Interview mit Laura Geßner

Neubaugebäude am Fluss von Baugerüst umgeben

Laura Geßner ist Referentin für zirkuläres Wirtschaften im Gebäudebereich im Referat für Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft bei der Senatsumweltverwaltung. In ihrer Position beschäftigt sie sich thematisch mit dem Erhalt bestehender Gebäude, dem Rückbau bzw. Abbruch und dem Neubau, etwa mit Recyclingmaterialien oder Second-Hand-Bauteilen.

Portraitfoto von Laura Gessner

Viele unserer Leser:innen wissen wahrscheinlich gar nicht, dass es in der Berliner Senatsverwaltung eine Referentin für zirkuläres Wirtschaften im Gebäudebereich gibt. Welche Aufgaben umfassen Ihre Rolle?

Im Land Berlin gibt es eine große Zahl Personen mit erheblichem Sachverstand die tagtäglich an Fragen des Bauens arbeiten, ob in den Bezirken, den landeseigenen Unternehmen oder der eigens hierfür zuständigen Senatsverwaltung für Bauen und Wohnen. In unserem Referat für Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft bei der Senatsumweltverwaltung bearbeiten wir das Thema nochmal mit einem besonderen Fokus.

Ziel meiner Tätigkeiten ist es, für Berlin die zirkuläre Wirtschaft und damit den Schutz bzw. Erhalt unserer natürlichen Ressourcen im Gebäudebereich voranzubringen. Thematisch kann das den Erhalt bestehender Gebäude, den Rückbau bzw. Abbruch oder natürlich auch den Neubau, etwa mit Recyclingmaterialien oder Second-Hand-Bauteilen, betreffen. Es geht dabei nicht um die konkrete Betreuung einzelner (Rück-) Bauprojekte, sondern eher den Versuch, die Rahmenbedingungen für ein zirkuläreres Bauen zu verbessern, rechtlich und auch praktisch. Das kann bedeuten, u.a. die bestehenden Vorgaben anzupassen, die Entwicklung von Hilfsmaterialien wie Leitfäden, Pilotprojekten sowie Standards voranzutreiben oder auch Veranstaltungsorganisation und Gremienarbeit. Da der Bausektor ein sehr breites Feld ist, kann es thematisch am einen Tag um Regulierung von Schadstoffen in der Bauproduktenormung, am nächsten um Lebenszyklusanalysen und nochmal später um Fragen zur Rückbaubarkeit von Dämmstoffen gehen. Eine Hauptaufgabe ist in jedem Fall die Vernetzung sowie der Wissensaufbau und –austausch. Denn viele Ideen stecken noch in den Kinderschuhen. Insgesamt funktioniert der Bausektor noch sehr linear und muss viele, mitunter konkurrierende Ansprüche bedienen. Dazu zählen z.B. die schnelle, möglichst günstige Schaffung von Wohnraum, die Steigerung der Zahl energieeffizienter Gebäude und die gleichzeitige Verwendung kreislauffähiger und schadstofffreier Baumaterialien – natürlich bei minimalsten Kosten

Gibt es in Berlin bereits Projekte, die diesbezüglich umgesetzt werden oder wurden?

Auf diese Frage kann man ganz selbstbewusst antworten – ja, auf jeden Fall. Aber: wir kennen sie längst nicht alle, bzw. von vielen guten Initiativen weiß nur der engere Teil der Projektbeteiligten. Das liegt auch daran, dass Ressourcenschonung im Gebäudebereich an unendlich vielen (kleinen) Stellschrauben hängen kann. Etwa die Entscheidung, wie eine Wärmedämmung angebracht oder ob ein Putz genutzt wird, der Stoffe enthält, die später das Beton-Recycling erschweren. Quasi nicht messbar sind die Entscheidungen gegen etwas – gegen den Abbruch, gegen den Einbau einer Lüftungsanlage (sogenanntes Low-Tech-Bauen) oder auch gegen einen Neubau, beispielsweise weil Bedarfe, wie an Büroflächen, stattdessen organisatorisch durch Modelle wie Desk-Sharing, bedient werden. Und auch ein solides, besonders robustes Bauen, das erst einmal mehr Ressourcen aufwendet, kann langfristig durch eine höhere Gebäudelebensdauer ‚aufgewogen‘ werden.

