Interview mit Andre Hempel

Zwei Finger tippen auf Auswahlfeld

Andre Hempel ist Co-Founder von CADEMI, einer Plattform, auf der sich Mitwirkende an der ökologischen Transformation vernetzten und durch diverse Workshops weiterbilden können. Unternehmen und Organisationen werden dabei unterstützt, zirkuläre Geschäftsmodelle nicht nur zu verstehen, sondern diese auch aktiv mit starken Partnern umzusetzen, um einen nachhaltigen Impact zu erzielen.

Portraifoto von Andre Hempel

Warum ist der Einkauf aus deiner Sicht einer der wichtigsten Hebel für Kreislaufwirtschaft?

Der Einkauf ist der systemische Gatekeeper – er entscheidet, ob Ressourcen überhaupt in den Kreislauf kommen oder linear entsorgt werden.
Mit einem jährlichen Beschaffungsvolumen von über 350 Milliarden Euro im öffentlichen Sektor hat jede Ausschreibung Marktgestaltungsmacht: Wer Reparierbarkeit, Modularität und Rücknahmekonzepte fordert, zwingt Hersteller zur Innovation. Gleichzeitig ist der Einkauf der unterschätzte Bestandsmanager – das größte Potenzial nicht zuerst im “grüneren Neukauf”, sondern in der intelligenten Weiternutzung vorhandener Ressourcen. Die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) und die Berliner Kreislaufwirtschaftsstrategie (BKWS) schaffen jetzt u.a. für eine nachhaltige und auch zirkulärere Beschaffung den regulatorischen Rückenwind. Der Einkauf wird damit vom Kostenfaktor zum strategischen Transformationstreiber – mit direkter Wirkung auf CO₂-Bilanz, Budgets und Versorgungssicherheit. Der Einkauf entscheidet nicht nur, was beschafft wird – sondern ob überhaupt beschafft werden muss.

Wie beschaffe ich überhaupt zirkulär und ab wann gilt eine Beschaffungsentscheidung als zirkulär? Welche Daten sind entscheidend?

Eine Beschaffung ist zirkulär, wenn sie aktiv Ressourcenkreisläufe schließt, durch drei Mechanismen: (1) Bestandsintegration (ReUse/Refurbishment vor Neukauf), (2) Lebensdauerverlängerung (Reparierbarkeit, Modularität) und (3) End-of-Life-Planung (vertragliche Rücknahme, Recycling).
Die entscheidenden Daten sind nicht die üblichen Nachhaltigkeitszertifikate, sondern harte Kreislaufindikatoren: Garantierte Lebensdauer, Ersatzteilverfügbarkeit (Jahre + Kosten), Modularität (austauschbare Komponenten), vertragliche Rücknahmeverpflichtung und Betrachtung der „Total Costs of Ownership (TCO)“ über den gesamten Lebenszyklus. Weniger relevant sind isolierte CO₂-Werte ohne Nutzungsphase oder die Anzahl von Zertifikaten ohne Substanzprüfung. Die richtige Bewertungsmatrix (Funktion, Ästhetik, Bedarf, Zustand) mit umsetzbarer Verwertungskaskade (ReUse → Refurbishment/Remanufacturing → Verkauf → Recycling) standardisiert diesen Prozess und verhindert “Data Overload”. 5-7 harte Kriterien schlagen 50 weiche.
Zirkulär beschaffen heißt, Bestand vor Neukauf, Lebensdauer vor Preis, Kreislauffähigkeit vor Zertifikat.

Wie argumentiert man intern gegen die Beschaffung des preisgünstigsten Angebots?

