Berliner Industrie treibt Kreislaufwirtschaft voran

Ein Gruppenbild und ein Schild Circular Economy

Beim MPI Deep Dive – Circular Economy wurde deutlich, wie Industrie, Wissenschaft und Verwaltung in Berlin gemeinsam an der Umsetzung zirkulärer Prozesse arbeiten.

Für die Berliner Industrie werden Fragen der Ressourceneffizienz, Kreislaufführung und digitalen Nachverfolgbarkeit zunehmend strategisch relevant. Sie bestimmen mit, wie Unternehmen ihre Produkte entwickeln und fertigen – und wie resilient Wertschöpfung in einer Welt knapper Rohstoffe organisiert werden kann. Damit steigen auch die Anforderungen an Materialien, digitale Transparenz und Produktionsmodelle, die Ressourcen möglichst lange im Kreislauf halten. An diesem Punkt setzt der Masterplan Industriestadt Berlin an: Er schafft Orientierung, vernetzt Akteure und unterstützt Unternehmen dabei, zirkuläre Lösungen in die Praxis zu bringen.

Der MPI Deep Dive – Circular Economy im November 2025 hat deutlich gemacht, welches Potenzial die Hauptstadtregion in diesem Themenfeld besitzt. Vorgestellt wurden sowohl forschungsnahe Ansätze als auch Vernetzungs- und Umsetzungsprojekte, die gemeinsam zeigen, wie vielfältig die Aktivitäten in Berlin bereits angelegt sind und welches Innovationspotenzial darin steckt. Zugleich wurde sichtbar, dass sich rund um den Masterplan ein wachsendes Netzwerk bildet, das die Weiterentwicklung von Kreislaufwirtschaftslösungen unterstützt.

Eine Gruppe von Zuhörern, die einem Vortrag zuhören

Der Ort passte gut zum Thema der Veranstaltung: Das EINS steht selbst für offenen Austausch, experimentelle Formate und die Verbindung von Wissenschaft, Gründung und industrieller Praxis – zentrale Voraussetzungen für zirkuläre Innovationen. Dr. Christine Oesterhelt vom dort angesiedelten Centre for Entrepreneurship (CfE) der TU Berlin betonte: „Wir wollen einen Raum schaffen, in dem Wissenschaft und Wirtschaft aktiv zusammenarbeiten können.“

Professor Holger Kohl, Leiter des Fachgebiets Nachhaltige Unternehmensführung an der TU Berlin und stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer IPK, hob hervor, dass drei der fünf wissenschaftlichen Schwerpunkte der TU Berlin direkt an Zukunftsthemen wie nachhaltige Produktion, innovative Fertigungsverfahren und regenerative Energiesysteme anknüpfen. Besonders verwies er auf die Bedeutung digitaler Produktpässe, die die TU Berlin wissenschaftlich maßgeblich mitentwickelt – und die für transparente Materialströme und zirkuläre Prozesse zentral sind.

Portrait von Dr. Christine Oesterhelt
Wir wollen einen Raum schaffen, in dem Wissenschaft und Wirtschaft aktiv zusammenarbeiten können.
Dr. Christine Oesterhelt, Centre for Entrepreneurship (CfE) der TU Berlin

Zirkuläre Wertschöpfung braucht Wissen, Werkzeuge und klare Strukturen

Bei der Begrüßung hoben Britta Teipel und Nina Lakeberg aus dem Fachgebiet Industriepolitik der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe hervor, dass der Masterplan Industriestadt Berlin als Netzwerk, Impulsgeber und strategischer Rahmen wirkt – insbesondere für Querschnittstechnologien wie Additive Fertigung, Leichtbau, Robotik und die Circular Economy. Rund um den Masterplan entsteht ein immer dichteres Ökosystem, das Innovationsprojekte sichtbar macht, Kooperationen ermöglicht und neue Ideen konsequent vorantreibt – auch und gerade im Bereich zirkulärer Lösungen.

