Interview mit Michael Jakobs

Traktor pflügt ein Feld

Michael Jakobs ist im Wissenschaftsladen kubus der TU Berlin tätig. kubus steht für Kooperations- und Beratungsstelle für Umweltfragen. Michael Jakobs koordinierte die zweitägige Nährstoff- und Sanitärtagung im September an der TU Berlin, bei dem die KEK Kooperationspartner war. Rund 130 Expert:innen aus den Bereichen Forschung, Politik und kommunale Verwaltung, Unternehmertum und Zivilgesellschaft diskutierten die Ergebnisse aus mehreren Jahren Forschung & Erprobung zur Nährstoff- und Sanitärwende. Darüber hinaus ging es um die Fragestellung, wie wir ins Handeln kommen und wie wir zwei drängende Herausforderungen unserer Zeit – „Wasserknappheit“ und „Nährstoffverlust – bewältigen? Lesen Sie den ganzen Bericht zur Tagung.

Portraitfoto von Michael Jakobs

Erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts, durch die Entstehung aufwändiger Kanalisationssysteme und Wasseranschlüsse in Häusern, verbreiteten sich die heute nach wie vor bekannten Water Closets (WCs) in den westlichen Ländern. Also noch gar nicht so lange im Vergleich zur Menschheitsgeschichte. Da könnte man meinen, dass eine Alternativmethode durchaus vorstellbar wäre. Wie steht es um die Akzeptanz von Trockentoiletten? Und was ist nötig, um potentielle Nutzer:innen zu überzeugen?

Die Entwicklung der Kanalisation im 19. Jahrhundert war ein entscheidender Fortschritt zur Bekämpfung von Seuchen wie Cholera und hat die Hygiene in urbanen Gebieten revolutioniert. Doch heute, mit neuen technologischen Möglichkeiten und einem gesteigerten Umweltbewusstsein, wird zunehmend hinterfragt, ob dieses wasserintensive System noch zeitgemäß ist.

Spültoiletten haben gravierende Nachteile, darunter ein enorm hoher Wasserverbrauch von etwa 6-9 Litern pro Spülung. Außerdem erfordert die Abwasseraufbereitung in Kläranlagen viel Energie, und wertvolle Nährstoffe wie Phosphor, die im Abwasser enthalten sind, gehen verloren. Denn alles was in der Kanalisation zusammenfließt, wird später in den Kläranlagen unter enormen Energieaufwand wieder versucht zu trennen – mit mäßigem Erfolg. Trocken- bzw. Trenntoiletten bieten hier eine nachhaltige Alternative, die den Ressourcenkreislauf schließen kann.

Die Akzeptanz von Trockentoiletten ist derzeit noch begrenzt, vor allem in westlichen Ländern, wo Wasserklosetts tief in der Alltagskultur verankert sind. Das liegt an Komfortvorstellungen, Hygienebedenken und der fehlenden Auseinandersetzung mit alternativen Sanitärlösungen. Dennoch steigt das Interesse, insbesondere durch den wachsenden Fokus auf Umwelt- und Ressourcenschutz.

Um Nutzer:innen zu überzeugen, braucht es vor allem Aufklärung über die ökologischen und ökonomischen Vorteile, wie die Einsparung von Wasser und die Rückgewinnung von Nährstoffen. Ein entscheidender Punkt ist auch die Weiterentwicklung des Designs. Trockentoiletten müssen einfach zu bedienen, geruchsfrei und optisch ansprechend sein. Zusätzlich könnten finanzielle Anreize durch Förderprogramme dazu beitragen, Vorurteile abzubauen.

Was spricht aktuell dagegen, mit menschlichen Ausscheidungen in der Landwirtschaft zu düngen?

Der Einsatz von menschlichem Dünger in der Landwirtschaft wird vor allem durch hygienische Bedenken behindert. Es besteht Sorge vor Pathogenen oder Schadstoffen wie Medikamentenrückständen. Diese Frage stellen wir uns aber komischerweise nicht beim Tierdünger aus der Massentierhaltung, wo Antibiotika regelmäßig verwendet wird. Darüber hinaus stellen rechtliche Vorgaben, etwa die strengen Reinheitsanforderungen der Düngegesetzgebung, ein Hindernis dar. Zudem fehlt es an der notwendigen Infrastruktur zur Sammlung, Aufbereitung und Verteilung.

