Industrie im Dialog

Eine Gruppe von Menschen in einem Konferenzraum zu einem Gruppenbild aufgestelt

Bezahlbarer Strom, Fachkräfte, Bürokratieabbau und Dual Use – beim MPI Dialog am 11. Mai 2026 diskutierten Vertreterinnen und Vertreter der Berliner Elektroindustrie mit Staatssekretär Dr. Severin Fischer über die drängendsten Standortfragen der Elektroindustrie.

Der MPI Dialog beleuchtet Perspektiven und Potenziale der Berliner Industrie: Das branchenspezifische Diskussionsformat im Rahmen des Masterplans Industriestadt Berlin ist eine Plattform für den direkten Austausch zwischen Wirtschaft und Politik. Nach erfolgreichen Dialog-Veranstaltungen mit der Chemiebranche lud Staatssekretär Dr. Severin Fischer am 11. Mai 2026 zum MPI Dialog mit der Elektroindustrie in das CIC Berlin ein. Geschäftsführer zahlreicher anwesender Unternehmen nutzten die Gelegenheit, die aktuellen Herausforderungen und Chancen der Branche in der Hauptstadt zu diskutieren. Federführend vorbereitet und durchgeführt wurde die Veranstaltung von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, gemeinsam mit dem ZVEI – Verband der Elektro- und Digitalindustrie, der IHK Berlin, dem VME – Verband der Metall- und Elektroindustrie Berlin-Brandenburg sowie der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH. Staatssekretär Dr. Severin Fischer eröffnete die Veranstaltung und unterstrich die herausragende Bedeutung der Elektroindustrie für den Standort Berlin: Mit über 27.000 Beschäftigten ist sie die größte industrielle Arbeitgeberin der Stadt und zugleich einer der umsatzstärksten Industriezweige mit einem Gesamtumsatz von 6,2 Milliarden Euro im Jahr 2024. Berlin zählt sowohl innerhalb Deutschlands als auch in der EU zu den führenden Standorten der Mikroelektronik – Kompetenzen, die für die technologische Souveränität Europas von entscheidender Bedeutung sind.

Unternehmer-Perspektiven sollen in die politische Arbeit einfließen
Fischer betonte, dass der Dialog dazu diene, die Perspektiven der Unternehmen direkt in die politische Arbeit einzubringen und die Unterstützungsangebote des Landes noch gezielter auszurichten. Die Ergebnisse fließen in die Weiterentwicklung des Masterplans Industriestadt Berlin ein. Trotz einer herausfordernden geopolitischen Gesamtlage habe sich die Berliner Industrie als resilient erwiesen und im vergangenen Jahr ein Wachstum von 0,9 Prozent verzeichnet und lag damit erneut über dem Bundesdurchschnitt.

Der Staatssekretär betonte die strategische Stärke Berlins: die enge Verzahnung von Wirtschaft und Forschung. Die Kombination aus exzellenter Forschungslandschaft, innovativen Start-ups und engagierten Unternehmen schaffe ideale Voraussetzungen für den Wissens- und Technologietransfer – und damit für die Etablierung von Schlüsseltechnologien in der Industrie. Besondere Wachstumschancen für die Elektroindustrie bieten dabei der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Produktion sowie Dual-Use-Technologien. So wird KI in der Produktion in Berlin gezielt vorangetrieben – etwa durch den ai.berlin hub und die Deep Tech Berlin Agenda (DTBA). Gleichzeitig entwickelt sich Berlin als High-Tech- und Innovationshub zum zentralen Akteur für die deutsche Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Hier eröffnen Dual-Use-Technologien der Elektroindustrie neue Märkte und Anwendungsfelder. Um dieses Potenzial in Berlin systematisch zu nutzen, wurde die Initiative „TechHub SVI Ost ins Leben gerufen.

