Deutschland nach 9/11

Ein Jahr lang ist ein Rechercheteam des NDR der Frage nachgegangen, welche Folgen der 11. September 2001 für Deutschland hatte – und welche davon bis heute spürbar sind. Die Antworten fand das Team in Lebensgeschichten, die selten erzählt werden: in der eines Soldaten, der bis heute mit den Folgen seines Afghanistan-Einsatzes lebt. In der eines Hamburger Studenten aus Afghanistan, der nach den Anschlägen ins Visier geriet, obwohl er mit den Attentätern nichts zu tun hatte. Und in der Geschichte eines Sohnes, der seinen Vater nie kennenlernen konnte, weil dieser am 11. September im World Trade Center starb, noch bevor er selbst auf die Welt kam. Ein Storytelling-Podcast, eine Fernsehdokumentation und ein Radiofeature erzählen diese Geschichten mit jeweils eigenen Schwerpunkten – und zeigen, wie ein Ereignis vor 25 Jahren die Bundeswehr, die deutsche Außen- und Verteidigungspolitik und den Blick auf muslimische Communities in Deutschland bis in die Gegenwart hinein verändert hat.

Die TV Dokumentation

Für Andreas Rückewoldt haben die Anschläge vom 11. September 2001 das Leben völlig auf den Kopf gestellt. Als der Soldat die Bilder der brennenden Türme sieht, weiß er sofort: »Für mich war klar: Wir werden eingesetzt.« Auch wenn er erst Jahre später am Hindukusch kämpft, erlebt er die Anschläge als die eigentliche »Zeitenwende« in seinem Soldatenleben. Denn die Bundeswehr muss schmerzhaft lernen, was es heißt, eine Armee im Einsatz zu sein. Viele Soldaten erleiden schwere psychische Leiden, können die Erlebnisse nicht verarbeiten, finden nicht die nötige Unterstützung nach ihrer Rückkehr. Andreas Rückwoldt ist seit vielen Jahren schwer krank, er hat es sich zur Aufgabe gemacht, dass gefallene Soldaten und Veteranen wie er nicht vergessen werden. Dass sein Sohn sich als Soldat ebenfalls für Auslandseinsätze meldet, beschäftigt ihn.

Obeid Said weiß seit dem 11. September nicht mehr, ob er sich in Deutschland sicher fühlen kann. Der gebürtige Afghane kommt in den 1980er-Jahren mit seiner Familie nach Deutschland, liebt die Freiheit, will sich bestmöglich in die deutsche Gesellschaft integrieren – und steht nach den Anschlägen plötzlich ins Visier Die Polizei steht vor seiner Tür, obwohl der Student nichts mit den Hamburger Todespiloten zu tun hat.

Andreas Lohmeyer von der Hamburger Polizei organisiert im Herbst 2001 die Rasterfahndung. Die Behörden fürchten, dass es neben den Todespiloten weitere islamistische Terrorzellen in Hamburg geben könnte. Ihm ist wichtig, dass die Ermittler sehr genau vorgehen: »Was auf keinen Fall passieren darf, dass wir in eine gesamtgesellschaftliche Situation kommen, in der ein Moslem unter Generalverdacht steht«, gibt er seinen Kollegen damals mit auf den Weg.

Ob sein Vater sich in seiner zweiten Heimat USA irgendwann zuhause gefühlt hätte, kann Nick Gorki nicht sagen, obwohl er die Frage gerne gestellt hätte. Aber Nick hat seinen deutschen Vater, Sebastian Gorki, nie kennengelernt. Sebastian Gorki aus dem Sauerland stirbt am 11. September 2001 im World Trade Center, Sebastians Freundin Paula ist mit Nick schwanger, kann sich in letzter Minute in Sicherheit bringen. Seitdem rätselt Nick Gorki, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte er seinen Vater kennenlernen können. Mutter und Sohn verbindet eine enge Beziehung, gemeinsam haben sie versucht, den Verlust zu bewältigen. Doch eine Lücke bleibt für beide.

Hier geht es zur Dokumentation »Das Erbe von 9/11 – Deutschland nach den Anschlägen« in der ARD Mediathek.

Der Podcast

Der Terror von 9/11 hat die Welt verändert – und besonders auch Deutschland. Die Terrorakte rückten das Land bei der Verfolgung der Täter ins Zentrum der weltweiten Anstrengungen gegen den Islamismus: Drei Todespiloten kamen aus Hamburg, wo sie den Plan des islamistischen Netzwerks Al-Kaida vorbereitet hatten. Die Jagd auf die Verantwortlichen und auf Al-Kaida-Chef Bin Laden setzte die Sicherheitsbehörden in Hamburg und Berlin unter Druck und verschob deren Fokus grundlegend – mit den Attentaten begann die Konzentration auf islamistische Netzwerke.

Podcast-Host Konstanze Nastarowitz erlebte den 11. September als Kind. Es ist der erste Terroranschlag, an den sie sich bewusst, aber nur sehr verschwommen, erinnern kann. Stellvertretend für ihre Generation geht sie jetzt auf die Suche nach den Spuren des 11. Septembers und reist zurück in die Wochen nach 9/11, als aus dem Stadtteil südlich der Elbe »Pearl Harburg« wurde – dort, wo die Terroristen gewohnt hatten. Hamburg bewegte Trauer und Mitgefühl, aber auch Angst: vor weiteren Anschlägen und vor einem beschädigten Image.

Der Podcast taucht ein in die Ermittlungen von damals und fragt nach Folgen bis heute. Nach 9/11 standen Muslime plötzlich unter Verdacht, nicht selten pauschal – in der Öffentlichkeit, aber auch bei den Sicherheitsbehörden. Stigmatisierung und Generalverdacht oder berechtigte Vorsorge? Gerade die Fahnder in Hamburg hatten damals Angst, erneut die nächsten Attentäter zu übersehen. Für viele Muslime markiert die Zeit nach 9/11 bis heute den Beginn von Verdächtigungen und Diskriminierungen, die nach jedem weiteren Anschlag neu belebt wurden.

Der fünfteilige Podcast »Pearl Harburg – Deutschland nach 9/11« ist bei ARD Sounds, auf NDR Info und überall zu hören, wo es Podcasts gibt.

Das ARD Radiofeature

25 Jahre nach dem 11. September 2001 beleuchtet das Feature den Druck, unter dem die deutsche Außen- und Verteidigungspolitik nach den erschütternden Anschlägen stand, und Berlins Reaktion auf die Erwartungen aus Washington. Zeitzeugen aus Politik und Bundeswehr berichten, welche Folgen bis heute nachwirken und wie sich der Umgang mit Krieg und Militär seither verändert hat.
Ein ehemaliger KSK-Offizier erzählt erstmals die abenteuerliche Geschichte, wie er 2001 als erster Bundeswehrsoldat afghanischen Boden betrat. Zu Wort kommen außerdem der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping, die Ex-Generäle Wolfgang Schneiderhan und Harald Kujat sowie Vater und Sohn Rückewoldt – Afghanistanveteran und ein junger Soldat, der trotz Einsatzschädigung seines Vaters selbst zum Einsatz bereit ist. Die ehemaligen Bundestagsabgeordneten Christa Lörcher (SPD) und Angelika Beer (Bündnis 90/Die Grünen) schildern zudem, warum sie den Einsatzbefehl damals kritisiert haben.
Das Feature »Nach 9/11 – Deutschland im Krieg« ist bei ARD Sounds, auf NDR Info und überall zu hören, wo es Podcasts gibt.

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