Ursula Hirschmann

Am 10.03.2026 wurde im Bezirksamt Mitte von Berlin beschlossen, für die öffentliche Würdigung von Ursula Hirschmann in Form einer Benennung die Grünanlage an der Ruheplatzstraße Ecke Plantagenstraße zu wählen. Das Ersuchen, die Benennung vorzunehmen, geht auf einen Antrag von Bündnis 90/Die Grünen unter Beteiligung der Fraktion DIE LINKE vom 13.02.2024 zurück.

Im Rahmen der Neugestaltung des Grünzugs entlang der Ruheplatzstraße im Wedding, einem Ortsteil des Bezirks Berlin-Mitte, werden neben neuen Aktivitätsbereichen auch ein Naturlehrpfad mit thematischen Stationen entlang des inneren Weges angelegt. Im Zuge dieser Maßnahme erhält der bisher unbenannte Platz zwischen Ruheplatzstraße und Plantagenstraße ab Mai 2026 einen Namen: Er wird Ursula Hirschmann gewidmet. Sie zählt zu den bedeutenden, wenngleich lange Zeit wenig beachteten Persönlichkeiten der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Als Widerstandskämpferin, politische Organisatorin und Vordenkerin des europäischen Föderalismus hat sie maßgeblich dazu beigetragen, die Grundlagen eines geeinten, demokratischen Europas zu legen.
Die Grünanlage ist besonders geeignet für die Benennung nach Ursula Hirschmann, da sie unmittelbar an die Wedding-Schule angrenzt, deren Schulordnung Demokratie, Frieden, Menschenwürde und Gleichstellung der Geschlechter als zentrale Werte betont – Prinzipien, die auch Hirschmanns Lebenswerk prägten. In Verbindung mit der benachbarten Volkshochschule, die für Bildung, Spracherwerb und gesellschaftliche Teilhabe steht, entsteht hier ein öffentlicher Ort, an dem europäische Verständigung und Gleichberechtigung im vielfältigen Ortsteil Wedding sichtbar und erlebbar werden.

Biografie

Passbild von Ursula Hirschmann

Herkunft und politische Prägung

Ursula Hirschmann wurde am 2. September 1913 in Berlin geboren und wuchs in einer jüdischen Bildungsfamilie auf. An der Friedrich-Wilhelms-Universität – der heutigen Humboldt-Universität – studierte sie Volkswirtschaftslehre, gemeinsam mit ihrem Bruder Albert O. Hirschmann, der später als Wirtschafts- und Politikwissenschaftler international bekannt werden sollte. Die politischen Erschütterungen der sogenannten Weimarer Republik prägten sie früh: 1932 trat sie in die Jugendorganisation der Sozialdemokratischen Partei ein und schloss sich kurz darauf kommunistischen Widerstandsgruppen an. Für sie war politisches Engagement keine Frage der Theorie, sondern der Notwendigkeit.

Emigration und Neuanfang

Als die nationalsozialistische Verfolgung nach der Machtübergabe 1933 für Oppositionelle zunehmend gefährlicher wurde, emigrierte Hirschmann gemeinsam mit ihrem Bruder nach Paris. Dort traf sie Eugenio Colorni wieder, einen italienischen Philosophen und Sozialisten, den sie bereits aus Berlin kannte. Die beiden zogen gemeinsam nach Triest, Colornis Heimatstadt, wo sie 1935 heirateten. Aus dieser Ehe gingen drei Töchter hervor: Silvia, Renata und Eva. In Italien engagierten sich beide weiterhin im antifaschistischen Widerstand, bis Colorni im September 1938 verhaftet und auf die Insel Ventotene verbannt wurde.

Das Manifest von Ventotene

Hirschmann folgte ihrem Mann nach Ventotene. Da sie selbst nicht inhaftiert war, konnte sie regelmäßig zwischen der Insel und dem Festland pendeln – eine Möglichkeit, die sie entschieden zu nutzen wusste. Auf Ventotene begegneten sie und Colorni den Antifaschisten Altiero Spinelli und Ernesto Rossi. In enger Zusammenarbeit entstand 1941 das Manifest von Ventotene: „Für ein freies und vereintes Europa“. Das auf Zigarettenpapier verfasste Dokument entwarf – unter den Bedingungen von Gefangenschaft und Verfolgung – eine Vision für eine demokratische europäische Föderation: mit gemeinsamen Institutionen, sozialen Reformen und einem entschlossenen Bruch mit dem Nationalismus der Vergangenheit.
Ursula Hirschmann schmuggelte das Manifest von der Insel und organisierte seine Verbreitung. Gemeinsam mit Ada Rossi sowie Spinellis Schwestern Fiorella und Gigliola gelang es ihr, den Text in antifaschistischen Widerstandsnetzwerken in Rom und Mailand zu verbreiten. 1943 ermöglichte sie darüber hinaus die Übersetzung und Weitergabe des Manifests in deutscher Sprache. Mit einem Vorwort Colornis erschien das Dokument 1944 erstmals als vollständige Druckfassung.

