Umbenennung der Kluckstraße in Anita-Augspurg-Straße

Am 11.11.20254 wurde im Bezirksamt Mitte von Berlin beschlossen, die Kluckstraße im Ortsteil Tiergarten-Süd in Anita-Augspurg-Straße umzubenennen. Das Ersuchen, die Umbenennung vorzunehmen, geht auf eine Anregung der Landesarbeitsgemeinschaft Schwule Juristen vom 23. Juni 2021 zurück. In Abstimmung mit der Arbeitsgemeinschaft wird das Wirksamkeitsdatum für die Umbenennung auf den 23.05.2026 (Tag des Grundgesetzes) festgesetzt.

Die bisherige Namensgebung geht auf das Jahr 1935 zurück, als die Straße während der Zeit des Nationalsozialismus nach dem preußischen General Alexander von Kluck benannt wurde. Zahlreiche Straßen in der Umgebung wurden damals ebenfalls umbenannt – die meisten von ihnen wurden nach 1945 wieder in ihre ursprünglichen Namen zurückgeführt. Die Kluckstraße jedoch behielt ihren NS-Zeit-Namen bis heute.

Die Umbenennung soll dieses historische Ungleichgewicht nun beheben und gleichzeitig an eine herausragende Persönlichkeit der deutschen Frauen- und Friedensbewegung erinnern: Anita Augspurg (1857–1943). Sie war Juristin, Pazifistin und eine der führenden Vertreterinnen der ersten deutschen Frauenbewegung. Ihr Engagement für Demokratie, Gleichberechtigung und Menschenrechte macht sie zu einer bedeutenden Vorbildfigur – auch für die heutige Zeit.

Porträt Anita Augspurg

Anita Augspurg, porträtiert von Sophie Goudstikker im gemeinsamen Atelier "Elvira" in München, 1902.

Anita Augspurg (1857–1943)

Geboren 1857 in Verden an der Aller als Tochter des Obergerichtsanwalts Wilhelm Augspurg, suchte Anita Augspurg früh nach Wegen aus den engen Erwartungen ihrer Zeit. Um einer arrangierten Ehe zu entkommen, zog sie nach Berlin und ließ sich dort zur Lehrerin ausbilden – ein erster Schritt zur Unabhängigkeit. Durch ein Erbe ihrer Großmutter finanziell abgesichert, konnte sie sich anschließend ganz der Kunst zuwenden und eine Ausbildung als Schauspielerin beginnen. Doch bald wandte sie sich neuen Wegen zu – sie gründete in München gemeinsam mit der Fotografin Sophia Goudstikker das Atelier „Elvira“, eines der ersten von Frauen geführten Fotostudios in Deutschland. Das Atelier wurde bald zu einem Treffpunkt für Künstler*innen, Intellektuelle und Vertreter*innen der frühen Frauenbewegung und stand sinnbildlich für weibliche Selbstständigkeit in einer Zeit, in der Frauen beruflich wie gesellschaftlich stark eingeschränkt waren.

1893 zog Anita Augspurg nach Zürich, wo Frauen bereits zum Universitätsstudium zugelassen waren – ein Schritt, der in Deutschland noch verboten war. Sie studierte Rechtswissenschaften und promovierte 1897 als erste deutsche Juristin. Ihr Studium war mehr als ein persönlicher Erfolg: Es stand für das Bestreben, Frauen den Zugang zu Bildung und Beruf zu öffnen. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland setzte sie sich in der Frauenbewegung für die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von Frauen ein, insbesondere im Ehe- und Familienrecht. Mit ihrer juristischen Fachkenntnis wirkte sie als anerkannte Rednerin und Autorin.
In München gründete sie 1902 gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin Lida Gustava Heymann den „Deutschen Verein für Frauenstimmrecht“ (später „Deutscher Verband für Frauenstimmrecht“) und trat unermüdlich für die politische Gleichberechtigung von Frauen ein. Die enge Lebens- und Arbeitsgemeinschaft der beiden Frauen war geprägt von Vertrauen, intellektueller Nähe und einer gemeinsamen Vision gesellschaftlicher Erneuerung. Gemeinsam organisierten sie Kongresse, verfassten Eingaben an Parlamente und hielten unzählige Vorträge, in denen sie für das Frauenwahlrecht, für eine Reform des Zivilrechts und für eine gerechtere Gesellschaft eintraten. Augspurg forderte gleiche Rechte nicht als Gnade, sondern als demokratische Selbstverständlichkeit.
Neben ihrem Engagement für die Frauenrechte trat Anita Augspurg schon früh als überzeugte Pazifistin hervor. Für sie waren die Unterdrückung der Frau, Militarismus und Krieg Ausdruck derselben patriarchalen Herrschaftslogik. Im Ersten Weltkrieg gehörte sie zu den wenigen, die den Krieg öffentlich verurteilten. 1915 nahm sie am Internationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag teil – ein mutiger Schritt, der ihr in Deutschland heftige Kritik einbrachte, selbst aus Teilen der Frauenbewegung. Augspurg blieb jedoch standhaft. Sie setzte sich für internationale Verständigung und eine dauerhafte Friedensordnung ein – lange bevor Begriffe wie Völkerbund oder Menschenrechte politische Realität wurden.

