Industrielle Transformation im urbanen Raum

  • Franzsika Giffey im Gespräch
  • Franziska Giffey am Modell mit zwei weiteren Herren
  • Blick über Köpfe hinweg auf eine Bühne mit Redner
  • 3D Drucker aufgereiht

Die MPI Konferenz 2025 im ST3AM Berlin-Adlershof zeigte Perspektiven für Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Standortentwicklung – mit Blick auf die besonderen Bedingungen einer wissensintensiven Metropole.

Wie können die vorhandenen Stärken des Industriestandortes Berlin gezielter genutzt werden, um die Rahmenbedingungen für Industrieunternehmen zu verbessern und die Voraussetzungen für eine erfolgreiche industrielle Transformation zu schaffen? Diese Frage diskutierten Akteurinnen und Akteure aus Industrie, Wissenschaft, Verwaltung und Politik bei der MPI Konferenz 2025. Diese fand unter der Überschrift „Ohne Industrie läuft’s nicht. Berliner Perspektiven“ Anfang Dezember in Berlin-Adlershof statt. Die Gäste wurden begrüßt von Britta Teipel von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe und Roland Sillmann von der WISTA Management GmbH. Ziel der Veranstaltung, die von David Hampel von der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH moderiert wurde, war es, den Industriestandort Berlin im Spannungsfeld zwischen globalem Wettbewerbsdruck und lokalen Standortbedingungen einzuordnen.

Berlin als Industriestandort im Wandel

In seiner einleitenden Keynote verdeutlichte Prof. Dr. Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft, dass Industrie heute nicht mehr allein über Produktionsvolumina zu bewerten sei, sondern zunehmend über Wissensintensität, Innovationsfähigkeit und regionale Vernetzung. Vor diesem Hintergrund verwies er auf die besondere Rolle von Metropolregionen, die als Schnittstellen zwischen Forschung, Gründungen und etablierter Industrie fungieren können. Berlin habe in den vergangenen Jahrzehnten einen tiefgreifenden Anpassungsprozess durchlaufen. Der Strukturwandel sei in der Hauptstadt besonders ausgeprägt gewesen, habe aber zugleich die Grundlage für neue Stärken geschaffen. Heute liege Berlin bei der Produktivitätsentwicklung auf einem vergleichsweise stabilen Entwicklungspfad, betonte Hüther. Entscheidend dafür seien die Standortbedingungen sowie die enge Verzahnung mit Wissenschaft und Ausgründungen. „Berlin ist eine wissensintensive Stadt“, so Hüther, und könne sich gerade in schwierigen Zeiten positiv differenzieren, wenn diese Potenziale weiterentwickelt und im regionalen Zusammenhang gedacht würden.

Deutlich wurde dabei auch, dass industrielle Entwicklung heute nicht isoliert betrachtet werden kann. Fragen der Standortattraktivität, der Fachkräfteverfügbarkeit und der administrativen Effizienz wirken unmittelbar auf unternehmerische Entscheidungen. Industriepolitik wird somit zu einer Querschnittsaufgabe, die Infrastruktur, Verwaltungshandeln und Innovationsförderung gleichermaßen betrifft. Gerade in urbanen Räumen entscheidet die Abstimmung zwischen unterschiedlichen Ebenen darüber, ob industrielle Projekte realisiert, skaliert und langfristig am Standort gehalten werden können.

