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Preisauslobung und Jury-Preisvergaberichtlinien für zwei Forschungspreise der Berliner Landestierschutzbeauftragten zur Förderung der Entwicklung und Anwendung von humanrelevanten, tierfreien Methoden in der biomedizinischen Forschung

Zwei Forschungspreise über insgesamt 60.000 € für innovative, tierversuchsfreie Forschungsmethoden

bunt dargestelltes Bild von Zellen im Verbund
Bild: CAAT

Seit Jahren spricht sich die Öffentlichkeit für die Reduzierung und den Ersatz von Tierversuchen aus (FRAME, 2020). Die Entwicklung von tierfreien Forschungsmethoden muss entsprechend unterstützt werden, um ihre Nutzung in der Praxis voranzutreiben. Jedoch gelten Tierversuche noch immer als der „Goldstandard“ für die Erforschung und Heilung menschlicher Erkrankungen. Nicht nur aus ethischer Sicht ist ein Paradigmenwechsel in der biomedizinischen Forschung dringend angezeigt, sondern es gibt auch aus wissenschaftlicher Sicht wachsende Evidenz, die einen Paradigmenwechsel weg von Tierversuchen unausweichlich und dringend notwendig macht (Herrmann und Jayne, 2019). Denn die Übertragbarkeitsrate der Ergebnisse von Tierversuchen auf den Menschen ist äußerst gering (Ram, 2019) und oftmals gar irreführend (Kramer und Greek, 2018). Grund hierfür sind insbesondere die Speziesunterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren (Pound und Ritskes-Hoitinga, 2018) – ein Problem, das bereits von William Russell und Rex Burch (1959), den Gründungsvätern des 3R (Replace, Reduce, Refine)-Prinzips im Jahr 1959 anerkannt wurde. Heute, 62 Jahre später, befinden wir uns in einem neuem Technologiezeitalter, das der biomedizinischen Forschung ungeahnte Möglichkeiten eröffnet hat (siehe u.a. Herrmann, Pistollato and Stephens, 2019). Viele der tierfreien, auf der Biologie des Menschen basierenden New Approach Methods, kurz NAMs, stecken zwar noch in den Kinderschuhen, aber der Einsatz von humanbasierten Organoiden, der humanen Organs-on-a-Chip-Technologie, menschlichen induzierten pluripotenten Stammzellen, von Machine Learning und artifizieller Intelligenz hat bereits zur Verbesserung der biomedizinischen Forschung geführt. Wenn Wissenschaftler*Innen nun konsequent an deren Weiterentwicklung arbeiten und die Geldgeber*Innen entsprechende Ressourcen zur Verfügung stellen, haben NAMs das Potential Tierversuche als Goldstandard der Wissenschaft ein für alle Mal zu verdrängen und somit nicht nur Leid von unzähligen Millionen von Tieren zu verhindern, sondern auch die biomedizinische Forschung voranzubringen und einen Paradigmenwechsel zu vollziehen, von dem Menschen und Tiere gleichermaßen profitieren werden.
Die Berliner Landestierschutzbeauftragte setzt sich mit der Auslobung zweier Preise für die Entwicklung von NAMs dafür ein, die Wende vom traditionsbegründeten Tierversuch hin zu humanrelevanter Gesundheitsforschung zu unterstützen: Der Nachwuchspreis soll ein vielversprechendes Forschungsvorhaben einer/eines Nachwuchswissenschaftler*In im Bereich tierfreier Forschung unterstützen; der Anschlussförderpreis soll eine Weiterfinanzierung für ein bereits erfolgreich angelaufenes Forschungsprojekt im Bereich der tierfreien, humanbasierten Forschung ermöglichen. Beide Preise sind mit je 30.000 € dotiert und werden von einer unabhängigen Jury aus langjährig im Bereich der Alternativforschung tätigen Wissenschaftler*Innen anhand festgelegter Auswahlkriterien vergeben.
Die Bewerbungsunterlagen sind bis zum 17.10.2021 bevorzugt digital einzureichen an tierschutzbeauftragte@senjustva.berlin.de oder schriftlich an Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung, Stabsstelle der Landestierschutzbeauftragten, Salzburger Str. 21-25, 10825 Berlin (Postzugang). Beachten Sie für die Bewerbung bitte die Richtlinien für die Jury-Preisvergabe des Forschungspreises der Berliner Landestierschutzbeauftragten zur Förderung der Entwicklung von Ersatzmethoden zum Tierversuch.
Die Bekanntgabe der Preisträger*Innen erfolgt Mitte November 2021. Die Preisverleihung erfolgt im Rahmen des Berliner Tierschutztags am Samstag, den 27.11.2021. Der Termin ist seitens der Bewerbenden freizuhalten, da die Gewinner*Innen ihre Projekte im Rahmen der Preisverleihung der Öffentlichkeit vorstellen sollen. Weitere Voraussetzung ist die Bereitschaft, die Gewinnerprojekte samt Ergebnissen und Anwendungsbereich in der Fortbildungsreihe „3R“ (replace, reduce, refine) der Berliner Landestierschutzbeauftragten vorzustellen, um einen möglichst weiten Wissenstransfer in die Berliner Forschungslandschaft zu ermöglichen.

Quellen:

FRAME (2020). Global study by FRAME revealed overwhelming majority of people (93.4%) think more needs to be done to replace and reduce the use of animals in testing and research. https://frame.org.uk/latest/research-confirms-public-desire-for-alternatives-to-using-animals-in-research/
Herrmann, K. and Jayne, K. (2019). Animal experimentation: Working Towards a Paradigm Change (p. 752). Brill. https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/38145

Herrmann, K., Pistollato, F. and Stephens, M. L. (2019). Beyond the 3Rs: Expanding the use of human-relevant replacement methods in biomedical research. ALTEX-Alternatives to animal experimentation, 36(3), 343-352. https://www.altex.org/index.php/altex/article/view/1301

Kramer, L. A. and Greek, R. (2018). Human stakeholders and the use of animals in drug development. Business and Society Review, 123(1), 3-58. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/basr.12134

Pound, P. and Ritskes-Hoitinga, M. (2018). Is it possible to overcome issues of external validity in preclinical animal research? Why most animal models are bound to fail. Journal of Translational Medicine, 16(1), p.304. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0193758

Ram, R. (2019). Extrapolation of animal research data to humans: an analysis of the evidence. In Animal Experimentation: Working towards a paradigm change (pp. 341-375). Brill. https://library.oapen.org/bitstream/handle/20.500.12657/38145/9789004391192_webready_content_text.pdf?sequence=1#page=380

Russell, W.M.S. and Burch, R.L. (1959). The Principles of Humane Experimental Technique. Methuen.

Preisauslobung und Jury-Preisvergaberichtlinien

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