Amerika Haus

Eingangsbereich der Berliner Landeszenrtale für politische Blildung im Amerika Haus
Bild: LZ

Das Amerika Haus Berlin sticht unter den amerikanischen Kultur- und Informationszentren in der Bundesrepublik heraus. Es war größer und symbolträchtiger als seine Pendants in anderen Städten, und seine Aufgabenbereiche waren anders gelagert. Grund für seine Sonderstellung war der Sitz des Hauses in der geteilten Stadt Berlin, dem Schaufenster und der Nahtstelle des Kalten Krieges. Die Stadt besaß aufgrund des Viermächtestatus, der Teilung und spektakulärer Aktionen wie der Luftbrücke international eine hohe Symbolkraft. Wegen der besonderen lokalen Situation war das Berliner Amerika Haus bis zum Mauerbau im August 1961 auch für die Bevölkerung der DDR zugänglich.

Als ab Herbst 1945 die ersten Reading Rooms in der amerikanischen Besatzungszone öffneten, war nicht abzusehen, dass daraus sehr schnell „Amerika Häuser“ werden würden, die über Jahrzehnte hinweg Bestand haben sollten. Ende 1945/Anfang 1946 richtete die amerikanische Militärregierung erste Leseräume in ihrer Besatzungszone ein, zunächst nur für amerikanische Militärs. Doch bald bekam die deutsche Bevölkerung Zugang, und schnell entwickelten sich die Amerika Häuser zu beliebten Institutionen in der deutschen Bevölkerung sowie zu erfolgreichen Instrumenten der amerikanischen Demokratisierungspolitik. Bis Anfang der 1950er Jahre stieg die Zahl der Amerika Häuser in den westlichen Besatzungszonen auf über 30 an, denen etwa 130 Lesesäle in kleineren Städten angeschlossen waren. Bookmobiles bedienten als fahrende Büchereien kleinere Gemeinden. Im Zentrum stand die Bibliothek, aber auch ein umfangreiches Vortrags- und Diskussionsprogramm, Konzerte, Theateraufführungen, Filmvorführungen, Ausstellungen und Sprachkurse gehörten zum Angebot.

Das Berliner Amerika Haus eröffnete am 26. Februar 1946 in der Kleiststraße seine Pforten und zog 1949 in die Einemstraße. Nach mehr als fünfjähriger Planungs- und Bauphase bezog das Amerika Haus dann 1957 seine neuen Räumlichkeiten in der Hardenbergstraße. Damit rückte das Amerika Haus mitten ins neue Zentrum West-Berlins, war aber gleichzeitig auch gut für Besucher aus dem Ostsektor der Stadt zu erreichen. Die Architektur des neu erbauten, speziell auf die Zwecke des Amerika Hauses ausgerichteten Gebäudes spiegelte die demokratischen Werte, für die das Haus stehen wollte: Offenheit, Transparenz, Zugänglichkeit. Die Besucher sollen sich willkommen fühlen und das Amerika Haus in dem Gefühl besuchen, dass hier offener, demokratischer Meinungstausch nicht nur möglich, sondern ausdrücklich erwünscht war. In den Farben blau, rot und weiß gehalten, zeigte die Fassade des Hauses die Farben der USA. Darauf stand in großen Lettern der Schriftzug AMERIKA HAUS.

Der Neubau von Bruno Grimmek war Teil eines Bauprogramms des State Department für mehrere Amerika Häuser, die im Laufe der 1950er und frühen 1960er Jahre neben Berlin in Essen, Hof, Köln, Frankfurt, München, Hamburg und Stuttgart eröffneten. Die westdeutsche Seite beteiligte sich an diesen Neubauten finanziell sowie mit der Bereitstellung von Grundstücken. Die Gebäude sind daher Ausdruck des beiderseitigen Willens zur längerfristigen Fortsetzung der amerikanischen Kultur- und Informationspolitik in Westdeutschland und West-Berlin. Dies war keine Selbstverständlichkeit, denn die Rahmenbedingungen für die Arbeit der Amerika Häuser hatten sich seit ihrer Gründung maßgeblich verändert. 1949 war die Bundesrepublik gegründet worden und seit 1955 war sie Partner der USA in der NATO. Welche Existenzberechtigung hatten Einrichtungen aus der Besatzungszeit unter diesen Umständen also noch?

