Ready for Takeoff – Innovationen industriell skalieren

MPI Konferenz Ready for Takeoff - Innovationen industriell skalieren NLND Neuland Berlin 3. Juni 2026

Die MPI-Konferenz 2026 im Berliner Neuland-Areal zeigte Wege auf, wie Innovationen den Sprung vom Prototyp zur industriellen Anwendung schaffen – und was der Standort Berlin dafür braucht.

Berlin erfindet, gründet, forscht – aber wie wird aus einem funktionierenden Prototyp ein Produkt, das in Serie gefertigt, international vertrieben und wirtschaftlich tragfähig bereitgestellt werden kann? Diese Frage beleuchtete die MPI-Konferenz 2026 von unterschiedlichen Perspektiven aus Wirtschaft, Wissenschaft und Finanzen. Moderator David Hampel von der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH verwies auf den Global Tech Ecosystems Index, in dem Berlin unter mehr als 300 Städten zu den vier führenden Startup-Hubs Europas zählt: mit 32 Unicorns. Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey sagte: „Alle 14 Stunden wird in Berlin neu gegründet. Das heißt, wenn Sie morgen früh aufwachen, ist wieder ein neues Startup in der Stadt.” Doch zwischen einer funktionierenden Laborlösung und einem skalierbaren Produkt liegt ein Weg, der Kapital, Infrastruktur, Netzwerke und politische Rahmenbedingungen erfordert.

Franziska Giffey spricht in ein Mikrofon, sie trägt eine rosa Jacke und dunkelblaue Hose, auf dem Tisch vor ihr liegen weitere Mikrofone und ein Laptop, im Hintergrund ist eine Bildschirmprojektion mit dem Titel Masterplan Industriestadt Berlin zu sehen.
Alle 14 Stunden wird in Berlin neu gegründet. Das heißt, wenn Sie morgen früh aufwachen, ist wieder ein neues Startup in der Stadt.
Franziska Giffey, Wirtschaftssenatorin

Nachhaltigkeit weltweit verankern

Die Konferenz fand Anfang Juni bei NLND Neuland Berlin statt, einem 150.000 Quadratmeter großen Campus auf dem Gelände der ehemals größten Zigarettenfabrik Europas von Philip Morris, der sich zum Innovationsstandort für industrielle Transformation entwickelt. Begrüßt wurden die Teilnehmenden von Britta Teipel von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe sowie von Martin Eyerer (Green City Development GmbH) und Jobst Schumacher (Philip Morris GmbH), die als Gastgeber den Campus vorstellten: ein „Netzwerk der Netzwerke”, das Industrie, Startups und Forschung an einem Ort zusammenbringt. NLND ist kein reiner Coworking Space, sondern bietet Hallen, Testumgebungen und Entwicklungsflächen für konkrete Produktion und Innovationsprojekte an.

Gruppe von Personen in einem großen Raum mit geöffneter gelber Tür und leerem Hintergrund, einige tragen Namensschilder und hören einem Sprecher zu.

Vom Labor in den Markt

Prof. Dr. Stefanie Molthagen-Schnöring, Vizepräsidentin für Forschung, Transfer und Wissenschaftskommunikation an der HTW Berlin, ordnete in ihrer Keynote die strukturellen Herausforderungen ein. Deutschland verfüge über leistungsfähige Forschungseinrichtungen und sei in Feldern wie neuen Materialien und Kreislaufwirtschaft gut positioniert. Zugleich bestehe eine Diskrepanz zwischen Forschungsleistung und Innovationsoutput: Im World Competitiveness Index steht Deutschland auf Platz 19, im Innovationsindikator nur auf Platz 12 der innovationsfähigsten Länder weltweit. Als Ursachen benannte Molthagen-Schnöring organisatorische und kulturelle Unterschiede in Wissenschaft und Wirtschaft, regulatorische Hürden und den Mangel an Ankerkunden, die gerade für Startups entscheidend seien.

Eine Frau mit kurzen braunen Haaren und einer Brille hält ein Mikrofon in der Hand und steht vor einem Tisch mit zwei Wasserflaschen.
Wir sollten weniger analysieren, dafür mehr ausprobieren: Dinge anfangen, vielleicht Fehler machen und dann erkennen, dass wir etwas weiter anpassen.
Prof. Dr. Stefanie Molthagen-Schnöring Vizepräsidentin für Forschung, Transfer und Wissenschaftskommunikation an der HTW Berlin

„28 Prozent der deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen gründen, aber nur 3 Prozent tun das aktuell”, so Molthagen-Schnöring. Entscheidend seien Nutzerorientierung bereits in frühen Entwicklungsphasen, agile und iterative Prozesse sowie bessere Netzwerke und Kollaborationsstrukturen für den Transfer. Mit dem Berliner IP-Modell, das den Prozess der Übertragung geistigen Eigentums standardisieren und beschleunigen soll, werde derzeit ein aus ihrer Sicht bundesweit einzigartiges Instrument entwickelt. Ihr Appell: weniger analysieren, mehr ausprobieren: „Dinge anfangen, vielleicht Fehler machen und dann erkennen, dass wir etwas weiter anpassen.”

