Interview mit dem Vereinsvorstand: Kiezraum auf dem Dragonerareal e.V. - September 2026

Liebe Aurora und Johanna, lieber Holger und Lukas, Ihr seid ehrenamtlich als Vorständ*innen für den Kiezraum-Verein aktiv. Was macht der Kiezraum-Verein und was sind seine Ziele?

Lukas: Für mich ist der Kiezraum vor allem ein selbstverwalteter Ort, an dem sehr unterschiedliche Menschen, Initiativen und Ideen zusammenkommen können. Wir schaffen Raum für Nachbarschaft, Kultur, politische Bildung und ehrenamtliches Engagement und versuchen, Gemeinwohl, Gemeinschaft und Diversität im Kiez nicht nur zu benennen, sondern im Alltag tatsächlich zu leben. Besonders wichtig finde ich dabei, dass Menschen hier nicht einfach ein Angebot nutzen, sondern eingeladen sind, selbst mitzugestalten. Genau diese Offenheit und das gemeinsame Machen machen den Kiezraum für mich aus.

Aurora: Der Kiezraum ist für mich eine gemeinschaftlich getragene Infrastruktur – ein nicht-kommerzieller Ort, den viele Menschen und Initiativen gemeinsam mit Leben füllen. Und er ist ein historisch besonderer Ort: Das Dragonerareal hat eine bewegte Geschichte, und mit dem Kiezraum schreiben wir diese Geschichte gewissermaßen gemeinsam weiter. Für mich geht es deshalb nicht nur darum, Räume zur Verfügung zu stellen, sondern darum, einen Ort zu schaffen, an dem Nachbarschaft, Teilhabe und gemeinsames Gestalten langfristig möglich sind.

Holger: Der Kiezraum-Verein ist – auch im Sinne unserer Satzung – eine dynamische (insbesondere räumliche) Ermöglichungsplattform für vielfältige Gemeinwohlbedarfe und Gemeinschaft im Sinne einer (teilweise auch dezentralen) Selbstverwaltung. Und dies in einem weit gefassten Spektrum und großer Vielfalt von politischen Diskussionen und Diskursen über vielfältige kulturelle Angebote und Beiträge bis hin zum entspannten miteinander Feiern, Kennenlernen und Genießen. Für solche produktiven Strukturen gibt es im öffentlichen Raum und barrierearm immer weniger Möglichkeiten – dies ist leider auch teilweise politisch gewollt bzw. wird durch immer komplexere Bedingungen erschwert bis verhindert.

Wie sieht ein typischer Tag im Kiezraum aus?

Lukas: Ein organisiertes Durcheinander vielfältiger Menschen und Gruppen, die alle auf ihre Weise tolle Arbeit machen. Ein Tag wird hier schnell zu einem Erlebnis: der Aufbau eines Festivals über die Diversität des Lebens in Kreuzberg wie „be my guest, but don’t“, eine Aufräumaktion der Nutzer*innen, das Wässern unseres Pflanzen- und Blumenparadieses im Kiezgarten, parallel ein Treffen der Omas gegen Rechts im Kaminzimmer und die Vorbesprechung eines Vortrags von Lola Mehring vom Bündnis „Widersetzen“ im Glaskasten.

Aurora: Als ich neu im Verein war, habe ich tatsächlich eine Weile gebraucht, um zu verstehen, wie ein Tag oder überhaupt eine Woche im Kiezraum funktioniert. Denn hinter diesem scheinbaren Durcheinander steckt ein echtes logistisches Meisterwerk, das vor allem durch ehrenamtliches Engagement möglich wird. Wir haben alle zwei Wochen ein Nutzer*innentreffen und verschiedene AGs – zum Beispiel für Selbstverwaltung, Finanzen oder Kommunikation –, die dafür sorgen, dass der Betrieb funktioniert. Unser Kalender hilft uns dabei, den Überblick zu behalten: Dort sehen wir, was an einem Tag stattfindet, welche Räume gebraucht werden und welche Technik notwendig ist. Und trotzdem passiert natürlich immer wieder etwas Unvorhergesehenes, aber zumeist findet sich eine Lösung.