Die Amerika Häuser passten sich rasch neuen politischen Rahmenbedingungen an. Als Instrumente der Re-education gegründet, erweiterte sich mit Beginn des Kalten Krieges ihr Aufgabengebiet um eine dezidiert antikommunistische Komponente. Als nun Westdeutschland souverän und zum Bündnispartner der USA wurde, schlossen zwar etliche Amerika Häuser und die meisten Lesesäle, doch die verbleibenden gut 20 Institute wandelten sich nahezu bruchlos zu Agenturen des Atlantischen Bündnisses. Sie blieben Teil der US-Außenpolitik, zielten nun aber darauf, das westliche Bündnis nach innen zu stabilisieren, die Außenpolitik der USA zu flankieren und die Bundesbürger für die westliche Allianz unter amerikanischer Hegemonie einzunehmen. Zielgruppen dieser Politik waren nicht mehr die Massen der Bevölkerung, sondern vor allem Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, Meinungsmachende, Führungspersönlichkeiten und Jugendliche.

Das Amerika Haus Berlin nahm einen besonderen Stellenwert in der auswärtigen Kultur- und Informationspolitik der USA in Westdeutschland ein. Es unterstand wie alle anderen Amerika Häuser sowie die binationalen Deutsch-Amerikanischen Institute dem United States Information Service (USIS), dem für Westdeutschland zuständigen Arm der 1953 gegründeten United States Information Agency (USIA). Diese Behörde war weltweit für die auswärtige Kultur- und Informationspolitik der USA zuständig und formulierte in jährlichen Country Plans, welche Ziele in der Bundesrepublik erreicht werden sollten und welche Themen besonders wichtig waren.

Berlin hatte in diesen Plänen eine eigene Rubrik. Zum einen galt es, die Bevölkerung in West-Berlin und in ganz Westdeutschland davon zu überzeugen, dass die USA alles daran setzten, die Freiheit West-Berlins zu sichern. Daher nahmen berlinbezogene Themen bis zum Mauerbau in den Veranstaltungsprogrammen der übrigen westdeutschen Amerika Häuser und Deutsch-Amerikanischen Institute großen Raum ein. In Berlin selbst richtete sich die amerikanische Kultur- und Informationspolitik zum anderen auch an die ostdeutsche Bevölkerung, um deren Glauben an westliche, freiheitliche und demokratische Werte zu fördern und zu stärken. Bis zum Mauerbau kamen dem Amerika Haus in der Hardenbergstraße dabei besondere Aufgaben zu, denn es war die einzige Einrichtung dieser Art, die Bewohner aus dem Ostsektor der Stadt tatsächlich besuchen konnten.

Aufgrund dieser einzigartigen Situation hatte das Amerika Haus Berlin Veranstaltungen im Programm, die es in keinem anderen Haus gab. Bibliothek, Filmprogramm, Veranstaltungen und Informationsmaterial waren zu beträchtlichen Teilen auf eine ostdeutsche Klientel ausgerichtet, der diese Art von Information ansonsten nicht oder kaum zugänglich war. In ihren Erinnerungen verweisen Ost-Berliner immer wieder darauf, dass sie ins Amerika Haus gingen, um dort Jazz zu hören, Filme zu sehen und Bücher zu lesen, die in der Sowjetischen Besatzungszone verboten waren, oder um dort Kontakte zu knüpfen. Mit dem Mauerbau endete diese Form des direkten Kontakts abrupt. Von nun an war der Radiosender RIAS das einzige Instrument der amerikanischen Kultur- und Informationspolitik, das die Ost-Berliner Bevölkerung erreichen konnte. Nur wenige Monate nach dem Mauerbau eröffnete dann im Amerika Haus die Dauerausstellung „Die Mauer“ im früheren Ost-Lesesaal, die als fester Programmbaustein für prominente Amerika Haus-Besucher etabliert wurde. Viele Aufnahmen der USIA zeigen, wie Persönlichkeiten aus Politik und Kultur die Ausstellung betrachten.

Wie alle anderen Amerika Häuser und Deutsch-Amerikanischen Institute setzte auch das Berliner Haus nicht nur auf seine öffentlichen Veranstaltungen, sondern strebte danach, möglichst vielfältige und weitreichende Netzwerke in Gesellschaft, Wissenschaft, Bildung, Kultur, Wirtschaft und Politik zu unterhalten. Die Mitveranstalter der Amerika Häuser gehörten immer auch zu deren Zielgruppen; Kooperationen erschlossen also ein größeres Zielpublikum, senkten Kosten und steigerten im Idealfall das Renommee. Netzwerkarbeit leisteten die Amerika Häuser auch durch die Betreuung von „Amerikafahrern“, die im Rahmen eines Stipendiums die USA besucht hatten, durch Lehrerfortbildungen, und durch Kontakte mit den Universitäten und amerikanischen Gastwissenschaftlern. Gerade die Aktivitäten im Bildungs- und Wissenschaftsbereich sollten auch dazu beitragen, die Amerikakunde fester in den deutschen Lehrplänen zu verankern und dadurch Schüler und Studierende mit den USA besser vertraut zu machen.