Ein Gruppe von Menschen in einem Konferenzraum sitzend an einem langen Konferenztisch

Nachhaltigkeit weltweit verankern

Lage der Elektroindustrie: Chancen und Herausforderungen

Sarah Bäumchen, Geschäftsführerin des ZVEI, ordnete die Berliner Elektroindustrie in den nationalen und europäischen Kontext ein. Rund 150 Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten sind am Standort ansässig und stellen ca. 25 Prozent der gesamten Berliner Industriebeschäftigung. Die Branche ist stark exportorientiert – 56 Prozent des Umsatzes werden im Ausland erwirtschaftet. Die Branchenfelder reichen von Energie- und Netztechnik über Automation und Robotik bis hin zu Mikroelektronik und Medizintechnik.

Für 2026 erwartet der ZVEI nach schwierigen Jahren wieder ein Produktionswachstum von zwei Prozent. Durch die Megatrends Elektrifizierung und Digitalisierung kann die Elektroindustrie zum zentralen Wertschöpfungstreiber in Deutschland werden. Die Branche steht jedoch weiterhin unter erheblichem Wettbewerbsdruck. Drei große Chancenachsen identifizierte Bäumchen für den Standort Berlin: Erstens Energie und Infrastruktur mit dem Fokus auf Netzausbau, Investitionssicherheit und Standardisierung von Anschlussprozessen, denn die Elektrifizierung aller Sektoren werde den Strombedarf in Deutschland bis 2045 mehr als verdoppeln. Zweitens industrielle KI, bei der Deutschland dank seines Produktionswissens ein hohes Wertschöpfungspotenzial habe und Berlin seine Stärken in der systematischen Vernetzung von Produktion, Hardware, Cloud und Software ausbauen könne. Und drittens Resilienz und Dual Use, da der elektronische Anteil an Verteidigungsgütern von zehn Prozent im Jahr 2000 auf voraussichtlich 25 Prozent bis 2035 steigen werde.

In der anschließenden Diskussionsrunde brachten die teilnehmenden Unternehmen – darunter ABB, Adtran, AEMtec, BAE Batterien, Corning, Prysmian, Selux, Siemens und weitere – ihre konkreten Anliegen ein. Mehrere zentrale Themen kristallisierten sich heraus:

Bezahlbare Energie und stabile Versorgung
Die hohen Energiekosten am Standort sind für viele Unternehmen eine der größten Herausforderungen. Mehrere Teilnehmende forderten eine Senkung der Stromsteuer, die direkt bei Endverbrauchern und Unternehmen ankomme. Besonderes Gewicht erhielt das Thema Versorgungssicherheit: Unternehmen aus dem Technologiepark Adlershof berichteten von den konkreten Folgen eines Stromausfalls im September 2025, der zu erheblichen Produktionsschäden und mehrtägiger Arbeitsunfähigkeit geführt hatte. Das Thema Resilienz der Stromversorgung wurde daraufhin als prioritär für ein Folgetreffen identifiziert.

Fachkräfte und Ausbildung
Der Mangel an MINT-Fachkräften, insbesondere in der Mikroelektronik, wurde von mehreren Unternehmen angesprochen. Zugleich plädierten Teilnehmende dafür, die für Mikroelektronik relevanten Studiengänge in Berlin stärker zu fördern und den Frauenanteil in technischen Berufen zu erhöhen. Zum Thema Ausbildungsplatzumlage äußerten einige Unternehmen Bedenken.

Bürokratieabbau und Planungssicherheit
Regulatorische Belastungen – von der europäischen Ebene mit dem Cyber Resilience Act bis hin zu nationalen Genehmigungsverfahren – wurden als wachsende Hürde für die Wettbewerbsfähigkeit benannt. Unternehmen forderten schnellere Verwaltungsprozesse, mehr Planungssicherheit beim Netzausbau und eine praxistaugliche Umsetzung europäischer Regulierung.

Infrastruktur und Standortattraktivität
Eine bessere internationale Anbindung des Flughafens BER und die Verbesserung der Standortqualität im urbanen Umfeld wurden als wichtige Faktoren für die Anwerbung internationaler Fachkräfte und Geschäftspartner genannt.