Damit Materialien im Kreislauf bleiben können, brauchen Unternehmen früh Zugang zu Wissen, Werkzeugen und verlässlichen Strukturen. Genau daran arbeitet eine Reihe von MPI-Projekten 2023-2026, die im Rahmen eines thematischen Fördercalls ausgewählt wurden – mit unterschiedlichen Schwerpunkten entlang der Wertschöpfungskette: von materieller Innovation über digitale Planung bis zum Kompetenzaufbau.

Die Projekte wirken als Hebel: Sie unterstützen Unternehmen beim Einstieg und verbinden Akteure, die gemeinsam an zukunftsfähigen Wertschöpfungsmodellen arbeiten. Sie zeigen, wie vielfältig Circular Economy-Ansätze in die Praxis getragen werden. Beim Deep Dive präsentierten sich die Projekte mit ihren konkreten Ansätzen und Ergebnissen:

  • Der Kompetenzhub für die industrielle Kreislaufwirtschaft (TU Berlin) in Berlin schafft ein digitales Angebot für Industrieunternehmen mit Beiträgen zur die Wirkung des zirkulären Wirtschaftens.
  • Das Projekt Industrie Digitalwirtschaft Circular Economy, kurz: InDICE (Circularity e.V.) vernetzt Vertreterinnen und Vertreter der Berliner Industrie und der Digitalwirtschaft im Rahmen einer Veranstaltungsreihe, unterstützt den Kompetenzaufbau und zeigt neue Anwendungsmöglichkeiten in der Kreislaufwirtschaft auf.
  • Der Circular KMU Hub Berlin (TeachCom Edutainment) unterstützte in Kooperation mit den Berliner Unternehmensnetzwerken Großbeerenstraße, Moabit und Technologiepark Humboldthain mittelständische Betriebe im Bereich Produktion, Dienstleistung und Logistik bei der Umsetzung der zirkulärer Ansätze.
  • Tech and Spaces for Circular Economy (Creative Climate Cities, Circular Berlin) trieb den Einsatz von Optik, Photonik und Material-Technologien als Schlüsseltechnologie für mehr zirkuläres Wirtschaften voran. Das Projekt entwickelte ein praxisorientiertes Guidebook, das zeigt, wie Berliner Produktions- und Gewerbeflächen kreislauffähig gestaltet werden können – inklusive klarer Anforderungen an Räume, Infrastruktur und Standortbedingungen.
  • Im Rahmen des Projektes Nachhaltige Wertschöpfungsketten – Mit Materialinnovationen zur Circular Economy (INAM e.V.) durchliefen Berliner Industriebetriebe ein Training und wurden in zwei branchen- und technologieübergreifenden Matchmaking-Veranstaltungen mit Startups vernetzt, um konkrete Lösungen für Herausforderungen der Industrieunternehmen zu erarbeiten.
  • Das Projekt Fit für Circular Economy (Circular Berlin) entwickelt innovative Lehrmodule, die in zwei Berliner Schulen eingeführt werden. Damit sollen die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft in der beruflichen Bildung verankert werden.
  • A-B-Circular (Berliner Hochschule für Technik) förderte die klimaneutrale Herstellung von Produkten „Made in Berlin“ mit dem Fokus: Bau- und die Design-/Mode-Industrie. Für beide Branchen ist je ein Toolkit entstanden. Darüber hinaus vernetzte und informierte das Projekt mit über zehn Veranstaltungsformaten.
  • Das Projekt Nahtlose Integration für den städtischen Holzbau (Bauhütte 4.0) etabliert eine unterbrechungsfreie und voll digitalisierte Prozesskette für den urbanen Holzbau, um die Zusammenarbeit zwischen Industrieunternehmen, Zulieferern, Demontagebetrieben und Startups im städtischen Holzbau zu fördern.
Sechs Menschen die auf einer Bühne stehen

Neue Technologien und Materialien als Grundlage zirkulärer Industrie

Viele der neuen Vorhaben sind in Kooperationen zwischen Start-ups, Hochschulen und Industriepartnern entstanden. Die Pitches zeigten eindrücklich, wie leistungsfähig Berlins Innovationsökosystem ist. Das Spektrum reicht von CO₂-basierten Werkstoffen über recycelbare Bauelemente und digitale Gebäudedaten bis zu biotechnologischen Materialalternativen. Gemeinsam zeigen sie, wie „Innovationen made in Berlin“ zu konkreten Hebeln einer kreislauffähigen Industrie werden.

