Gesichter des MPI: Stefanie Brickwede

3D-Druck-Präsentation auf einer Messe. Drei Personen stehen vor einem Tisch mit 3D-Druck-Modellen und einem Banner mit dem Titel „Wie 3D-Druck den ÖPNV bewegt"

Stefanie Brickwede, Head of Additive Manufacturing bei der Deutschen Bahn und Geschäftsführerin des Netzwerks Mobility goes Additive e. V., treibt den industriellen 3D-Druck voran und macht Berlin zur „Capital of Additive Manufacturing“.

2015 sah Stefanie Brickwede auf der CeBIT in Hannover einen einfachen 3D-Drucker – und erkannte das Potenzial für die Bahn. „Ich dachte, das könnte eine Lösung sein, um Ersatzteile einfacher herzustellen und zu beschaffen.“ Zurück in Berlin winkten die Einkaufskollegen ab, sie hatten Bedenken wegen des Aufwands für Zertifizierungen. „Was sie nicht wussten: Wenn mir jemand sagt, etwas ginge nicht, dann spornt mich das umso mehr an“, erzählt Brickwede. Inzwischen hat die Deutsche Bahn 200.000 Teile gedruckt, mit zwölf verschiedenen Technologien und in 1.000 unterschiedlichen Anwendungen. „Damit sind wir relativ weit vorne.“

Eine Frau im rosa Kleid und orangefarbenem Schal unterhält sich mit zwei Männern auf einer Veranstaltung
Unternehmen aus aller Welt streben auf den deutschen Markt, weil sie hier den reifsten 3D-Druck-Markt weltweit finden – und Berlin ist das Tor dazu.
Stefanie Brickwede, Head of Additive Manufacturing bei der Deutschen Bahn und Geschäftsführerin des Netzwerks Mobility goes Additive e. V.

Deutschland ist reifster 3D-Druck-Markt weltweit

Als die Bahn mit der additiven Fertigung startete, suchte Brickwede den Austausch mit anderen Unternehmen. Ein passendes Netzwerk fand sie nicht – also gründete sie 2016 selbst eines: Mobility goes Additive ist heute mit rund 150 Mitgliedern die führende Austauschplattform für additive Fertigung in Europa. Ihren Sitz hat die Organisation in einer Halle im Marienpark im Südwesten Berlins – mit Showroom. Zwei Projekte zur Erschließung des Medizinsektors mit dieser Technologie wurden von 2019 bis 2021 vom Masterplan Industriestadt Berlin gefördert.

Für Brickwede ist die Hauptstadt ein idealer Standort: „Deutschland ist das Heimatland des industriellen 3D-Drucks. Unternehmen aus aller Welt streben auf den deutschen Markt, weil sie hier den reifsten 3D-Druck-Markt weltweit finden – und Berlin ist das Tor dazu.“ Gemeinsam mit Berlin Partner prägte sie deshalb früh einen selbstbewussten Claim: „Capital of Additive Manufacturing“.

Was die Technologie leisten kann, begeisterte Brickwede von Anfang an. Skeptiker überzeugte ihr Team gern mit einem Anschauungsobjekt: einem massiven Klemmenkasten aus Aluminium, der die Kabel der Klimaanlage eines Nahverkehrszugs beherbergt. „Der war noch nicht wirtschaftlich, zeigte aber, was möglich ist.“ Ökonomisch überzeugte ein anderes Beispiel: Handlaufschilder in Brailleschrift, welche die Barrierefreiheit in Bahnhöfen sichern. Die individuell gefertigten Metallschilder wurden früher aufwendig gefräst. Durch den 3D-Druck sanken die Kosten um mehr als 60 Prozent, Tausende Schilder sind heute im Einsatz. Gemeinsam mit dem Berliner Unternehmen trinckle entstand ein Workflow: Der Bahnhofsmanager gibt den Text ins System ein, das ihn automatisch in ein druckbares Schild übersetzt – niemand muss dafür Brailleschrift beherrschen. „Wir sprechen hier von kleinen Mengen ab Losgröße 1, individuell gefertigt: Das Customizing, das im 3D-Druck eine große Rolle spielt, wird daran sehr schön deutlich.“ Insgesamt hat die Bahn durch die additive Fertigung allein in den letzten fünf Jahren 25 Millionen Euro gespart. „Da steckt so viel ökonomische Musik drin – ich bin ja Ökonomin.“