Im Vergleich zu chemischen Düngeprodukten bietet menschlicher bzw. organischer Dünger – also ähnlich dem Tierdünger – jedoch großes Potenzial. Chemische Dünger sind zwar standardisiert und kurzfristig effektiv, verursachen jedoch Umweltprobleme wie Bodenversauerung, Verschmutzung der Gewässer und hohen Energieverbrauch in der Herstellung, nur um einige wenige Auswirkungen zu nennen. Dazu muss man sich nur mal ein Foto vom Tagebau für Phosphor bei Google anschauen, um die Auswirkungen auf die Umwelt zu verstehen – geschweige davon, dass uns der Rohstoff schon ganz bald ausgehen wird. Aufbereiteter menschlicher Kot und Urin könnten hingegen helfen, Nährstoffkreisläufe zu schließen und die Abhängigkeit von fossilen Ressourcen zu reduzieren.

Mehrfamilinehaus mit Balkonen

Haben Sie ein Beispiel, wo die Sanitärwende schon weiter fortgeschritten ist?

Mehrere Vorzeigeprojekte hat die Genossenschaft Equilibre in der Schweiz vorzuweisen. Die mehrstöckigen Wohngebäuden zeichnen sich durch ein komplett geschlossenes System aus, in dem die Bewohner:innen ihren eigenen Kompost für den Garten produzieren.

Ein Beispiel aus Deutschland ist der Hamburg Water Cycle. Hier wird in einer innovativen Wohnanlage (Jenfelder Au) das Abwasser getrennt und Biogas erzeugt.

Ein Beispiel aus der Wissenschaft ist das BMBF-Projekt zirkulierBAR, das innovative Technologien und Konzepte für eine zirkuläre Sanitärversorgung erforscht und entwickelt.

In der Praxis spielen die Finizio – Future Sanitation GmbH und die Kreiswerke Barnim eine führende Rolle. Das Unternehmen entwickelt und implementiert nachhaltige Sanitärlösungen, die auf der Trennung und Wiederverwendung von Nährstoffen basieren. Die Kreiswerke Barnim engagieren sich auf regionaler Ebene intensiv für nachhaltige Ressourcenwirtschaft und die Implementierung von Kreislaufsystemen. Die Kreiswerke Barnim fördern Projekte zur Rückführung von Nährstoffen in die Landwirtschaft.

Wir fragen in unserer Interviewreihe gerne nach den rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen. Gibt es Regeln im Abwasserrecht, die die Transformation zur Circular Economy erschweren und die Sie sich daher einmal angepasst wünschen?

Das aktuelle Abwasserrecht ist auf zentrale Kanalisation und Kläranlagen ausgerichtet, was dezentrale Sanitärlösungen wie Trockentoiletten oder Trenntoiletten benachteiligt. Die Abwasserverordnung (AbwV) enthält strikte Vorschriften zur Abwasserableitung und – behandlung, die innovative Ansätze erschweren. Auch die Zulassung von Recyclingprodukten wie aufbereitete Ausscheidungen als Dünger gestaltet sich aufwendig und kostenintensiv. Hier stellen insbesondere die Anforderungen der Düngeverordnung (DüMV) und das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) hohe bürokratische Hürden dar.

Anpassungen könnten hier Abhilfe schaffen. Wünschenswert wären spezifische Regelungen, die den Einsatz von menschlichen Ausscheidungen als Düngemittel erleichtern. Eine Anpassung der Düngegesetzgebung könnte beispielsweise innovative Verfahren fördern und die rechtlichen Grundlagen für die Kreislaufwirtschaft im Sanitärbereich verbessern. Zusätzlich wären finanzielle und rechtliche Anreize notwendig, um Unternehmen und Kommunen zum Umdenken zu bewegen.

Wichtig sind zuerst mal die rechtlichen Rahmenbedingungen auf Bundesebene, wie das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG), die Bioabfallverordnung (BioAbfV) und die Düngemittelverordnung (DüMV) zu ändern. Erst danach können die Vorgaben des Wasserhaushaltsgesetzes (WHG) und des Kreislaufwirtschaftsgesetzes (KrWG) in konkrete, auf Landesebene und Kommunalebene angepasste Vorschriften übersetzt werden.

Was möchten Sie abschließend den Leser:innen mit auf den Weg geben?

Wir sprechen viel von Recycling, beziehen uns dabei aber meist auf Materialien und Produkte. Neben der Wiederverwendung und dem Recycling von Produkten würde ich den Begriff aber noch weiter fassen: Nicht nur die Wiederverwendung von Materialien darunter zu verstehen, sondern ganzheitlich zirkuläre Systeme, die auch im alltäglichen Nutzen Ressourcen wie Wasser und Nährstoffe zirkulieren.

Das Interview mit Michael Jakobs wurde im Januar 2025 geführt.

Kontakt:

Koordinierungsstelle für Kreislaufwirtschaft, Energieeffizienz und Klimaschutz im Betrieb (KEK)