  • Carnewall (Made of Air) entwickelt Materialien, die aktiv CO₂ binden und damit einen negativen CO₂-Fußabdruck erreichen können. Die Technologie basiert auf biogenen Reststoffen, die zu einem stabilen, industriell einsetzbaren Werkstoff verarbeitet werden. Das Material lässt sich in Architektur, Produktdesign und technische Anwendungen integrieren.
  • CorePET (Innovac) zielt darauf ab, ein vollständig recycelbares, monomateriales Paneel aus recyceltem PET zu entwickeln, das im Bauwesen, Messebau oder in Innenanwendungen eingesetzt werden kann. Die Besonderheit liegt im Verzicht auf Klebstoffe – dadurch bleibt das Material sortenrein und kann mehrfach wiederverwendet werden.
  • Proteus (ABSORA) ist ein mikrostrukturiertes Aluminiumblech, das Vibrationen und Schall dämpft, Luftströme glättet und gleichzeitig ein geringes Gewicht aufweist. Das Projekt arbeitet daran, dieses Material in industrielle Anwendungen zu bringen: etwa in Maschinengehäusen, Lüftungssystemen oder Fahrzeugkomponenten.
  • Bodendreieck (Bauhaus Earth & Earthbound) verwandelt Berliner Bauaushub in hochfeste Lehmsteine. Ziel ist es, eine lokale, zirkuläre Baustoffproduktion aufzubauen, die Materialkreisläufe regional schließt und CO₂-intensive Baustoffe ersetzt.
  • RE-3D (orto) will die Sanierung von Bestandsgebäuden wirtschaftlich attraktiver machen als Abriss und Neubau. Dazu entwickelt das Projekt digitale Zwillinge, die präzise Daten zu Gebäudestrukturen und Materialien liefern und mit denen man Bauprozesse besser planen, Materialien leichter zurückgewinnen und Renovierungen effizienter durchführen kann.
  • CirCO (Spark e-Fuels) arbeitet an Technologien, die CO₂ und erneuerbaren Strom zu synthetischen Kraftstoffen verbinden. Das Projekt koppelt die Herstellung von Synthesegasen an die fluktuierende Verfügbarkeit erneuerbarer Energien und erforscht neue Katalysatoren, die Effizienz und Skalierbarkeit erhöhen sollen.
  • Re.Spin (VORN – The Berlin Fashion Hub & ito ito) entwickelt Verfahren für zirkuläres Strickdesign – von der Gestaltung über das Auftrennen bis zur Rückgewinnung und Wiederverarbeitung von Garnen. Das Projekt will langlebige, sortenreine Textilien ermöglichen, die mehrfach im Kreislauf geführt werden können.
  • Cambrium entwickelt biotechnologische Silikonersatzproteine. Diese neuen Materialien sollen erdölbasierte Silikone ersetzen und gleichzeitig langlebig, funktional und kreislauffähig sein.
Eine Gruppe Menschen sitzt auf dem Podium und diskutiert

Erfolgsfaktoren der zirkulären**Transformation: Kooperation, Kompetenzen und klare Rahmenbedingungen

Die anschließende Podiumsdiskussion, eröffnet durch einen Impuls von Dr. Marianne Kuhlmann (Circularity e. V.), zeigte, welche Faktoren für eine erfolgreiche zirkuläre Transformation ausschlaggebend sind. Dr. Kuhlmann betonte die Bedeutung von Kooperation, verlässlichen Daten und gemeinsamen Standards – von transparenten Materialströmen bis hin zu neuen Formen industrieller Wertschöpfung. Viele zirkuläre Ansätze funktionierten besonders auf regionaler Ebene, so Kuhlmann. Entscheidend sei, dass lokale Initiativen und wirtschaftliche Aktivitäten gestärkt werden – und genau dafür habe Berlin sehr gute Voraussetzungen: eine vielfältige Industrielandschaft und zahlreiche Initiativen, die bereits eng mit Unternehmen zusammenarbeiteten.