Diese Form der Zusammenarbeit gewann an Bedeutung, je schwieriger die Voraussetzungen für Kultur- und Informationsarbeit wurden. Denn in den zerstörten Städten der Nachkriegszeit öffneten bald wieder deutsche Bibliotheken, Theater, Konzertsäle, Universitäten und andere kulturelle und wissenschaftliche Einrichtungen, sodass die Amerika Häuser verstärkt um ihr Zielpublikum kämpfen mussten. Auch die technische Ausstattung der Privathaushalte beeinflusste das Programm. Dokumentationsfilme oder „Election Nights“ in der Nacht der amerikanischen Präsidentschaftswahlen zogen nur so lange ein großes Publikum an, bis das Fernsehen Einzug hielt und dem Amerika Haus Konkurrenz machte. Angesichts solcher Entwicklungen warnte ein amerikanischer USIS-Mitarbeiter 1972 in drastischer Wortwahl, das Amerika Haus Berlin sei nicht mehr attraktiv für eine junge, gebildete Klientel und müsse aufpassen, nicht zum „Stammtisch for Berlin’s retired and an entertainment center for the mentally unstable“ zu werden. 1 Die Amerika Häuser mussten ihre Arbeit also nicht nur der außenpolitischen Situation anpassen, sondern auch der sich verändernden Kultur-, Medien- und Wissenschaftslandschaft des Gastlandes – eine permanente Herausforderung.

Der Vietnamkrieg und die Studierendenproteste der späten 1960er und frühen 1970er Jahre führten zu weiteren Schwierigkeiten für die amerikanischen Kultur- und Informationszentren in der Bundesrepublik. Die Häuser wurden zur Zielscheibe des Protests, und zwar in doppelter Hinsicht. Erstens standen sie stellvertretend für „die USA“ und waren daher geeignete Orte, um gegen die US-Politik in Vietnam und den „US-Imperialismus“ zu protestieren. Zweitens gerieten auch die Häuser selbst in die Kritik. Sie galten den Protestierenden als Propagandaeinrichtungen, die das Image der USA aufzupolieren suchten, dabei aber die Grundsätze von Offenheit, ausgewogener Information und Diskussionsbereitschaft vermissen ließen. Zur Demokratisierung der Westdeutschen gegründet, waren die Amerika Häuser nun dem Vorwurf ausgesetzt, demokratische Prinzipien mir Füßen zu treten. Kooperationspartner bei Veranstaltungen waren in dieser Situation besonders gefragt, signalisierten sie doch, dass die Amerika Häuser weiterhin respektable wichtige Einrichtungen waren.

Auch hier wird die Sonderstellung des Berliner Hauses sichtbar. West-Berlin war die Hochburg der Proteste, hier tobten die Auseinandersetzungen besonders heftig. Einer der zentralen Schauplätze war das Amerika Haus. Den Auftakt bildete eine Demonstration gegen den Vietnamkrieg, bei der am 5. Februar 1966 fünf Eier gegen die Fassade des Amerika Hauses flogen und die USA-Flagge – je nach Darstellung – auf Halbmast gesetzt oder heruntergerissen wurde. Zeitgenössisch und rückblickend wurden die Eierwürfe immer wieder als eine Schlüsselszene der „68er“-Proteste in der Bundesrepublik beschrieben. Presse, Bürger und Politiker reagierten gleichermaßen schockiert und aufgeregt. Noch vertraten viele die Ansicht, die Freiheit Berlins werde auch in Vietnam verteidigt, wie eine gängige Formulierung der Zeit lautete. Proteste am Amerika Haus in einer Stadt, die den USA so viel zu verdanken hatte – für viele undenkbar.

In den kommenden Monaten und Jahren erlebten die Bundesrepublik, West-Berlin und die Amerika Häuser weitaus radikalere und gewalttätigere Proteste als die Eierwürfe des 5. Februar, doch dieser erste Protest rief weitreichende Reaktionen hervor. Vom Regierenden Bürgermeister bis zum Allgemeinen Studierendenausschuss der FU Berlin verurteilten Würdenträger und Bürger die Aktion als „Schande für unser Berlin“, wie die Berliner Zeitung titelte. CDU, Junge Union und der Ring Christlicher Studenten organisierten eine Sympathiekundgebung vor dem Amerika Haus, an der mehrere Tausend Berliner teilnahmen. Protest und Gegenprotest fanden also am gleichen Ort statt, das Amerika Haus Berlin wird hier als ein Ort sichtbar, an dem sich zentrale Auseinandersetzungen um die USA abspielten.

