Syrien bis Afghanistan: Suchdienst im Schatten der Kriege

Syrien bis Afghanistan: Suchdienst im Schatten der Kriege

Sechs Jahre und zwei Monate sind eine lange Zeit. Eine Zeit, in der Kinder zu Teenagern werden und Teenager zu Erwachsenen. Genau sechs Jahre und zwei Monate waren die Geschwister Elham (21) und Sulaiman (23) aus Syrien mit ihrer Mutter und ihren jüngeren Brüdern vom Vater getrennt. Wenn sie nun die Fernsehnachrichten über Afghanistan verfolgen, kommt das alles wieder hoch.

DRK-Suchdienst

© dpa

Ein Schild mit der Aufschrift «Deutsches Rotes Kreuz Suchdienst».

«Mir kommen jedes Mal die Tränen, wenn ich das sehe», sagt Elham. «Wir waren in einer ähnlichen Situation, ich kann mir sehr gut vorstellen, was die Menschen in Afghanistan durchmachen.»
Der Syrien-Krieg und die neue Afghanistan-Krise mit der Machtergreifung der Taliban: Beides kann Vertreibung bedeuten, Flucht, auseinandergerissene Familien und quälende Ungewissheit. Wo sind der Vater, der Bruder, die Cousine? Leben sie? Wo? Geht es ihnen gut?
Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes versucht, Familien wieder zusammenzuführen. 2020 gingen insgesamt 1657 internationale Anfragen von Menschen ein, die ihre Angehörigen vermissten. In rund 30 Prozent aller Fälle habe das DRK weiterhelfen können, sagt DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt.
Weltweit werden derzeit nach Angaben des internationalen Suchdienst-Netzwerks der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung mehr als 210.000 Menschen aufgrund von Flucht, Krieg oder Vertreibung vermisst. Der Suchdienst rechnet in der kommenden Zeit verstärkt mit Anfragen nach verschollenen Familienmitgliedern aus Afghanistan.
Bereits vor der aktuellen Krise seien die meisten Suchanfragen aus Afghanistan gekommen, daneben vor allem aus Syrien, Somalia und dem Irak, sagte Hasselfeldt. Durch die neuen Fluchtbewegungen in Afghanistan und den unklaren Fluchtzielen sei es für viele Familien schwer, mit Angehörigen innerhalb des Landes und im Ausland Kontakt zu halten.
Elham und Sulaiman, die ihren Nachnamen nicht nennen möchten, wissen, wie das ist. Sie leben heute in Schleswig-Holstein. Erst im Oktober 2020 hat die syrische Familie in Deutschland wieder zusammengefunden. Bereits 2011 waren die Geschwister, damals 15 und 17, gemeinsam mit ihrer Mutter und den 6 und 7 Jahre alten Brüdern aus Syrien geflohen. Vater Khaled arbeitete da bereits in Libyen. Über Umwege kam seine Familie schließlich auch dort an. «Dort waren Syrer nicht beliebt», sagt Elham. «Nachdem ich bedroht wurde, vergewaltigt zu werden, beschlossen meine Eltern, dass wir nach Europa müssen.»
Der Vater aber blieb in Libyen, um Geld zu verdienen. Mit einem überfüllten Holzboot ging es für seine Familie auf das Mittelmeer, berichten die Geschwister. Unterwegs sei der Motor kaputtgegangen. Die Deutsche Marine habe die Menschen gerettet und nach Italien gebracht. Drei Tage gab es keinen Kontakt zum Vater in Libyen. «Mein Vater zeigt seine Gefühle eigentlich nicht so», sagt die Elham. «Aber als mein Bruder anrief und ihm sagte, dass wir sicher in Italien sind, da hat er geweint.»
Von Italien aus geht es 2014 weiter nach Deutschland. Der Familienvater versucht aus Libyen nachzukommen, doch immer wieder geht das schief. Einmal fehlt ein aktuell gültiger syrischer Pass, dann kommt die Corona-Krise und das Visum läuft aus. «Die Stimmung war total am Boden», sagt Sulaiman. «Wir waren hoffnungslos.»
Erst im Oktober 2020 kann Vater Khaled mit Unterstützung des Suchdienstes nach Deutschland fliegen. «Wir waren alle endlich wieder zusammen, eine ganze Familie. Ich war noch nie so erleichtert», sagt Elham.
Nicht alle Versuche von Familienzusammenführungen gehen gut aus. 2013 ist das Ehepaar Yusif und Gule mit ihren kleinen Kindern aus Syrien in die Türkei geflohen, gemeinsam mit einem Bruder und dessen Familie. Dort geht es in unterschiedlichen Lastwagen weiter. Die Fluchthelfer hatten versprochen, dass sich die Familien wiedertreffen, sagt Yusif, der auch nur seinen Vornamen nennen möchte. Doch bis heute gebe es kein Lebenszeichen vom Bruder und seiner Familie. Yusif lebt heute mit Frau und Kindern in Königswinter bei Bonn. Sie geben die Suche nicht auf.
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Weltweit wurden 2020 nach Angaben des Internationalen Roten Kreuzes fast 9500 Menschen gefunden, die von ihren Familien aufgrund von Flucht oder Vertreibung vermisst worden waren. Dieses Recht auf Gewissheit sei in einer UN-Resolution 2019 einstimmig verabschiedet worden, sagt Hasselfeldt.
Der DRK-Suchdienst weiß, dass manche Suchen auch nach mehr als 75 Jahren nicht aufhören. Noch immer sind viele Menschen seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen. Mittlerweile sucht bereits die Enkelgeneration - sie wollen zum Beispiel wissen, wo ihre Großeltern starben.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Freitag, 27. August 2021 10:42 Uhr

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