Auch in Berlin, wo sie zeitweise lebte und arbeitete, war Anita Augspurg politisch präsent. Sie hielt Vorträge, beteiligte sich an Diskussionsveranstaltungen und pflegte Kontakte zu progressiven Jurist*innen, Journalist*innen und Parlamentarier*innen. Besonders in den Jahren der frühen Weimarer Republik war Berlin ein wichtiger Ort ihres Wirkens – ein politisches Zentrum, in dem sich ihre Forderungen nach Gleichberechtigung, Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Verantwortung mit den gesellschaftlichen Umbrüchen der Zeit verbanden.
Ihre überlieferten Schriften, Reden und Essays zeugen von analytischer Schärfe, gesellschaftlichem Weitblick und moralischer Entschiedenheit. Themen wie soziale Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Frieden durchziehen ihr Werk. Augspurg verband juristisches Denken mit ethischem Anspruch – stets getragen von dem Glauben, dass Fortschritt nur durch Menschlichkeit und gleiche Rechte möglich ist.
1919 gründeten Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann die Zeitschrift „Frau im Staat“. Sie bot ein Forum für pazifistische, feministische und demokratische Positionen – und wurde damit früh zu einer Stimme gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. Mit ihrer Forderung, Hitler aus Bayern auszuweisen, gerieten beide auf die schwarze Liste des späteren Regimes. Als sie sich am 30. Januar 1933 auf einer Reise in Mallorca befanden, erreichte sie die Nachricht von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler. Sie beschlossen, nicht nach Deutschland zurückzukehren. Kurz darauf wurden sie ausgebürgert, ihr Vermögen beschlagnahmt und ihr umfangreiches Archiv vermutlich vernichtet.

Im Schweizer Exil lebten Augspurg und Heymann staatenlos und auf die Unterstützung von Freundinnen und Freunden angewiesen. Dennoch setzten sie ihre politische und publizistische Arbeit fort, schrieben, warnten und appellierten an die internationale Öffentlichkeit, sich der Diktatur in Deutschland entgegenzustellen. Anita Augspurg starb 1943 in Zürich – nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt, doch in bewusster innerer Distanz zu dem Land, dessen demokratische Zukunft sie einst mitbegründet hatte.

Zu den Vorwürfen der Eugenik

Die wiederholt erhobenen Vorwürfe, Anita Augspurg habe in ihren Schriften eugenische oder rassenhygienische Positionen vertreten, bedürfen einer differenzierten Betrachtung. Tatsächlich finden sich in einzelnen Texten – insbesondere in ihrem Aufsatz Reformgedanken zur sexuellen Moral von 1911 – Begriffe wie „Rassenhygiene“, „Degeneration“ oder „Auslese“. Diese Begriffe wurden in der damaligen Zeit breit diskutiert und auch in reformerischen, medizinischen und feministischen Kontexten aufgegriffen. Augspurg verwendet sie jedoch nicht im Sinne biologistischer oder rassistischer Theorien, sondern, wie sich bei genauer Lektüre zeigt, in kritischer und ironischer Brechung. Wenn sie etwa schreibt: „Unbegreiflicherweise hat aber noch keiner die Nutzanwendung des Prinzips [der weiblichen Auslese] auf das Menschengeschlecht gemacht, unbegreiflicherweise hat auch kein Vertreter der neuen Disziplin der Rassenhygiene auf diesen Punkt sein Augenmerk gerichtet“, (Augspurg 1911: 22) wendet sie den Begriff gegen seine ursprünglichen Vertreter. Indem sie die vermeintliche „Rassenhygiene“ in die Verantwortung des weiblichen Geschlechts legt, unterläuft sie den männlich dominierten wissenschaftlichen Diskurs und entlarvt ihn als Ausdruck patriarchaler Macht.