Die Vorgabe für das “günstigste Angebot” existiert rechtlich nicht. Die Verordnung über die Vergabe öffentlicher Aufträge (Vergabeverordnung – VgV) verlangt das wirtschaftlichste Angebot (§ 58 VgV) und definiert „ein bestes Preis-Leistungs-Verhältnis unter Einbeziehung qualitativer, umweltbezogener und sozialer Kriterien“. Der wichtigste Punkt vor jeder Ausschreibung ist, überhaupt einen Überblick zum vorhandenen Bestand und seinem Zustand zu haben bzw. zu erhalten. Hier liegt aktuell aus unseren Erfahrungen das Hauptproblem. Unsere aktuelle Analyse in einem Großprojekt im AöR (Anstalt des öffentlichen Rechts) -Bereich belegt eine Kosteneinsparung von 25% durch Bestandsnutzung bei sofortiger Verfügbarkeit statt 6-12 Monate Lieferzeit. Das ist möglich, weil der Bestand aufgenommen wurde vor geplanter Neuausschreibung. Strategisch gilt, wer heute linear beschafft, ignoriert Klimaneutralitätsziele, Lieferkettenrisiken und die Erwartungen der Mitarbeitenden. Die eigentliche Frage lautet also: Wie erklären wir der Rechtsaufsicht, warum wir NICHT zirkulär beschafft haben? “Günstig” ist nicht billig – sondern wirtschaftlich, über den gesamten Lebenszyklus. Der VgV § 59 (Berechnung von Lebenszykluskosten) ist das ökonomische Herzstück der zirkulären Beschaffung. Der Ansatz erlaubt die Berücksichtigung von:
  • Betriebskosten: Energie- und Wasserverbrauch (besonders relevant bei Geräten und Gebäuden).
  • Wartungskosten: Ein langlebiges oder gut reparierbares Produkt (z.B. Möbel) verursacht über seine längere Lebensdauer im Verhältnis geringere Wartungskosten oder bietet durch standardisierte Ersatzteile eine höhere Planungssicherheit.
  • Entsorgungskosten: Hier kann ein zirkuläres Produkt stark punkten. Wenn der Anbieter im Rahmen eines Product-as-a-Service-Modells das Produkt zurücknimmt und die Wiederverwertung garantiert, sinken die Entsorgungskosten für die Vergabestelle gegen Null. Hingegen müssen die realen Entsorgungskosten eines Billigprodukts in die LCC-Berechnung mit einfließen.

Werden wir in Zukunft eher Produkte oder Dienstleistungen bzw. den Service zum Bedarf beschaffen?

Die Zukunft gehört Hybrid-Modellen, nicht entweder/oder, sondern bedarfsgerecht kombiniert. Product-as-a-Service (PaaS) wird dort Standard, wo Nutzung wichtiger ist als Eigentum: IT-Hardware, Beleuchtung, Mobilitätslösungen – mit 31% Kosteneinsparung und 15% CO₂-Reduktion laut Studien.
Der Vorteil: Die Anbieter übernehmen Wartung, Rücknahme und Verwertung, Kreislaufverantwortung wird vertraglich fixiert. Gleichzeitig bleibt der strategische Eigentumserwerb relevant, etwa bei Möbeln mit langer Lebensdauer, wo Bestandsmanagement (unser Ansatz mit dem PreLoved-Konzept in der „Circular Office Journey“) wirtschaftlicher ist als Leasing.
Entscheidend ist die Bedarfsanalyse: Brauchen wir Flexibilität (→ Service), Langfristigkeit (→ Eigentum) oder beides (→ Hybrid)? Die öffentliche Beschaffung muss dafür vergaberechtlich flexibler werden. §58 VgV erlaubt bereits die Bewertung von “Verfügbarkeit” und “Service-Konzepten” als Zuschlagskriterien. Die Circular Office Journey zeigt: Die beste Beschaffung ist die, die vorhandene Ressourcen aktiviert, ob durch Eigentum, Service oder intelligentes Matching im Bestandspool. Nicht Produkt ODER Service, sondern die richtige Kombination für maximale Kreislauffähigkeit.

Das Interview mit Andre Hempel wurde im Januar 2026 geführt.

Kontakt:

Koordinierungsstelle für Kreislaufwirtschaft, Energieeffizienz und Klimaschutz im Betrieb (KEK)