Frau mit orangem Schal spricht mit Mann im Anzug

Voneinander lernen, schneller skalieren

An Netzwerken fasziniert Brickwede vor allem: „Jemand probiert etwas aus und wenn er bereit ist, das zu teilen, bringt er andere auf neue Ideen.“ Im Eisenbahnsektor etwa nahm die niederländische Bahn als Erste in Verträge für neue Fahrzeuge auf, dass Teile 3D-druckbar sein müssen. Die Deutsche Bahn übernahm die Idee: In allen Ausschreibungen für neue Fahrzeuge ist heute definiert, dass zehn Prozent der Teile druckbar sein müssen. Auch gemeinsam entwickelte Normen bringt das Netzwerk hervor: Sie schaffen eine stabile Entscheidungsbasis, wenn es um sicherheitsrelevante Bauteile geht.

Über 60 Unternehmen beschäftigen sich in Berlin originär mit additiver Fertigung, das sind Akteure entlang der gesamten Wertschöpfungskette und Institutionen wie die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung. Dass die Stadt die Technologie früh verstanden hat, zeigt für Brickwede vor allem AMBER – Additive Manufacturing Berlin-Brandenburg. „Dieses Netzwerk sucht seinesgleichen. Berlin war sehr früh führend – andere versuchen das jetzt zu adaptieren.“ Die ersten Projekte aus Bereichen wie Aerospace, Medizin, Industrie und Energie zeigen konkrete Ergebnisse. Der Senat erhöht die Mittel im kommenden Jahr, und ein länderübergreifendes Projekt gemeinsam mit Hamburg ist in Vorbereitung. Auch der MPI folgt für sie diesem Berliner Prinzip: „Er unterstützt auf einer durchdachten Logik bestimmte Sektoren, Technologien und Unternehmen – und die Mittel sind relativ einfach abrufbar. Es hilft nichts, wenn Fördermittel bereitstehen, aber der Prozess so komplex ist, dass sich niemand bewirbt. Da hat Berlin einen guten Mittelweg gefunden und er zeigt relativ schnell konkrete Ergebnisse.“

Frau hält zwei Drohnen vor einem Bildschirm mit der Aufschrift Counter-UAS Forum in der Hand

Bis 2040 werden die Hälfte aller Teile weltweit druckbar sein

Gute Desktop-Drucker kosten heute nicht mehr als ein Smartphone. Und der nächste Schritt ist für Brickwede absehbar: Designs lassen sich heute schon per Sprache beschreiben und direkt in ein druckbares 3D-Modell umwandeln. Insgesamt stehe die additive Fertigung noch am Anfang, es sei immer noch eine Nischentechnologie – die sich kontinuierlich entwickelt: „Es gibt in der additiven Fertigung keinen Big Bang, sondern ein tägliches Bing“, so Brickwede. Ständig kämen neue Anwendungen hinzu, oft ohne, dass es groß kommuniziert wird: Selbst im Automobilbereich werden in deutschen Druckerfarmen inzwischen Tausende Serienbauteile gefertigt. Eine Studie der ING-Bank prognostiziert, dass bis 2040 die Hälfte aller Teile weltweit 3D-druckbar sein wird. Selbst der Druck von Organen für Medikamententests, der Tierversuche ersetzen kann, ist keine Zukunftsmusik mehr.

Langweilig wird dieser Bereich sicher nicht so schnell. Stefanie Brickwede sagt: „Ich brauche Themen, bei denen ich eine steile Lernkurve habe. Die ist hier seit elf Jahren definitiv gegeben. Das liebe ich.“ Und ein Aspekt ist ihr auch wichtig: Die additive Fertigung ist bisher ein stark männlich geprägtes Feld – noch. Brickwede lädt jährlich zu einer Konferenz für Frauen in der additiven Fertigung ein und wirbt dafür, unterschiedliche Sichtweisen gezielter zu nutzen: „Die Sichtweise von Frauen ist einfach eine andere. Sie ermöglicht ganz andere Produkte und Businessmöglichkeiten.“