Holger: Eigentlich gibt es für mich gar nicht so einen typischen Tag im Kiezraum, alles ist oft sehr dynamisch und kreativ. Dies ergibt sich u.a. durch die vielfältige, phantasievolle, abwechslungsreiche und verschiedenartige laufende Nutzung des Kiezraumes. Neben den “internen” Arbeiten und Aufgaben in unseren eigenen Strukturen wie z.B. in den verschiedenen AG’s insbesondere aber auch immer wieder durch die Aktivitäten weiterer und neuer Gruppen, die spannende neue Themen, Inhalte und Überraschungen mitbringen. Und es gibt immer wieder neue interessante Fragestellungen und Bedarfe mit dem damit verbundenen Spaß am Finden von Lösungen :-).

Wie wird die Nutzung des Kiezraumes organisiert? Kann bei Euch jede*r mitmachen? Gibt es bestimmte Kriterien oder Bedingungen, die Nutzer*innen erfüllen müssen, um den Raum nutzen zu können?

Aurora: Wer den Kiezraum derzeit nutzen möchte, kann zunächst in unserem Online-Kalender schauen, wann der Raum frei ist, und uns dann unter verein@kiezraum.org kontaktieren. Dann schauen wir gemeinsam, ob die Veranstaltung zu unserem Konzept und zu den Möglichkeiten des Kiezraums passt. Mir ist dabei wichtig: Die Regeln sollen nicht dazu da sein, Menschen abzuschrecken, sondern Transparenz zu schaffen und sicherzustellen, dass der Raum für unterschiedliche Menschen und Initiativen offenbleibt.

Holger: Die Ausrichtung des Raumes ist in der Satzung und dort insbesondere auch in der Präambel beschrieben. Inhaltlich findet sich das auch u.a. in den Nutzungsvereinbarungen sowie auch in der Projektvereinbarung (im Rahmen des abgeschlossenen Kooperationsvertrages zum Modellprojekt Rathausblock) wieder. Alle Akteur*innen und Nutzer*innen können sich natürlich sehr gerne produktiv und kreativ an der „Fortschreibung“ und weiteren Entwicklung beteiligen. Für die Nutzenden, den „Raum“ und sein weiteres Bestehen ist der u.a. (auch finanziell) niedrigschwellige Rahmen der Zugänglichkeit und Nutzung von großer Bedeutung.

Was wünscht Ihr euch als Vorstand für die Zukunft des Kiezraums?

Aurora: Für die nähere Zukunft wünsche ich mir vor allem, dass der Kiezraum noch stärker zu einem Ort für Kinder und Jugendliche im Kiez wird und wir mehr Angebote und Aktivitäten für sie entwickeln können. Außerdem wünsche ich mir, dass die verschiedenen Nutzer*innen noch stärker miteinander in Kontakt kommen und mehr Kooperationen untereinander entstehen. Es gibt schon viele schöne Beispiele dafür, aber ich glaube, dass darin noch sehr viel Potenzial steckt.

Holger: Die Bedeutung des Kiezraumes (und hoffentlich auch bei der weiteren gemeinsamen und gemeinschaftlichen Entwicklung von „Räumen“ im entstehenden Quartier) liegt insbesondere auch in seiner Qualität der praktischen Gemeinwohlarbeit. Hier spielt die barrierearme Zugänglichkeit und das ehrenamtliche Engagement von vielen Beteiligten (eben nicht nur des Vereins oder der “bekannten” Nutzenden) in der Organisation des Alltags aber auch der (inhaltlichen) Arbeit bei der Umsetzung vieler Veranstaltungen eine große Rolle und trägt das Projekt. Diesem Einsatz muss viel (mehr) – politische, administrative und auch materielle – Wertschätzung und Wertigkeit entgegengebracht werden. Hierzu gehört auch die Aufgabe und Absicherung der Finanzierung für die Zukunft.