Start-up-Metropole, Wissenschaftsstandort und Industriestadt

Franziska Giffey, Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, verwies in ihrem Impuls auf die Bedeutung der Industrie als stabilisierende Säule der Berliner Wirtschaft. Gerade in Zeiten externer Krisen habe sich gezeigt, dass industrielle Wertschöpfung zur wirtschaftlichen Stabilität und Beschäftigungssicherung beiträgt. Zugleich machte sie deutlich, dass diese Entwicklung kein Selbstläufer ist. Innovation, Investitionen und internationale Wettbewerbsfähigkeit müssten aktiv unterstützt werden, etwa durch gezielte Förderinstrumente, den Ausbau industrieller Flächen und die Stärkung von Transferstrukturen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Zentral sei dabei, industrielle Wertschöpfung nicht gegen andere Stärken der Stadt auszuspielen, sondern integrierte Modelle zu fördern. Berlin ist gleichzeitig Start-up-Metropole, Wissenschaftsstandort und Industriestadt: Diese Vielfalt könne dann zum Vorteil werden, wenn Schnittstellen bewusst gestaltet, Kooperationsräume geschaffen und Übergänge zwischen Forschung, Gründung und industrieller Anwendung erleichtert würden. Der Masterplan Industriestadt Berlin dient in diesem Zusammenhang als Bezugspunkt für die Weiterentwicklung des Industriestandorts und für die Zusammenarbeit von Akteurinnen und Akteuren.

Hochtechnologie und Mittelstand als tragende Säulen urbaner Industrie

Unternehmensbeiträge aus der Praxis machten deutlich, wie sich Berlin als moderne Industriestadt weiterentwickelt. Trotz einer insgesamt angespannten Lage der Industrie, geprägt durch wirtschaftliche Unsicherheiten und zunehmenden internationalen Wettbewerbsdruck, zeichneten die Perspektiven der sich präsentierenden Berliner Industrieunternehmen aus Hochtechnologie und Mittelstand ein insgesamt optimistisches Bild eines urbanen Industriestandorts im Wandel. In Berlin wird in neue Geschäftsfelder und Technologien investiert, skaliert und diversifiziert.

Markus Matthes, Standortleiter von ASML Berlin, skizzierte die Rolle des Berliner Standorts innerhalb eines global agierenden Hochtechnologieunternehmens. ASML fertigt in Berlin hochpräzise Glas- und Keramikkomponenten für die Halbleiterindustrie – Bauteile, deren Qualität maßgeblich über die Leistungsfähigkeit moderner Chips entscheidet. Am Standort investiert das Unternehmen kontinuierlich in den Ausbau von Produktionskapazitäten und pflegt enge Kooperationen mit Hochschulen, unter anderem mit der HTW Berlin. ASML profitiert dabei insbesondere von der Nähe zu Forschungseinrichtungen und einem spezialisierten Fachkräftepool. Zugleich wurde deutlich, dass solche Investitionen langfristige Planungssicherheit erfordern. Flächenverfügbarkeit, Genehmigungsverfahren und Qualifizierung sind zentrale Voraussetzungen, damit industrielle Wertschöpfung nicht nur angesiedelt, sondern auch skaliert und weiterentwickelt werden kann.

Ergänzt wurde diese Perspektive durch Fabian Ahlberg, Geschäftsführer der Ahlberg Metalltechnik GmbH. Das familiengeführte Unternehmen steht exemplarisch für einen industriellen Mittelstand, der Transformation aktiv gestaltet. Ein vollzogener Generationswechsel setzte dabei zusätzliche Impulse für Erneuerung und Weiterentwicklung. Durch die Verbindung klassischer Umform- und Zerspanungstechnik mit Entwicklungsleistungen und Sondermaschinenbau erschließt Ahlberg Metalltechnik neue Anwendungsfelder jenseits traditioneller Automobilzulieferketten. Diversifikation, technologische Weiterentwicklung und eine enge regionale Vernetzung sind zentrale Elemente der Unternehmensstrategie. Der Standort Adlershof erleichtert den Zugang zu Kooperationspartnern, Start-ups und Forschungseinrichtungen und unterstützt die Weiterentwicklung des Geschäftsmodells.

