Gedenken an den 75. Jahrestag der Bücherverbrennung

von Maren Maltzahn

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Bild: Foto: Wolfgang Scholvien

Auf dem damaligen Opernplatz wurden am 10. Mai 1933 Bücher verbrannt.

Am 10. Mai dieses Jahres wurde in Berlin in den Bibliotheken und Literaturhäusern mit zahlreichen Veranstaltungen und Lesungen der Bücherverbrennung im Jahre 1933 gedacht.

Die Humboldt-Universität, das spanische Kulturinstitut Cervantes und der Berliner SPD-Landesverband luden auf dem Bebelplatz neben der Staatsoper in Mitte zu einer politischen Gedenk- und Kulturveranstaltung ein. Bürgermeisterin Ingeborg Junge-Reyer eröffnete die Veranstaltung. Auch der israelische Botschafter Yoram Ben-Zeev nahm teil. „Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnert, ist verdammt, sie zu wiederholen“, warnte der Präsident der Humboldt-Universität, Christoph Markschies diejenigen, die meinten, man habe sich bereits oft genug erinnert.

Eine weitere Veranstaltung führten das Bundesarchiv und das Berlin-Brandenburgische Centrum für Filmforschung, CineGraph Babelsberg, durch. In einem eigenen Filmprogramm wurden am Abend zeitgenössische Wochenschauberichte und deren spätere Verwendung vorgeführt.

Mit einer Lesung aus Texten verfemter Dichter gedachten der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, das P.E.N. Zentrum Deutschland, der Verband deutscher Schriftsteller und die Akademie der Künste der Ereignisse.

Auf dem damaligen Opernplatz, der heute als Bebelplatz bekannt ist, fanden am 10. Mai 1933, kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, die ersten Bücherverbrennungen des Nationalsozialismus statt. Die Kampagne „Aktion wider den undeutschen Geist“ gipfelte in den in mindestens 23 großen Städten Deutschlands zeitgleich durchgeführten Bücherverbrennungen.

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Bild: Foto: Wolfgang Scholvien

Der Bebelplatz, im Hintergrund ist die Humboldt-Universität zu sehen.

Bemerkenswerterweise wurde die Aktion nicht von der NSDAP oder einem Ministerium, sondern von der Deutschen Studentenschaft (DSt) organisiert und durchgeführt. Sie trug die Bücher, der auf der „Braunen Liste verbrennungswürdiger Literatur“ genannten jüdischen und regimekritischen Autoren, zusammen. Sogenannte Feuersprüche ausrufend warfen Studenten, Professoren und NS-Organe die Bücher ins Feuer. Diese vorgegebenen Parolen sollten eine einheitliche symbolische Grundlage bilden und ertönten mit leichten Abweichungen landesweit. Zehntausende Bücher von fast 500 Schriftstellern, Wissenschaftlern und Publizisten gingen in den Flammen verloren, darunter Werke von Berthold Brecht, Sigmund Freud, Erich Kästner, Heinrich und Klaus Mann oder Kurt Tucholsky. Erich Kästner war wahrscheinlich als einziger Autor persönlich – verborgen in der Menschenmenge – bei der Bücherverbrennung in Berlin zugegen. Er berichtete später in dem Sammelband „Bei Durchsicht meiner Bücher“:

„Und im Jahre 1933 wurden meine Bücher in Berlin, auf dem großen Platz neben der Staatsoper, von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster feierlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen. Ich war der einzige der Vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen.

Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt. …“

Für viele der Autoren bedeuteten die Bücherverbrennungen jedoch das endgültige Aus ihres künstlerischen Schaffens. Zwar überlebten einige in der Emigration, doch fanden Sie nie wieder die Kraft, an ihr früheres Werk anzuknüpfen. Mancher wählte den Freitod, ein unvollständiges Werk hinterlassend. Viele Namen lassen sich nur noch den Listen entnehmen, ihre Werke sind heute nicht mehr in Buchläden und Bibliotheken zu finden. Das Stadtportal Berlin.de hat aus Anlass des 75. Jahrestags die Liste der vom NS-Regime verbotenen Schriften im Internet zugänglich gemacht. Die Liste ist unter www.berlin.de/rubrik/hauptstadt/verbannte_buecher/ einsehbar. Sie ist durch zahlreiche Suchfunktionen recherchierbar und durch historische Informationen sowie weitere Dokumente ergänzt.