Lukas: Aktuell können wir den Kiezraum mit viel ehrenamtlicher Arbeit und Zeit neben unseren beruflichen Tätigkeiten als niedrigschwelligen Begegnungs- und Veranstaltungsort tragen. Als Teil des Modellprojekts Rathausblock ist der Kiezraum derzeit subventioniert, sodass grundlegende Kosten wie Miete, Strom, Wärme und Betriebskosten gedeckt sind. Das ermöglicht uns wiederum, den Raum auch Menschen und Gruppen zur Verfügung zu stellen, die selbst kaum oder keine finanziellen Mittel haben. Mit dem derzeit ungefähr bis 2031 vorgesehenen Förderungszeitraum stellt sich für uns allerdings die Frage, wie dieses Modell langfristig gesichert werden kann. Sofern sich keine dauerhafte Trägerin findet, wären wir zusätzlich zu unserer bisherigen ehrenamtlichen Arbeit mit der Finanzierung des Ortes konfrontiert. Um den Raum zu finanzieren, müssten wir möglicherweise unsere bisherige Niedrigschwelligkeit aufgeben und Gruppen ohne eigene finanzielle Mittel teilweise zugunsten derjenigen zurückstellen, die Nutzungsbeiträge entrichten können. Das widerspricht unserem Selbstverständnis und unserem gemeinwohlorientierten Auftrag.

Warum ist das Modellprojekt Rathausblock für Euch ein spannender Ort?

Lukas: Für mich ist zunächst die Geschichte des Rathausblocks besonders. Das Dragonerareal sollte privatisiert und verkauft werden. Durch jahrelanges stadtpolitisches Engagement konnte das verhindert und das Areal schließlich in öffentliche Hand überführt werden. Daraus entstand die Möglichkeit, gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung tatsächlich praktisch zu erproben. Besonders spannend finde ich dabei die Idee „selbstverwaltet und kommunal“: Öffentlicher Boden, bezahlbares Wohnen und Arbeiten sowie soziale und kulturelle Räume werden mit echter Mitgestaltung verbunden. Natürlich entstehen dabei auch Konflikte und Aushandlungsprozesse. Aber genau das gehört für mich dazu. Der Kiezraum ist ein konkreter Teil dieses Experiments. Hier werden Selbstverwaltung, Teilhabe und Gemeinwohl im Alltag gelebt. Ich empfinde es als großes Privileg, daran mitarbeiten und gemeinsam ausprobieren zu dürfen, wie Stadt auch anders gestaltet werden kann.

Aurora: Für mich ist besonders spannend, dass der Rathausblock ein gemeinsames Projekt von Bezirk und Zivilgesellschaft ist. Es geht also nicht nur darum, dass Stadt von der Verwaltung geplant wird, sondern dass die Menschen, die hier leben und arbeiten, die Entwicklung aktiv mitgestalten können. Ich finde es spannend, diesen Prozess mitzuerleben und selbst ein Teil davon zu sein. Natürlich geht manches manchmal langsamer, als man es sich wünschen würde, und es gibt viele Abstimmungen und unterschiedliche Interessen. Aber genau das gehört für mich zu einer gemeinsamen Stadtentwicklung dazu. Ich finde es toll, dass wir hier tatsächlich ausprobieren können, wie Stadtentwicklung gemeinsam funktionieren kann – und dass der Kiezraum ein konkreter Ort ist, an dem diese Idee im Alltag sichtbar und erlebbar wird.

Holger: Der Rahmen des Modellprojektes, an dem viele von uns mitgearbeitet haben und sich auch weiter einbringen, hat letztlich im gemeinsamen Handeln u.a. den Kiezraum ermöglicht. Deshalb sollten wir auch weiterhin über diesen Raum hinaus solidarisch und kooperativ denken und handeln. Es war und ist höchste Zeit, dass auch in dieser Stadt endlich wieder die sozialen Bedürfnisse der Menschen in den Vordergrund der Gestaltung der Lebensräume kommen und auch (Frei)Räume für ein gemeinsames Ausprobieren von neuen Wegen zur Verfügung stehen. Wir sind in dem bisherigen Prozess im Modellprojekt hier schon einige Schritte gemeinsam vorangegangen, haben anteilig auch mehr Akzeptanz aufgebaut und versucht auftretende Schwierigkeiten gemeinsam zu bewältigen. U.a. für den Untertitel „für eine gemeinwohlorientierte und kooperative Quartiersentwicklung“ liegt aber auch noch ein gutes Stück Arbeit vor uns allen.

