Stein um Stein – Stolpersteine erinnern

von Sandra Wiegner

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Ein Rosenmeer und ein Stein erinnern in der Frankfurter Allee an Regina Feiga Krips

In den vergangenen Ausgaben von aktuell wurden sie schon öfter erwähnt: Stolpersteine. Viele Suchanzeigen handeln von ihnen, einige unserer Leser kamen extra nach Berlin, um vor dem Haus ihrer Angehörigen einen solchen Stein verlegen zu lassen. Fast 3.000 gibt es in Berlin. Stolpersteine: Erinnerung, Denkmal und Kunstprojekt.

Meistens beginnt es mit einer Suche. Von Angehörigen, die nach ihren eigenen Wurzeln forschen oder an Verwandte erinnern möchten. Oder auch von Bewohnern, die sich fragen, wer früher in ihren Häusern gewohnt hat. Dabei finden sich dann ebenso faszinierende wie traurige Geschichten. Denn eines haben die Leute, derer mit den quadratischen Tafeln gedacht wird, gemeinsam: Sie wurden in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet.

Ins Leben gerufen wurden die Stolpersteine 1995 vom Bildhauer Gunter Demnig, gebürtiger Berliner, wohnhaft in Köln. „Ein Projekt, das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig hält“, so steht es auf seiner Internetseite (www.stolpersteine.com ). Glänzende Steine, versehen mit Namen und Daten von Opfern der Nationalsozialisten. Öffentliches Andenken an Tote, die keine Gräber haben. An Menschen, die in Konzentrationslagern ermordet wurden oder während der Deportation zu Tode kamen. Die sich durch Freitod der Massenvernichtung entzogen. Gestiftet von Nachkommen. Oder von Fremden, die erfahren haben, dass in ihrem Haus ein Deportierter gewohnt hat. Es bleibt oft nicht bei einem Stein pro Haus, es werden sechs. Oder 21. Jedes Jahr belegen sie mehr Platz auf Trottoirs, gerade in Berlin. Geschichte verstreut über die Stadt. Ein „Denkmal von unten“.

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Im November 2008 wurden in der Pfuelstraße in Kreuzberg zwei Stolpersteine verlegt

Der Künstler Demnig sieht die Stolpersteine nicht als Grabsteine. Sie werden bewusst in den Gehweg integriert, das Stolpern soll symbolisch bleiben. Auf diese Weise sollen Opfer des Nationalsozialismus ihre Namen und einen Teil ihrer Identität zurückerlangen. Gleichzeitig soll auch jeder einzelne Stein als Symbol für alle Opfer stehen.

Von Zeit zu Zeit werden auch den „Steinelegern“ Steine in den Weg gelegt. So gibt es in den unterschiedlichen Berliner Bezirken verschiedene Vorschriften. In Schöneberg zum Beispiel dürfen die Platten nicht direkt vor Hauseingängen verlegt werden. In Wilmersdorf muss, wenn mehrere Steine verlegt werden, immer eine Fuge Pflaster dazwischen. Aufhalten lassen sich Künstler und Sponsoren davon nicht. Im Gegenteil: In diesem Jahr soll noch der 3.000. Stein in Berlin verlegt werden.

Inzwischen wurde eine Warteliste für zukünftige Stolpersteine eingerichtet. Nicht etwa weil die Sponsoren fehlen, sondern weil der Stolperstein- Initiator Gunter Demnig bei der Verlegung dabei sein möchte. Ausnahmen macht er nur in seltenen Fällen, wie zum Beispiel während der Expo 2010, als er nach Shanghai reiste, um dort sein Projekt zu präsentieren.

Mit mehr als 25.000 Stolpersteinen wird mittlerweile in Deutschland, aber auch in Holland, Tschechien, Ungarn, Polen, Frankreich und in der Ukraine an Opfer des Nazi-Regimes erinnert. Seit Januar 2010 erinnern auch acht Stolpersteine in der italienischen Hauptstadt Rom an 31 NS-Opfer und Ende des Jahres 2010 wird Gunter Demnig nach Israel reisen, um dort über sein Projekt zu berichten.

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt der Künstler Demnig, und gegen dieses Vergessen kämpfen er und sein Team Stein um Stein.


Koordinierungsstelle
„Stolpersteine“ für Berlin
c/o Gedenkstätte
Deutscher Widerstand
Stauffenbergstr. 13–14
10785 Berlin
Tel.: 49 30 263989014
Fax: 49 30 26995010
E-Mail: Stolpersteine@GDW-Berlin.de
www.stolpersteine.com

Die Autorin studiert Englische Philologie und Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin und hat ein Praktikum in der Redaktion von aktuell absolviert.