Die Beiträge von Daniel Schwaag (Made of Air) und Joshua Okojie (Vanguard AG) zeigten, wie zirkuläre Ansätze in der Berliner Industrie bereits in der Praxis verankert sind. Made of Air entwickelt CO₂-negative Biokomposite, die fossile Kunststoffe ersetzen und damit ein klar zirkuläres und klimapositives Material auf den Markt bringen, das aktiv Kooperationen mit Industriepartnern aus Bau, Design und Mobilität sucht. Vanguard AG steht für ein hochspezialisiertes Medical Remanufacturing Modell. Das Unternehmen bereitet ursprünglich als Einweg gedachte Medizinprodukte sicher und zertifiziert wieder auf und verlängert auf diese Weise deren Lebenszyklus. Dieser Ansatz spart Ressourcen und entlastet Kliniken.

Auch hier wurde klar, dass zirkuläre Geschäftsmodelle verlässliche Abnehmende und klare Wertschöpfungspartnerschaften benötigen und dass Unternehmen wie Vanguard und Made of Air solche Kooperationen in Berlin aktiv aufbauen.

Matthias Menger, Geschäftsführer von ringberlin, brachte die Perspektive der Bauwirtschaft ein und zeigte, dass zirkuläre Prinzipien im Bestand sowohl technisch als auch wirtschaftlich funktionieren. Zugleich wurde deutlich, dass Erfahrungen mit Genehmigungen, Zuständigkeiten und dem begrenzten Markt für wiederverwendbare Bauteile nach wie vor Hürden darstellen. ringberlin zeigt erfolgreich, wie sich durch Erhalt, Materialwiederverwendung und ressourcenschonende Umbauten moderne und nachhaltige Produktions- und Innovationsräume entwickeln lassen.

Die Beispiele verdeutlichen zugleich, dass marktfähige Produkte, stabile Partnerschaften und verlässliche Rahmenbedingungen zentrale Voraussetzungen für zirkuläre Geschäftsmodelle sind und dass sich der Übergang zu zirkulären Prozessen zunehmend auch wirtschaftlich lohnt.

Ein weiteres Thema war die Frage nach Kompetenzen und Fachkräften. Ohne Wissen über zirkuläre Prinzipien, von der Konstruktion über die Materialwahl bis zum Recycling, bleibt der Wandel Stückwerk. Gefordert sind Qualifizierung, Austausch und Lernorte, die Unternehmen beim Einstieg unterstützen und neue berufliche Profile stärken.

Berlin hat beste Voraussetzungen
Der Deep Dive zeigte insgesamt, wie viel in Berlin bereits erprobt, vernetzt und in praktische Anwendungen überführt wird. Die Akteurinnen und Akteure waren sich einig, dass der Übergang von Pilotprojekten in die breite Anwendung der entscheidende nächste Schritt ist. Besonders für kleine und mittlere Unternehmen müsse Kreislaufwirtschaft einfacher zugänglich und wirtschaftlich attraktiv werden. Gleichzeitig spielen Digitalisierung und Datenmanagement eine Schlüsselrolle – etwa beim Nachweis von Materialflüssen oder in der automatisierten Sortierung. Politik und Verwaltung sollen dafür stabile Rahmenbedingungen schaffen, die Planungssicherheit bieten und Innovationsrisiken abfedern.

Für Berlin ergibt sich daraus ein Bild, das Zuversicht ausstrahlt: Die Stadt verfügt über starke Netzwerke, engagierte Unternehmen und forschungsstarke Hochschulen, die Kreislaufwirtschaft nicht nur als strategisches Leitbild, sondern zunehmend als konkrete industrielle Praxis verstehen. Die Veranstaltung machte deutlich, welches Potenzial bereits vorhanden ist – und wie Formate und Initiativen im Rahmen des Masterplans Industriestadt Berlin dazu beitragen, Strukturen zu festigen, Akteurinnen und Akteure zu verbinden und Innovationen in die Betriebe zu bringen.