Skalierung aus der Praxis: Drei Berliner Unternehmen
Wie unterschiedlich die Wege von der Forschung in die industrielle Anwendung verlaufen können, davon berichteten drei Unternehmen, die über den MPI schon lange begleitet werden. Dr. Mathias Czasny, CTO von Endless Industries, beschrieb seinen eigenen Weg von der Promotion an der TU Berlin zur Unternehmensgründung – und die Frage, was aus den eigenen Patenten werden könnte, wenn man sie nicht in der Schublade verschwinden lässt. Das Unternehmen entwickelt carbonfaserverstärkte Materialien und Maschinen für die additive Fertigung und wurde 2026 mit dem Deep Tech Award in der Kategorie Advanced Manufacturing ausgezeichnet. Selbstverständlich sind Endless Industries auch Partner in AMBER. Inzwischen beschäftigen sie rund 20 Mitarbeitende in Kreuzberg und wachsen stetig. Czasny betonte die Bedeutung des Berliner Ökosystems: Das Center for Entrepreneurship der TU Berlin, Forschungsprojekte über die Investitionsbank Berlin und die Messeunterstützung durch Berlin Partner hätten entscheidend zum Wachstum beigetragen. Als Hardware-Startup stehe man allerdings vor besonderen Herausforderungen: „Viele Startup-Hubs haben zum Beispiel keine Starkstromsteckdosen.” Hinzu komme der Bedarf an abschließbaren Entwicklungsflächen zum Schutz von Betriebsgeheimnissen. Endless Industries will in drei Jahren auf 30 bis 50 Mitarbeitende wachsen und die Produktionsfläche auf rund 1.000 Quadratmeter ausbauen.

Zwei Männer stehen vor einer großen Leinwand mit einer Präsentation von Endless Industries, einer hält ein Mikrofon und spricht, während der andere zuhört.

Carlotta Baumann, CEO von Finetech, und Prof. Dr. Stefan Wittenberg von der HTW Berlin zeigten am Beispiel einer langjährigen, MPI geförderten Kooperation in Digital+, wie der Transfer zwischen Hochschule und Mittelstand funktionieren kann. Das Berliner Maschinenbauunternehmen, spezialisiert auf Hochpräzisionstechnik im Mikrometerbereich, hatte über die Berliner Digitalprämie den Einstieg in die digitale Transformation gefunden und arbeitet seit mehreren Jahren mit der HTW an KI-Projekten. Baumann, 2024 als Entrepreneur of the Year von Ernst & Young ausgezeichnet, betonte die Bedeutung interner Kommunikation bei der Einführung neuer Technologien. Wittenberg berichtete von über 100 Digitalisierungsprojekten mit Unternehmen und unterstrich die Notwendigkeit eines realistischen Erwartungsmanagements. Nicht jeder KI-Anwendungsfall sei wirtschaftlich sinnvoll: „Wir sagen auch mal nein. Wir fangen jetzt nicht an, in drei Tagen KI-Agenten zu bauen und die in die Produktion einzusetzen, wenn wir wissen, dass das nicht funktioniert.” Entscheidend sei die Verbindung von Bottom-up-Ansätzen: Mitarbeitende einbeziehen, Workshops durchführen, Hackathons veranstalten – mit klarer strategischer Steuerung durch das Management.

Drei Personen stehen an drei nebeneinander aufgestellten Tischen vor einer großen Leinwand mit der Aufschrift finetech und sprechen in Mikrofone.

„Adlershof ist Gold wert”
Dr. Marek Checinski, Gründer von CreativeQuantum und C1 Green Chemicals, verdeutlichte das Potenzial von Deep-Tech-Skalierung im Bereich Chemie. Mit seinem ersten Unternehmen nutzt er seit fast 20 Jahren quantenmechanische Simulationen zur Optimierung chemischer Prozesse. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse führten zur Entwicklung eines neuartigen Katalysators für die Methanolproduktion, der die Energieeffizienz eines Prozesses – das Katalyseverfahren für grünes Methanol – verbessern soll, der allein für zwei Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich ist. C1 Green Chemicals sammelte bereits über 20 Millionen Euro ein und wuchs in vier Jahren von null auf 40 Mitarbeitende.

Checinski unterstrich die Anziehungskraft der Hauptstadtregion: „Berlin ist sehr anziehend. Wenn ich eine Stelle ausgeschrieben habe, gibt es bis zu 80 Bewerbungen dafür.” Das Ökosystem in Adlershof sei „wirklich Gold wert”: „Wenn ich eine Frage hatte, bin ich einfach ein paar Straßen weiter gegangen und konnte das klären. Das klingt banal, ist aber tatsächlich ein wichtiges Gut.” Er plädiert dafür, dass Laborinfrastruktur und -technik öffentlich bereitgestellt werden sollten, damit nicht jedes Startup sie mit viel Aufwand selbst erwerben muss. Zugleich zeigt sein Unternehmen, wie KI die Produktion verändert: Autonome Agenten übernehmen inzwischen Routineaufgaben, sodass bestimmte Stellen gar nicht mehr neu besetzt werden müssen.