Gründung der Europäischen Föderalistischen Bewegung

Im August 1943 reisten Hirschmann und Spinelli nach Mailand, wo sie am 27. und 28. August an der Gründung der Europäischen Föderalistischen Bewegung (Movimento Federalista Europeo) teilnahmen – eine der ersten politischen Organisationen, die sich programmatisch für eine neue Verfassungsordnung Europas einsetzten.
Eugenio Colorni, von dem sie sich inzwischen getrennt hatte, wurde am 30. Mai 1944 in Rom von einer faschistischen Patrouille erschossen, wenige Tage vor der Befreiung der Stadt. Hirschmann war zu diesem Zeitpunkt bereits mit Altiero Spinelli in die Schweiz gegangen, um von Genf aus die internationale Ausweitung der Föderalistischen Bewegung zu organisieren. Beide heirateten 1944. Im März 1945 war Hirschmann in Paris an der Organisation des ersten internationalen föderalistischen Kongresses beteiligt, an dem prominente Intellektuelle wie George Orwell, Albert Camus und Louis Mumford teilnahmen. Das Ehepaar ließ sich schließlich in Rom nieder; aus dieser Verbindung gingen drei weitere Töchter hervor: Diana, Barbara und Sara Spinelli.

Ausweis von Ursula Hirschmann

Ausweis von Ursula Hirschmann

Nachkriegsjahre und politisches Engagement

Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb Ursula Hirschmann politisch aktiv. 1975 gründete sie in Brüssel die Organisation Femmes pour l’Europe, die Frauen aus feministischen wie aus parteipolitischen Zusammenhängen zusammenbrachte. Im Mittelpunkt standen konkrete Ziele: gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Zugang zu Bildung, sowie die Verbesserung der Lebensbedingungen von Immigrantinnen und Frauen in Entwicklungsländern. Die Organisation ist bis heute tätig. Für Hirschmann waren der Einsatz für ein geeintes Europa und der Einsatz für die Gleichstellung von Frauen keine konkurrierenden Anliegen, sondern zwei Seiten desselben demokratischen Projekts.
In den 1970er Jahren reflektierte Hirschmann im Briefwechsel mit der Schriftstellerin Natalia Ginzburg offen über ihre Identität und Heimatlosigkeit. Den wiederaufkeimenden Nationalismus betrachtete sie mit tiefer Sorge.
Ihre posthum erschienene Autobiografie Noi senza Patria (Wir Heimatlosen, 1993) bilanziert ein Leben zwischen Ländern, Sprachen und Zugehörigkeiten. Europa war für sie keine sentimentale Heimat, sondern eine politische Notwendigkeit – die einzig mögliche Antwort auf die Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Darin schrieb sie:

„Ich bin keine Italienerin, auch wenn ich italienische Kinder habe, ich bin keine Deutsche, auch wenn Deutschland einst meine Heimat gewesen ist. Ich bin nicht einmal Jüdin, auch wenn es reiner Zufall war, dass ich nicht gefangen genommen und in einem dieser Öfen in einem der Vernichtungslager verbrannt wurde. Wir déraciné, die Entwurzelten Europas – auch wir haben nichts anderes mehr zu verlieren als unsere Ketten in einem vereinigten Europa, deswegen sind wir Föderalisten.“

Am 8. Januar 1991 starb Ursula Hirschmann in Rom. Sie hinterließ sechs Töchter und ein politisches Werk, das weit über ihre Zeit hinausweist.

Literatur und weitere Quellen

  • Boccanfuso, S. (2019). Ursula Hirschmann – Una donna per l’Europa.
  • Hirschmann, U. (1993). Noi senzapatria. Il Mulino.
  • Historical Archives of the European Union. (o. J.). AS-210. European University Institute.
  • Loewy, H. (2023). Die Heimatlosen: Ursula Hirschmann und die Geburt des Europäischen Föderalismus. Jüdisches Museum Hohenems. https://www.lasteuropeans.eu/die-heimatlosen-ursula-hirschmann-und-die-geburt-des-europaeischen-foederalismus/
  • Zeeb, B. (2025). Ursula Hirschmann. In Mothers of Europe. CC BY 4.0. https://alliance4europe.eu/wp-content/uploads/2025/03/Mothers_DE_final-2025.pdf
  • Weitere Informationen zum Umbenennungsprozess: BVV-Beschluss

Naturlehrpfad

Im Rahmen der Neugestaltung des Grünzugs entlang der Ruheplatzstraße im Wedding, einem Ortsteil des Bezirks Berlin-Mitte, wird neben den Aktivitätsbereichen in den baumkronenfreien Bereichen zusätzlich ein Naturlehrpfad mit thematischen Stationen entlang des inneren Weges angelegt. Nach Abstimmung mit den Bauherren, das Straßen- und Grünflächenamt des Bezirksamts Mitte von Berlin, hat das Büro Schönherr zwei Varianten für die Informationsstelen der einzelnen Stationspunkte entlang des Lehrpfades entwickelt.