KI-Ökosystem und Vernetzung
Philipp Günther von Berlin Partner stellte den ai.berlin hub vor – Berlins zentrale Plattform für Künstliche Intelligenz, die im CIC Berlin angesiedelt ist. Berlin ist mit 283 KI-Start-ups der führende KI-Standort in Deutschland. Der Hub vernetzt Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung und bietet Informationen über Fördermöglichkeiten und Kooperationsprojekte.

Fortsetzung des Dialogs
Staatssekretär Fischer kündigte an, den Dialog als Reihe in Zusammenarbeit mit dem ZVEI fortzusetzen. Für das nächste Treffen wurde als thematischer Schwerpunkt die Energieversorgung vorgeschlagen – einschließlich Strompreisentwicklung, Resilienz und Leistungsfähigkeit des Stromnetzes sowie Rechenzentrenkapazitäten. Sarah Bäumchen bekräftigte die Unterstützung des ZVEI für die Fortführung und schlug vor, gemeinsam an der Föderalen Modernisierungsagenda zu arbeiten – mit fokussiertem Input, wo der größte Mehrwert durch Entbürokratisierung zu erwarten sei.

Der MPI Dialog machte erneut deutlich: Der direkte Austausch zwischen Wirtschaft und Politik ist unverzichtbar, um den Industriestandort Berlin nachhaltig zu stärken. Das abschließende Get-Together mit Rundgang durch das CIC Berlin bot Gelegenheit für vertiefende Gespräche und Vernetzung.

Serviceangebote für Berliner Unternehmen
Die im Dialog diskutierten Herausforderungen und Chancen zeigen, dass Unternehmen bei Themen wie Künstlicher Intelligenz, Fachkräftesicherung, Energieversorgung, Genehmigungsverfahren und der Entwicklung neuer Technologiefelder auf verlässliche Unterstützungsstrukturen angewiesen sind. Hierfür stehen Berliner Unternehmen bereits heute verschiedene Angebote und Anlaufstellen zur Verfügung.

Im Bereich Künstliche Intelligenz unterstützt der genannte ai.berlin hub Unternehmen bei der Vernetzung mit Wissenschaft, Start-ups und weiteren Akteuren des Berliner KI-Ökosystems. Für Unternehmen mit Bezug zu sicherheits- und verteidigungsrelevanten Technologien sowie Dual-Use-Anwendungen bietet der TechHub SVI Ost Möglichkeiten zum Austausch und zur Vernetzung.

Mit Blick auf die im Dialog angesprochenen Themen Bürokratieabbau und Planungssicherheit unterstützen das Business Location Center von Berlin Partner sowie der Einheitliche Ansprechpartner Berlin und der Digitale Wirtschaftsservice Unternehmen bei Standortfragen, Genehmigungsverfahren und Verwaltungsprozessen.

Für Unternehmen, die sich mit steigenden Energiekosten, Energieeffizienz oder der Transformation ihrer Produktionsprozesse beschäftigen, bietet die Koordinierungsstelle für Kreislaufwirtschaft, Energieeffizienz und Klimaschutz im Betrieb Beratungs- und Unterstützungsangebote an.

Zur Fachkräftesicherung stehen Unternehmen unter anderem der Business Immigration Service, der internationale Fachkräfte und Unternehmen bei Einwanderungs- und Anerkennungsprozessen unterstützt, Talent Service Berlin, das Berliner Unternehmen bei der internationalen Fachkräftegewinnung begleitet, sowie TalentsBridge, das internationale Ausbildungs- und Fachkräftepartnerschaften fördert, zur Seite.

Ergänzend unterstützen Weiterbildung.berlin mit Informationen zu Qualifizierungs- und Weiterbildungsangeboten sowie das Aus- und Weiterbildungsnetzwerk Hochtechnologie bei der Fachkräfteentwicklung und Nachwuchsgewinnung insbesondere in den Bereichen Mikroelektronik, Photonik und weiteren Hochtechnologiefeldern.

Diese und weitere Angebote tragen dazu bei, die Wettbewerbsfähigkeit der Berliner Industrie zu stärken und Unternehmen bei aktuellen Transformations- und Wachstumsprozessen zu unterstützen.