Berlins industrielle Substanz als Fundament
Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey ordnete die Konferenzbeiträge in den wirtschaftspolitischen Kontext ein: „Wir haben ein Wachstum, das seit 13 Jahren in Folge über dem Bundesdurchschnitt liegt”, erklärte sie. Rund 114.000 Menschen arbeiteten in 755 Industriebetrieben, die 6,4 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung der Stadt erwirtschafteten. Mit den Kleinstbetrieben umfasse das industrielle Ökosystem rund 3.400 Unternehmen: „Das ist unsere wirtschaftliche Substanz, die wir hier in der Stadt haben.”

Berlin Partner und die Wirtschaftsförderung hätten in der laufenden Legislaturperiode zweimal die Milliardenmarke bei eingeworbenen privaten Investitionsmitteln geknackt – ein Niveau, das es seit dem Mauerfall zuvor nicht gegeben habe. Dass es auch Herausforderungen gebe, verschwieg Giffey nicht. Doch Beispiele wie die Transformation des Mercedes-Werks zur Digital Factory oder das neue Zentrum für Zell- und Gentherapie von Bayer und der Charité zeigten, dass der Standort sich erneuern könne. Als Wachstumsfeld benannte sie zudem die Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft mit rund 400 Unternehmen in der Metropolregion, die unter anderem im Dual-Use Bereich tätig sind.

Was Berlin für mehr Skalierung braucht
Im abschließenden Panel diskutierten Dr.-Ing. Mitchel Polte vom Produktionstechnischen Zentrum Berlin (TU Berlin / Fraunhofer IPK), Hannah Boomgaarden von Plug and Play Tech Center, Jan Wilmking von PROJECT EADEN und Patrick Lindstädt von der HypoVereinsbank UniCredit, was Berlin konkret für den Schritt von der Innovation zur Skalierung braucht.

Dr.-Ing. Polte stellte das Produktionstechnische Zentrum als Verbindung zwischen Grundlagenforschung und industrieller Anwendung vor. Besondere Potenziale sieht er in der Gesundheitswirtschaft – etwa bei der Produktion von mRNA-basierten Therapien und der Medizintechnik, in der Raumfahrt sowie in der Quantenkommunikation. Wer die regulatorischen Hürden der Medizintechnik beherrsche, könne dieselben Fertigungstechnologien auch für Space-Anwendungen nutzen: „Wer die Medizintechnik-Hürde schafft, schafft auch die Space-Hürde.” Entscheidend sei technologische Differenzierung: Unternehmen, die in Berlin produzieren wollten, müssten schneller, effizienter und kostengünstiger fertigen als die internationale Konkurrenz.

Fünf Personen stehen auf einer Bühne vor einem großen Bildschirm mit Firmenlogos und einer Berlinkarte, drei Personen stehen hinter weißen Tischen, einer hält ein Mikrofon.

PROJECT EADEN, 2022 in Berlin gegründet, steht exemplarisch für eine gelungene Skalierung: Das FoodTech-Unternehmen entwickelt pflanzenbasierte Fleischalternativen auf Faserbasis, die inzwischen in über 5.000 Supermärkten in Deutschland, Österreich und der Schweiz erhältlich sind. Co-Founder Wilmking betonte die Wichtigkeit eines durchdachten Finanzierungsmixes: Eigenkapital, Venture Capital, Fremdkapital und öffentliche Fördermittel, wobei Letztere oft Jahre bis zur Auszahlung bräuchten und deshalb nur als ergänzender Baustein funktionierten. Berlin überzeuge durch die hohe Dichte an Venture Capital, internationale Talente und eine offene Gründungskultur. Herausforderungen blieben Flächenverfügbarkeit und Genehmigungsverfahren: „Die Flächen hier sind begrenzt und sie sind teuer.”

Boomgaarden von Plug and Play, Partner von NLND und einer der aktivsten Early-Stage-Investoren weltweit mit 34 Unicorns im Portfolio und über 600 Unternehmenspartnern, unterstrich die Notwendigkeit, Brücken zwischen etablierten Industrieunternehmen und Startups zu bauen. Startups seien die Zulieferer und Mittelständler der Zukunft. Für ein gesundes Ökosystem brauche es den Mix aus privatem Kapital, Industriepartnern zum Pilotieren, politischem Support und weniger Bürokratie. Lindstädt ergänzte aus Bankensicht, dass der Early-Stage-Bereich in Berlin mittlerweile gut aufgestellt sei, verwies aber auf die Notwendigkeit eines tieferen europäischen Kapitalmarkts, um wachsende Unternehmen langfristig am Standort zu halten.