Große Bemühungen um die Erinnerung gerade an unbekannte Autoren, die heute zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind, unternimmt das vom Moses Mendelssohn Zentrum ins Leben gerufene Projekt „Bibliothek Verbrannter Bücher“. Unter der Leitung von Prof. Dr. Julius H. Schoeps wurden 120 Bücher, die von den Nationalsozialisten verbrannt worden sind, für eine Neuedition ausgewählt.

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Bild: Foto: Wolfgang Scholvien

Junge Menschen blicken in das Mahnmal zur Bücherverbrennung von Micha Ullmann.

Die ersten zehn Bände der „Bibliothek Verbrannter Bücher“ und der begleitend erschienene Dokumentationsband „Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland 1933“ wurden anlässlich des 75. Jahrestages im Deutschen Historischen Museum vorgestellt und Schülern des Erich-Hoepner-Gymnasiums Berlin und des Einstein-Gymnasiums Potsdam überreicht. Die „Bibliothek Verbrannter Bücher“ soll an etwa 4.000 deutschen Oberschulen und Gymnasien als ein Mahnmal besonderer Art aufgestellt werden. Sie kann aber auch über den Georg OLMS Verlag privat erworben oder einer Schule gespendet werden.

Direkt auf dem Bebelplatz wird mit einem ungewöhnlichen Denkmal des israelischen Künstlers Micha Ullmann der Bücherverbrennung gedacht. Das Denkmal ragt nicht in den Himmel. Die „Bibliothek“ ist ein unterirdischer Raum, den man nur von oben durch eine Glasplatte im Pflaster einblicken kann. Die Wände des ca. 50 Quadratmeter großen Raumes sind in grellem Weiß gestrichen. Die Regale an den Wänden sind leer; sie würden Platz für 20.000 Bücher bieten. Über und unter der Glasplatte sind Bronzetafeln eingelassen, die über den historischen Hintergrund, den Künstler sowie die Entstehungszeit des Denkmals Auskunft geben. Außerdem wird ein Ausspruch von Heinrich Heine (1797 – 1856) zitiert:

„Das war ein Vorspiel nur. Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“

Dieses Zitat von 1817, das sich als traurige Wahrheit herausstellte, bezieht sich nicht, wie weit verbreitet angenommen, auf die Bücherverbrennung während des Wartburgfestes 1817, sondern auf die Verbrennung des Korans während der Eroberung des spanischen Granadas durch christliche Ritter 1499/1500.

Bücherverbrennungen zogen sich durch die gesamte Geschichte der Menschheit, von der Antike bis in die Gegenwart. Sie erfolgten aus moralischen, politischen und religiösen Motiven. Auch heute werden Bücher, CDs und andere Werke von Künstlern vernichtet, die zum Beispiel offen Kritik an Regierungen aussprechen. Mit dem Ausmaß der Bücherverbrennungen und daraus folgenden Gräueltaten der Naziherrschaft ist das zwar nicht vergleichbar, dennoch müssen wir noch viel lernen, denn gemäß dem britischen Philosophen und Nobelpreisträger für Literatur Bertrand Russell zeigt uns die Weltgeschichte „die Summe dessen, was vermeidbar gewesen wäre“.


Moses Mendelssohn Zentrum
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E-Mail: info@olms.de

Die Autorin studiert Öffentliche Verwaltungswirtschaft an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege in Berlin und absolvierte ein Praktikum im Bürgermeisterbüro der Senatskanzlei.