Interview mit Tim Janßen

Gebäude des Flughafen Berlin Tempelhof vom Rollfeld aus gesehen

Tim Janßen gründete im Jahr 2012 die gemeinnützige Organisation Cradle to Cradle NGO mit und leitet diese seither als Co-Geschäftsführer und Mitglied des Vorstands. Der Verein versteht sich als Beschleuniger für Cradle to Cradle durch Bildungsarbeit und vernetzt Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Politik und Zivilgesellschaft.

Portraitfoto von Tim Janßen

Was bedeutet für euch eine „klima- und ressourcenpositive Veranstaltung“ und wie unterscheidet sich das von Nachhaltigkeitsansätzen wie „Net Zero“?

Eine klima- und ressourcenpositive Veranstaltung will mehr als nur Schäden vermeiden. Viele Nachhaltigkeitsansätze wie „Net Zero“ zielen darauf ab, negative Auswirkungen zu minimieren oder zu neutralisieren. Doch das reicht nicht. Unser Anspruch sollte sein, sagen zu können: Schön, dass diese Veranstaltung stattgefunden hat, ohne über Müllberge oder negative CO₂-Bilanzen hinwegsehen zu müssen.

Cradle to Cradle definiert Ziele positiv und schafft durch unser Handeln Mehrwert für Mensch und Umwelt. Inspiriert von der Natur entsteht bei C2C kein Müll, denn alles wird zu Nährstoffen für Neues. Gesunde Produkte, Materialien und Komponenten zirkulieren in biologischen oder technischen Kreisläufen.

Auch Großveranstaltungen lassen sich so gestalten. Mit dem Projekt Labor Tempelhof wollten wir gemeinsam mit Loft Concerts, Kikis Kleiner Tourneeservice und Side by Side Eventsupport zeigen, wie klima- und ressourcenpositive Veranstaltungen heute schon möglich sind und wo die Grenzen liegen. Dafür haben wir sechs Großkonzerte mit je 60.000 Menschen mit Die Ärzte und Die Toten Hosen entlang der gesamten Wertschöpfungskette nach Cradle to Cradle optimiert.

Welche konkreten Maßnahmen oder Innovationen aus dem Labor Tempelhof-Projekt haben sich als besonders wirkungsvoll oder skalierbar für andere Events erwiesen? Gibt es bereits Anfragen von anderen Veranstaltern?

Einige Hebel haben sich als besonders wirksam und gut übertragbar erwiesen. Mobilität spielt eine große Rolle, denn die Anreise verursacht den größten Teil der CO₂-Bilanz. 2022 gab es bereits ÖPNV-Tickets zum Konzertticket, doch die Option wurde wenig genutzt. 2024 haben wir das Angebot sichtbarer gemacht und stärker kommuniziert – mit Erfolg: Der Anteil der Teilnehmenden, die Bus und Bahn nutzten, stieg von 16 auf 65 Prozent. Auch beim Catering konnten wir viel bewegen. 2022 waren 60 Prozent der Angebote pflanzenbasiert, 2024 stellten wir komplett auf Vegan und Vegetarisch um. Das verbesserte die Klima- und Wasserbilanz deutlich. Wasser wurde in beiden Jahren kostenlos zur Verfügung gestellt. 2024 geschah dies unter anderem mit dem Phantor, einem innovativen, mit erneuerbarer Energie betriebenen Gerät, das bis zu 10.000 Liter Wasser pro Tag aus der Umgebungsluft filtern kann. Beim Geschirr setzten wir 2024 konsequent auf Mehrweg statt Einweg, ergänzt durch 23 Nährstoffinseln zur Rückgabe von Geschirr, Speiseresten und Restmüll. C2C-Botschafter*innen unterstützten vor Ort, um das in die Breite zu kommunizieren und richtige Materialkreisläufe sicherzustellen. Sanitäranlagen haben wir zirkulär gedacht mit 270 Trockentoiletten von Finizio, 88% mehr als noch 2022. Urin und Kot wurden getrennt und in einem wissenschaftlichen Pilotprojekt mit der TU Berlin zu Dünger aufbereitet, so entstand ein echter Kreislauf. Merchandise darf bei einem Festival natürlich auch nicht fehlen. Wir haben daher auch insgesamt 20.000 Fan-Shirts der beiden Bands in C2C-Qualität beschafft, bei denen selbst der Druck biologisch abbaubar ist und damit auch die Textilfasern, die in der Maschine automatisch ausgewaschen werden.

Labor Tempelhof hat viel in der Branche bewegt! Die Bedeutung solcher Pilotprojekte zeigt sich an vielen Veranstaltungen, die sich am Labor Tempelhof orientieren. Im Juni 2023 startete das neue Format ZukunftsMucke als möglichst kreislauffähige Veranstaltung in Mainz. Auch auf der Green Culture Konferenz der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien 2023 und 2025 entwickelten Teilnehmende Umsetzungsideen nach dem Vorbild von Labor Tempelhof für ihre eigenen Veranstaltungsbereiche.

Loft Concerts setzt inzwischen, wo immer möglich, viele Elemente aus dem Laborprojekt bei ihren Konzerten um und hat mit dem Bereich Beneficial Events eine eigene Abteilung dafür geschaffen. Und am Veranstaltungsort Flughafen Tempelhof kann die von unserem Projektkonsortium geplante Infrastruktur für die Nutzung von erneuerbarer Energie aus dem Flughafengebäude für Veranstaltungen auf dem Flugfeld genutzt werden. Hier hat das Projekt also sichtbare Ergebnisse hinterlassen, die nun einen Mehrwert für eine der größten Open-Air-Veranstaltungsflächen der Stadt darstellen.