Das anhaltende Interesse an Anita Augspurgs Leben und Wirken und die unterschiedliche Auslegung ihrer Texte ist auch darauf zurückzuführen, dass sie kein zusammenhängendes, geschlossenes Werk hinterlassen hat. Ihre Gedanken erschließen sich vor allem aus ihren Reden, Vorträgen und zahlreichen Artikeln, die in unterschiedlichen Kontexten veröffentlicht und überliefert wurden. Ihr wesentliches Ausdrucksmittel war – wie Christiane Berneike treffend bemerkte – „die anlassbezogene, kämpferische öffentliche Rede“ (Berneike 1994: 3). Diese Form der politischen Intervention, die zugleich spontan und rhetorisch zugespitzt war, macht eine einheitliche Interpretation ihres Werkes schwierig. Viele ihrer Texte sind zudem nur fragmentarisch überliefert, verstreut in Archiven und Zeitungsbeständen. Eine systematische Erschließung gelang erst mit Christiane Henkes Pionierarbeit “Rechtspolitische Schriften” (1994), in der über 70 Texte aus den Jahren 1889 bis 1929 zusammengetragen und kommentiert wurden.

Im Rahmen dieses fragmentarischen und konfrontativen Werkcharakters wird deutlich, dass Anita Augspurgs Denken nicht auf biologistische oder eugenische Ideen hinauslief, sondern auf die radikale Kritik gesellschaftlicher und geschlechtlicher Machtverhältnisse zielte. Ihr Feminismus war ebenso politisch wie moralisch begründet: Er forderte die Aufhebung der männlichen Herrschaft in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft und verband sich mit einem tief verankerten Pazifismus und Internationalismus. Augspurgs Engagement gegen den Krieg, ihr Einsatz für das Frauenwahlrecht und ihr Glaube an Recht, Bildung und Gleichheit kennzeichnen sie als Humanistin und Demokratin. Ihre Verwendung zeitgenössischer Begriffe diente der strategischen Aneignung und Umkehrung patriarchaler Denkmuster – nicht deren Bestätigung. In diesem Sinne ist Anita Augspurg als eine der bedeutendsten Vertreterinnen der frühen deutschen Frauen- und Friedensbewegung zu verstehen, deren Denken bis heute Impulse für Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und politische Verantwortung gibt.

Zur Problematik von Alexander von Kluck (1846-1934)

Alexander von Kluck war während des Ersten Weltkriegs einer der ranghöchsten Offiziere des Deutschen Heeres. Als Oberbefehlshaber des rechten Flügels des Westheeres trug er taktische, strategische und logistische Verantwortung für den Vormarsch, der am 4. August 1914 mit dem Einmarsch in das neutrale Belgien begann und anschließend nach Frankreich führte. 1916 wurde Kluck in den Ruhestand verabschiedet. Nach Kriegsende veröffentlichte er mehrere Schriften, darunter „Der Marsch auf Paris“ (1926) und „Wanderjahre – Kriege – Gestalten“ (1929). In diesen Texten spiegeln sich deutlich revisionistische, nationalistische, militaristische und antidemokratische Überzeugungen wider. Er lehnte die im Versailler Vertrag festgeschriebene Kriegsschuld des Deutschen Reichs entschieden ab und bezeichnete sie als „Kriegsschuldlüge“ (S. 201, „Wanderjahre – Kriege – Gestalten“). Wiederholt forderte er eine Revision der Friedensverträge und strebte nach einer Wiederherstellung des deutschen Ansehens.
Kluck war ein überzeugter Anhänger der sogenannten Dolchstoßlegende, die die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg fälschlicherweise auf eine angebliche Unterwanderung und den Verrat im Inneren zurückführte. Diese Haltung prägte sein Verhältnis zur Weimarer Republik, die er offen kritisierte und diffamierte. In seinen Schriften sprach er der Demokratie die Fähigkeit ab, das Land zu führen, und stellte stattdessen die Notwendigkeit eines „Mannes von Eisen“ (S. 195, „Wanderjahre – Kriege – Gestalten“) heraus, der als starker Führer das Staatsschiff lenken müsse. So schrieb er:

