Berliner Originale

Berliner Originale

Was wäre Berlin ohne Berliner? Vor allem im 19. und 20. Jahrhundert prägten Berliner Originale das Bild der Stadtbewohner, wie es bis heute besteht.

Köpenick - Altstadt

© Franziska Delenk

Der Hauptmann von Köpenick vor dem Rathaus Köpenick.

Die Art der Berliner ist weit bekannt – unter Berliner Schnauze, Milljöh und Berliner Luft kann sich fast jeder etwas vorstellen. Die meisten dieser Eigenarten und Legenden entstanden im mittleren und späten 19. Jahrhundert, als Berlin von der Hauptstadt Preußens zur Hauptstadt des gesamten Kaiserreiches aufstieg. In dieser Zeit wuchs die Stadt stark, der Bauboom in der Gründerzeit hat seine Spuren bis heute in den Altbauvierteln hinterlassen. Die Bevölkerung vervielfachte sich, Zuwanderer aus allen Richtungen strömten nach Berlin. Einige der bekanntesten Berliner Originale und ihre Geschichten werden hier vorgestellt.

Bimmel-Bolle

Die weißen Bolle-Milchwagen waren mit ihren Handglocken kaum zu überhören – und äußerst beliebt. Carl Andreas Julius Bolle gründete die Meierei C. Bolle 1879 und baute sich in den folgenden Jahren ein wahres Milch-Imperium mit bis zu 250 Pferdefuhrwagen auf. Deren lautes Gebimmel brachte ihm seinen Spitznamen ein. Später entstand aus der Meierei die Supermarktkette Bolle, die noch bis 2011 in Berlin vertreten war.

Krücke

In seiner Jugend träumte Reinhold Franz Habisch noch von einer eigenen Sportlerkarriere. Ein Unfall, bei dem er unter eine Straßenbahn geriet und ein Bein verlor, machte ihm dabei einen Strich durch die Rechnung. Seine Begeisterung für den Radsport verlor er aber nie und wurde so in den 1920ern zum Stammgast des Sechstagerennens im Sportpalast. Mit seinen Witzen unterhielt er die Zuschauer, sodass er schließlich zu einem festen Bestandteil der Veranstaltung wurde. Außerdem verlieh er der Begleitmusik gerne seine eigene Note: Krückes Pfeifbegleitung zum Walzer "Wiener Praterleben" erlangte als "Sportpalastwalzer" Bekanntheit und wurde zur Hymne des Sechstagerennens.

Pinselheinrich

Bei Heinrich Zille dürfte es sich um eine der bekanntesten Berliner Persönlichkeiten handeln. Mit Kommentaren in breitem Berlinerisch hielt er Situationen aus dem Berliner Alltagsleben Anfang des 20. Jahrhunderts, die in der proletarischen Unterschicht spielten, zeichnerisch fest. So brachte er auch Außenstehenden das Leben im "Milljöh", den Mietskasernen, Hinterhöfen und Arbeitervierteln, näher. Oft zeichneten sich seine Dokumentationen durch Anekdoten und Galgenhumor aus. Im Zille Museum und bei der Zille Revue kann man sich bis heute an seinen Zeichnungen und Geschichten erfreuen.

Der Hauptmann von Köpenick

Er erfand den "Clou" lange bevor andere darauf kamen: 1906 stürmte Friedrich Wilhelm Voigt als Hauptmann verkleidet mit einer Truppe gutgläubiger Soldaten das Köpenicker Rathaus, verhaftete dabei den Bürgermeister und nahm die Stadtkasse mit. Durch das Theaterstück "Der Hauptmann von Köpenick" erreichten Person und Vorfall weite Bekanntheit. Voigt, der Sohn eines Schuhmachers aus Tilsit war, saß schon mit 14 wegen eines Diebstahls zum ersten Mal im Zuchthaus. Seinen Plan setzte in Berlin mithilfe von verschiedenen Uniformteilen aus dem Trödel in die Tat um.

Strohhut-Emil

Die Artistenkarriere von Emil Riemer endete zunächst, als er sich bei einem Zirkustrick schwer verletzte. Dennoch trat er weiter als Straßenkünstler auf und erlangte mit seinem aufklappbaren Strohhut Berühmtheit. Über einen Mechanismus konnte er den Deckel des Hutes öffnen und Passanten überraschen. Auch seine Meinung äußerte Riemer frei und offen, womit er sich als unangepasste Person wohl bei den Nationalsozialisten als auch später beim DDR-Regime unbeliebt machte.

Harfenjule

Die blinde Straßensängerin Luise Nordmann verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit Gesangsdarbietungen in den Hinterhöfen Berlins. Nachdem ihr Talent entdeckt wurde, erhielt sie eine Zeit lang sogar Gesangsunterricht. Den ärmlichen Verhältnissen konnte sie dennoch kaum entkommen und lebte weiterhin in einer Kellerwohnung in Schöneberg. Ihre Auftritte mit schwarzem Strohhut und Harfe wurden unter anderem von Heinrich Zille zeichnerisch festgehalten.

Eckensteher Nante

Ferdinand Strump, kurz Nante, kommentierte das Geschehen um ihn herum auf unvergleichliche Art mit Witzen, Sprüchen und Liedern. Als Dienstmann, ähnlich einem modernen Leiharbeiter, stand er Tag für Tag an der Straßenecke Königstraße/Neue Friedrichstraße, in der Nähe der Friedrichsbrücke an der Museumsinsel. Zu besonderem Ruhm gelangte er, als ihm ein eigenes Volksstück gewidmet wurde, das Bezug auf seine Sprüche und Lieder nahm.

Madame Du Titre

Trotz ihrer französisch-hugenottischen Wurzeln war die geborene Marie Anne George vor allem für ihr besonders urwüchsiges Berlinerisch bekannt. Die Dame der High Society war in Sachen Klatsch und Tratsch im Berlin des späten 18. Jahrhunderts stets hervorragend informiert. Sie stammte aus reichen Verhältnissen und kleidete sich elegant, nahm aber nie ein Blatt vor den Mund und schämte sich nicht für ihre einfache Bildung. Angeblich traf sie sogar auf Dichterlegende Goethe, dem sie mit voller Überzeugung ein Schiller-Zitat vortrug.

Onkel Pelle

Mit seinen Kunststücken hatte der Zirkuskünstler und Schausteller Adolf Rautmann so viel Erfolg, dass er sich seinen Spitznamen markenrechtlich schützen ließ. Der Freund Heinrich Zilles trat vor allem vor Kindern auf, nachdem er schon mit dem Circus Renz und dem Circus Krone unterwegs gewesen war. Diesen zeigte er lustige Tricks, zauberte wie von Geisterhand Bonbons hervor und verkleidete sich mit lustigen Mützen und Kostümen. Den Namen handelte ihm seine hagere Erscheinung ein: Nur Pelle und Knochen.

Mutter Lustig

So strahlend weiß wurden die Schürzen der Fleischer nur in der Wäscherei von Henriette Lustig in Köpenick. 1835 gründete die Unternehmerin das erste Wäschereigewerbe des Ortes, später siedelten sich aufgrund des guten Standortes an der Spree auch viele weitere Wäschereien dort an. Mit der Plastik "Wäscherin" würde ihr in Köpenick neben dem Ausflugslokal Mutter Lustig ein eigenes Denkmal gesetzt – es zeigt die Frau, die 17 Kinder geboren haben soll, in ihrer Arbeitshaltung.
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Quelle: Berlin.de

| Aktualisierung: 13. September 2017