Wie gelingt es euch, Partner*innen aus der Musik-, Technik- und Gastronomiebranche für eure Vision zu begeistern und aktiv einzubinden? Und welche Rolle spielt das Publikum bei der Umsetzung nachhaltiger und zirkulärer Events?

Cradle to Cradle sagt: Wir Menschen sind Teil der Lösung und können positiv wirken. Das begeistert viele! Entscheidend ist, alle früh einzubeziehen, offen zu kommunizieren und gemeinsam zu gestalten. 2022 bis 2024 haben wir erlebt, wie sich Partnerschaften entwickeln, wenn Erfahrungen geteilt und Prozesse vereinfacht werden. 2024 lief die Vorproduktion effizienter, auch die Zusammenarbeit mit Dienstleister*innen war reibungsloser, das sparte Zeit und Energie. Ein Beispiel sind die Pommesgabeln aus der biologisch abbaubaren Kunststoffalternative traceless, die das gleichnamige Unternehmen im Rahmen des Projekts mit dem Caterer GTB entwickelt hat. 2022 konnten wir davon produktionsbedingt nur Prototypen zeigen, 2024 konnten wir die Piekser schon an einigen Ständen regulär ausgeben. Also eine gemeinsam entwickelte Lösung, die auf den gesamten Veranstaltungssektor hochskalierbar ist.

Kommunikation ist ein großer Hebel, um Publikum und Beteiligte mitzunehmen. Aber sie muss transparent, ehrlich und glaubwürdig sein. 2022 entschieden wir: erst handeln, dann kommunizieren. 2024 war das Projekt öffentlich bekannt, und wir konnten von Anfang an über das Cradle to Cradle-Zielbild sprechen. C2C sollte für das Publikum erlebbar werden. Während der Konzerte begleiteten wir das Geschehen mit einem Infokonzept. Alle Innovationen wurden vor Ort mit Tafeln und digital erklärt. Auch unsere Kommunikationsmittel waren C2C gedacht, etwa Plakate und Infomaterialien mit C2C-Druckfarbe. Im Nachhinein organisierten wir eine Eventreihe in Berlin sowie zwei C2C Summits, um alles festzuhalten, was wir gelernt haben und künftig noch besser machen würden. Aus dem Guidebook, dem Report und der Webseite können Veranstaltende konkrete Handlungsempfehlungen und Inspiration schöpfen.

Wandel muss durch Kultur erlebbar werden, denn jede Veranstaltung, die diesen Weg geht, baut Barrieren ab. Was Freude macht und Veränderung bewirkt, wirkt ansteckend. Das gilt für das Publikum, aber auch für andere Veranstaltende, die wir mit diesem Projekt ermutigen und anstecken möchten.

Das Labor Tempelhof hat beim 17. Deutschen Nachhaltigkeitspreis einen Sonderpreis erhalten. Bis heute hallt das Medienecho nach und das Interesse bleibt hoch – von Beiträgen in der Süddeutschen über die Tagesthemen bis hin zu 3sat.

Wenn ihr unbegrenzte Ressourcen und volle Freiheit hättet, wie würde euer „Festival der Zukunft“ aussehen – und was wäre daran radikal anders?

Beim Festival der Zukunft entsteht gar kein Müll mehr. Alles wird zu Nährstoff für Neues. Die gesamte Lieferkette erzeugt echten Mehrwert für Mensch und Umwelt.

Viele der heute noch schwer skalierbaren Ideen würden wir mit voller Freiheit zur Realität werden lassen. Sei es Kooperationen mit der Deutschen Bahn für ein Veranstaltungsticket, das nachhaltige Mobilität auch auf der Langstrecke fördert. Oder E-LKWs und E-Nightliner für die Tourlogistik. Zusätzliche erneuerbare Energiequellen wie Energiespeicher, Photovoltaik, Wind. Alle Produktionsmaterialien, wie Panzertape, wären vollständig kreislauffähig. 100 % regionale Lebensmittel aus regenerativer Landwirtschaft, geliefert in wiederverwendbaren Kisten. Regenwasser sowie Grauwasser aus Sanitär- und Gastrobereich werden aufbereitet und wiederverwendet. Und, und, und.

Aber wir möchten auch in weiteren Bereichen und Branchen zeigen, wie viel C2C schon möglich ist. Dieses Jahr sind wir beispielsweise offizieller Nachhaltigkeitspartner der IFA Berlin. Wir sehen in dieser Partnerschaft eine Chance, wichtige Impulse für die Veränderung einer ganzen Branche in Richtung C2C zu setzen. Neben einem Papier zu C2C bei Consumer Electronics werden wir die Bühnen der IFA Berlin mitgestalten, mit einem Stand vertreten sein und als Jurymitglied der ersten IFA Innovation Awards unsere Expertise einbringen.

Vielleicht sind Elektronikprodukte, Großkonzerte oder Messen nach C2C in ein paar Jahren dann gar nicht mehr so radikal, sondern einfach selbstverständlich. Das wäre uns natürlich am liebsten.

Das Interview mit Tim Janßen wurde im Juli 2025 geführt.

Kontakt:

Koordinierungsstelle für Kreislaufwirtschaft, Energieeffizienz und Klimaschutz im Betrieb (KEK)