„Millionen junger Männer entbehren ersichtlich jener segensreichen Erziehung, die ihre Väter in der Armee genossen, und vorläufig besteht keine Aussicht auf Abhilfe. Ein Übermaß politischer Rechte erzieht den unreifen Staatsbürger nicht zur Selbstzucht und Opferwilligkeit.“ (S. 5, „Wanderjahre – Kriege – Gestalten“)

Seine Schriften tragen das Denken einer Generation, die den Verlust des Kaiserreichs und die Niederlage im Ersten Weltkrieg nicht akzeptieren wollte. Alexander von Kluck verstarb 1934 in Berlin und wurde auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf beigesetzt.
Alexander von Kluck kann durch seine Aussagen sowohl als Gegner der Demokratie, als Militarist, als auch als geistig-politischer Führsprecher einer Diktatur in Deutschland bezeichnet werden.

Zu dem Umbenennungsprozess

Nach den Ausführungsvorschriften zu § 5 des Berliner Straßengesetzes (AV Benennung), Abschnitt 2 c, Striche 1 und 3, ist eine Umbenennung möglich,
  • „[…] sofern die Straßen mit Bezug auf die Zeit 1933 bis 1945 nach aktiven Gegnern der Demokratie und zugleich geistig-politischen Wegbereitern und Verfechtern der nationalsozialistischen Ideologie und Gewaltherrschaft oder aus politischen Gründen nach Orten, Sachen, Ereignissen, Organisationen, Symbolen oder ähnlichem benannt wurden.“
  • „[…], wenn diese nach heutigem Demokratieverständnis negativ belastet sind und die Beibehaltung dem Ansehen Berlins schaden würde.“
Besonders hingewiesen sei auch auf den Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Mitte zu Umbenennungen: Laut BVV-Beschluss vom 20.06.2002 (Drsnr. 0384/II) wird das Bezirksamt „ersucht, bei Straßen oder Plätzen, die neu- bzw. umbenannt werden sollen, folgende Kriterien zu berücksichtigen: […]
  • Die Beseitigung von Namen, die für nationalistische, militaristische und antidemokratische Haltungen stehen.“

Die Umbenennung der Kluckstraße entspricht diesen Kriterien und dient der historischen Aufarbeitung sowie der klaren Positionierung Berlins für Demokratie, Vielfalt und Menschenrechte.

Literatur und weitere Quellen

  • Augspurg, Anita, Reformgedanken zur sexuellen Moral. In: Ehe? Zur Reform der sexuellen Moral. Hrsg. v. Hedwig Dohm. Berlin 1911. S. 19-35.
  • Augspurg, Anita, Rechtspolitische Schriften. Kommentierte Studienausgabe. Herausgegeben und kommentiert von Christiane Henke. Köln 2013.
  • Augspurg, Anita, „Auf welchen Arbeitsgebieten kann sich die gesamte Frauenwelt zu gemeinsamer Arbeit vereinigen?“ In: Feministische Studien 5/2 (1986). S. 148-155.
  • Berneike, Christiane, „Nichts ist unmöglich“. Anita Augspurg – eine biographische Recherche. In: Frau ohne Herz. Feministische Lesbenzeitschrift 33 (1994). S. 3-9.
  • Henke, Christiane, Anita Augspurg. Reinbek b. Hamburg 2000.
  • Nietzsche, Friedrich, Also sprach Zarathustra. Chemnitz 1883.
  • Weitere Informationen zum Umbenennungsprozess: BVV-Beschluss