Am Beispiel von Siemens Energy machte Nadia Hädrich, Senior Director Strategy & Public Affairs EnergySphere Berlin, deutlich, welche Rolle urbane Industriestandorte für komplexe Energie- und Systemtechnologien spielen können. Das Unternehmen ist in Berlin mit umfangreichen Entwicklungs- und Fertigungskompetenzen vertreten, die stark wissens- und technologiegetrieben sind und hohe Anforderungen an Qualifikation, Infrastruktur und Vernetzung stellen. Die Expansion am Standort Huttenstraße in Moabit – unter anderem mit dem Ausbau der Elektrolyseur-Fertigung – zeigt, dass industrielle Großproduktion auch mitten in der Stadt möglich ist. Die Einbindung in ein urbanes Umfeld ermöglicht kurze Wege zu Forschungseinrichtungen, spezialisierten Dienstleistern und einem qualifizierten Arbeitsmarkt. Gleichzeitig wurde sichtbar, dass solche Aktivitäten auf verlässliche Rahmenbedingungen angewiesen sind, insbesondere mit Blick auf Flächen, Genehmigungen und die langfristige Sicherung von Fachkräften. Auch die internationale Anbindung, etwa über den Flughafen BER, spielt für global agierende Industrieunternehmen eine zunehmende Rolle.

Auch Tom Segert, Gründer und Geschäftsführer von Berlin Space Technologies, zeigte auf, dass hochspezialisierte industrielle Wertschöpfung im urbanen Kontext realisierbar ist. Das junge Berliner Raumfahrtunternehmen, ein Spin-off der TU Berlin, agiert in einem hochdynamischen und technologisch anspruchsvollen Umfeld, in dem Entwicklungsarbeit, Präzision und internationale Vernetzung zentrale Voraussetzungen sind. Die Nähe zu wissenschaftlichen Einrichtungen und technologieorientierten Netzwerken wirkt dabei als wichtiger Standortfaktor. Der geplante Aufbau von Produktionskapazitäten für Kleinsatelliten in Tempelhof verdeutlicht zugleich, dass die Skalierung industrieller Aktivitäten in Berlin möglich ist. Gleichzeitig wurde jedoch auch in diesem Beitrag deutlich, dass Genehmigungszeiträume nicht immer im Einklang mit dem hohen Innovations- und Markttempo der Branche stehen.

Unterstützungsangebote für die Industrie

Ergänzend stellten verschiedene Institutionen ihre Unterstützungsangebote vor, darunter Programme zur Unternehmensnachfolge, Innovationslaboren und technologieorientierten Gründerzentren: die Industriekampagne, Nachfolgezentrale Berlin, KEK, HU Innovation Labs und der Technologiepark Adlershof. Sie sind Bausteine eines Ökosystems, das Unternehmen entlang ihres gesamten Lebenszyklus begleitet – von der Gründung über Wachstum bis hin zur Transformation bestehender Geschäftsmodelle. Anschließend bekamen die Teilnehmenden bei einer Führung durch die ST3AM Workingspaces einen Eindruck davon, wie moderne Arbeitswelten aussehen können: ST3AM ist ein Ort für kreative, interdisziplinäre und kollaborative Arbeit, in dem Diversität, Inklusion und Gesunderhaltung gefördert werden.

Wissensbasierter, vernetzter und international anschlussfähiger Industriestandort

Die MPI Konferenz 2025 machte deutlich, dass industrielle Entwicklung in Berlin heute vor allem als gemeinschaftliche Gestaltungsaufgabe verstanden wird. Über den Erfolg entscheiden weniger einzelne Leuchtturmprojekte als vielmehr die Fähigkeit, Wissen zu teilen, Kooperationen zu etablieren und langfristige Perspektiven zu eröffnen. Industrie, Wissenschaft und Verwaltung agieren dabei zunehmend in komplementären Rollen: Unternehmen bringen Marktkenntnis und Umsetzungskompetenz ein, Forschungseinrichtungen liefern technologische Impulse und die öffentliche Hand setzt die notwendigen Rahmenbedingungen.

Mit Blick nach vorn wird es darauf ankommen, diese Ansätze dauerhaft zu verankern und in die Breite zu tragen. Der Übergang von Pilotprojekten zu skalierbaren Anwendungen, die Sicherung von Fachkräften sowie die Beschleunigung von Genehmigungs- und Entscheidungsprozessen bleiben zentrale Herausforderungen. Zugleich haben die Beiträge der Konferenz gezeigt, dass Berlin über ein belastbares Fundament verfügt, um industrielle Transformation aktiv zu gestalten – als wissensbasierter, vernetzter und international anschlussfähiger Industriestandort.