Interview mit Dr. Ralph Hintemann

Luftaufnahme Rechenzentrum

Dr. rer. pol. Ralph Hintemann ist Gesellschafter und Senior Researcher am Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit. Der Ingenieur und Wirtschaftswissenschaftler forscht zu den Megatrends Digitalisierung und Nachhaltigkeit und zählt zu den international anerkannten Experten für die Nachhaltigkeit digitaler Infrastrukturen, insbesondere von Rechenzentren. In einer Zeit, die von grundlegenden Veränderungen geprägt ist, liefert er mit seiner interdisziplinären Perspektive wissenschaftlich fundierte Impulse und Handlungsempfehlungen.

Aktuell setzt das Borderstep Institut das Projekt Data Centre Minimum Performance Standards – EU um und unterstützt die Europäische Kommission bei der Entwicklung verbindlicher Mindeststandards für die Energieeffizienz und Nachhaltigkeit von Rechenzentren. Ziel ist es, wissenschaftlich fundierte und praxisnahe Anforderungen zu erarbeiten, die Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit miteinander verbinden und die wachsenden Anforderungen durch Cloud-Anwendungen und KI berücksichtigen. Im Rahmen des Projekts analysiert das Borderstep Institut gemeinsam mit Partnern verschiedene Rechenzentrumstypen, technologische Entwicklungen und Effizienzkennzahlen, um eine belastbare Grundlage für künftige EU-Regulierungen zu schaffen.

Porträt Dr. Ralph Hintemann

Sie weisen in Ihren Publikationen darauf hin, dass neben dem Stromverbrauch auch Material-, Flächen- und Wasserbedarfe von Rechenzentren berücksichtigt werden sollten. Worauf sollten Unternehmen bei der Bewertung ihrer KI-Nutzung künftig besonders achten, um die Chancen von KI zu nutzen, ohne Energie- und Ressourcenverbrauch aus dem Blick zu verlieren?

KI bietet enorme Chancen – aber auch Risiken. Wichtig ist, beides im Blick zu haben und weder zu euphorisch mit KI umzugehen noch aus Angst den Anschluss an den Wettbewerb zu verlieren. Aus Umweltsicht ist es wichtig, KI nicht nur danach zu beurteilen, wie viel Strom eine einzelne Anwendung verbraucht. Entscheidend ist die Gesamtwirkung über den Lebenszyklus, von der Herstellung bis zur Entsorgung: Welche Hardware wird benötigt, wie lange wird sie genutzt, wie hoch sind Wasser-, Flächen- und Materialbedarf und woher kommt der Strom? Gerade bei neuen KI-Anwendungen erhöht der Bedarf an leistungsfähiger Hardware den Ressourcenverbrauch deutlich. Unternehmen sollten sich deshalb zuerst fragen: Wo schafft KI einen echten Mehrwert? Und steht dieser in einem angemessenen Verhältnis zum Ressourcenaufwand? Dann gilt es, die jeweilige Aufgabe möglichst effizient zu erfüllen, also beispielsweise schon bei der Auswahl der Modelle auf ihren Ressourcenbedarf zu achten oder bereits erzeugte Ergebnisse möglichst wiederzuverwenden, statt identische oder sehr ähnliche Anfragen immer wieder neu berechnen zu lassen. Wichtig ist außerdem, Transparenz über Energie- und Ressourcenverbräuche zu schaffen beziehungsweise diese von Dienstleistern einzufordern. Nur wer seine Verbräuche kennt, kann auch unterschiedliche Lösungen sinnvoll vergleichen und seine KI-Nutzung gezielt effizienter gestalten.

Was können Betreiber von Rechenzentren konkret tun, um diese energie- und ressourceneffizienter zu betreiben? Gibt es bereits Best Practices, von denen andere Standorte lernen können?

