Interview mit Anna-Katharina Stumpf

Biogasanlage auf einem Feld

Seit Februar 2025 ist Anna-Katharina Stumpf als fachliche Projektmanagerin bei der vom Bundesumweltministerium beauftragten, bundesweiten nationalen LIFE-Beratungsstelle bei der Zukunft – Umwelt – Gesellschaft gGmbH tätig. Sie leitete vorher die Geschäftsstelle des Strategischen Forschungsfelds Bioökonomie für die Fraunhofer-Gesellschaft. Schon in jungen Jahren habe sie sich Gedanken über biologische Prozesse gemacht. Sie wollte wissen, wie Prozesse in der Natur ablaufen, Menschen mit der Natur interagieren und aus ihr lernen können.

Portraitfoto von Anna Katharina Stumpf

Welche Rolle spielt die Bioökonomie im Übergang zu einer zirkulären Wirtschaft?

Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft sind eng miteinander verbunden und bilden gemeinsam einen entscheidenden Hebel im Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft. Das Konzept der Zirkulären Bioökonomie, die Synergie von Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft, basiert auf dem Prinzip, biogene Roh- und Reststoffe in mehrstufigen, kaskadenartigen Prozessen stofflich zu erschließen und möglichst vollständig in Wert zu setzen. Hierbei muss die Ressourcengewinnung und -nutzung in allen drei Nachhaltigkeitsdimensionen – ökologisch, ökonomisch und sozial – mitgedacht werden. Ziel ist es, Emissionen zu senken, Neben- und Reststoffe in Wert zu setzen und schädliche Umweltwirkungen zu minimieren. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Umwelt- und Klimaschutz und industrieller Umsetzung setzt das EU-Förderprogramm LIFE an: Es unterstützt Projekte, die biobasierte Lösungen und zirkuläre Geschäftsmodelle umsetzen – und trägt so aktiv zur Transformation unseres Wirtschaftssystems bei. Durch Programme wie LIFE wird die zirkuläre Bioökonomie umsetzbar und leistet somit einen essenziellen Beitrag zur Erreichung der Ziele des EU-Green Deals und des Clean Industrial Deals.

Gibt es bestimmte biobasierte Materialien, die du als „Game Changer“ siehst? Gibt es aktuelle Trends?

Ein echter „Game-Changer“ für die zirkuläre Bioökonomie sind weniger neue Materialien oder Rohstoffe im klassischen Sinne, sondern vielmehr die Nutzung biogener Rest- und Abfallstoffe. Angesichts knapper Ressourcen und überlasteter Ökosysteme reicht Biomasse aus der Land- und Forstwirtschaft in Europa allein nicht aus, um den steigenden Bedarf nachhaltig zu decken. Gerade hier setzt LIFE an und fördert Projekte, die neue Nutzungswege für Reststoffe aufzeigen. Reststoffe – etwa aus der Lebensmittelverarbeitung, der kommunalen Bioabfallsammlung oder industriellen Prozessen – stehen nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion und bieten enormes Potenzial für innovative Anwendungen. Ein Beispiel aus dem LIFE-Programm ist das Projekt Waste2Protein, das organische Reststoffe nutzt, um hochwertige Insektenproteine für die Futtermittelproduktion herzustellen – ein wegweisender Beitrag zur regionalen Kreislaufwirtschaft und nachhaltigen Proteinversorgung.

Berlin ist bekanntermaßen arm an landwirtschaftlichen Flächen. Können Berliner Unternehmen von den landwirtschaftlichen Nebenerzeugnissen bzw. Reststoffen aus Brandenburg profitieren? Gibt es da bereits Synergien?

