Abend. Stunden vorher kannte man sich noch gar nicht, und plötzlich hatte man das Gefühl, alte liebe Freunde wiedergefunden zu haben! Man erklärte uns auch, was alles für den Sonntag vorbereitet worden war. Die Wohnung wurde zur Verfügung gestellt und ein kaltes Buffet war auch auf dem Programm. Ich muss dazu sagen, dass „meine“ Wohnung nun ein großes modernes Loft geworden war! Für mich eine unglaubliche Entdeckung. Aber ein Glück für das Fest. Denn leider brach der Sonntag mit Regen an. Wir hatten gehofft, im Hof feiern zu können. Nun kam uns die Wohnung sehr zu Hilfe. Diese Feier sollte für uns eine große Überraschung werden! Niemals hätte ich mir ausmalen können, was ich erlebt habe: Trotz des Regens kamen sehr viele Menschen. Nicht nur die Hausbewohner und die norwegischen Freunde des Hausherrn, auch Bewohner der Straße sowie auch Verantwortliche der Organisationen, die dafür sorgen, dass nichts mehr vergessen wird. Es war da Frau K., die die Ausstellung „wir waren Nachbarn“ ins Leben gerufen hatte. Ohne sie hätte diese Zusammenkunft nicht stattgefunden. Und die verantwortliche Dame von der Gedenkstätte „Stille Helden“ kam, die auch meine Geschichte beherbergt. Und eine Vertreterin des Jüdischen Museums, sowie der Filmemacher, der im vorigen Jahr eine Reportage mit mir begonnen hatte und so den Epilog filmen konnte! Ich lernte auch die Tochter einer Nachbarin aus dem ersten Stock über „uns“ kennen, die mir so manches erklärte, was ich nie gewusst habe. Aber auch viele Unbekannte kamen, die mich spontan und herzlich begrüßten und sich freuten, meine Bekanntschaft zu machen und dabei sein zu können.

Jeder wollte uns kennenlernen. Man dankte uns, dass wir gekommen waren! Natürlich gab es einige kleine Ansprachen. Von der Hausgemeinschaft und auch von Frau Kolzers Enkelin. Auch ich sagte allen meinen Dank für diesen sehr ergreifenden Augenblick. Die allgemeine Ergreifung war sehr fühlbar, die Menschen um uns herum waren „wirklich dabei“!

Nun kam auch der Moment, dass man die Tafel anbrachte. Trotz des Regens war es ein fast andächtiger Augenblick, als mein Sohn sowie der Urenkel von Frau Kolzer, seine Mutter und ich das Schild anbrachten – im strömenden Regen. Aber mit vielen Regenschirmen und nicht wasserscheuen Menschen um uns herum.

Ich habe das Gefühl, dass es sehr schwer ist, die richtigen Worte zu finden, um alles ausdrücken zu können, was dieser Tag gebracht hat. Vor allem, um der wunderbaren Hausgemeinschaft zu danken. Für ihren Einsatz und ihre Großzügigkeit mit der sie bewiesen haben, dass es wieder Menschen mit Herz und Verantwortung gibt. Ohne Vorbehalt und mit dem Gefühl, dass man nichts vergessen will. Das ist eine große Genugtuung. Eine Genugtuung ist auch, dass man mutigen Menschen Anerkennung zeigt.

Dank dafür. Es war eben eine schöne Geschichte.


Hanni Levy
Chiffre 111101