Die größten Hebel liegen sicher in der Optimierung der IT. Software und Dienste sollten so gestaltet werden, dass sie mit möglichst wenig Hardware auskommen. Gleichzeitig sollten effiziente Server ausgewählt werden. Diese sollten dann gut ausgelastet und möglichst lang genutzt werden. Reicht die Leistung für den ursprünglichen Zweck nicht mehr aus, so können sie vielleicht für weniger anspruchsvolle Aufgaben weiterverwendet werden.
Auch bei der Infrastruktur der Rechenzentren gibt es große Potenziale, z. B. durch eine effiziente Kühlung. Gerade bei hohen Leistungsdichten können beispielsweise Flüssigkeitskühlungen Vorteile bieten. Sie können die Wärme effizient abführen und zugleich Abwärme auf einem Temperaturniveau bereitstellen, das ihre weitere Nutzung erleichtert. Abwärmenutzung sollte schon bei Standortwahl und Planung mitgedacht und mit der kommunalen Wärmeplanung verzahnt werden.
Entscheidend ist letztlich die Gesamtbetrachtung: Nachhaltige Rechenzentren optimieren nicht nur einzelne Komponenten, sondern das Zusammenspiel von Software und Diensten, IT-Hardware, technischer Infrastruktur und Standort.

Wie können Unternehmen ihre Digitalisierungs- und KI-Strategien angesichts volatiler Energiepreise, Hackerangriffe und möglicher politischer Instrumentalisierung von KI-Systembetreibern resilient aufstellen?

Resilienz heißt, dass geschäftskritische Prozesse auch bei Störungen weiterlaufen, etwa wenn einzelne digitale Komponenten ausfallen. Betriebssicherheit ist deshalb eine zentrale Voraussetzung für resiliente Systeme. Dabei spielt auch Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle: Energie- und ressourceneffiziente Infrastrukturen reduzieren Kosten- und Versorgungsrisiken und tragen so dazu bei, langfristig handlungsfähig zu bleiben.
Unternehmen sollten sich konkret fragen: Was passiert, wenn ein Cloud-Dienst, ein Rechenzentrum, die Internetverbindung oder ein wichtiges KI-System nicht verfügbar ist? Für kritische Anwendungen braucht es Redundanzen, Backups, Wiederanlauf- und Notfallkonzepte sowie gegebenenfalls alternative oder manuelle Prozesse.
Je nach Anwendung können Multi-Cloud- oder hybride Lösungen helfen, Single Points of Failure und kritische Anbieterabhängigkeiten zu reduzieren. Souveräne europäische Angebote können die Kontrolle über Daten und Schnittstellen sowie die Wechselmöglichkeiten stärken. Entscheidend ist, die Wechsel- und Handlungsfähigkeit des Unternehmens zu erhalten.

Welche politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen braucht es, damit der Ausbau von KI- und Rechenzentrumsinfrastruktur einen positiven Beitrag zur nachhaltigen Transformation leisten kann?

Die Politik muss klare Ziele und verlässliche Leitplanken setzen, ohne Innovation und die wirtschaftliche Entwicklung durch kleinteilige Regulierung auszubremsen. Europa sollte dabei einen eigenen Weg verfolgen, der Wettbewerbsfähigkeit mit Vertrauen, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit verbindet.
Entscheidend sind Transparenz und vergleichbare Kennzahlen: Wie viel Energie, Wasser und Ressourcen verbrauchen KI und Rechenzentren? Wie viel Abwärme steht zur Verfügung? Auf dieser Grundlage können ambitionierte Ziele festgelegt und technologieoffene Effizienzstandards entstehen.
Wir brauchen also keine Detail-Bürokratie, sondern eine strategische Steuerung: klare Ziele, messbare Standards und Rahmenbedingungen, die Digitalisierung und Energiewende zusammenbringen.

Das Interview mit Dr. Ralph Hintemann wurde im August 2026 geführt.

Kontakt:

Koordinierungsstelle für Kreislaufwirtschaft, Energieeffizienz und Klimaschutz im Betrieb (KEK)