Absolut – gerade im Zusammenspiel zwischen Berlin und Brandenburg liegt großes Potenzial für eine funktionierende zirkuläre Bioökonomie. Brandenburg bringt als Agrar- und Forstland wichtige biogene Rohstoffe und Reststoffe in die Region ein, während Berlin mit seinem starken Start-up-Ökosystem und seinem Know-how in Digitalisierung ideale Voraussetzungen für die Entwicklung und Skalierung biobasierter Lösungen bietet. Bereits heute gibt es Synergien, etwa bei der Vermarktung nachhaltiger Baustoffe aus Holz oder Hanf, die in Brandenburg produziert und in Berlin verbaut werden, oder bei Lebensmitteln, die in der Hauptstadt besonders gefragt sind. LIFE unterstützt genau solche regionalen Partnerschaften: Projekte, die in Konsortien umgesetzt werden – zum Beispiel zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus Berlin und Brandenburg – können eine Förderung von bis zu 60 % erhalten. Damit wird nicht nur die regionale Wertschöpfung gestärkt, sondern auch der Weg für marktfähige, zirkuläre Lösungen geebnet.

Erschweren oder verhindern die aktuellen regulatorischen Rahmenbedingungen die Skalierung der zirkulären Bioökonomie? Was müsste sich ändern, auf regionaler oder auch Bundesebene?

Damit sich die zirkuläre Bioökonomie in der Breite realisieren lässt, braucht es ein Umfeld, das Innovation, Umsetzung und gesellschaftliche Akzeptanz gleichermaßen unterstützt. Viele biobasierte Produkte und kreislauffähige Technologien existieren bereits, scheitern aber an mangelnden Anreizen, regulatorischen Hürden oder fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz. Für den notwendigen Transformationsprozess braucht es daher regulatorische Klarheit und einen technologieoffenen Ansatz. Denkbar wäre beispielsweise, die Definition von Abfall und Abfalleigenschaften neu zu denken. Auch gesellschaftliche Sensibilisierung ist zentral: Denn der Wandel hin zu einer zirkulären Bioökonomie ist nicht nur eine technologische, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das LIFE-Programm fördert deshalb nicht nur konkrete Technologieprojekte, sondern auch Maßnahmen im Bereich “Environmental Governance” – etwa zur Bewusstseinsbildung für nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster oder zur Unterstützung des EU-Aktionsplans für die Kreislaufwirtschaft. Solche Projekte tragen dazu bei, die Umsetzung auf regionaler wie nationaler Ebene zu beschleunigen. Die Transformation braucht ein koordiniertes Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – LIFE kann dabei eine wichtige Brücke zwischen diesen Akteuren schlagen.

Wie können Akteure aus Berlin konkret bei der Beantragung von Fördermitteln im LIFE-Programm unterstützt werden?

Für interessierte Berliner Akteure gibt es vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten auf dem Weg zur LIFE-Förderung. Die bundesweite LIFE-Beratungsstelle bietet kostenfreie Erstberatung und begleitet bei der Entwicklung und Schärfung von Projektideen. Darüber hinaus gibt es Informationsveranstaltungen, Webinare und Workshops, die den Einstieg erleichtern.
Eine gute Gelegenheit bietet sich am 20. November 2025: Beim Online-Webinar „EU-FÖRDERUNG Kompakt | EU LIFE-Programm für Kreislaufwirtschaft und Klimaprojekte“ erhalten Interessierte einen kompakten Überblick über Förderbedingungen, Themenschwerpunkte und konkrete Tipps für die Antragstellung. Informationen zum Programm und zur Anmeldung.

Wer eine innovative, zukunftsweisende Idee verfolgt und diese in einem europäischen Kontext umsetzen möchte, sollte das LIFE-Programm unbedingt in Betracht ziehen – wir unterstützen gerne dabei.

Kontakt zur bundesweiten LIFE-Beratungsstelle:
E-Mail: life@z-u-g.org
Webseite: www.life-deutschland.de
Beratungshotline: +49 30 72618 0228

Das Interview mit Anna-Katharina Stumpf wurde im September 2025 geführt.

Kontakt:

Koordinierungsstelle für Kreislaufwirtschaft, Energieeffizienz und Klimaschutz im Betrieb (KEK)