Welche Erfahrung oder Begegnung im Rahmen des Vereins hat Euch besonders geprägt?

Lukas: Besonders prägt mich die Begegnung mit den vielen unterschiedlichen Menschen und Gruppen, die sich hier einbringen. Ich selbst bin ursprünglich über unsere Ping-Pong-Gruppe „Gleisi Family“ und die StadtWERKSTATT auf das Dragonerareal gekommen. Durch Einladungen der ZusammenStelle zu den PlanBars und zur gemeinsamen Nutzung der Räume wurde aus einer punktuellen Nutzung nach und nach aktive Beteiligung. Irgendwann habe ich die Kiezraum-Weihnachtsfeier mitorganisiert und heute bin ich im Vorstand. An einem Ort mitten in Kreuzberg so herzlich aufgenommen und zur Mitgestaltung eingeladen zu werden, empfinde ich bis heute als etwas Besonderes. Prägend ist für mich aber auch die gemeinsame Entwicklung im Vorstand. Als Johanna und ich angefangen haben, haben wir schnell gemerkt, dass über die Jahre, zwischen unterschiedlichen Generationen, Ideen und Bedürfnissen auch Konflikte entstanden waren. In zwei Workshops haben wir Beteiligte wieder an einen Tisch gebracht, einander zugehört, Konfliktlinien nachvollzogen und gemeinsam eine neue Form der Kommunikation entwickelt, die wir schließlich auch bei unserer Mitgliederversammlung mit externer Moderation weiterführen konnten. Dass Menschen trotz unterschiedlicher Positionen bereit sind, einander zuzuhören und gemeinsam etwas zu verändern, ist für mich eine der schönsten Erfahrungen im Kiezraum. Vielleicht ist genau das auch eine seiner wichtigsten Qualitäten: nicht konfliktfrei zu sein, sondern einen Raum zu schaffen, in dem wir lernen können, Konflikte gemeinsam auszutragen.

Aurora: Ich kann eigentlich nur zustimmen, was Lukas gesagt hat: Dass Menschen trotz unterschiedlicher Positionen bereit sind, einander zuzuhören und gemeinsam etwas zu verändern, ist auch für mich eine der schönsten Erfahrungen im Kiezraum. Ich engagiere mich auch bei EsferaLab e.V. viel mit interkulturellen und migrantischen Projekten. Dort kommen Menschen oft zusammen, weil sie bereits ein gemeinsames Interesse oder ein gemeinsames Thema verbindet. Im Kiezraum ist das anders: Hier kommen Menschen mit sehr unterschiedlichen Interessen, Hintergründen und Vorstellungen zusammen – aber sie teilen einen gemeinsamen Ort, den sie wichtig finden und mitgestalten möchten. Das finde ich sehr spannend. Natürlich gibt es unterschiedliche Bedürfnisse und manchmal auch Konflikte. Aber gerade darin liegt für mich die besondere Qualität des Kiezraums: Man lernt, mit Unterschiedlichkeit umzugehen und trotzdem gemeinsam etwas zu schaffen. In diesem Sinne ist der Kiezraum für mich ein Stück Gesellschaft im Kleinen.

Holger: Wie schon an einigen Stellen angesprochen, sind energiespendend die ständigen neuen Impulse und Anregungen über die Vielfalt und die Wechselwirkungen z.B. der Veranstaltungen und das Spektrum der aktiven Gruppen und Personen auch in ihrer Verschiedenheit. Auch habe ich das Gefühl, dass wir uns trotz aller anfänglichen Schwierigkeiten, verschiedenen Blickwinkeln und Auffassungen und den damit verbundenen notwendigen Auseinandersetzungen mittlerweile produktiv in unseren “Prozessen” bewegen und auch unsere Umgangskultur sich positiv entwickelt hat. Um mit den Fehlfarben (die auch schon im Kiezraum gespielt haben) zu sprechen: „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran“. Oder auch mit den Scherben, die über Gymmick ja auch schon da waren: „Alles verändert sich, wenn du es veränderst, aber du kannst nicht gewinnen, solange du allein bist“.

Vielen Dank für Eure Zeit!