Diese Symbol- und Stellvertreterfunktion hatten die Amerika Häuser und Deutsch-Amerikanischen Institute zeit ihres Bestehens. In Berlin wie auch in anderen Städten gingen die Menschen nach der Ermordung John F. Kennedys zum Amerika Haus, um sich in Kondolenzbücher einzutragen, und auch für Persönlichkeiten wie Lucius Clay und John McCloy lagen Kondolenzbücher im Amerika Haus aus. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 legten die Bürger Blumen und Kerzen nieder. Umgekehrt führten Demonstrationsrouten immer wieder am Amerika Haus vorbei, sei es während der „68er“-Proteste oder zu Beginn der 1980er Jahre im Zuge der Friedensbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss oder im Zusammenhang mit den Protesten gegen die US-Politik in Südamerika. Nicht immer blieb es bei Kundgebungen oder Sprechchören, immer wieder wurden Veranstaltungen gestört, gab es Steinwürfe oder Brandanschläge, und 1980 besetzten Sympathisanten der RAF sogar für kurze Zeit das Dach des Amerika Hauses. Für die Amerikaner, die während der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte in der Bundesrepublik tätig gewesen waren, war dieser Umschwung schockierend. So berichtete ein hochrangiger USIS-Mitarbeiter rückblickend:
“When I arrived in Berlin in November 1970, the America House (…) did not have one window left. Every window had been shattered. This was a tremendous cultural shock for me. I had left Germany in 1955 with the feeling that we, the Americans, had helped the Germans reestablish a viable society; we integrated them into the western community; we got them in our security apparatus; they were developing a good and firm democracy. I came back in 1970, fifteen years later, to find the students on the streets on rampages against the Americans.” 2
Aus diesem Statement sprechen der ganze Stolz der Amerikaner auf ihre Leistung und die Erinnerung an die immense Dankbarkeit und Bewunderung vieler Deutscher, gerade in Berlin. Es schien unbegreiflich, dass die USA nun Zielscheibe massiver Kritik und gewalttätiger Angriffe waren.

Gewalttätiger Protest stellte eine große Herausforderung für viele Amerika Häuser dar, und auch das Berliner Haus musste das Verhältnis zwischen Sicherheit und Offenheit immer wieder sorgfältig ausbalancieren. Zur dauerhaften Abriegelung des Amerika Hauses führten jedoch erst die Anschläge vom 11. September 2001, nach denen nur noch registrierte Gäste Eintritt erhielten. Zu groß erschien die Gefahr eines Anschlages.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die politische Situation und damit auch die des Amerika Hauses abermals grundlegend verändert. Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung schien auswärtige Kultur- und Informationspolitik in der Form, wie sie zu Beginn des Kalten Krieges entstanden war, überflüssig geworden zu sein. 1999 wurde die USIA aufgelöst und einige ihrer Funktionen gingen auf das State Department über. Im gleichen Jahr zog die US-Botschaft von Bonn in die neue alte Hauptstadt Berlin um und übernahm dort die Kulturaufgaben der USA. Als das Berliner Amerika Haus dann nach den Anschlägen von 2001 kaum noch zugänglich war, hatte es seine Funktion als Ort der aktuellen Auseinandersetzung mit den USA vollends verloren. 2006 wurde das Amerika Haus geschlossen und der Stadt Berlin als Eigentümerin des Gebäudes übergeben. 2014 zog die C/O-Galerie nach mehreren Jahren der wechselnden Nutzung und des Leerstandes in das Gebäude, 2016 folgte die Landeszentrale für politische Bildung.

Als Symbol für eine historische Epoche der deutsch-amerikanischen Beziehungen steht das denkmalgeschützte Haus weiterhin. Seine sorgfältig restaurierte Fassade und der Schriftzug AMERIKA HAUS erinnern daran, wie in der Bundesrepublik, insbesondere aber in West-Berlin innerhalb kurzer Zeit intensive deutsch-amerikanische Beziehungen zwischen Freundschaft, Bewunderung, Kritik und Ablehnung entstanden. Das Amerika Haus Berlin ist Spiegel dieses Geflechtes von Beziehungen und Wahrnehmungen, gleichzeitig gestaltete das Haus die deutsch-amerikanischen Kontakte selbst mit.

1 Miller, USIS an PAO Catherman vom 15. März 1972: StadtAT, E 418, Nr. 125.
2 Interview mit Terrence Catherman vom 25. Januar 1991, URL: https://www.loc.gov/item/mfdipbib000190/

Text: Reinhild Kreis