Aber natürlich gibt es auch ganz konkrete Projekte, auf die wir stolz sind. Mit Unterstützung der SenMVKU werden immer wieder besondere Projekte gefördert. So gibt es in Berlin den ersten ‚Urban Mining Hub‘ Deutschlands, ein gemeinsames Projekt von Alba und Concular, wo auf einer Umschlagfläche in Reinickendorf gebrauchte Bauteile bis zu ihrer neuen Verwendung zwischengelagert werden können –eins der Nadelöhre im ‚Second-Hand-Bau‘. Beim kommunalen Wohnungsbauunternehmen STADT UND LAND sind mehrere Gebäude im Entstehen, die ein kreislaufgerechtes, ressourcenschonendes und klimafreundliches Bauen im Mietwohnungsbau auf höchstem Niveau umsetzen. Dazu gehört das Typenhaus eco – die Entwicklung einer besonders ökologischen Version eines ‚Standard-Gebäudes‘, das so wieder und wieder aufgestellt werden kann. Und bei der Berlin Immobilien Management (BIM), die viele Gebäude des Landes betreut, ist man ganz vorne mit dabei, was einen innovativen und mutigen Umgang mit gebrauchten Bauteilen anbelangt.

Zirkuläres Bauen bedeutet ja auch, das Gebäude irgendwann wieder zurückgebaut werden können. Das setzt voraus, dass z.B. Verbindungsteile in Gebäuden rückbaufähig sind. Wird sowas heute schon in Ausschreibungen gefordert, damit sich Hersteller und Produkthersteller mit dem Thema auseinandersetzen?

Die kurze Antwort lautet: ja, Zirkularität wird in Ausschreibungen bedacht. Die lange: es ist aber nicht so einfach. Das Land Berlin hat beim Bau eine Vorbildrolle bei Ökologie und Nachhaltigkeit zu erfüllen. Umgesetzt wird diese Vorbildrolle bei Bauaufträgen mit Gesamtkosten ab 10 Mio. Euro beispielsweise durch die Anwendung des sogenannten BNB-Systems, ein Bewertungssystem für nachhaltiges Bauen, und verschiedene Vorgaben zur öffentlichen Beschaffung von Planungs- und Bauleistungen. Bei Neubauten soll u.a. ein Recyclingkonzept, das den späteren Rückbau beschreibt, erstellt werden und geprüft werden, ob es möglich ist, eine Holzbauweise zu nutzen. Gipshaltige Putze auf Betonoberflächen, die das Recycling stören, sollen vermieden werden. Auch der Einsatz von RC-Beton ist geregelt. Es bestehen also durchaus Leitplanken für ein ressourcenschonenderes Bauen. Gebäude bestehen aus einer unglaublichen Vielzahl an Materialien, Elementen und Verbindungen. Planungs- und Bauausschreibungen sind rechtlich wie praktisch sehr anspruchsvolle Unternehmungen. Wie schon geschildert, sind die Ansprüche an Gebäude sehr hoch. Es muss immer gut abgewogen werden, welche Aspekte des zirkulären Bauens im jeweiligen Einzelfall in welcher Form Berücksichtigung finden können. Zudem ist fachliches Vorwissen notwendig. Wir versuchen hierzu so gut es geht zweckmäßige, wirtschaftlich umsetzbare Standards und Vorbilder zu entwickeln, aber am Ende ist jeder Bau sehr individuell.

Das Interview mit Laura Geßner wurde im Mai 2025 geführt.

Kontakt:

Koordinierungsstelle für Kreislaufwirtschaft, Energieeffizienz und Klimaschutz im Betrieb (KEK)